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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gauguins Geheimnis
Eingestellt am 29. 11. 2004 20:53


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Cirias
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G A U G U I N` S G E H E I M N I S





Sie streckte das Gesicht der Sonne entgegen. Das eine Bein hielt sie ein wenig vor das andere gestellt. Lichttupfer flossen ├╝ber ihren geschwungenen R├╝cken. Sie erinnerte mich an die M├Ądchen auf den Bildern von Gauguin. Sie bewegte sich nicht, w├Ąhrend wir warteten. Ihre Augen waren geschlossen. Ein paar Mal ging ich vor ihr auf und ab. Unbewegt und stumm war sie sich meiner Gegenwart nicht bewusst. Ich sah sie an. Sie trug schwarze hochhackige Schuhe und schwarze Handschuhe. Ein dunkler Mantel umspannte ihren K├Ârper wie eine zweite Haut. Als die S-Bahn kam, schloss sich ihre Hand fest um ein Buch, das sie ├╝ber ihrer Taille an den K├Ârper gelehnt hielt. Sie schob das Knie behutsam vor. Ein ungesuchtes beherrschtes Wiegen fuhr in ihre H├╝ften, w├Ąhrend sie langsam auf die S-Bahn zuging. Beim Gehen schien ihr ganzer Unterk├Ârper in Bewegung, wie ein Schiff das sich auf kurzen Wellen wiegt. Ich ging ihr nach und war gerade hinter ihr, als sie in die Stra├čenbahn stieg. Ihr Mantel ├Âffnete sich und ich sah auf ihre Beine, die Beine einer T├Ąnzerin. Die Bahn war voll. Ich blieb im Gedr├Ąnge neben ihr stehen. Ihre schlanken von Handschuhen bedeckten Finger streiften mich fl├╝chtig, als sie die Hand nach dem Haltegriff ausstreckte. Sie stand mit leicht gespreizten Beinen, den rechten Arm zum Griff ├╝ber dem Kopf ausgestreckt, und jedes Mal, wenn die Bahn anfuhr oder sich in eine Kurve legte, neigte sich ihr K├Ârper leicht nach vorn oder hinten. Sie verharrte in einer eigenartig t├Ąnzerischen Bewegung. Ihr blasses Gesicht hatte etwas Ungreifbares, als ob es unerreichbar weit weg sei.
Der Blick ihrer Augen schien ins Nirgendwo gerichtet. Ich dachte an die dreieinhalb Minuten bis zur n├Ąchsten Haltestelle.

Unter der unsichtbaren F├╝hrung der Musik r├╝ckt ihr Gesicht aus den Schatten des Raumes. Wir sind allein. Ich wei├č keinen Anfang, kein Ende mehr. Der Schatten unserer K├Ârper gleitet ├╝ber den steinernen Grund. Wir folgen den leichten Spuren des Takts, der unsichtbaren Wellenlinie unserer Bewegungen, Tango To Evora, erinnere ich mich an ein St├╝ck, das diesem genau gleicht, es vielleicht ist, weil meine Erinnerung ins Unh├Ârbare versinkt, wenn ich Tango tanze. Manchmal, w├Ąhrend ihr K├Ârper an mir vor├╝bergleitet und mich doch nie verl├Ąsst , oder wenn sich unsere K├Ârper in einem un├╝berschreitbaren unsichtbaren Feld umeinander drehen, sehe ich auf das stumme Gesicht einer zeigerlosen Uhr. Ich f├╝rchte mich davor anzukommen.

Die S- Bahn hielt. Ich sah sie an. Ihre Augen erinnerten mich an die Farbe des Flusses, an dessen Ufer ich als Kind oft gespielt hatte, an die Farbe der Fl├╝sse auf den Bildern von Gauguin: ich konnte den Fluss h├Âren, ich konnte ihn sehen, ich konnte ihn ber├╝hren, aber nie verstand ich, was er sagte.
Als die Bahn anfuhr, stand sie da wie ein gespannter Bogen, mit leicht vorgestreckter Brust, w├Ąhrend ihr Bauch und ihre H├╝ften unter dem engen Mantel lange weiche Schwingungen zu vollf├╝hren schienen. Manchmal musste sie die Beine spreizen, um sich im Gleichgewicht zu halten, wobei sich ihre Schenkel ganz leicht auseinander schoben, um dann wieder zur├╝ckzuschwingen, als ob sie einem unsichtbaren Druck nachg├Ąben. Ihr ganzer K├Ârper bog sich sanft zusammen und wurde unter diesem unsichtbaren Zwang gef├╝gig. Das wiederholte sich in jeder Kurve und bei jedem Anfahren, dreieinhalb Minuten lang, bis die Bahn die n├Ąchste Haltestelle erreicht hatte. Dann fuhren wir wieder.

