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Leselupe.de > Humor und Satire
Gedankenfreiheiten
Eingestellt am 16. 11. 2010 15:27


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Sie randalieren, rasen im Kreis, dann wieder hin und her. SchwindelgefĂŒhle lösen unkontrollierbare Kettenreaktionen aus. Immer und immer wieder. FĂŒr Momente sind sie aufzuhalten, dann rennen sie weiter. Ins Nichts, ins Jetzt und ins Überall dazwischen.
Ich sehne mich nach Ruhe, bin RuhestĂ€ndler. Habe seit gut zwei Jahren als Rentner meinen BĂŒrodienst endgĂŒltig quittiert. Aber sie lassen mich nicht schlafen, diese endlosen Gedankenlavaströme. Ideen-Flutwellen. Aneinander hĂ€ngenden Denkfetzen machen mir jeden Tag und jede Nacht mehr Angst.
Komme ich an Friedhöfen vorbei, beneide ich jene, die dort friedlich begraben liegen. Haben sie es doch hinter sich. MĂŒssen nicht mehr unaufhaltsam denken.
MĂŒsste ich eigentlich auch nicht.
Mit Meditationen habe ich es probiert. Habe versucht, ins buddhistische Nirwana zu fliehen. Doch je mehr ich das Nichts wollte, desto stÀrker schwoll die Gedanken-Flut.
Jetzt, da ich mich bemĂŒhe, sie nicht weiter aufzustauen, fließen die Gedanken unaufhaltsam bei Tag und nachts durch mein Hirn. Manchmal kommt es mir vor wie Folter.
Meine Gedanken sind frei, aber von ihnen befreien kann ich mich nicht.
Bin ich TĂ€ter oder Opfer, Liebender oder voller Hass? Bin ich sowohl als auch oder entweder oder?
Fragen auf Fragen. Aus jeder Antwort entstehen neue.
Alles nur vorlĂ€ufig. Mein Wissen und ich, meine Erfahrung und die Erlebnisse aller, die ich kenne, auch wenn einige ausgesprochene Besserwisser unter ihnen sind, mit denen ich sofort in Streit geraten wĂŒrde, wenn ich bereit wĂ€re, ihn einzugehen.
Ich bin nicht bereit und vermeide dennoch damit nicht jede Auseinandersetzung.
Es ist Wahnsinn, denkt da etwas in mir, das meinen eigenen Gedanken hÀufig genug fremd aber immer auch wieder bekannt ist.
Wie meine Freunde wissen, bin ich Optimist. Meine Angstgedanken aber treiben mich in die grauen Welten der Ungewissheit. Es könnte alles passieren, auch wenn es nahezu unwahrscheinlich ist. Es könnte

