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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gavdos, Lilly
Eingestellt am 23. 08. 2019 14:01


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Hudriwurz
Festzeitungsschreiber
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Hudriwurz (Emanuel W. Kury)


◊ ◊ ◊ ◊ ◊


   Sie spĂŒrt Sintina‘s Hand in ihrer eigenen. Sie ist warm und fĂŒhlt sich weich an. Es fließt Liebe. Lilly wundert sich darĂŒber, dass das rhythmische, monotone und einschlĂ€fernde Wackeln plötzlich nicht mehr zu spĂŒren ist. Der Wagen hat angehalten und sie hört Stimmen die etwas besprechen. Eine davon gehört ihrem Vater, die Zweite wohl ihrem Onkel Kari. Sintina erwacht und blickt sich schlaftrunken um. »sind wir schon da?« fragt sie mit leiser Stimme. Sie ist die jĂŒngere Schwester Lillys und die jĂŒngste in der Familie. Lilly hat auch noch eine Ă€ltere Schwester und vier BrĂŒder, die alle Ă€lter sind als sie. Durch einen Spalt in der Wagenplane sieht sie, dass es draußen schon dunkel geworden war.
   Â»Wir bleiben heute hier. Hier ist es schön und es gibt auch Wasser.« sagt ihr Vater und schiebt dabei das Verdeck zur Seite. Lilly’s große Schwester Fitza ist noch mit ihnen im Wagen und wird jetzt munter.
   Â»Kommt mit. Gehen wir Holz sammeln und helfen dann Memm beim kochen. Die MĂ€nner der Gemeinschaft, zu denen sich auch Lilly’s BrĂŒder schon zĂ€hlen dĂŒrfen, versorgen die Pferde. Die JĂŒngsten holen Steine aus dem Flussbett und formen damit eine Feuerstelle. Jeder kennt die Handgriffe, die zu tun sind und jeder erledigt die, die er bewĂ€ltigen kann. Es wird nicht viel dabei gesprochen und bald knistert ein gemĂŒtliches Feuer, um das sich langsam alle einfinden. Die Frauen rĂŒhren abwechselnd in einem Topf, der langsam zu duften und dampfen beginnt. Lilly ist auch schon groß genug um dabei zu helfen und verteilt die Teller.
   Nach dem Essen breitet sich eine, beinahe feierliche Sille ĂŒber den Lagerplatz und man kann die Gedanken der, gemĂŒtlich um das Feuer lagernden, manchmal auch an ihren Pfeifen saugenden, beinahe hören. Alle sind satt, zufrieden, wohl auch mĂŒde und spĂŒren den Frieden, der sich wie eine schĂŒtzende Decke ĂŒber die Gruppe breitet.
   Schabo, der Sohn von Kari (Lillys Cousin also) ist der erste, der nach dem Essen und dem, beinahe lĂ€hmenden ersten Verdauen der Mahlzeit, wieder Energie findet und seine Gitarre aus dem Wagen holt. Er muß sie nicht lange stimmen und beginnt eines der alten Lieder zu spielen, die schon so oft gespielt wurden. Der Reihe nach stimmen die Frauen und MĂ€nner den Gesang an, dessen Sprache fĂŒr Lilly einfach Heimat bedeutet. Egal wo sie waren, mit welchen, teils widrigen UmstĂ€nden sie tagsĂŒber zu kĂ€mpfen hatten, der sonore Gesang, der manchmal mehr und manchmal weniger aufgeregt klang, war Lilly’s Zuhause.

