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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fussspuren
Eingestellt am 20. 01. 2008 17:19


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disul
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Registriert: Mar 2006

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Dies ist mein Beitrag zum Müllnotstand und zu weiteren "Katastrophen" Neapels


Ada kauert vor dem Langhaus und näht mit einer Knochennadel einen Wildschweinzahl an die Ledermütze ihres Vaters Nain. Dieser spaltet Holz. „Ada, geh mal hinters Haus und hole mir den Weidenkorb.“ Ada richtet sich auf, legt die Näharbeit auf einen Stein und holt das Verlangte. Ihr Vater blickt ihr stolz nach. Seine jüngste Tochter ist schon eine echte Hilfe geworden. Während seine beiden älteren Söhne das Feld hinter der Siedlung bestellen, hüten er und seine Tochter das Haus. Voller Wehmut denkt er an seine Frau Sur, die vor ein paar Monden ins ewige Schattenreich hinübergetreten war, und der Ada so ähnlich sah. „Eigentlich geht’s uns gut“, denkt Nain. In unserem Dorf haben alle genug zu essen, weil die Götter uns freundlich gestimmt sind, und die Natur veranlassen, uns das zu geben, was wir brauchen. Wir können unsere Felder bestellen, und müssen uns nicht vor Angreifern schützen, und mit unserem edlen Metall brauchen wir keine neuen Waffen zu schmieden.“Ada kommt zurück und stellt den Korb neben den Sägebock. In diesem Moment ertönt ein erster donnernder Knall und der eben noch strahlende Frühsommertag verdunkelt sich zur bitteren Nacht. Ada schreit auf und Nain lässt die Axt fallen. Langsam beginnt die Erde zu beben. Vater und Tochter werfen sich auf den Boden. Der Feuerregen setzt ein. „Weg, da“, schreit Nain, der noch nie etwas Derartiges zuvor erlebt hatte, erschreckt auf. Ein Hagel aus Glut und ein dichter Schlacke- und Ascheregen prasseln hernieder und die beiden beginnen, um ihr Leben zu rennen.

Nina liegt in ihrer Hängematte, die im Vorgarten aufgehängt ist, und schleckt gelangweilt das dritte Eis an diesem Nachmittag. Hin und wieder guckt sie zu ihrem Vater Pietro, der die Müllsäcke auf der Strasse aufeinanderbeigt, denn die beginnen, ihre Zufahrt zu blockieren „Nina, geh mal bitte und hole mir eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank!“ „Selber machen,“ kommt die unwirsche Antwort seiner Tochter. Ihr Vater blickt auf und schüttelt resigniert den Kopf. Die ganze Situation wächst ihm über den Kopf, seit seine Frau vor ein paar Monaten mit einem jüngeren Mann auf und davon ist, ihm eine halbwüchsige, pubertierende Tochter und einen Berg voller Schulden hinterlassen hat. „Weggeworfen hat sie unsere Tochter und mich, so wie heute alles weggeworfen wird“, denkt Pietro und besorgt schaut er auf die Berge von Abfallsäcken, die sich am Strassenrand auftürmen. „Wann besinnt sich die Regierung endlich dazu, zu handeln und der Korruption ein Ende zu bereiten. Aber sie ist ja selber korrupt.“ “Eigentlich geht’s uns gar nicht gut“, denkt Pietro. „Alles wird weggeworfen: Essen, Kleider, Bücher, Illusionen, Freiheiten, Gleichberechtigung, Religion, Menschen, Liebe. Der Müll türmt sich nun schon zu Metern hoch, und Ratten und anderes Ungeziefer hausen zwischen den Überresten unserer Abfallgesellschaft. Etwas wird gekauft, morgen ist es schon alt, und es muss auf den Müll gebracht werden, und übermorgen wird schon etwas Neues gekauft. Hunde und andere nun in der Stadt heimische Tiere rupfen die Säcke voneinander und suchen Essensreste heraus, welche reichlich zu finden sind, und die Tiere satt, fett und träge machen. Genau so träge wie die Verursacher der riesigen Müllberge, die auch satt und fett mit den Autos zwischen den Bergen von Unrat hindurch ins nächste Einkaufszentrum fahren, wo es alles zu kaufen gibt. Aber auch in diesem Tempeln der Konsum-Lust stinkt es langsam nach Abfall und Dreck.“
„Ich geh halt, wenn’s sein muss“, quengelt Nina und wirft des Rest des Eises über die Gartenmauer. Sie bewegt sich langsam aus der Hängematte.
In diesem Moment ertönt ein erster donnernder Knall und der durch den Smog nicht ganz so strahlende Frühsommertag verdunkelt sich zur bitteren Nacht. Nina schreit auf und Pietro stürzt zum Gartentor herein. Langsam beginnt die Erde zu beben. Vater und Tochter werfen sich auf den Boden. Der Feuerregen setzt ein. „Weg, da“, schreit Pietro entsetzt auf. Er wusste sofort, was das zu bedeuten hatte, und er hatte noch nie an die Evaquierungspläne der Regierung geglaubt. Ein Hagel aus Glut und ein dichter Schlacke- und Ascheregen prasseln hernieder und die beiden beginnen, um ihr Leben zu rennen.

Wie Ada und Nain rennen Tausende um ihr Leben. Sie und andere schaffen es, der Hölle zu entkommen, wie Fusspuren dies fast vier Jahrtausende später bezeugen.

Wie Nina und Pietro rennen Millionen um ihr Leben. Sie und alle anderen schaffen es nicht, der Hölle zu entkommen. Es wird keine Fussspuren geben, denn die Menschen bleiben in ihrem eigenen Dreck und Müll stecken, und sie erstarren dort bis in alle Ewigkeit.

© by Disul



Gepostet von disul unter 06:25 0 Kommentare



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