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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Gänsehaut gefällig?
Eingestellt am 28. 11. 2002 21:23


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Buschi
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Fang mich doch

Hey, hehey baby, uh, ah... Mensch, war das eine Party gestern. Gott sei Dank ist es dunkel im Raum. Hab? ich einen Kater. Das Gestern ist aus meinem Kopf gebrannt, wie eine Zigarette, die langsam verglüht und dann brutal ausgedrückt wird. Noch schlaftrunken greife ich nach meiner Zeitung auf dem Nachttisch, aber ich greife ins Leere. Verdammt, seit 10 Jahren liegt sie an derselben Stelle, aber sie ist nicht da. Das aufgeregte Piepen des Radioweckers lässt mich langsam wach werden, der spielt sonst immer Musik, schießt es mir durch den Kopf. Ich strecke meine Hand aus, ein stechender Schmerz durchfährt meine Beine, kalter Schweiß läuft mir den Rücken hinunter, steht auf meiner Stirn, ich glühe, aber meine Zähne klappern. Weißt Du, wie früher beim 1000-Meterlauf im Winter, vollgepumpt mit Adrenalin, Dir ist heiß, aber der kalte, stechende Wind kühlt Deine Stirn, ja, da ist das Ziel! Du hast gewonnen, Deine Beine laufen automatisch weiter, Deine Beine, meiiiine Beine...! Nein, das muss ein Albtraum sein, medizinische Gerätschaften piepen aufgeregt, oh Gott, lass mich träumen, bitte, aber nein. Panik erfasst mich. Suchend taste ich mich an der Bettdecke entlang, langsam Mike, langsam, Vorsicht, aber da ist nichts, nur zwei Stümpfe und Erkenntnis, Erkenntnis, dass irgend etwas total falsch gelaufen ist. Dies ist nicht mein Zimmer. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Altweiberpisse. Ich sinke in die Kissen und falle in einen unruhigen Schlaf. Ich bin wieder 8 Jahre alt. Wir sind auf dem Sportplatz. Time to run! Neben mir steht Spike. Eigentlich heißt er Norbert, aber er ist so dick, so pickelig, so ganz und gar unsportlich. Na ja, für uns ist er Spike, ein cooler Name, für einen total uncoolen Typen. Er kommt immer als Letzter ins Ziel. Wir alle feuern ihn an, manche rufen Fettleck oder Eiterbacke. Wie Kinder halt so sind. Da kommt er angekeucht.
Fang mich doch, Du Eierloch!
Wirst Du jemals mich besiegen
kannst Du meine Beine kriegen!
schreie ich so laut ich kann. Beine kriegen, Beiiine krieeegen, trägt der Wind das Echo über den Sportplatz. Du wirst mich niemals besiegen, denke ich voller Schadenfreude.

Ein Meer von Schmerzen und dazwischen ganz weit weg Gisberts Stimme. Gisbert, eine ehemaliger Mitschüler ist da und berichtet, dass ich gestern auf dem Klassentreffen wohl zu tief ins Glas geschaut habe. Dann muss ich wohl irgendwie auf die Gleise geraten sein, betrunken wie ich war, und eingeschlafen sein.. Dann kam der Zug, tragischer Unfall, Beine, Polizei... Eine Woge von Schmerz spült mich davon und dazwischen klare Gedanken. Ich habe nichts getrunken, ich weiß genau, ich habe alles in die Grünpflanzen gekippt. Das mache ich immer so, ich mach mich doch nicht zum Affen vor den anderen und außerdem war gestern der Tag der Tage, das Match, auf das dieser Trottel Spike seit dreißig Jahren gewartet hat. Schon damals haben wir uns verabredet. Irgend etwas stimmt hier nicht, ich habe Schmerzen und Gisbert, was will der überhaupt hier? Ich will meine Ruhe, ich will eine Spritze, ich will sterben oder zumindest schlafen.

