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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gavdos, Sony
Eingestellt am 30. 08. 2019 08:53


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Hudriwurz
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Registriert: Dec 2018

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8/2019 -2

Hudriwurz (Emanuel W. Kury)

◊ ◊ ◊ ◊ ◊


   Blaues Mondlicht zeichnet einen scharfkantigen Schatten an die Hauswand. Sony beobachtet durch einen schmalen Spalt in den Gardinen, was sich vor seinem Haus abspielt. Kreshnik Berisha ist dort unten und er wartet schon seit Wochen geduldig darauf, zu vollenden, was seine VorvĂ€ter begonnen hatten.
   Er wĂŒrde auf ihn schießen, wĂŒrde er ihn entdecken, darum knipst Sony kein Licht an. Der Kanun verbietet es zwar, jemanden in seinem Haus zu töten, doch darauf, dass Kreshnik das beherzigt, vertraut Sony nicht. Zu lange zieht sich die Geschichte schon in die LĂ€nge und zu viel Blut ist bereits geflossen. Nach beinahe einem Jahrhundert und etlichen Generationen; vielen Toten, mußte die Sache nun endlich zu einem Ende kommen.
   Die Fehde zwischen den Barishas und den Kelmendi hat vor etwa 80 Jahren begonnen, als Sony‘s Großvater im Streit und wohl auch Suff, Shehu Hasani Berisha erschlug. Niemand weiß mehr genau, wie sich die Sache genau zugetragen hatte, jedenfalls haben die RĂ€cher Berishas alle mĂ€nnlichen Nachfahren Gjergj Kelmendis (Sony’s Großvater) bereits umgebracht.
   Nur Sony war noch am Leben und sperrte sich seit Jahren, gemeinsam mit seiner Frau und den drei Töchtern, in seinem Haus ein, denn der Kanun nach LekĂ« Dukagjini gebietet, dass alle mĂ€nnlichen Nachfahren eines Mannes getötet werden mĂŒssen, der einen Shehu getötet hatte.
   Sony’s Vater Veton war schon vor zwanzig Jahren von Kreshnik Berisha‘s Vater umgelegt worden. Sony’s BrĂŒder, Elmedin und Jetmir, erst vor wenigen Jahren. Jetzt war Sony an der Reihe, damit der mĂ€nnliche Zweig der Familie endgĂŒltig ausgelöscht sein wĂŒrde.
   Sony konnte nicht darauf vertrauen, dass Kreshnik Berisha sich genau an die Vorgaben des Kanun hielt und ihn nicht einfach durch das Fenster abknallte. Er gebot seinen Kindern und seiner Frau ShpĂ«time sich bei Einbruch der Dunkelheit ruhig und unauffĂ€llig zu verhalten und keinesfalls das Licht einzuschalten.
   So lebten Sony und seine Familie ein sehr eingeschrĂ€nktes Leben. Sony verliess nie das Haus, was ihn natĂŒrlich daran hinderte, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Alle lebenswichtigen Dinge mußten von ShpĂ«time organisiert werden. Sony war seit Jahren nur damit beschĂ€ftigt, sich selbst am Leben zu erhalten, indem er keinen Schritt vor die TĂŒre tat.

◊ ◊ ◊

   
   Zu Zeiten Enver Hoxhas und der allgegenwĂ€rtigen Segurimi, dem Geheimdienst des Diktators, war er beim Bunkerbau beschĂ€ftigt und verdiente viel Geld dabei. Das Regime verbot die Interpretation des Kanun und das Leben war fĂŒr alle Menschen einfacher.
   Seit dem Fall des Diktators scheint die Zeit zurĂŒckgedreht und alte Konflikte flammen wieder auf. Als hĂ€tte es nie eine Unterbrechung gegeben, werden alte Blutfehden einfach an dem Punkt fortgesetzt, an denen sie irgendwann unterbrochen worden waren. Es scheint, als wĂ€re die Herrschaft des Diktators wie eine Krankheit, die zwar im Land Narben in Form von 173.371 Betonbunkern hinterlassen hat, vergangen, jetzt allerdings, können Traditionen fortgefĂŒhrt werden, die schon seit Jahrhunderten das gesellschaftliche Miteinander des albanischen Volkes geregelt hatten. Dabei kommen teils nur mĂŒndlich ĂŒberlieferte Regeln zur Anwendung, die natĂŒrlich, im Laufe der Jahrhunderte, Mutationen unterworfen waren.

