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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gas macht geizig
Eingestellt am 05. 01. 2008 14:46


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Sta.tor
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Gas macht geizig

Tom stand im Stress. Er saß im Auto, die Hände schweißnass ums Lenkrad gekrallt, den Blick starr auf die vor ihm liegende Landstraße gerichtet und doch gedanklich kilometerweit entfernt. Genauer gesagt, mental bereits am Ziel seiner Fahrt angekommen und das eventuell folgende Geschehen emotional durcharbeitend.
Oh ja, emotional würde es werden, hoch hergehen würde es. Garantiert. Tom kannte doch seine Pappenheimer. Bescheißen würden sie ihn wollen. Garantiert. So sicher wie das Amen in der Kirche.
Aber nicht mit ihm. Ihn betrügt man nicht, schon gar nicht so ein bescheuerter Tankstellenheini! Aber der würde es versuchen, ganz bestimmt. Die versuchen das immer. Immer! Aber nicht mit Tom, der weiß sich zu wehren. Es geht um die Gerechtigkeit und wehe, es riecht nur lau nach Betrug. Dann schlägts dreizehn.

Tom schwitzte und außerdem juckte ihm dauernd die Nase. Ausgerechnet sonntags musste diese blöde Gasflasche ihren letzen Hauch Propan von sich geben. Das kam noch zu allem anderen Quatsch dazu. Sina musste unbedingt an so einem scheiß-kalten Wochenende zur Laube hinaus. Mal nachschauen. Im Winter. In der Laube war es kälter als draußen und es gab seit Tagen Frost. Der Aufforderung den Gasofen anzufeuern wäre Tom liebend gerne nachgekommen, doch nach kurzem Aufflammen erlosch das Ding wieder und ließ sich auch nach dreizehn Startversuchen nicht wieder zum entzünden bringen. Danach stellte Tom frustriert fest, dass die Gasflasche leer war. Was Sina sofort veranlasste ihm den Befehl zur Besorgung einer gefüllten zu geben. Sein Einwand, dass der Gasfritze bei dem er immer sonst besorgt am Wochenende geschlossen sei, wirkte nicht. Tankstellen bieten auch Propangas an.
Um sich nicht mit Sina rumstreiten zu müssen, lud er das leere Ding in den Kofferraum und machte sich auf den Weg zur nächsten Tanke.

Auf der zirka 10 km langen Fahrt dorthin fiel ihm schon beim losfahren ein, dass er für die Gasflasche bei seinem normalen Lieferanten ein Pfandgeld hatte bezahlen müssen und er wusste, dass Kunden, die mit sogenannten „Fremdflaschen“ zwecks Nachfüllung dort auftauchten, eine „Prüfgebühr“ beim Umtausch zahlen mussten. Das heißt, wer dort eine gefüllte Gasflasche im Austausch gegen seine Leere erwerben wollte, diese Leere aber nachweislich nicht von diesem Händler stammte, musste dafür blechen. Fremdflaschen müssen halt geprüft werden!
Das war der Moment, als Tom anfing zu schwitzen und die Realität um ihn herum seinen dunklen Gedanken weichen musste.
Der Tankwart würde mit Sicherheit auch diese Gebühr verlangen, dieser geldgeile Benzinjunkie. Tom kam ja mit einer Femdflasche, einer zwar fast neuen, doch fremden. Er würde sich das aber nicht gefallen lassen; soll der doch verlangen das Geld, soll er doch fordern die Gebühr: Tom würde ihm was erzählen. Er würde ihm die Leviten lesen, dabei aber ganz ruhig bleiben.
Ganz cool.

