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Leselupe.de > Kurzprosa
GESCHICHTE EINES GASTARBEITRES
Eingestellt am 09. 06. 2003 23:51


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Exilpoet
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ADEM SENT├ťRK:
GESCHICHTE EINES GASTARBEITRES


Adem Sent├╝rk, Sohn des Bauers Mehmet,
hatte viele Pr├╝fungen bestanden
und wurde f├╝r ein gelobtes Land,
das Deutschland hie├č und ein Kontinent weit weg lag,
als "Gastarbeiter" ausgew├Ąhlt.

"Bismillah" sagend steckte er
seinen Arbeitsvertrag und
seinen Reisepa├č mit Halbmond
in die rechte Tasche seiner Jacke.
Dann hob er sein Kopf gegen Himmel
und dankte Gott, dass er ihm dies erm├Âglichte.

Nach drei Tagen verliess er
in der Morgend├Ąmmerung sein Vaterhaus im Dorf,
das mit anderen 60 H├Ąusern am Ufer des Eupfrat lag
und wie ein aus Versehen gesetzter Punkt
auf den Landkarten seiner Heimat stand.

Als Adem sich von seinen Eltern verabschiedete
und auf eine R├╝ckkehr in zwei Jahren hoffte,
umarmte ihn sein Vater, der im ersten Weltkrieg
mit den deutschen Soldaten zusammen k├Ąmpfte:
"Was sollen wir machen mein Sohn,
wenn das Vaterland seine S├Âhne nicht ern├Ąhrt,
wird die Fremde die n├Ąchste Hoffnung.
Gott sei mit dir!"

Adem Sent├╝rk kam mit einem Bus nach Istanbul
und im Bahnhof von Sirkeci stieg er
in einen schwarzen Zug nach Deutschland ein.
Die Reise dauerte drei Tage:
Sp├Ąter schrieb er in sein Poesieheft:

"In jenen warmen L├Ąndern,
wo die warmen S├╝dwinde
Rosenlorbeerd├╝fte brachten,
lebten wir sehr bescheiden.

Ein starker Wind aus dem Westen,
der nach Geld und Wohlstand roch,
w├╝tete ├╝ber unseren D├Ârfern.
Unsere Jugend packten wir in die Holzkoffer
und kamen zu den Bahnh├Âfen.

In schwarze Z├╝ge gestopft,
fuhren wir in die k├╝hlen Industriest├Ądte des Westens.
Mit Zeremonien wurden wir empfangen
mit Orchestern und Geschenken.
Und die einheimischen St├Ądter,
die Gastfreundschaft nicht kannten,
nannten uns "die Gastarbeiter".

Wir zogen Ärmel hoch
sowohl unter Tage als auch ├╝ber der Erde.
Unser Schwei├č war segensreich,
wie der Regen f├╝r die Ernte.
Uns wurde immer schwerste Arbeit
und der kleinste Teil des Kuchens zugeteilt.
Weder haben wir uns beklagt noch beschwert.
Die Z├Ąhne zusammenbei├čend
haben wir immer geschwiegen."

Adem arbeitete in einer Stahlfabrik im Ruhrgebiet.
Die Arbeit fiel ihm am Anfang schwer.
Er arbeitete Tag und Nacht, machte ├Âfter Mehrarbeit
Zuerst vergingen die zwei Jahre, dann f├╝nf.
Die R├╝ckkehr in die Heimat verschob sich immer
auf das n├Ąchste Jahr...

Die Zeit verging schnell, aber nicht spurlos.
Erst wurde sein Vater von der Erde,
der er immer treu geblieben war, aufgenommen.
Dann wurden die zwei Finger Adem's linker Hand
von seiner geliebten Maschine abgerissen.
Nach diesem Unfall wurde er schweigsamer.
Er begann, sein Leben in der Fremde
anders zu betrachten als vorher.

Die Arbeitstage wurden verdammt schwer
Die Menschen hier waren kalt und taub wie Steine
und die Heimatlieder mit Schmerzen gef├╝llt.
Jeder Tag, der zu Ende ging, wurde zu einen wei├čen Haar.
Nach jedem Feierabend wurden sein Heimweh
und sein Verlangen auf R├╝ckkehr immer gr├Â├čer.
Sein Herz k├Ąmpfte gegen seine Vernunft.
Wenn sein Herz ihn zur Heimkehr dr├Ąngte,
sagte seine Vernunft:
"Du musst jeden Schritt zwei Mal ├╝berlegen!
Glaube nicht, dass der Heimweg eine L├Âsung ist.
Seit Jahren bist du dem Heim fremd
und das Heim dir fremd geworden..."