◊ ◊ ◊


Lilly‘s Kindheit gestaltete sich wie eine Geschichte aus einem Kinderbuch. Unaufgeregte Geborgenheit, Zusammenhalt, Liebe, Harmonie und das GefĂŒhl, Teil dieser Welt zu sein.
Oft schlief sie unter dem Sternenzelt und fĂŒhlte sich einfach gut und war dankbar fĂŒr ihr Sein auf dieser wunderbaren Welt.
   Es gab auch Tage, die sie in Gegenden fĂŒhrten, die unwirtlich und abweisend erschienen. Es gab Regionen, an denen der Regen sauer und rußig schmeckte und sie bemerkte, dass alle in der Gruppe das Verlangen hatten, rasch weiterzuziehen. Manchmal gab es Streit mit den Leuten, die da lebten und meinten, die Besitzer von Allem zu sein. Sie taten so, als gehöre das Wasser, der Himmel, die Sterne, einfach alles ihnen und niemand von ihnen dachte daran zu teilen. Sie wollten sie meist von ihrem Platz vertreiben, schimpften und drohten dabei.
   Diese Art Menschen wurde in der Gruppe einfach ˝Gadsche˝ genannt. Das war eine Bezeichnung die sehr negativ besetzt war; nichts gutes verhieß. Wie Lilly sich das einbildet, war das meist in Gegenden, in denen der Regen sauer schmeckte. Zu viele Gedanken verlor sie allerdings nicht an ihnen und bedauerte sie nur manchmal ein wenig.
   Ein sicheres Kommando fĂŒr den Aufbruch am folgenden Morgen galt die ErklĂ€rung der MĂ€nner, in der Nacht etwas besorgen zu wollen. Meist brachen die MĂ€nner dann spĂ€t in der Nacht auf und kehrten erst frĂŒh am Morgen wieder zurĂŒck. WĂ€hrend der Abwesenheit der MĂ€nner, bauten die Frauen das Lager ab und machten die Wagen fĂŒr die Weiterfahrt bereit. Die Kinder freuten sich darĂŒber und wurden am nĂ€chsten Morgen oft mit Geschenken ĂŒberrascht.
   Einen wirklich schönen Lagerplatz zu verlassen verursachte auch manchmal ein wenig Traurigkeit bei Lilly. Besonders schwer fiel ihr der Abschied von einem Ort, der ˝Velka Ida˝ hieß. Sie hatte dort einen Jungen kennen gelernt, der wunderschöne blonde Haare und strahlend blaue Augen hatte. Sie hatte sich in ihn verliebt und ihr erster Kuss kam von seinen Lippen. Lilly‘s Eltern trösteten sie nach der Abfahrt und meinten, dass der Junge letztendlich doch nur ein ˝Gadscho˝ war und dass ein richtiger Junge ganz sicher noch irgendwo auf dem Weg auf Lilly wartete. Nach wenigen Wochen war ihre Trauer um ihn verflogen und Lilly reiste unbeschwert weiter durch die Welt, die voll mit Abendteuern war.

◊ ◊ ◊


   Karilower, Mutter‘s Schwester kann man wohl die gebildetste in der Gruppe nennen. Sie war in ihrer Kindheit lange Zeit durch Frankreich gezogen und hatte auch mehrere
Jahre in La Courneuve bei Paris gelebt. FĂŒr eine Sintezza hatte sie eine sehr helle Haut und war dadurch kaum BelĂ€stigungen der ˝Gadsche˝ ausgesetzt. Sie schaffte es sogar, mehrere Jahre lang eine Schule zu besuchen und hat dabei wohl grundlegende Kenntnisse in Mathematik und Lesen erlangt.
   Jedenfalls hatte sie eine Eselsgeduld mit den Kindern, wenn sie versuchte, ihnen Lesen und Schreiben beizubringen. Kein Kind hatte großes Interesse daran, die Sprache der ˝Gadsche˝ zu lernen, doch leider war es im Gegensatz zu ihrer geliebten Muttersprache möglich, diese zu schreiben, beziehungsweise auch zu lesen.
   Rechnen dagegen, war da deutlich weniger mit Abneigung behaftet und machte allen Spaß. Vermutlich weil Karilower es verstand, Mathematik mit witzigen Beispielen anschaulich zu erklĂ€ren.
   So zogen die Jahre durch Lilly‘s Leben und sie reifte zu einer hĂŒbschen jungen Frau heran.



