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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gedankenpausen
Eingestellt am 13. 01. 2003 17:50


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titatom
???
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seltsame Gedankenpausen

zweite Version, dank Zefiras selbstloser Hilfe √ľberarbeitet


seltsame Gedankenpausen

Es war stets die gleiche Situation. Der gleiche Weg zu diesem verw√ľnschten Telefon am Ende der stillgelegten Halle. Die alte Fabrik war heruntergekommen, verstaubt und kaum noch beleuchtet. Es war wie immer viel zu dunkel, um die Weite und H√∂he nur ann√§hernd absch√§tzen zu k√∂nnen. Er kannte auch nicht die Gr√∂√üe des gesamten Geb√§udekomplexes. Es war ihm egal, wo die Halle endete. Wichtig war das Telefon, dessen orangerote Glimmlampe signalisierte, dass sein Anruf geh√∂rt wurde. Solange das Signal leuchtete, nahm am anderen Ende der Leitung sicher jemand den H√∂rer ab und hatte stets ein offenes Ohr und eine Antwort auf seine Fragen. Es war inzwischen zur Routine geworden, beil√§ufig auf die stets glimmende Lampe zu blicken und zugleich die Nummer zu w√§hlen. Erst im Laufe der Zeit fiel sein Blick w√§hrend der Gespr√§chspausen auf den unscheinbaren Klingelknopf links neben der W√§hlscheibe, der seiner Patina nach zu schlie√üen wohl schon immer hier installiert gewesen sein musste. Eine Art Schale aus glattem Messingguss, b√ľndig mit der Wand verputzt. In der Mitte ein Bakelitknopf, rund herum reiche Verzierungen mit Jugendstilelementen und einer geschwungenen Gravur, auf der auch im fahlen Licht der Halle noch ‚ÄěENDE‚Äú zu lesen war.

Seine Fragestellung an das Telefon war anfangs r√ľcksichtsvoll, jeder Satz wurde wohl √ľberlegt gew√§hlt. Er liebte den angenehmen Klang dieser Stimme und sah deshalb dar√ľber hinweg, dass das Zuh√∂ren gut tat, aber viele seine Fragen unbeantwortet blieben. Die Stimme tat nicht sonderlich weh, sie hatte nie gelernt, weh zu tun zu m√ľssen. Inzwischen st√∂rte ihn die Leere der Antworten aber mehr und mehr. Die Worte vom anderen Ende der Leitung, denen stets diese seltsamen Gedankenpausen vorher gingen, waren bei jedem Gespr√§ch etwas anders perfekt formuliert, inhaltlich jedoch austauschbar. Er konnte keinen Sinn darin erkennen, auf eine klare Frage keine klare Antwort zu erhalten. Er hatte inzwischen doch in Dutzenden Telefonaten unmissverst√§ndlich nachgefragt. Seine S√§tze wurden im Laufe der Zeit direkter und aggressiver, sie n√§herten sich eher einer zynischen Vernehmung denn der freundlichen Bitte um Information. Er musste bald aus eigenen St√ľcken eine Entscheidung treffen. Und doch war es f√ľr ihn wie ein Zwang, wie eine Manie, noch einmal diese Nummer zu w√§hlen und abermals nachzufragen.

In dem kahlen Raum, in dem der andere Apparat stand, hing lediglich eine alte, verstaubte H√§ngelampe von der Decke, deren Licht gerade ausreichte, um das Telefon auf einem kleinen Tisch in ein fahles Licht zu h√ľllen. Eine Hand tauchte hin und wieder aus dem Schatten heraus in den Lichtkegel, um in eine gro√üe Kiste neben dem Tisch und dem Telefon zu greifen, mit Daumen und Zeigefinger etwas Kosmetikwatte heraus zu zupfen, um w√§hrend des Telefonierens gedankenverloren eine etwa nussgro√üe, harte Wattekugel zu formen. Die Wattekugel schien keinen besonderen Sinn zu haben, eher Langeweile oder Zeitvertreib, um sich vom Telefongespr√§ch abzulenken. Und jedes Mal, wenn der Kopf, der zur Hand geh√∂rte, das Gespr√§ch am Telefon f√ľr eine Gedankenpause unterbrach, warf die Hand die Kugel gekonnt in eine blecherne √Ėffnung. Der feste Watteball kugelte kaum h√∂rbar durch den Trichter und verschwand in einem Labyrinth von Rohren.

