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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fußzonenfrühstück
Eingestellt am 14. 07. 2019 21:17


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MicM
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„Ja, Milch haben wir noch“, entgegnete Sven müde. „Gut.“ Kurze Pause. „Ach übrigens!“ schoss es dann aus Bettina hinaus. Ihre Augen funkelten erkenntnisreich, als hätte sie das Henne-Ei-Problem gelöst. „Ich war doch letzte Woche bei Steffi zum Brunch“, trällerte sie. Sven benötigte noch seinen ersten Kaffee. Er war mürrisch, weil die lange Warteschlange beim Bäcker nur langsam abgearbeitet wurde. Wahrscheinlich bediente wieder eine neue Aushilfe. „Hab ich dir das schon erzählt?“ fuhr Bettina fort.

Sven taxierte sie. Sie waren seit bald sieben Jahren ein Paar, kannten sich und ihre Gewohnheiten. Bettina, die Lerche. Voller Energie und Gedanken noch vor dem Frühstück. Anders als er war sie ein Morgenmensch. „Also, Joëlle und Jörg waren ja auch da.“ Sie war nicht mehr zu bremsen. Natürlich hatte sie ihm schon von dem Brunch erzählt. Wahrscheinlich wusste sie das selbst. Oder es kam ihr gar nicht darauf an. Seine Erfahrung riet ihm, das nicht zu erwähnen. Und es war ihm ja recht. Bekannte Geschichten verlangten nach weniger Aufmerksamkeit.

Die Menschenreihe war nun vollständig zum Stillstand gekommen. Vorne hatte wohl jemand irgendeine Cappuccino- oder andere Kaffeespezialität bestellt und die Verkäuferin verzweifelte an der Maschine. Bettina sprach weiter. „Joëlle und Jörg saßen so hintereinander. Also, am Tisch eigentlich nebeneinander, aber so zueinander gedreht, beziehungsweise so gesehen hintereinander, also Joëlle hinter Jörg. Und sie hatte ihre Füße auf seinen Schoß gelegt. Um ihn herum. Sie hat ihn also quasi umschlungen. Zwar ohne Schuhe. Aber noch am Frühstückstisch.“ - „Brunch!“ bemerkte Sven korrigierend, in der Hoffnung damit seine Aufmerksamkeit dokumentieren zu können. „Was?“ Bettinas Augen waren zwar durchgehend auf Sven gerichtet, doch ihr Blick ging nach innen, während sie erzählte. Auch sein kurzer Einwurf zog sie nicht aus ihren Gedanken. Sven trat einen Schritt aus der Reihe und spähte auf den verwaisten Tresen. Die Aushilfe war offenkundig an der Maschine gescheitert und zwischenzeitlich nach hinten verschwunden. Sven wunderte sich zwar, warum solch ein gut frequentierter Bäcker keinen Kaffeevollautomaten vorhielt, hoffte aber, sie würde Verstärkung holen, damit es endlich vorwärts ging.

„Aber das war noch nicht alles!“ Sven wandte sich rasch wieder zu Bettina. Er hatte sich schon häufiger gefragt, ob sie bewusst Kunstpausen in ihre Geschichten einbaute, um die Spannung zu erhöhen, oder die Leerzeiten letztlich nur als Folge ihrer sprunghaften Erzählweise entstanden. Bettina grinste nahezu schelmisch. „Dann hat er ihre Füße massiert!“ Pause. „Während wir also dort saßen und teilweise noch gegessen haben, hat er ihr die Füße massiert!“ Pause. „Ich fand das echt ein bisschen crazy!“ Pause. „Also, eigentlich sogar way too much!“ Pause. „Schon die Füße hochlegen.“ Pause. „Beim Essen.“ Pause. „Aber dann noch mit den Händen massieren.“ Sven vermutete, dass das Stakkatoartige bei ihr wohl unvermeidlich, aber die damit verbundene Hervorhebung des Gesagten nicht ganz ungewollt war. „Ich meine, die sind echt ein süßes Paar und so. Ich mag die beiden echt voll gerne!“ Bettina schien glücklich, als sie das sagte.

„Ich mag die beiden auch. Die sind so harmonisch. Wahrscheinlich haben die gar nicht gemerkt, was sie taten, weil sie immer so beieinander sind“, bemerkte Sven. Bettina wartete. Ihr Augen kreisten durch die Luft, als wenn sie etwas suchte. „Ich mag die beiden wirklich“, setzte Bettina wieder ein, doch ihre Augen wanderten noch immer. Sie schien nicht gefunden zu haben, wonach sie suchte. Und Sven traute sich daher nicht, erneut nach der Bedienung zu schauen, obwohl er aus dem Augenwinkel etwas Bewegung hinter dem Tresen wahrnahm. Bettina sah ihn ernsthaft an. „Ist das spießig, wenn mich das wegen den Füßen stört? Ich glaube, Steffi fand es auch nicht so toll.“ Sie überlegte. Er verzögerte seine Antwort und hatte recht behalten, denn ihr Blick eilte bereits wieder durch die Bäckerei. Dann verlor sich bei ihr das Suchende. Sie lächelte Sven an und ihre Augen funkelten, als wenn sie ein Geschenk auspackte. „Ich meine, Joëlle und Jörg, die sind schon süß die Beiden. So harmonisch!“