◊ ◊ ◊


   Irgendwann lagerten sie an der MeereskĂŒste in einem Land, in dem es sehr heiß war. Das machte den meisten nicht viel aus, verfĂŒhrte aber auch nicht zu ĂŒbermĂ€ĂŸiger AktivitĂ€t. Man beschloss daher, die Reise fĂŒr die Dauer der extremen Hitze zu unterbrechen und unnötige Bewegungen tagsĂŒber zu vermeiden. Ereignislose Tage hĂ€uften sich und die Temperatur Ă€nderte sich nicht sonderlich.
   Lilly nutzte die Zeit fĂŒr ausgedehnte SpaziergĂ€nge am Strand. Jeden Tag wurden ihre Wanderungen ausgedehnter und so kam sie eines Tages zu einer Taverne, in der viele junge Menschen unter Sonnenschirmen saßen, lachten, das Leben einfach, wie es schien, genossen.
   Elli arbeitete da als Serviererin und als Lilly sie um ein Glas Wasser bat, sprang wohl ein Funke ĂŒber und es zeigte sich gegenseitige Sympathie zwischen den beiden Frauen, die von diesem Moment an, Lilly jeden Tag zur Taverne fĂŒhrte.
   Elli war nicht sonderlich gestresst, bei ihrer Arbeit. Im Gegenteil. Etwa drei Viertel der Zeit langweilte sie sich und konnte es kaum erwarten, bis Lilly endlich kam. Sie war um einige Jahre Ă€lter als sie und hatte erst vor wenigen Wochen dem familiĂ€ren Druck nachgegeben, doch endlich zu heiraten. Nico war nicht der Mann, von dem sie immer getrĂ€umt hatte, doch er war ehrlich, in gewisser Weise liebenswert, versuchte, wenn auch etwas tollpatschig, die WĂŒnsche in Ellis Augen zu lesen und zu erfĂŒllen. Sie hatten sich kennen gelernt, als Nico am Festland zu tun hatte und fĂŒr kurze Zeit zu einem Stammgast in der kleinen Taverne wurde.
   In ihrer kurzen gemeinsamen Zeit lernten sie sich einerseits zu lieben und andererseits als notwendiges Übel relativ geringen und damit ertrĂ€glichen Ausmaßes zu verstehen. Nico besaß eine Taverne auf einer der vorgelagerten Inseln und es war wohl Elli‘s Schicksal, ihr zukĂŒnftiges Leben mit ihm dort zu verbringen. Es war ihr neuerdings morgens ĂŒbel und ihre Vermutung, schwanger zu sein, bestĂ€tigte sich. Den ganzen Tag in der Taverne, hinter der Theke stehend zu verbringen, wurde immer schwieriger fĂŒr sie und so bat sie Lilly, ihr zu helfen.
   Lilly kam von nun an schon am spĂ€ten Vormittag in die Taverne und hatte die wenigen, notwendigen Handgriffe, die man als Servierkraft beherrschen muß, bald erlernt.
   Sprachen waren fĂŒr Lilly nie ein Hindernis. Sie hatte ein ungewöhnliches Talent dafĂŒr, in kĂŒrzester Zeit alle möglichen Sprachen zu verstehen und Teile davon auch zu sprechen.
   Elli zog sich mehr und mehr zurĂŒck und konnte Lilly nur noch, an der Theke sitzend, beratend helfen. Sie war schon sehr rundlich geworden und Bewegungen fielen ihr schwer. Sie hatte geplant, die Geburt ihres Kindes abzuwarten und erst dann auf die Insel zu ziehen.
   Eines Tages fragte sie Lilly, ob sie nicht Lust hĂ€tte, sie auf die Insel zu begleiten. Sie könne dann in ihrer Taverne arbeiten und auch wohnen. Sie hatte es zuvor mit Nico besprochen und auch er sah es als sinnvoll an. Er hĂ€tte alles getan, um Elli den Beginn ihres gemeinsamen Lebens auf der Insel leichter zu machen. Elli hatte das GefĂŒhl, dass es die einzige Möglichkeit fĂŒr sie war, das neue Leben auf der Insel ĂŒberhaupt zu beginnen und zu ertragen. An der Seite eines Mannes, der zwar nicht sonderlich schwer zu begreifen, aber ihr dennoch fremd war, wĂŒrde leben in der Einsamkeit der Insel, fĂŒr sie erst möglich werden. Lilly’s unaufgeregte, ruhige Art hatte Elli seit Anbeginn ihrer Beziehung fasziniert und ihr selbst, in gewisser Weise, Sicherheit gegeben. So viele Dinge Ă€nderten sich jetzt in Ihrem Leben. So viele Fragen waren plötzlich da:
   ËWie wird das Leben mit diesem Mann, in der völligen Abgeschiedenheit? - Wie wird es, Mutter zu sein? - Wird sie den geballt ĂŒber sie stĂŒrzenden Herausforderungen Stand halten können? - Was hat sich die Zukunft fĂŒr sie ausgedacht? - War es richtig, was sie tat?˝
   Jedenfalls gab das vage ˝Vielleicht˝ Lilly‘s, als Antwort auf die Frage, sie zu begleiten, Hoffnung.
   Lilly besprach mit ihrer Gruppe den Plan, fĂŒr einige Zeit auf einer Insel zu leben und fĂŒr eine Weile die Gruppe zu verlassen. Sintina wĂŒrde Lilly am meisten abgehen, das war klar. Letztendlich verstanden alle ihr Vorhaben und freuten sich fĂŒr sie. Sie versprach im SpĂ€therbst wieder zur Gruppe stoßen zu wollen und sie vereinbarten einen Kontaktpunkt.
   Elli war ĂŒberglĂŒcklich, als sie erfuhr, dass sie nicht alleine in die Ungewissheit abreisen mußte und sie fĂŒhlte sich von einer Last befreit.
   Die Geburt verlief problemlos. Es war ein Junge und er wurde auf den Namen Jannis getauft. Einer Abreise stand nun nichts mehr im Wege und so machten sie sich dann, nach ein paar letzten Wochen der Entspannung, auf den Weg. Nico war die Freude ins Gesicht geschrieben. Er kam zurĂŒck auf seine Heimatinsel und hatte eine Ehefrau mit einem gesunden Sohn mit. Alle seine Freunde wĂŒrden staunen und sich mit ihm freuen, hoffte er.