◊ ◊ ◊


   Jaho Salvihi ist ein kleiner, friedlicher Ort, im Norden Albaniens; etwa 60 Kilometer von Shkodra entfernt. Konflikte wie die, in die Sony involviert ist, gibt es in Nordalbanien reichlich und hunderte Menschen fallen ihnen jĂ€hrlich zum Opfer. Es scheint beinahe so, als wĂŒrde es niemand wagen, sie nicht ernst zu nehmen oder sie gar zu ignorieren. Bisher prĂ€gten Harmonie und Hilfsbereitschaft das Bild vom Zusammenleben, doch jetzt waren: Mißtrauen, Skepsis, Unsicherheit, Angst, Spitzel, Denunzianten, VerrĂ€ter, Mörder, RĂ€cher zu allgegenwĂ€rtigen, sichtbaren Elementen der Gesellschaft geworden.
   â€șmuß der Friede jetzt vorbei sein?â€č fragt sich Sony und er erkennt fĂŒr sich, dingend einen Ausweg aus der verfahrenen Situation finden zu mĂŒssen.
   Wie schön waren die Zeiten, als er auf Heimaturlaub vom Bunkerbau, die Valbona entlang schlenderte und mit seiner Frau ZukunftsplĂ€ne schmiedete?
   Heute ist alles anders. Sony hat das GefĂŒhl, keine Luft mehr atmen zu können. Alles um ihn ist so eng geworden und er fĂŒhlt ausbrechen zu mĂŒssen, selbst wenn es ihm das Leben kosten wĂŒrde. Ein Leben, wie er es im Moment fĂŒhrte, verdient die Bezeichnung nicht.

◊ ◊ ◊


   Javaad ist der einzige Freund Sonys und kommt unregelmĂ€ĂŸig zu Besuch. Mit ihm will Sony seine FluchtplĂ€ne besprechen. Javaad sollte einen Kredit auf Sony‘s Haus aufnehmen und ihn zur griechischen Grenze bringen.
   Javaad ist nicht besonders angetan von der Idee, besorgt aber das Geld und erklĂ€rt sich bereit, Sony nach Kakava; zur griechischen Grenze, zu fahren. Die ĂŒbrige Familie ist, da sie nur aus weiblichen Mitgliedern besteht, keiner Bedrohung ausgesetzt. Sony wird sie getrost zurĂŒcklassen und gegebenenfalls nachkommen lassen können.       

◊ ◊ ◊

   
   Der Kanun beschĂ€ftigte sich in seinen, ĂŒber tausend Regeln kaum mit Frauen. Die Stellung der Frau in Albanien ist generell nicht sehr hoch. Frauen gelten als GefĂ€ĂŸe, die primĂ€r Söhne gebĂ€ren und den Nachwuchs versorgen sollten. Sony beschleicht ein zwiespĂ€ltiges GefĂŒhl. Einerseits verlĂ€sst er seine Familie und es ist nicht gewiss, dass er sie jemals wiedersehen wĂŒrde. Andererseits ist es ein Ausbruch aus einer hoffnungslosen, verfahrenen Situation, die ihm, auf Kurz oder Lang, den Tod bringen wĂŒrde.

◊ ◊ ◊


   Kreshnik Berisha lauerte in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden fĂŒr eine kurze Zeit nicht vor dem Haus und Sony versucht den richtigen Zeitpunkt fĂŒr seine Abreise danach zu planen. Der Abschied ist kurz und, nach Außen zumindest, emotionslos.          Javaad und Sony fahren spĂ€t in der Nacht los und sie finden erst Entspannung, als sie Shkodra erreichen. Dort gibt es um einiges mehr Straßenverkehr und so können sie in die AnonymitĂ€t eintauchen. Die Anspannung der MĂ€nner löst sich langsam.
   Die Fahrt nach Kakavia dauert fĂŒnf Stunden und Sony blickt aus dem Fenster um wehmĂŒtig den Anblick seiner geliebten Heimat aufzusaugen. Ob er sie jemals wiedersehen wĂŒrde, ist nicht klar.
   Kakavia ist ein recht großer, griechischer GrenzĂŒbergang und es wird sehr penibel kontrolliert. Als Javaad beim Grenzbalken steht, winkt ihn der Grenzbeamte zur Seite.
   Â»gib ihm dein Geld!« herrscht Javaad Sony an. »wenn wir GlĂŒck haben, lĂ€sst er uns weiter fahren.«
   Â»Was? Mein ganzes Geld?« antwortet Sony unglĂ€ubig.
   Â»Wenn Du ĂŒberleben willst, dann tu es. Wenn nicht, dann steig‘ aus. Wir sind Freunde, aber es gibt Grenzen, Sony.«
   Sony kramt das GeldbĂŒndel aus seiner Jackentasche und steckt es in den Umschlag seines Reisepasses. Der Grenzbeamte mustert den Inhalt kurz, lĂ€sst das Geld in seiner Jackentasche verschwinden, reicht Sony den Reisepass und winkt.
   Â»Das war mein ganzer Besitz. Was soll ich jetzt machen? Wer garantiert mir, dass er mich nicht trotzdem verrĂ€t?« meint Sony.
   Â»Er wird dich bei den Berishas verpfeifen, aber nicht gleich. Das gibt Dir einen Vorsprung. Sei Froh, dass Du lebst, Budalla (Narr). Ich bringe Dich nach Patras, das sind noch dreihundert Kilometer, dann...« Unwohlsein klingt mit Javaads Stimme mit und Sony fĂŒhlt die Spannung und NervositĂ€t.
   FĂŒnf schweigsame Autostunden spĂ€ter nehmen die beiden MĂ€nner Abschied von einander. Javaad ist erleichtert und kramt Bargeld aus seiner Hosentasche um es Sony zu geben.
   Â»Danke mein Freund. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder, bitte schau’ von Zeit zu Zeit auf ShpĂ«time. Versprich es mir!«
   Die MĂ€nner umarmen sich zum Abschied und Javaad braust davon.