Immer orakele ich sie herbei, die Urangst. Sie schleicht sich in meine nahezu erdbebensichere Wohnhöhle. Hinter islĂ€ndischer Vulkanasche wartet gerade wieder der nĂ€chste Weltuntergang in tiefroter Abendröte. KrĂ€hen krĂ€chzen ein Requiem. Und ĂŒbermorgen kommt der Senioren-Kegelclub doch wieder zurĂŒck aus Mallorca.
Meine Gedanken schicken mich in die WĂŒste, in die Sahara und an den SĂŒdpol gleichzeitig. Manchmal darf ich mich auch im schattigen deutschen Wald ausruhen. Einfach so und fĂŒr wenige Momente. Dann nimmt die Gedankenflut die Verfolgung wieder auf.
Nun braucht der Mensch ErklÀrungen. Besonders einer in meinem Zustand:
Im fortgeschrittenen Alter benötigen Mann und Frau irgendwann wieder Windeln. Inkontinenz (lat. Unvermögen), wie es der Gerontologe diskret nennt. Unvermögen meint nicht Mangel an Finanzen, sondern die leidige UnfÀhigkeit dicht zu halten.
Im Alter gibt es offensichtlich viele Arten, nicht mehr ganz dicht zu sein. WĂ€hrend bei gewöhnlicher Inkontinenz der Strom menschlichen Verdauungsflusses gar nicht oder nur bedingt aufzuhalten ist, leide ich offenbar an Hirn-Inkontinenz. Mein Gedankenfluss strömt flutartig ĂŒber alle denkbaren Ufer und Stauwehre hinweg.
Mein Freund Ernst Leuwald, der Dinge ĂŒberdeutlich beim Namen zu nennen pflegt, meinte leidenschaftslos, alte und kranke BĂ€ume treiben, bevor sie eingehen, besonders viele FrĂŒchte. Bei uns MĂ€nnern, klĂ€rte er mich auf, recke sich im Sterben unser Geschlechtsmerkmal demonstrativ als vermeintliche Lebensquelle noch einmal in die Höhe und das bis nach Eintritt des Todes.
Mein Hirn zeigt mit seinem GedankenĂŒberfluss also deutlichst Überlebenswillen.
Jetzt weiß ich allerdings nicht, ob bereits alle hier geĂ€ußerten Gedanken eine Folge jener Überlebensflut sind oder ob das geistige Hochwasser erst noch folgen wird.
Die geistige Inkontinenz lĂ€sst mich jedenfalls nicht schlafen, verhindert jede Art von Konzentration auf mich oder einen gerade gefassten Gedanken, ĂŒberschwemmt ihn mit nachfolgenden Gedanken und reisst ihn weiter und weiter mit sich.
Gerade denke ich, zuviel zu denken, und denke bereits jetzt schon wieder, dass die Gedankenfluten fĂŒr mich als Autor nicht von Nachteil sein mĂŒssen, wenn ich ihnen denn stand halte. NatĂŒrlich möchte ich der Nachwelt ein paar oder auch ein paar weitere Gedanken hinterlassen. Zum Beispiel diesen: Altersweisheit ist Vergesslichkeit, da Alte nur vergessen, welche Dummheiten sie noch begehen wollten. Und wenn ein Gedanke bereits den nĂ€chsten verdrĂ€ngt, leistet er der Vergesslichkeit gehörigen Vorschub.
Ich will mir einfach keine Gedanken mehr ĂŒber meine Gedanken machen.
Da fĂ€llt mir gerade ein, wie sinnlos ZurĂŒckhaltung sein kann. Nun hat meine Mutter ungeheuer viel pĂ€dagogische Energie darauf verwandt, mir vornehme ZurĂŒckhaltung anzuerziehen. Ob das meinem Selbstbewusstsein nĂŒtzte, wage ich nachtrĂ€glich eher zu bezweifeln. Als Schriftsteller benötige ich, um die hĂ€ufigen Durststrecken der Erfolglosigkeit durchzustehen, ein in jeder Hinsicht ĂŒbersteigertes Selbstvertrauen.
Meine altersbedingte Vernunft, die sich in bescheidener Selbstbegrenzung zeigen könnte, ist aus schriftstellerischer Sicht ein lĂ€stiges Hindernis. Die Rolle des verĂŒckten Alten wĂ€re die wesentlich vernĂŒnftigere. Aber wie, wenn ein gehöriges Übermaß an vernunftbedingter Neigung zur Scham allem entgegen steht?
Die Antwort ist einfach: Schamlos werden. Die WĂŒrde des Alters skrupellos entwĂŒrdigen. Eben doch noch schnell jene Dummheiten begehen, vor der die eigene Vergesslichkeit mich schĂŒtzen könnte und ausschließlich die vernĂŒnftigen Anforderungen der Alzheimerschen opfern.
Gelegenheiten, sich als Alter ungewollt zu blamieren gibt es genug. Sich ganz bewusst zu blamieren, verfolgt allerdings eindeutig provokante Absichten.
Es sollte mir einfach nicht mehr peinlich sein, wenn ich Anderen peinlich bin.
Der alte unbekehrbare Egoman ist erreichbar, weder altersmild noch nachdenklich, sowohl sich selbst umkreisend als auch selbst verliebt, ohne Anstand und EhrgefĂŒhl, ein besonders spĂ€t SpĂ€tpubertierender, der nie aus den Flegeljahren heraus will, weil er ewig zu leben gedenkt.
Das wird mir aus rein natĂŒrlichen GrĂŒnden kaum gelingen. Aber ein paar Versuche wĂ€re es dennoch wert.
Allein, als ich heute Morgen mit der Absicht, es endlich zu versuchen, die WohnungstĂŒr hinter mir schwungvoll zuschlug, gab mir das bereits den notwendigen inneren Elan, der mich die Schmerzen in meinen inzwischen recht abgenutzen Kniegelenken vergessen ließ. Ich hĂŒpfte auf der Straße an Nachbarn vorbei, die mit sorgenvoller Miene hinter mir hersahen und sich vielsagend mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn tippten.
„Ja“, rief ich Ihnen zu, „genau da oben im Kopf fĂ€ngt es an!“
Sie nickten. Meinten damit aber selbstverstÀndlich nicht ihre und sondern meine DenkschwÀche..
Besonders glĂŒcklich wĂ€re ich, wenn meine Ă€lteste, inzwischen elfjĂ€hrige Enkelin, die in der ersten Klasse des Gymnasiums auf Wunsch ihrer ehrgeizigen Eltern bereits an ihre Zukunft denken und Höchstleistungen bringen muss, ihrer Mutter (meiner Tochter) bestĂ€tigte: „Opa spinnt. Das find ich echt krass!“
Und dann hat sie auch noch die Chance, etwas von mir zu lernen, bevor ich ihrer Mutter gestehe, dass ich gedenke, mir die VolljÀhrigkeit wieder aberkennen zu lassen.
Ja, sie randalieren, rasen im Kreis und hin und her. SchwindelgefĂŒhle lösen unkontrollierbare Kettenreaktionen aus. Immer und immer wieder.
Vielleicht ist es auch nur der Blutkreislauf. Wobei gewisse SchwindelgefĂŒhle im FrĂŒhling durchaus angenehm sein können.
Ich werde auf den FrĂŒhling warten und meine Gedanken jetzt schon mit ihm beginnen lassen.



__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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