◊ ◊ ◊


   Die Überfahrt dauerte nur wenige Stunden und mit jeder Seemeile stieg die Freude, die man Nico‘s Gesicht ablesen konnte. FĂŒr Elli war alles neu und fremd. Die Freunde und Verwandten, die sie an der FĂ€hrstation begrĂŒĂŸten; die vielen Inselbewohner, die sich im Hafen versammelt hatten und sie argwöhnisch begutachteten.
   Es war gut, dass Lilly dabei war, sie gab den Situationen Gelassenheit. Das war fĂŒr Elli sehr wichtig, denn sie fĂŒhlte, dass ihr Leben nun in den HĂ€nden eines Mannes lag, den sie nur flĂŒchtig kannte und Hilferufe ihrerseits wĂŒrden niemals und von niemandem gehört werden.
   Nico‘s Taverne war recht groß und hatte auch einige GĂ€stezimmer, die in den Sommermonaten meist durchgehend belegt waren. Lilly hatte doch einiges zu tun und Elli hielt sich vorwiegend in der KĂŒche auf. Nicht selten zog sie sich einfach mit Jannis in ihr Schlafzimmer zurĂŒck und wenn sie ihre Lage und Zukunftsperspektive ĂŒberdachte, konnte es schon passieren, dass die eine oder andere TrĂ€ne ĂŒber ihre Wange lief.
   So war jeder im Trubel des Hochsommers beschĂ€ftigt und es gab sehr wenig Gemeinsames.