Je mehr Adem Sent├╝rk aushielt
um so gr├Â├čer wurde der Kampf in ihm
und die blutenden Wunden in seiner Seele.
Er reiste in seinen Tr├Ąumen st├Ąndig
von Duisburg nach Istanbul hin und zur├╝ck.
Er schrieb in sein Poesieheft:
"Noch bevor wir uns als Arbeiter sahen,
wurden wir zu Teilen der Maschinen.
Solange wir gut arbeiteten
und die Produktion steigerten,
waren wir alle willkommen
Sie streichelten unseren R├╝cken,
und klopften auf unsere Schultern


Viel Wasser flo├č den Rhein hinab.
Wir haben die alte Heimat
und die alte Heimat hat uns vergessen.
Unsere Hoffnungen auf R├╝ckkehr
lie├čen wir an den Grenz├╝berg├Ąngen."

Als er glaubte, dass sein Herz still wurde,
begannen die ersten Entlassungen in seiner Fabrik.
Durch die Rationalisierung gingen viele Arbeitspl├Ątze verloren.
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland nahm zu.
Die Entlassungswellen brachen nicht ab.
Und seine deutschen Kollegen fragten ihn jeden Tag:
"Wann gehst du in deine Heimat zur├╝ck?"
Die Frage machte ihn fix und fertig.
Adem Sent├╝rk bei├čte jedoch die Z├Ąhne zusammen
und fluchte ├Âfter in sich:
"Ich habe meine Jugend und meine zwei Finger geopfert,
trotzdem beschuldigt man uns f├╝r die Wirtschaftskrise.
Feindschaft gegen uns wird immer lauter.
Was f├╝r ein Land und Leute sind das?"
Und er schrieb in sein Poesieheft:

"Unsere s├╝dl├Ąndische Geduld
und unsere Bezeichnung "die Gastarbeiter"
Waren das, was uns den Nacken beugen lie├č.
Nun sind wir weder Gast noch Fremde hier!
Wir haben unsere Kinder hier gro├čgezogen,
Unsere Enkelkinder sind hier geboren.
Die Heimat ist uns fremd,
die Fremde uns zur Heimat geworden..."

Die Rationalisierung und Entlassungen gingen ungehindert weiter.
Man sprach sogar vom Strukturwandel im Ruhrgebiet.
Mit der Arbeitslosigkeit nahm auch die Ausl├Ąnderfeindlichkeit zu.
Dann drei Tage nach jenem Tag, an dem an die Fabrikwand
"Ausl├Ąnder raus!" geschmiert wurde, wurden Adem Sent├╝rk
und den meisten seiner Arbeitskollegen gek├╝ndigt...

Im Gegenteil zur Zeit seiner Anwerbung,
dauerte es nicht lange,
bis alle seine Sachen fertig gemacht sind.
Um sich zu verabschieden,
besuchte er seinen Meister Peter.
Als er ihm die Hand dr├╝ckte und
"Adieu Meister" sagte, bemerkte Adem,
die gleichen besorgten Blicke in den blauen Augen des Meisters,
die sein Vater vor zwanzig Jahren hatte.
Er ging mit traurigem Herzen vom Meister weg.

Aus dem Fenster seines Ford's schaute er
ein letztes Mal seine Fabrik und
ihre qualmenden Schornsteine an.
Seine Erinnerungen wurden wach, seine Augen feucht.
Laut sprach er die Zeilen eines Gedichtes,
das er nach der Entlassung schrieb:

"Sch├Ąmt euch
meine Jugend habe ich geopfert
f├╝r die Wolken aus euren Schornsteinen.
Nun sind mir eure kalten Eisentore verschlossen,
obwohl mein Schwei├č auf den Werktischen
noch nicht getrocknet ist
und ich den Schmerz in meiner Hand
mein Leben lang f├╝hlen werde!

Ich bin nicht verfeindet mit euch.
Bei uns in Anatolien sagt man
'der Freund sagt auch mal die bittere Wahrheit'
Nun verlasse ich euch.
Adieu und lebt wohl!"

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