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Leselupe.de > Kurzprosa
Gabriel
Eingestellt am 19. 07. 2005 21:42


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Madensang
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Registriert: Jul 2005

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Da sitzt er, dieser kleine Mann. Wei├č der Himmel warum gerade dieser Kerl, den ich in meinem Leben mehr geha├čt als geliebt habe zum Helden dieser Geschichte werden soll. Vielleicht traf ich ihn alleine zum Zwecke dieser Worte.

Da sitzt er nun, mit seinem blond gekr├Ąuselten Haar, das er eitel zu einem Zopf im Nacken gebunden hat. Das soll ihn attraktiv machen, wie er auch Bodybuilding macht, um nicht so d├╝rr zu sein. Offensichtlich noch nicht sehr lange. Er nippt an einem Glas Wei├čwein. Nat├╝rlich mag er keinen Wei├čwein, aber es sieht gut aus, wenn er in einem Lokal sitzt und welchen trinkt. So ist er. Obwohl er gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt ist, bildet seine Haut beeindruckend tiefe Falten. Es ist keine spr├Âde ausgeleierte Haut wie sie im Alter entsteht, sondern fast Gummiartig. Es wirkt, als w├Ąre eine viel zu gro├če Haut ├╝ber einen viel zu kleinen Kopf gest├╝lpt worden, und so w├Ąre sie nur teilweise mit den Gesichtsmuskeln verbunden. Gepaart mit der beeindruckend gro├čz├╝gig geschnittenen Nase, entsteht auf diese Art und Weise ein richtiges Charaktergesicht. Vergebliche Liebesm├╝he, wenn dahinter jemand versucht, es mit aller Gewalt zu zerst├Âren.
Seine blauen Augen blicken offen in die Welt, doch sind sie verschlossen vor ihr. Es wirkt beinahe peinlich naiv, wie sie versuchen Weltgewandtheit und Abgekl├Ąrtheit zu demonstrieren. Das Gl├Ąnzen in ihnen, erinnert doch zu sehr an die begeisterten Kinderaugen vor dem Christbaum. Ihn zu sehen bereitet beinahe Schmerz. Ein Charaktergesicht, da├č sich mit derartiger Flachheit zu profilieren versucht, tut weh. Es ist, als versuche ein Vogel zu fliegen - mittels Paraglider. Wie auch immer er es anstellt, es wird irgendwie pervers wirken. Vor allem aber, ist es die umst├Ąndlichste Demonstration einer nat├╝rlich vorherrschenden Begabung.
Menschen die ihn kennenlernen, werden allesamt den selben Eindruck gewinnen. Er wirkt unecht. Nicht auf die Art wie es Transvestiten tun, oder Politiker, sondern viel jungfr├Ąulicher. Es ist fast - so verr├╝ckt das auch klingen mag, als begegne man einem Engel. Die zierliche Gestalt, die reinen Falten, die wei├če Haut, das hellblonde lockige Haar, die gro├čen naiven Augen, und das verzweifelte Bem├╝hen, wie ein abgekl├Ąrter Mensch zu wirken, alles manifestiert sich auf sonderliche Weise, und man kommt zu absurden Trugschl├╝ssen.
Sein Name ist - und ich erw├Ąhne das nur zuf├Ąllig an dieser Stelle - Gabriel.
Sie verlieben sich alle in ihn. M├Ąnner wie Frauen. Menschen verlieben sich nie in die Realit├Ąt ÔÇô sie kramen, wenn ihnen danach ist, die rosarote Brille hervor und legen ihr Herz einer Vision zu F├╝├čen, peinlichst darauf achtend, selber Illusion zu sein. Menschen lieben Visionen und Ideen. Sie tragen sie aus ihrer Realit├Ąt heraus. Gabriel macht rosarote Brillen obsolet. Er ist die Vision seiner Illusion und somit umso abwesender, je anwesender er versucht zu sein. Und er versucht zu sein. Immer. Niemals ist er einfach. Die Liebe allerdings die ihm die Menschen allesamt entgegen bringen gleicht jener Liebe, die man einer Melodie entgegen bringt die einem an einem verzauberten Tag ber├╝hrt. Man m├Âchte sie immerzu h├Âren, hat sich bald davon satt geh├Ârt und ist der Sommer vorbei wird man abstreiten, ebenfalls dem Hype dieses Songs verfallen gewesen zu sein. Er s├Ąttigt so schnell. Die Faszination, dieses Unreale ber├╝hren zu wollen schl├Ągt so schnell ins Banale um, das ein Ber├╝hren selber unn├Âtig macht. Der Mensch mag leiden, sich verzehren, er mag sich der s├╝├čen Qual hingeben, hungern und d├╝rsten. Er hat hingegen recht schnell genug, wenn ihm der s├╝├če Brei in den Rachen gestopft wird, sobald er nur danach schielt. Gabriel ist zu bem├╝ht. Er ist unber├╝hrt. So unber├╝hrt, das andere peinlich ber├╝hrt sind. Er leidet an der Unm├Âglichkeit seiner Existenz.
Er will, was junge M├Ąnner so wollen. Eine Frau mit allem Drum und Dran. Vor allem mit Dran. Und er will all die Dinge tun die er nie zugeben w├╝rde, weil ihn das in seiner Version von Weltgewandtheit zu einem unbeholfenen J├╝ngling machen w├╝rde. So schw├Ąrmt er mit bem├╝ht abgekl├Ąrtem Blick von platonischer Liebe, rezitiert jedes Taschenbuch das er je gelesen hat ÔÇô denn er liest ÔÇô und wird mit jedem seiner Worte unsichtbarer, bis sein Gegen├╝ber durch ihn hindurch sieht und bald jemanden am Nebentisch entdeckt, dem man eine belanglose Frage zu Feuerzeugen stellen kann.

So z├Ąhlte auch ich einst zu jenen welchen, die ihn anstarrten und sich fragten: Ist er echt oder nicht? Mich faszinierte das nicht Echte, weil auch ich nicht echt war. Mit jedem seiner Worte infizierte er mich und ich sp├╝re auf einmal so nah wie noch nie in meinem Leben, wer ich nicht war. Mit jedem seiner Worte gelang es mir, mich aus meiner falschen Haut zu pellen, und gelangweilt zu sein von dem was ich immer dachte zu sein und sein zu wollen. Ich hatte ihn schneller satt, als ich in Liebe zu ihm ergl├╝hen konnte. In jener Sekunde da ich ihm meine Gef├╝hle gestand stockten sie zu Eis und ich wollte revidieren, zur├╝ckspulen. Welch Gl├╝ck, das f├╝r ihn Gef├╝hle eine Kunstform waren, die der abgekl├Ąrt weltm├Ąnnische Geist bel├Ącheln konnte. Denn er dachte, so betrachte ein Weltm├Ąnnischer Gef├╝hle. Mit Abstand, wie eine dumme Kinderei. Ich konnte mich umdrehen und gehen, und nie im Leben war ich gl├╝cklicher, so kindisch zu sein, so dumm, so unerfahren und unbelesen. Und ich schwor feierlich, niemals wieder irgendwie wirken zu wollen.

Ich wei├č, das er viele Menschen auf diese sich selbst blo├č stellende Form ber├╝hrte. Sind sie das? Die Engel der Neuzeit? Diese hassenswerten Wesen die auf so unbedarfte Weise einem jeden den Spiegel vorhalten und selber dabei so unfa├čbar bleiben?

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