◊ ◊ ◊


   Lilly gefiel die Arbeit und die verschiedenen Menschen, die kamen und gingen. Die Geschichten, die sie mit brachten; die Sorgen die sie hatten und auf der Insel fĂŒr wenige Wochen ablegten. Die Leute wollten einfach nur Spaß haben, sich betrinken, kopulieren und einfach nicht daran denken, was sie jenseits der Insel, im richtigen Leben wieder erwarten wĂŒrde.
   Es gab auch Menschen, die den Schritt zurĂŒck einfach verweigerten. Sie lebten teils unter BĂ€umen, in HĂ€ngematten und SchlafsĂ€cken und verweigerten sich der zivilisierten Welt und ihrem engen Regelgeflecht. Sie machten nicht den Eindruck, als wĂŒrden sie je an ihre eigene Zukunft denken. Woran sie dachten, welche Perspektiven, was ihnen wirklich wichtig war, war oft nicht zu erkennen. Viel mehr schien es, als wĂŒrden sie die Aneinanderreihung von Momenten, gesteuert von einer kosmischen Kraft zelebrieren und ihr ganz vertrauen.
   Was niemand verstehen konnte, auch sie selbst nicht, war akzeptiert und gewollt. Dennoch fĂŒhlten sie sich als Teil eines großen Ganzen. Seine Energie damit zu verschwenden, daran zu denken, was die Zukunft, der nĂ€chste Tag bringt, war nicht Teil ihrer Philosophie.
   Die Tage kamen und gingen und ein neuer Tag mußte nicht auf den vorherigen aufbauen.
   Das Nachlassen des Trubels, auf der Insel verhieß das Fortschreiten des Jahres. Die Erde bewegte sich weiter in ihrer Umlaufbahn in Richtung Sonne und die Tage wurden kĂŒrzer.


◊ ◊ ◊


   Lilly hatte sich in einen Spanier verliebt und dabei ihr Herz und ihre Unschuld verloren. Paolo stammte aus Mallorca und faszinierte sie mit seiner munteren, aufgeweckten Art, die sie sonst nur bei Leuten ihrer Familie kannte und die ihr unterbewußt abging.
   Der Strom an UrlaubsgĂ€sten versiegte langsam und der, von Elli so gefĂŒrchtete Tag des Abschieds von Lilly, kam. Nur ein Versprechen Lilly‘s, im nĂ€chsten Jahr wieder auf die Insel zu kommen, konnte einen völligen Zusammenbruch der verzweifelt schluchzenden Elli verhindern.

◊ ◊ ◊


   Noch bevor Lilly und Paolo mit der FĂ€hre das Festland erreicht hatten, hatte Elli damit begonnen, einen Brief an Lilly zu schreiben, in dem sie ihre Verzweiflung und Einsamkeit kund tat und damit begann, die Stunden bis zur RĂŒckkehr Lillys zu zĂ€hlen.
   Es war ein verzweifelter Brief und Lilly, als sie ihn knapp 5 Wochen spĂ€ter in HĂ€nden hielt, konnte gar nicht verstehen, wie sich Elli freiwillig solchen ZwĂ€ngen aussetzen konnte. Sie hĂ€tte doch ahnen mĂŒssen, welches Schicksal sie erwartet, wenn sie mit diesem Mann auf eine abgelegene Insel zog.
   Lilly konnte auch nicht verstehen, dass sich mit Paolo, in seine gewohnte Umgebung zurĂŒckgekehrt, eine seltsame Verwandlung vollzog. Die Unbeschwertheit, das Helle in seinem Wesen, schien hier in seiner Heimat keine GĂŒltigkeit; keinen Platz zu haben. Er war plötzlich wie ausgetauscht. Lilly kannte das nicht. In ihrem bisherigen Leben hatte sie es meist mit Menschen zu tun, die eben waren, was oder wer sie waren. Ihr Wesen verĂ€nderte sich, abhĂ€ngig von der Umgebung, nie sonderlich.
   Elli schien ihr GlĂŒck völlig an ihre Gesellschaft zu hĂ€ngen. Paolo war der freieste und unbeschwerteste Mensch, den sie kannte, als sie noch auf der Insel waren. Jetzt verbringt er die HĂ€lfte des Tages damit, GetrĂ€nkekisten durch den Tag zu schleppen. Abends und nach ein paar Bieren fĂ€llt er energielos ins Bett um dann nach kurzem, unruhigen Schlaf, den neuen Tag genau gleich, wie den vorherigen zu vertun.
   Lilly kannte ihr bisheriges Leben völlig anders. Wie sie es in der letzten Zeit bei, ihr wichtigen Personen beobachten konnte, kann das Leben ja wohl nicht funktionieren, erinnerte sie sich und dachte an die schöne Zeit, in der sie mit ihrer Familie durch die Gegend zog.
   Ëwas sie wohl gerade erlebten? — Wo sie wohl gerade waren? — Wie es ihrer geliebten kleinen Schwester, Sintina wohl geht?˝ Lilly stellte sich die Fragen gedanklich und ein GefĂŒhl von Wehmut und Sehnsucht machte sich in ihr breit. Ein GefĂŒhl, das sie in dieser Form bisher selten gehabt hatte. Es erinnerte sie ein wenig an ˝Velka Ida˝ und den blonden Jungen, in den sie vor Jahren eine kurze Zeit lang verliebt gewesen war.
   Es war klar, daß ein Leben in dieser Weise fĂŒr sie nicht denkbar war. Die Leute waren scheinbar nur ˝echt˝, wenn sie entspannt; losgelöst aus ihrem gewohnten Trott gerissen waren. Ein seltsamer Zwang fĂŒhrte sie aber immer wieder in den genau selben Rhythmus zurĂŒck, in dem sie sich wohl sicher wĂ€hnten.
   Lilly wollte jeden Tag neu erleben und sich auch ĂŒberraschen lassen. Sie kannte das Leben anders und sie mußte wieder dort hin zurĂŒck finden.