◊ ◊ ◊


   Eine FĂ€hre liegt vor Anker und Sony steigt gleich zu. Das Schiff fĂ€hrt nach Kreta und erstmals nach sehr, sehr langer Zeit hat Sony das GefĂŒhl, im Schlaf nicht um sein Leben fĂŒrchten zu mĂŒssen. Tausend Gedanken strömen durch seinen Kopf:
   â€șwas wird wohl aus ShpĂ«time; aus meinen Kindern? - Wird sie genug Geld aufbringen, um das Haus behalten zu können? - Werde ich ihr dabei helfen können? - Wie wird das neue Leben aussehen?â€č
   In Chania angekommen mietet sich Sony ein Zimmer in einer Hafenkneipe. Abends, von der Terrasse aus, beobachtet er die Touristenströme und versucht Gelassenheit zu finden. Er denkt sich in vorbeimarschierende Menschen und lĂŒftet dadurch seine Gedanken.
   Wie einfach das Leben sein könnte, mĂŒĂŸten nicht die Söhne der Söhne der Söhne fĂŒr etwas SĂŒhnen, das lĂ€ngst schon vergangen und grĂ¶ĂŸtenteils vergessen war.
   Eines Nachmittags; Sony sitzt gedankenversunken vor der Taverne, setzt sich ein korpulenter Mann zu ihm und fragt ihn, ob er nicht Lust hĂ€tte, Maurerarbeiten auf einer der nahe gelegenen Inseln zu besorgen.
   Es ist Nico, der Besitzer einer Taverne, die auf einer der vorgelagerten Inseln gelegen ist. Sony ist froh darĂŒber, dass es so kommt, denn er muß langsam daran denken, seiner Frau Geld zu schicken und seine Geldreserven werden auch langsam knapp.
   Am nĂ€chsten Tag fahren beide mit dem Bus auf die andere Inselseite, zu dem Ort, der Paleochora heißt und von dem zwei Mal wöchentlich FĂ€hren zum sĂŒdlichsten Fleck Europas, der Insel Gavdos ablegen.
   Sony ist glĂŒcklich darĂŒber und denkt, dass er hier, auf der abgelegenen Insel wohl vor Gjakmarrja (Blutfehden) sicher sein wĂŒrde.

◊ ◊ ◊


   Sony bekommt als WohnstĂ€tte ein kleines Zimmer zugewiesen, das an einer gemeinsamen Veranda mit anderen Ferienwohnungen liegt. Sogar ein Fernseher ist darin, der ihm ein wenig beim Erlernen der Sprache hilft.
   Seine Aufgabe ist es, entlang der HĂ€userreihe Pflastersteine zu verlegen. Da ihm der Umgang mit Beton und Steinen nicht fremd ist, freute er sich ĂŒber die Arbeit und Erinnerungen an die Zeit, als er in seiner Heimat Bunker gebaut hatte, kommen auf.
   Eine Zeit, die zwar von einem paranoiden Diktator und dem Kommunismus beherrscht, aber sonst von Frieden, Zusammenhalt und gegenseitiger WertschĂ€tzung geprĂ€gt war. Es gab ein Miteinander. Die Menschen bekriegten und bekĂ€mpften sich nicht gegenseitig. Vor allem brachten sie sich nicht wegen lĂ€ngst verjĂ€hrter Angelegenheiten, gegenseitig um.
   Abends sitzt Sony dann oft auf der Veranda und spielt auf einer Flöte, die er aus einem Installationsrohr geschnitzt hatte, alte albanische Lieder und denkt sehnsuchtsvoll an seine Heimat, seine Familie, ShpĂ«time.



ENDE

__________________
Emanuel Kury

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