Der Saal ist leer. Alles ist wie in einem Traum, von dem keiner wei├č, wer ihn tr├Ąumt. Tac. Tac. Tac. Die Musik, das Tropfenmuster des ersten Regens nach dem Ende des Sommers. Ich f├╝hle wie sie sich mir ├╝berl├Ąsst. Wir gehen, gehen und gehen. Wir halten. Ich sp├╝re ihren Atem. Wir gehen. Wir drehen, wir verz├Âgern, beschleunigen. Wir unterbrechen den Lauf der Schritte. Die Bewegung flie├čt nach innen zur├╝ck. Sie tanzt auf den Wellen meines Oberk├Ârpers. Wir tanzen Zeichen, Kreise, Linien in die Erde. Sie nimmt meinen Impuls, lautlos verwandelt er sich in Bewegung, unendlich langsam wachsen die Schatten unserer Schritte in eine Melodie. Tango ist der Augenblick unserer Begegnung. Ich hatte mich immer nach den einfachen, starken Empfindungen gesehnt, den Empfindungen der Gefahr, der Liebe, des Gl├╝cks. In meinen Schritten und im Innern der Musik sp├╝re ich die Sehnsucht nach diesen Empfindungen und das Erschrecken, wenn sie ausbleiben oder unklar werden. Ich sehe sie an.

Sie sah fort. An der n├Ąchsten Haltestelle stieg sie aus. Niemand von uns hatte etwas gesagt. Ich ging ihr einfach nach. Sie wechselte die Stra├čenseite und bog um die Ecke. Sie drehte sich nicht um. Als ich die Ecke erreicht hatte, war sie verschwunden. Ein bleigrauer Schleier aus Abendnovemberlicht hing ├╝ber der Stra├če. Langsam ging ich durch das Viertel. Die Hauseing├Ąnge lagen verlassen. Vor den Fenstern spannten sich die flachen B├Âgen k├╝nstlichen Lichts. Ich ging weiter. Meine Schritte folgten einer unsichtbaren Bewegung aus meiner K├Ârpermitte. Aus einem Cafe klang Musik. Ich blieb stehen und h├Ârte zu:

*
Arrabal amargo
metido en mi vida
como la condena
de una maldicion
Tus sombras torturan
mis horas de sueno.
Tu noche se encierra
en mi corazon.
Con ella a mi lado
no vi tus tristezas,
tu barro y miserias
ella era mi luz.
Y ahora, vencido,
arrastro mi alma,
clavado a tus callas
igual que a una cruz.



Noche de tango las ich auf einem Plakat an der T├╝r. Unter dem Schriftzug war das kolorierte Bild zweier junger M├Ądchen mit dunklen Haaren zu sehen. Ich wollte weitergehen, da stand das M├Ądchen aus der Bahn pl├Âtzlich fast vor mir, nur durch eine Glasscheibe von mir getrennt. Sie trug ein enges schwarzes Kleid. Jetzt sah ich, dass ihre langen schwarzen Handschuhe bis zu den Ellenbogen reichten. Die Musik schwieg. Einen Augenblick verharrte mein Fu├č auf der Stufe zur Eingangst├╝r. Jemand trat auf sie zu und umarmte sie st├╝rmisch. Ihr ganzer K├Ârper schien unter dem Kleid zu zittern. Sie drehte sich um. Sie sah mich nicht. Einen Augenblick lang glich sie den M├Ądchen auf dem Bild. Der Blick ihrer Augen war ins Nirgendwo gerichtet.


┬Ě ├ťbersetzung

Bittere Vorstadt,
meinem Leben auferlegt
wie die Strafe eines Fluchs.
Deine Schatten foltern
die Stunden meiner Tr├Ąume.
Deine Nacht schlie├čt sich
in mein Herz ein.
Mit ihr an meiner Seite
sah ich Deine Trauer,
Deinen Schlamm und Dein
Elend nicht,
sie war mein Licht.
Und jetzt, besiegt,
schleppe ich meine Seele
auf Deine Stra├če genagelt,
genau wie an ein Kreuz.













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Esta
Festzeitungsschreiber
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Gesetzeswidrig ...

Hey, Cirias.
Mir ist durchaus bewusst, dass in einem Kommentar keinesfalls reines Lob oder reine Kritik ge├Ąu├čert werden sollten, dass man seine Meinung als ordentlicher Autor mit Hilde des Texts untermauern sollte, und so weiter, und so weiter, bla bla bla.
Allerdings f├Ąllt es mir schwer, mir Hilfe deines Textes irgendetwas zu untermauern.

Ich finde ihn schlichtergreifend wunderbar.
Deine Sprache hat mich begeistert und ich verstehe nicht, warum jemand wie DU, der wirklich und wahrhaftig mit den Worten spielt, keinerlei Lob erh├Ąlt. Also von mir:

Dickes, fettes, ├╝berdimensionales Lob einer kleinen Leseratte.

ESTA
__________________
"Reality is Ralph." (Stephen King: 'Lisey's Story'/'Love')

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Cirias
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Hallo Leseratte,

bei einem solchen Lob lohnt sich das Warten doch...
Danke dir herzlich, Esta,

liebe Gr├╝├če, Cirias

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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hm,

auch mir gef├Ąllts. bischen st├Ąrker gegliedert k├Ânnte es sein und - bei aller begeisterung f├╝r die angebetete - sie und ihren wird nicht gro├č geschrieben.
lg
__________________
Old Icke

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Cirias
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Hallo flammarion,

danke f├╝rs Lesen und Fehler aufsp├╝ren- werde ich ├Ąndern.
Nun, die Struktur des Textes sollte ein wenig die Musik des Tangos widerspiegeln, keine Ahnung, ob das gelungen ist, aber vielleicht erkl├Ąrt das die Wechsel im Text und die scheinbare Strukturlosigkeit,

liebe Gr├╝├če, Cirias

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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aha.

mein fehler. ich lese nur gedichte in irgendeinem takt.
lg
__________________
Old Icke

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