◊ ◊ ◊


   Es wurde schon recht spĂ€t im Jahr und die vielen Menschen, die Lilly‘s Tage ein wenig bunt fĂ€rbten, wurden immer weniger. Sie tauchten immer nur fĂŒr eine kurze Zeit auf und verschwanden dann wieder. Zuerst dachte Lilly, dass sie einfach zu einem anderen Ort weiter zogen um neue Abendteuer zu finden, so wie sie es mit ihrer Familie immer getan hatte. Es kam ihr aber der Gedanke, dass die unbeschwert lustigen Menschen letztendlich einfach wieder in ihre gewohnten TretmĂŒhlen zurĂŒckkehrten, genau wie sie das bei Paolo beobachtet hatte.
   Es ĂŒberraschte Paolo kaum, dass Lilly kund tat, wieder zu ihrer Familie zurĂŒckkehren und ihn damit verlassen zu wollen. Sie passte nicht in das Leben, das er hier fĂŒhrte.
   Sie vereinbarten, sich im nĂ€chsten Jahr wieder auf der Insel zu treffen. Dort, wo sie sich einst nahe waren, hofften sie, sich wieder zu finden.

ENDE

__________________
Emanuel Kury

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Wipfel
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Hi Hudriwurz, du erzĂ€hlst die Geschichte von Lilly. Einem MĂ€dchen, welches irgendwie und irgendwo aufwĂ€chst - im Schoß der Familie. Und dann als junge Frau beginnt eigene Wege zu gehen. Und wunderst du dich, dass bisher niemand auf dein Werk reagiert hat?

Was eine Kurzgeschichte spannend macht, fehlt deiner leider. Alles ist so schön harmonisch, es gibt kein Konflikt - und wenn, wird er schnell weggedrĂŒckt. und das schreibst du dann auch:

quote:
Lilly‘s Kindheit gestaltete sich wie eine Geschichte aus einem Kinderbuch. Unaufgeregte Geborgenheit, Zusammenhalt, Liebe, Harmonie und das GefĂŒhl, Teil dieser Welt zu sein.
Oft schlief sie unter dem Sternenzelt und fĂŒhlte sich einfach gut und war dankbar fĂŒr ihr Sein auf dieser wunderbaren Welt.
Und so pÀtschert sie hin, die Geschichte. Das mag im wirklichen Leben funktionieren - in einer Kurzgeschichte eher nicht.

ErzĂ€hlen kannst du. Ich wĂŒrde mich auf eine Szene konzentrieren - z.B. auf das Schwangerwerden Ellis von einem Mann, den ihr ihre Eltern ausgesucht haben. Wir wollen Abenteuer, Konflikte und dergleichen lesen - etwas spannendes.

GrĂŒĂŸe von wipfel

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