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Leselupe.de > Kurzprosa
Gebrauchte Jahre
Eingestellt am 04. 01. 2017 18:44


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Ciconia
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Am dritten Tag des neuen Jahres ĂŒbermannte mich die Neugier. Zweimal war ich jetzt schon an der Bretterbude mit der Aufschrift „RĂŒcknahme gebrauchter Jahre“ vorbeigefahren. Sie stand direkt neben dem Platz mit entsorgten WeihnachtsbĂ€umen. Gestern hatte ich gesehen, dass der Schriftzug in der DĂ€mmerung in fahlem Blau leuchtete.
Im VorĂŒbergehen warf ich einen wehmĂŒtigen Blick auf den tĂ€glich anwachsenden Haufen TannenbĂ€ume. Der weißhaarige Ă€ltere Herr hinter dem offenen Tresen der Bude sah mir erwartungsvoll entgegen.

„Moin“, grĂŒĂŸte ich, „ich wollte mich nur mal erkundigen, wie das funktioniert mit den ‚gebrauchten Jahren‘. WĂŒrden Sie meins auch zurĂŒcknehmen?“
„GrundsĂ€tzlich ja“, erwiderte er und schob eine aufgeschlagene Zeitung zur Seite. Er schien sich auf ein BeratungsgesprĂ€ch einzustellen. „Es kommt darauf an, welche Spuren Sie in diesem Jahr zurĂŒckgelassen haben, ob es fĂŒr Sie von großer Wichtigkeit war oder ob Sie von vornherein darauf hĂ€tten verzichten können.“
„Mit den Spuren ist das so eine Sache“, begann ich. „Ab einem gewissen Alter hinterlĂ€sst man doch nicht mehr viele Spuren, nicht wahr?“
„Das wĂŒrde ich so nicht stehen lassen. Wenn Sie natĂŒrlich kaum noch unter Leute gehen oder fĂŒr niemanden mehr wichtig sind, weil Sie keine Angehörigen haben, dann könnte so ein Jahr spurenlos bleiben. Aber wenn Sie sich irgendwo fĂŒr Andere engagieren, wenn Sie Gutes tun fĂŒr Menschen, denen es nicht gut geht – dann werden Sie natĂŒrlich eine Menge Spuren hinterlassen.“
Es klang, als habe er diese SĂ€tze schon sehr hĂ€ufig sagen mĂŒssen.
„Also, wenn ich ganz ehrlich bin, war mir das vergangene Jahr ĂŒberhaupt nicht wichtig. Ich hĂ€tte genauso gut darauf verzichten können, denn es hat mir nichts als Kummer und Leid beschert.“
„Sind Sie da ganz sicher? Gab es da nicht doch irgendwelche schönen Momente, zum Beispiel mit einem liebsten Menschen oder auf einer Urlaubsreise?“
Ich ĂŒberlegte. Der liebste Mensch war ja nun schon seit Ewigkeiten liebster Mensch, da hatten die schönen Momente keine so große Bedeutung mehr wie frĂŒher. Verreist waren wir im letzten Jahr auch nicht, weil 
 aber das ging ihn wirklich nichts an.
Spontan fiel mir nur das ein: „Ich habe sehr viele Ärzte, Physiotherapeuten, Heilpraktiker und Apotheker beschĂ€ftigt. HinterlĂ€sst man dabei nicht auch Spuren?“
Er verzog ein wenig abschĂ€tzig das Gesicht. „Na ja, vielleicht in den Krankenakten und auf den Konten der Ärzte, aber sonst?“

Ich beobachtete nachdenklich ein junges Paar, das mit GelÀchter einen riesigen Weihnachtsbaum zu den anderen warf. Hatten sie Spuren hinterlassen?
„Das heißt fĂŒr mich also, dass Sie mein gebrauchtes Jahr nicht zurĂŒcknehmen möchten? Zu uninteressant, zu spurenlos?“
Sein Blick schien mir jetzt fast ein wenig mitleidig.
„Ich fĂŒrchte, das mĂŒssen Sie fĂŒr sich zu den Akten legen. Am besten, Sie vergessen es ganz schnell und konzentrieren sich auf das neue Jahr. Machen Sie Klarschiff, nehmen Sie sich fĂŒr dieses Jahr nur das Schönste vor, beginnen Sie Neues. Vielleicht bleiben dann am Ende interessante Spuren zurĂŒck. Und wenn nichts dazwischen kommt“ (er fuhr sich mit einer koketten Handbewegung durch seine schlohweißen Haare), „dann sehen wir uns hier in einem Jahr wieder. Ich wĂŒrde mich freuen und wĂŒnsche Ihnen bis dahin viel GlĂŒck.“

Ich bedankte mich. WĂ€hrend ich in einigem Abstand zu den WeihnachtsbĂ€umen grĂŒbelnd eine Zigarette rauchte, strebte eine junge Frau der Bude zu. Nach nur wenigen SĂ€tzen zog der alte Herr mehrere Formulare aus einer Schublade und trug die lebhaft vorgetragenen Angaben der Frau ein.

Welchen Wert der Mann einem gebrauchten Jahr beimaß, hatte ich vergessen zu fragen.

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