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Leselupe.de > Kurzprosa
GedankenSplitter
Eingestellt am 22. 06. 2005 22:13


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vicell
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Sie schluckt und w├╝rgt schon den verdammten langen Abend.

Vor einiger Zeit, da gab es einen Menschen in ihrem Leben, der real war.
Der nicht nur in Gedanken, Tr├Ąumen oder B├╝chern existierte, sondern wie ein Komet im nebelverhangenen Berlin auftauchte und zwei Wochen lang ihr Sein ver├Ąnderte.

Ein Mensch weniger allein.

Aber spurlos verschwand ihr Komet und das nun schweigsame Telefon in ihrem Zimmer vibrierte vor Trauer und Erbitterung ├╝ber diese Ungerechtigkeit des Schicksals.

Und das Traurigste: das Leben ging weiter.
Aber die Erinnerungen an Ber├╝hrungen, K├╝sse und Worte sind unerbittlich klar in ihren Gedanken und verblassen nicht.

Sie treiben. Unbarmherzig. Ihre Einsamkeit. Voran.

Und nun sitzt sie in einem Caf├ę und ├╝berlegt, wie sie sich am schnellsten wieder von ihrer Verabredung trennen kann.
Der sympathische, doch geistlose Adonis ihr gegen├╝ber mit seinen schwarzen Locken, den weichen H├Ąnden und nerv├Âsen Knien bringt sie innerlich zur Wei├čglut und samt l├Ąchelt sie ihn an.

Eint├Ânig verstreichen die Minuten und f├╝llen sich nur qu├Ąlend langsam zu Stunden.
Die Zigarettenschachtel auf dem mahagonifarbenen Tisch plustert sich fett auf, als der Adonis schleppend meint, Rauchen w├Ąre ungesund. Ihre Haut w├╝rde altern.

Sie greift eisern zum n├Ąchsten Krebserreger.
Es lebe das Nikotin! jubelt sie innerlich, schweigt und genie├čt.
Der Adonis z├╝ndet h├Âflich ihre todbringende Zigarette an und betrachtet sie ratlos.

Sicherlich hatte er jemanden anders erwartet.
Eine naives P├╝ppchen vielleicht, die vielsagende Blicke wirft, erotischen Stumpfsinn in seine Ohren haucht und das weinrote Caf├ę im alabasterfarbenen Sch├Âneberg in eine gl├╝hende Sexh├Âlle verwandelt.

"Sag mal, was f├╝r einen Eindruck hast du denn eigentlich von mir?", will "the brain" von ihr wissen.

Die Zigarette in ihrer Hand wird urpl├Âtzlich fade und der Latte Macchiato sinkt entt├Ąuscht in sich zusammen.

Es ist lange her, dass sie das Gef├╝hl hatte, nach einer Antwort suchen zu m├╝ssen. Sie ├╝berlegt kurz und entscheidet sich ohne schlechtes Gewissen f├╝r weiteren smalltalk.

"Deine Augen sind wundersch├Ân", erwidert sie nichtssagend und erreicht mit dieser stupiden Wahrheit ihr Ziel.
Er l├Ąchelt geschmeichelt und erleichtert.
"Deine auch!ÔÇŁ, gibt er gro├čz├╝gig zur├╝ck und versinkt wieder in seine Ratlosigkeit zur├╝ck, da nichts weiter von ihr kommt.

"Na ja, ich wei├č nicht, aber unser Telefonat gestern war so, wie soll ich sagen...anders eben...", versucht er es dann erneut.
Sie widmet sich hingebungsvoll dem Macchiato.

Die Distanz ist schmerzhaft greifbar geworden, der Zigarettenrauch entfaltet nun seine heilende Wirkung und h├╝llt sie in k├╝hle Unnahbarkeit.

"Wie findest du mich eigentlich? Gefalle ich dir?"
Er bleibt auf seine Art und Weise hartn├Ąckig.

Ja, wie finde ich dich denn, denkt sie gleichg├╝ltig und bl├Ąst den Rauch und den Adonis vor sich her.

"Gestern am Telefon warst du so sexy. Und unglaublich energiegeladen...", er kann seinen Vorwurf nur schlecht verbergen.

Sie l├Ąchelt schwach und ist pl├Âtzlich dankbar f├╝r die vernebelte Luft im Caf├ę.

"Ach, wirklich", meint sie lustlos und l├Âffelt langsam den Schaum ihres Macchiatto. Ihr wachsendes Desinteresse kann sie kaum noch verbergen.
Sein ged├Ąmpftes Seufzen l├Ąsst sie endlich aufblicken.

Mit gro├čen Augen betrachtet sie den gutgebauten Mann ihr gegen├╝ber und ihre inneren Augen erblicken ein anderes, nie vergessenes Gesicht.
Sie kann die Vergangenheit wieder sp├╝ren, und ihre j├Ąhe Sehnsucht ├╝berw├Ąltigt sie fast.
W├╝tend kneift sie ihre Augen zusammen und zwinkert sich zur├╝ck in die Gegenwart.

Gedanken? W├Ârter? Reden? Kaffee? Den Abend unmerklich ausklingen lassen und den Fluss der Zeit vergessen, in die Gedankenwelten des Anderen eintauchen, sich fallen lassen und N├Ąhe sp├╝ren?
Ja?

Sie will ihre Wut, Entt├Ąuschung und Verbitterung ├╝ber den Verlust ihrer gro├čen Liebe dem unschuldigen und nichtsahnenden Adonis am liebsten ins Gesicht schleudern. Schreien will sie und weglaufen.

Aber sie bleibt sitzen und ihre leise Stimme klingt freundlich, aber bestimmt.

"Ich muss jetzt gehen. Es tut mir leid."

Sein L├Ącheln erlischt - diese Absage hat er verstanden.

Das ├Ąltere Paar am Nachbartisch l├Ąchelt unauff├Ąllig zu ihnen hin├╝ber.
"Was f├╝r ein sch├Ânes PaarÔÇŁ, fl├╝stert die wei├čhaarige Dame ihrem Begleiter zu.

Die Kellnerin tut sich schwer mit dem Wechseln, m├╝de schiebt ihre kleine Hand den Zehn Euro Schein in ihr gro├čes Portemonnaie und ihr wissender Blick begleitet die beiden stummen Menschen bis zur T├╝r hinaus auf die dunkle Strasse.

Der Abschied ist kurz und endg├╝ltig.

Tr├Ąnenlos l├Ąuft sie mit raschen Schritten die endlose Strasse entlang, ohne sich umzudrehen.

Nach Hause.

Endlich wieder allein.

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