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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Geburtsstunde
Eingestellt am 28. 12. 2003 18:45


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ScarlettMirro
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2003

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Leicht pustend ist Ruth fr├╝h in den Morgenstunden erwacht; das Morgengrau war dem milden Sonnenlicht noch nicht gewichen. Hellwach und in erwartungsfroher geheimnisvoller Erregungsetzte sie den pfeiffenden Wasserkessel auf den Herd. Dann atmete sie wieder laut mit der ge├Âffneten Schrankt├╝r in der Hand, ihre Augen waren auf die K├╝chenuhr gerichtet. Ihr erster Impuls hatte sie wieder zum Himbeerbl├Ąttertee greifen lassen, aber den brauchte sie nun endlich nicht mehr trinken. Den Ingwer-Zitronen-Tee mochte sie ohnedies lieber.

Sie ├╝berlegte, ob sie noch warten sollte, bevor sie Marianne anrufen sollte. Leise schlich sie ins Schlafzimmer, legte ihrem Mann z├Ąrtlich die Hand an seine rechte Wange. Sein Blick zeigte sofortiges Verstehen und er befreite sich vorsichtig aus den Umklammerungen der beiden M├Ądchen. Kaum hatte Markus in der K├╝che gestanden und sich fr├Âstelnd an einer Tasse Tee die H├Ąnde gew├Ąrmt, als er schon mit dem Umbau des Wohnzimmers begann. Ruth h├╝llte sich in eine Wolldecke mit dem Tee ein, sah abwechselnd zur Uhr oder zu ihrem Mann und pustete Luft von sich fort.
"Du solltest Marianne anrufen, und nat├╝rlich auch Claudia!"
"Ich wollte nur sicher gehen! Nicht wie beim letzten Mal!", erwiderte Ruth gelassen. Vor nicht ganz einer Woche hatte sie gedacht, es w├Ąre nun soweit und hatte Claudia gerufen. Mit ihren Kindern ist sie gekommen und sie hatten einen sch├Ânen langen Tag mit Warten zugebracht; am anderen Morgen fuhr sie dann mit ihren zwei T├Âchtern nach hause.
"Gut. Bleibt regelm├Ąssig, ich ruf die beiden jetzt an!", damit erhob sie sich; Marianne machte sich sofort auf den Weg, Claudia fiel als Babysitter f├╝r ihre M├Ądchen allerdings aus, denn sie hatte eine Magendarmgrippe!
Inzwischen hatte Markus den Fernsehertisch und auch den Sofatisch in den Keller gebracht und pumpte bereits schwitzend das Plaschbecken auf; Ruth ging am Becken sehnsuchtsvoll auf und ab und dachte immer wieder daran, dass sie sich nur entspannen m├╝sse.
Endlich lie├č Markus Wasser in das Becken, nebenher arbeitete auch der Wasserkessel und zwei weitere Kocht├Âpfe daran, schnell Wasser zu erhitzen. Wie langsam sich doch das Becken f├╝llte, Ruths Augen verfolgten angestrengt den Wasserstand. Die ├Ąlteste Tochter kam durch die K├╝chent├╝r ins sehr warme Wohnzimmer, sie knibbelte noch mit den Augen gegen die Helligkeit an.
"Ist es jetzt so weit?", fragte sie hoffnungsvoll ihre Augen auf den runden Bauch der Mutter geheftet. Ruth nickte nur, lie├č ihren Morgenmantel auf den Sessel fallen, atmete wieder laut und stieg dann schnell ins Wasser. Angenehm entspannte das Wasser den harten Bauch.
Kurze Zeit darauf stand bereits ihre Hebamme Marianne im T├╝rrahmen; sie verschaffte sich einen ├ťberblick ├╝ber das Geburtszimmer und ├╝berpr├╝fte die Herzt├Âne des Babys.

Die Wehen wurden zunehmend st├Ąrker und Ruth begann A's zu singen, vollt├Ânend klangen sie durch das Haus, schwingten sich verheissend durch die anderen Mietwohnungen. Innerlich erz├Ąhlte sie sich, dass alles seinen Weg ginge und nur auf ihre innere Natur vertrauen m├╝sse. Sie starrte die Algen und Fische auf dem Planschbecken an, versuchte Selbsthypnose! In den Wehenpausen schimpfte sie manchmal ihren Mann aus, weil das Kinderkriegen ihm nur die lustvolle Seite zeigte.
Sp├Ąter blieb sie still und verschloss ihre Augen in den k├╝rzeren Pausen, dann trieb die n├Ąchste Wehe sie wieder hoch, sie wollte so gern in den Schmerz entspannen; es sollte vorbei sein. Endlich platzte die Fruchtblase irgendwo im Innern ihrer Scheide; das Fruchtwasser tr├╝bte das Becken. Im hinteren Teil lder Wohnung h├Ârte sie die M├Ądchen streiten.
Noch immer keine Presswehen, was war nur los? Die Wehen blieben stark, die M├Ądchen wurden unruhig, sie sahen h├Ąufiger nach ihr; die Kleine sang arglos das lange A mit. Pl├Âtzlich setzen mit aller Kraft die Presswehen ein, das letzte St├╝ck des Weges lagen vor Mutter und Kind. Ruth w├╝nschte sich, dass drei vielleicht vier Presswehen gen├╝gen m├Âgen, dass dann der Schmerz der Scheide zeigt, dass das Baby geboren ist. Aber diesmal gen├╝gten drei Presswehen nicht. Sie konnte doch das K├Âpfchen schon f├╝hlen. Mit der n├Ąchsten Presswehe strengte sie sich wieder an, hielt die Beine unterst├╝tzend auseinander, und wieder hatte es nicht gereicht. Wieder rutschte das K├Âpfchen merklich einige Zentimeter zur├╝ck. Was war los? Sie gab alles und sie konnte doch sp├╝ren, wie das Baby sie unterst├╝tze. Was nur hinderte daran, dass dieses Martyrium mit dem Wunder der Geburt beendet war? Sie hatte aufgeh├Ârt die Presswehen zu z├Ąhlen und konzentrierte sich auf die Anfeuerung von ihrer Familie und der Hebamme. Die beiden M├Ądchen sassen links und rechts bei ihrem Vater und warteten.
Dann endlich gen├╝gte die Gewalt der Presswehe und das K├Âpfchen war geboren, die Augen waren zum Himmel gerichtet. Mit der n├Ąchsten Wehe war auch der Rumpf entschl├╝pft und Marianne legte Ruth noch im Wasserbecken das Baby auf den Bauch. Mit warmen T├╝chern eingedeckt verschnauften Mutter und Kind; eine weitere Wehe f├╝gte den Mutterkuchen dem tr├╝ben Nass hinzu. Gereinigt und ersch├Âpft stiegen Mutter und Kind aus dem Wasser; die grossen M├Ądchen begr├╝ssten das Baby mit K├╝ssen und leuchtenden Augen; immer wieder erkl├Ąrten sie der m├╝den Ruth, wie gut sie das gemacht hatte!
Mit den Augen zum Himmel gerichtet kam dieser Sterngucker zur Welt und Ruth war nicht gerissen.



-- Ende --
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