Die Tankstelle war gut besucht. Eine Schlange von 6 Leuten staute sich vor der einzigen Kasse, die geöffnet war. Zahlreiche andere Kunden standen vor den Zeitschriftenregalen und an den Imbisstischen. Tom stellte sich hinten an und hing weiter seinen düsteren Prüfgebührprognosen nach. Das sich einige Kunden lauthals über die langen Wartezeiten an der Kasse beschwerten, bekam Tom gar nicht mit. Er befand sich in einer diffusen Aufladungsphase und nahm das Geschehen um sich herum nur im Unterbewusstsein war.
Dann war er schließlich dran und folgender, bedeutungsschwere Dialog begann:
Verkäufer: „Was kann ich für sie tun?“
Tom: „Gasflasche tauschen!“
V: „Wie groß?“
T: „11 Kilo!“
V: „Okeeee, rot oder grau?“ Toms Herz begann zu rasen. Hektisch begannen seine Augen zwischen Kasse und Verkäufer hin und her zu zucken und seine Nase juckte. Diesen Moment hatte er erwartet.
T: „Grau!“
V: „Hmmm, ham se Quittung für die Flasche von uns?“
T: „Nein!“
V: „Dann kostets zwei fuffzich Prüfgebühr.“ Tom explodierte.
T: „Das kannste vergessen, die Flasche ist nagelneu, das ist Geldschneiderei, das ist übelste Abzocke, das zahle ich nich…“
V: „Grau ist nicht von uns und kostet…“
T: „Das hab ich genau gewusst, das wusste ich genau, dass ihr mich hier abzocken wollt. Prüfgebühr – so’n Quatsch, die Flasche ist neu, sagte ich! Kuck dir doch den Prüfstempel an – noch zwei Jahre!“
V: „Wo ist die Flasche?“
T: „Im Kofferraum natürlich!“
V: „Tja, wie gesagt, grau nur mit Prüfgebühr…“
T: „Bist du bescheuert oder kapierst du nicht? Flasche neu, nix Prüfgebühr!“ Im Hintergrund begann die sich gebildete, lange Schlange laut zu murren. Der Verkäufer verzog das Gesicht zu einem bemitleidenden Lächeln, was ihm leises Gelächter kurz hinter Toms Rücken einbrachte und antwortete:
V: „Wolle Du tausche Gas oder nix…?“
T: „Ja, verdammt noch mal, ich will tauschen.“
V: „Dann mit Prüfgebühr?“ Toms Widerstand schwand zusehens. Er kam sich mit einem mal albern vor und es schien ihm plötzlich wichtiger, der Situation erhobenen Hauptes zu entkommen.
T: „Ich brauche das Gas schließlich heute noch, leider, darum zahle ich. Aber unter Vorbehalt!! Und über euer Verkaufsgebahren werde ich mich in geeigneter Form in Kürze beim Tankstellenverband beschweren.“
V: „Sehr gerne. Macht dann 23,50 plus 2,50. Fahren sie bitte zum Tausch hinüber zu den Gitterboxen.“
Tom bezahlte mit der EC-Karte, nahm die Quittung und verließ unter teils verärgerten, teils unter spöttischen Blicken der Anwesenden das Tankstellengebäude. Er stieg in seinen Kombi und rollte das kurze Stück zu der Box mit den Gasflaschen hinüber. Hinter stabilem Maschendraht standen sie aufgereiht, sauber sortiert noch Größe und Farbe. Grau und Rot. Der Ärger und die Angespanntheit hatten sich aus Tom langsam verzogen, er drehte das Autoradio etwas lauter als AC DC aus den Lautsprechern dröhnte und in der Zeit in der er auf das Erscheinen des Tankwartes wartete stellte er sich schon den Anblick des kühlen Abendbieres vor, das ihn zu hause erwartete.
Schließlich erschien der von Tom angemachte Verkäufer und gab ihm beim Aufschließen der Gasflaschenbox wortlos ein Zeichen, ihm die leere Flasche zu übergeben. Tom bezeichnete ihn noch einmal gedanklich als Arschloch, stieg bedächtig aus seinem Kombi, ging gemäßigten Schrittes zur Heckklappe, öffnete sie…und wurde im nächsten Augenblick von einem Schlag mit der Kraft eines millionen Volt starken Blitzes getroffen.

Die Gasflasche, die ihm aus dem Inneren des Kofferraumes entgegen glänzte, war rot.

Der Tankwart hatte bereits eine der grauen Flaschen bereitgestellt und erkundigte sich ungeduldig was denn nun wäre, ob Tom nicht sähe, dass Kundschaft auf ihn wartete. Er sei alleine und Tom hätte ihn schon genug Zeit gekostet.
Tom dachte hektisch hin und her. So eine Blamage. Er überlegte wo die nächsten offenen Tankstellen wären die Gas verkaufen, doch in der Nähe gab es überhaupt keine andere.
"Was ist eigentlich der Unterschied zwischen rot und grau?", fragte er schüchtern, ohne aus dem Kofferraum aufzutauchen.
"Rot sind Mietflaschen, graue privat!", kam es genervt zurück.
Schließlich griff Tom beherzt zu und trug die Flasche hin zum Tankwart.
Der blickte erst ungläubig auf Tom, dann auf die Flasche, dann wieder auf Tom, dann wieder auf die Flasche und das wiederholte sich noch ein paar mal.
„Sag mal, Kumpel, willst du mich verscheißern?“ Kopfschüttelnd nahm er Tom die Flasche aus der Hand, verstaute sie und stellte eine volle rote vor dessen Füße. Dann stellte er die graue wieder weg, schloss er die Box ab und ging wortlos davon.
Nach ein paar Sekunden der Unschlüssigkeit rief ihm Tom hinterher:
„Krieg ich jetzt die zweifuffzig zurück?“
Der Tankwart drehte sich um, begann sich die Ärmel hoch zu krempeln, kam zurückgelaufen und hörte noch laut und deutlich wie Tom ihn anschnauzte:
„Okay, behalt’s als Trinkgeld, blödes Arschloch!“
Tom verstaute hektisch die Flasche im Kofferraum und sprang in den Wagen. Er startete den Motor, legte den Gang ein und rauschte mit durchdrehenden Rädern von der Tankstelle auf die Landstraße. Kaum hatte er sie erreicht, kam der Motor ins Stottern und kurz darauf setzte er aus. Knapp fünfzig Meter von der Tankstelle entfernt kam der Wagen zum stehen.

Toms Blick ging auf die Tankanzeige und er wurde blass…

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schlimmer geht immer

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