Sven lächelte ebenfalls. „Das ist doch schön. Ich finde auch, dass sie harmonisch ...“ Sie unterbrach ihn. „Die sind ja auch schon lange zusammen. Ich glaube, die sind kurz nach uns zusammengekommen. Die passen gut zueinander. Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn sie aufeinander kleben. Aber die Füße, beim Essen, ist doch etwas too much, oder?“ Sven sah sie ruhig an und zählte im Kopf fünf zusammenhängende Sätze. Doch er blieb mürrisch, weil er noch keinen Kaffee hatte. Er schaute wieder an der Reihe vorbei und stellte erleichtert fest, dass die Aushilfe mittlerweile aus dem Hinterzimmer zurück war und eine weitere Frau mitgebracht hatte. Allerdings waren beide gemeinsam mit der Kaffeemaschine beschäftigt. „Ich hoffe, es geht hier mal endlich weiter. Die sind ja echt chaotisch hier“, brummte Sven. Bettina blickte ihm konzentriert ins Gesicht, als wenn er ihr eine komplizierte Quizfrage gestellt hätte, die sie nun zu lösen versuchte.

„Was?“ fragte sie nach kurzer Bedenkzeit. „Hm, ach, nichts.“ Sven lächelte milde. „Ja, finde ich auch“, schob er hinterher. Bettinas Gesicht hellte sich wieder auf. „Ist doch so, oder? Füße beim Essen massieren macht man nicht. Nicht dass du denkst, ich bin böse auf die.“ - „Das denke ich nicht“, erwiderte er. Das Kaffeemaschinenproblem schien endlich gelöst zu sein, denn beide Verkäuferinnen hatten sich den Kunden zugewandt und die Wartenden bewegten sich ein Stück nach vorn.

„Vielleicht haben die gar nicht gemerkt, was die taten, weil sie immer so beieinander sind“, fuhr Bettina fort. „Ist ja eigentlich auch irgendwie Anstellerei von mir ...“ Bettinas Augen begannen wieder zu wandern. Sven schmunzelte. Er fand, dass die Aussage zur Anstellerei in dieser Situation im wahrsten Wortsinne sehr gut passte. Doch er ließ Bettina suchen.

„Was denkst du eigentlich dazu?“ Bettina richtete sich plötzlich und überraschend fordernd an ihn.
„Habe ich doch schon gesagt.“ Sven blieb gelassen. Die Warteschlange bewegte sich ein weiteres Stück.
„Was hast du gesagt?“
„Was ich denke.“
„Wann?“
„Na eben.“
„Was denn?“
„Na, dass die beiden das Fußmassieren wahrscheinlich gar nicht bewusst getan oder bemerkt haben, weil sie immer so beieinander sind.“
„Nein, das habe ich gesagt!“ Bettina sah ihn überrascht an.
„Ja, du auch. Aber ich zuerst.“
„Hä?“
Sven lächelte konstant milde. Bettinas Minenspiel wechselte innerhalb von wenigen Sekunden zwischen Stirn runzeln, lächeln, Augen funkeln, grinsen, erneutes Stirn runzeln und lächeln.
„Willst du Streit?“ grinste ihn Bettina schließlich an.
„Nein, einen Kaffee!“ Sven seufzte.

„Wir stehen uns hier echt die Füße in den Bauch, oder?“ Sie trat einen großen Schritt neben die Warteschlange und scherte wieder in die Reihe zurück. „Oder?“ erneuerte sie die Frage. „Na, jetzt läuft es ja endlich“, sagte Sven „Wieso? Wir stehen hier doch schon ewig!“ stöhnte sie empört. Sven atmete aus. „Ja, stimmt!“

Der Tresen war nur noch zwei Armlängen entfernt. Bettina ließ ihre Augen über die Brot- und Brötchen-Auslage wandern und blickte dann zu Sven. „Sag mal ...“, verzögerte sie die Beendigung des Satzes. „Ein Croissant und zwei Brötchen“, entgegnete Sven. „Das meine ich nicht.“ - „Was denn?“ Er schaute sie fragend an, während ihre Augen einen schelmischen Glanz bekamen.

„Sag mal, Sveni ... bekomme ich später ein Fußmassage?“
Sven grinste. „Du meinst so eine echte Fußzonen-Dingsda-Massage?“ Bettina klimperte mit den Augen und nickte. „Bi-tteee“, sagte sie gedehnt und schaute etwas unterwürfig.

„Aber nicht während dem Frühstück!“ antwortete er belehrend. Bettina gluckste. „Und vor allem, brauche ich erstmal einen Kaffee!“
„Sie wünschen bitte?“ fragte die Bäckersfrau.

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