Hi, ich bin Spike und ich habe es geschafft. Mike, dieses Großmaul, seit dreißig Jahren habe ich diesem Tag entgegen gefiebert, unserem Klassentreffen und natürlich Mike. Ich höre noch seine höhnische Stimme. Fang mich doch und Beine kriegen. Zum Klassentreffen bin ich nicht gegangen, die hätten sich eh nur das Maul zerrissen. Klar, guter, alter Spike, hätten sie gesagt und in sich hinein gelacht. Keine Frau und nur einen Hilfsarbeiterjob. Aber alles hat seinen Preis. Natürlich bin ich nur Laubkehrer, Friedhofsreiniger, Besenhiwi. Karriere war mir nicht wichtig, stattdessen habe ich trainiert und hart an mir gearbeitet. Für Frauen blieb da auch kaum Zeit. Jede Minute habe ich Sport getrieben, gelaufen, Gewichte gestemmt, Muckibude, all so was halt. Heute, mit 40 ist mein Körper drahtig und gestählt, tja, das hättest Du wohl nicht gedacht, Miky-Piky. Gestern dann endlich der Tag X, erst das 30jährige Klassentreffen der Grundschule, Jahrgang 73, und anschließend das Rennen unseres Lebens. Sollte Mike doch ruhig feiern, ich hatte Besseres zu tun. Wie verabredet kam Mike zum Treffpunkt. Siegesgewiss stieg er aus seinem fetten BMW. Aber dann ging ihm die Kinnlade runter, hatte wohl den fetten Spike erwartet, den ewig Letzten. Aber heute bin ich als Erster da, ich bin vorbereitet, habe meine Lektion gelernt. 1000 Meter Lauf ist angesagt. Tja, wer ist hier wohl das Eierloch? Fünfzehn Jahre Wohlstand hatten Mike die ersten Fettpölsterchen ansetzen lassen. Auf Los geht?s Los, wollen mal sehen, ob ich ihm Beine mache. Ich hab ihn erst mal vorlaufen lassen, aber dann kam der Endspurt. Das breite Grinsen fiel ihm schlagartig aus dem Gesicht, wie ein Karpfen schnappte er nach Luft. Ich flog über die Ziellinie, jahrzehntelanges Training zahlt sich halt aus. Der gute alte Mike keuchte hinterher. Die Strecke hatte ich abgesteckt und am Zielpunkt lag ein großer, grauer Stein. Vor fünf Jahren in einem Urlaub auf Korfu ausgesucht. Ich brauchte ihm damit nur noch eins über den Schädel zu ziehen. Jahrelang in mir genährter Hass entlud sich. Den leblosen Körper zerrte ich zu den Bahngleisen. Mund auf, Bourbon rein. Mike, Du bist ja betrunken, denke ich und muss grinsen. Es soll schließlich wie ein Unfall aussehen. Seine Beine drapiere ich auf den Bahngleisen. Nun warten wir auf den ICE, der kommt immer pünktlich. Da ist er, ein sauberer Schnitt muss ich sagen. Von einer Telefonzelle aus rufe ich die Polizei. Leiden soll er und nicht verbluten. Er soll die gleichen Schmerzen ertragen wie ich, ein unverstandenes Opferlamm - auf meinem Altar. Alle werden bezeugen, dass es ein Unfall war. So blau wie der Mike gestern war, würden sie sagen. Sie, seine Kumpels von damals, hat sich sogar noch den Arsch am Tisch gestoßen, und ist die Treppe raufgetorkelt. Den Trick hat er schon früher gern abgezogen. Am Abend den Besoffenen spielen und morgens alle durch den Kakao ziehen. Aber nicht mit mir Mike, nicht mit mir, nun sind wir quitt.

Die Vorhänge sind mittlerweile aufgezogen. Morgensonne durchflutet das Zimmer. Wenn nur diese Schmerzen nicht wären und diese Ungewissheit. Ich zermartere mir das Hirn, aber ich erinnere mich an nichts. Schwester Marlene betritt den Raum. Sie trägt ein Frühstückstablett. Meine Zeitung hat sie ordentlich gefaltet unter dem Arm und einen Brief von einem Freund, gestern Abend abgegeben, sagt sie. Sie gibt mir eine Spritze, die Schmerzen verebben und langsam löst sich die Struktur des Zimmers auf. Aber da ist dieser Umschlag, nur mein Name steht darauf. Diese Schrift, diese Schrift ist mir bekannt. Mühsam entfalte ich das Papier, in krakeliger Kinderschrift steht nur ein Satz geschrieben:




Fang mich doch, Du Eierloch!
Gruß, Spike


Nein, nein, schreie ich, aber es kommt nur ein leises Gurgeln aus meiner Kehle, die Spritze schenkt Schlaf, sie schenkt Vergessen. Schwester Marlene hat schon lange das Zimmer verlassen, nur Spike sitzt auf meiner Bettkante und grüßt grinsend meine Stümpfe.






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Sn0wflake
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Registriert: Sep 2002

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hi buschi

deine geschichte hat mir ganz gut gefallen,
vor allem dieser "atemlose" rhytmus (rythmus?), in dem die beiden charaktere erzählen.
als kleine anmerkung hätte ich, dass du vielleicht sofort am anfang irgendwie die stechenden schmerzen erwähnst (vielleicht musst du ja nicht gleich sagen, dass es von seinen beinen kommt, aber so denkt man zuerst, dass es ihm außer dem kater recht gut geht)
und irgendwie weiss ich jetzt nicht, wer genau an seiner bettkante sitzt....am anfang ist es irgendwie gisbert...und am ende der spike?
naja aber trotzdem versteht man die geschichte und kann sie gut lesen.

liebe grüße von
Sn0flake
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wer später bremst ist länger schnell

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tinta
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Registriert: Jun 2002

Werke: 17
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Spiky

Hy Buschi, toll, dass Du die Geschichte ins Netz gestellt hast. Die Geschichte hat mir tatsächlich eine Gänsehaut gemacht... Lieben Gruß, Tinta
__________________
mehr Geschichten? www.tinta-thurau.de

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

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Hallo buschi,

auch mir hat die Geschichte gut gefallen, ich denke aber, sie passt besser in das Krimi-Forum, wenn du möchtest, schiebe ich sie dort hin.

Warum denkt er am Anfang, er hätte einen Kater? Später ist er sich sicher, nichts getrunken zu haben, der Wandel in der Erkenntnis wird nicht ersichtlich.
Und den Teil mit Mike könntest du etwas mehr ausführen.

Gruß,
Michael

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Orangekagebo
Guest
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RE

Hammerhart. Bin neu hier und stöberte so in den Altlasten aus vergangenen Jahren. Stell es doch noch mal neu ein. Absolut genial!

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