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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Gebt den Leuten Gott zurück!
Eingestellt am 28. 09. 2007 12:10


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paulenullnullzwei
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2007

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Der Großteil meiner Kindheit fällt in die 1970er-Jahre. Ich wurde durch ARD und ZDF sozialisiert. Alles, was ich über die Welt außerhalb meiner Siedlung wissen wollte, kratzte ich mir vom Fernsehschirm herunter. So haben letztlich die Programmverantwortlichen meine Weltsicht mehr geprägt, als meine Eltern.

Zum Beispiel war mir damals sonnenklar, dass, hat man schlimme Probleme wie Liebeskummer oder ähnlich Trauriges, man sofort zu Saufen anfängt - und zwar beidhändig aus dicken Kaffeepötten. Die Schnapsflaschen (TV-Serien-Alkoholiker gaben sich mit Bier und Wein keineswegs zufrieden) waren überall in der Wohnung versteckt. Bekam der Peingeplagte nach missglücktem Entzug wieder Durst, so stellte er postwendend die ganze Wohnung auf dem Kopf, um dann doch nur leere Flaschen zu finden, als ob Trinker so doof wären und würden die leeren Flaschen verstecken. Alle Drehbücher hielten es mit Willhelm Buschs Erkenntnis: „Es ist ein Brauch von Alters her; wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ und gleichzeitig an dessen Umkehrschluss. Im Laufe der Handlung musste nur der Grund der Probleme beseitigt werden, schon floss das Mineralwasser wieder in Strömen.

In den Achtzigern wurden die Skripts differenzierter. Plötzlich tranken auch die Frauen gerne einen über den Durst. Trinkende Frauen trugen stets leicht verschlissene, schlecht zugeknotete Morgenmäntel mit Bommeln an den Ärmeln. Dezent überschminkt schrien sie ihre treulosen Ehemänner (J.R.) übers Telefon an, was diese sich auch redlich verdient hatten. Sie betrogen nämlich die Gattin nicht nur nach Strich und Faden, sondern sperrten sie auch noch in den goldenen Käfig des Überflusses und der Langeweile ein. Teuflische Mischung! Linderung versprach nur der Whiskey oder der Poolboy. Letztendlich war es aber die Ziellosigkeit des Lebens, in dem es schon alles gab, die Durst machte.

Ich bin zur Erkenntnis gekommen, dass die Achtziger recht hatten. Die Leute trinken gar nicht so viel wegen Problemen und Ängsten, sondern aus Langeweile, aus Mangel an Zielen und Aufgaben. Die Menschen während des Zweiten Weltkriegs hätte ja so gesehen jeden Tag knülle sein müssen. Ok, vielleicht wären sie es gerne gewesen, aber kriegsbedingt gab’s keinen Stoff. Glaube ich aber nicht. Die Leute hatten genug damit zu tun, die eigene Haut und die der Nächsten zu retten. Da war keine Zeit mit Alkoholorganisation zu verschwenden. Brot und Bunker waren wichtiger. Es gab Ziele satt - wenn sonst schon nichts.

Und heute?
Nehmen wir als Beispiel einen Rentner. Eigentlich hat er es ja toll: bezahlter Urlaub bis zum Tod, endlich machen können, was man schon immer wollte. Jeden Tag ausschlafen bis in die Puppen. Nonstop-Faulenzen bis Harald Schmidt. Der Himmel auf Erden. Pustekuchen! Die schiere Langeweile! Früher, ja früher, da wurde er noch gebraucht, stand seinen Mann in der Firma, wusste wofür er morgens aus dem Bett stieg. Da war der wohlverdiente Feierabend das Ziel und der Urlaub im Schwarzwald und der Hausbau, die Ausbildung der Kinder. Immer gab’s was zu tun, immer war man festen Blickes auf dem Weg wohin. Das Ziel war der Weg. Was macht er nun, um den Tag rumzubringen? Er trifft sich mit den Kollegen zum Skat und zischt ein paar Bierchen. Ist doch nichts dabei. Der Tag bekommt plötzlich wieder Struktur und die langsam entstehende Abhängigkeit gibt wieder ein Ziel vor: Bier! Man hat wieder was, auf das man sich freuen kann.

Nehmen wir als zweites Beispiel eine Arbeitnehmerin, 39 Jahre alt, ledig, kinderlos, die Zweieinhalbzimmerwohnung ist abbezahlt, der Audi TT steht in der Garage und die Aufstiegschancen im Beruf sind ausgeschöpft. Alles ist erreicht. Nun wird’s langweilig. Für Kinder fühlt man sich eigentlich zu alt und doch noch zu jung. Die Farbe verschwindet langsam aus dem Alltag. Warum nicht abends mal schön einen bunten Cocktail trinken gehen? Draußen ist was los. Daheim sterben die Leut! Es gibt wieder was, auf das man sich tagsüber freuen kann. Man hat wieder ein Ziel, welches mit der Zeit sogar körperlich spürbar wird. Um die Vorfreude aushalten zu können, trinkt man halt schon tagsüber einen Kleinen, schadet ja nix - *hicks*. Das schöne am Trinken ist ja auch nicht der Suff an sich, sondern das langsame Betrunkenwerden, eben der Weg zum Ziel. Alles wird einfacher, watteweicher. Die Welt ist mit Weichzeichner gefilmt (Miss Ellie). Plötzlich steht das „vernünftige“ Leben der anderen für Langeweile, das eigene und der der Kneipenfreunde für Abenteuer und Spaß. Man ist nur einmal jung, und wenn man das richtig macht, ist das auch genug!

Wie man allenthalben lesen kann, gefällt es der Regierung aber gar nicht, dass so viele Leute gerne einen heben, obwohl die Alkoholsteuer ohne rot zu werden eingesäckelt wird. Es gibt ja auch unbestrittene Nachteile: Die Männer verlieren vom vielen Trinken erst ihre Nerven, dann ihre Jobs und am Ende die Contenance und fangen an ihre Frauen zu verprügeln. Die Frauen verlieren schnell Schönheit und Jugend, danach ebenfalls den Job und lassen sich dann vor lauter Langeweile von den Männern verprügeln. Ist ja irgendwie auch nix.

Deshalb: Gebt den Menschen Ziele. Nicht nur durch Erwerbsarbeit. Gebt ihnen Aufgaben, einen Glauben an einen Sinn ihres Daseins. Gebt ihnen Verantwortung. Bindet sie ein ins Ganze, dann löst sich das Problem von ganz alleine. Und gebt ihnen verdammt nochmal Gott zurück!
Nur bitte nicht übertreiben, sonst machen alle Eckkneipen pleite und die Wirte fangen an zu saufen!

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