Auch diesmal war er wieder w√ľtend √ľber sein Unverm√∂gen, hatte die Nase gestrichen voll und den H√∂rer bereits zu einem wieder mal allerletzten Gespr√§ch in der Hand, als er spontan innehielt, um erstmals bewusst jenen Klingelknopf zu betrachten. Er fl√ľsterte beim Lesen der Gravur das Wort ‚ÄěENDE‚Äú vor sich hin und starrte weiterhin gedankenverloren auf den gravierten Schriftzug. Nach einer Weile dr√ľckte er den Knopf. Ein, zwei Sekunden lang schien nichts zu passieren. Jetzt vernahm er ein leises Klicken und sah sich in der halbfinsteren Halle um. Das Ger√§usch ver√§nderte sich in ein Rauschen. So als ob ein Gewittersturm rasch naht, dachte er sich und blickte nach oben. In diesem Moment traf ihn ein in Jute eingewickelter, zentnerschwerer Ballen genau auf die Stirn. In Sekundenbruchteilen presste die immense Wucht des Aufpralls seinen Kopf in den Nacken und zerschmetterte den zweiten und dritten Halswirbel zu einem offenen Bruch. Ein spitzer Knochensplitter durchtrennte einem Skalpell gleich das R√ľckenmark und er ging unter dem riesigen Ballen kerzengerade zu Boden. Er war bereits tot, noch bevor sein Sch√§del auf dem Beton aufschlug und der riesige Packen den schlaffen K√∂rper vollst√§ndig unter sich begrub,. Es herrschte Totenstille. Aus dem √ľbermannshohen, aufgerissenen Ballen kullerte eine Hand voll Wattekugeln herunter und rollte leise √ľber den Betonboden.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Lieber titatom,

ich fange an, Deine Texte zu lieben. Sie sind skurril, gruselig und völlig frei von unnötigen Erklärungen .

In diesem bist Du ein wenig zu gro√üz√ľgig mit Adjektiven und F√ľllw√∂rtern. Ich habe die Geschichte durchlektoriert und hoffe, ich trete Dir damit nicht zu nahe. Im Prinzip finde ich die Geschichte n√§mlich sehr gelungen!


Es war stets die gleiche Situation. Andauernd der gleiche Weg zu diesem verw√ľnschten Telefon am Ende der stillgelegten Halle. Die alte Fabrik war heruntergekommen, verstaubt und kaum noch beleuchtet. Es war wie immer viel zu dunkel, um die Weite und H√∂he nur ann√§hernd absch√§tzen zu k√∂nnen. Er kannte auch nicht die Gr√∂√üe des gesamten Geb√§udekomplexes. Es war ihm im Grunde auch egal, wo die Halle endete. Wichtig f√ľr ihn war das Telefon, dessen orangerote Glimmlampe signalisierte, dass sein Anruf geh√∂rt wurde. Solange das Signal leuchtete, nahm am anderen Ende der Leitung sicher jemand den H√∂rer ab und hatte stets ein offenes Ohr und eine Antwort auf seine Fragen. Es war inzwischen zur Routine geworden, beil√§ufig auf die stets glimmende Lampe zu blicken und zugleich die Nummer zu w√§hlen. Erst im Laufe der Zeit fiel sein Blick w√§hrend der Gespr√§chspausen auf den unscheinbaren Klingelknopf links neben der W√§hlscheibe, der seiner Patina nach zu schlie√üen wohl schon immer hier installiert gewesen sein musste. Eine Art Schale aus glattem Messingguss, b√ľndig mit der Wand verputzt. In der Mitte ein Bakelitknopf, rund herum reiche Verzierungen mit Jugendstilelementen und einer geschwungenen Gravur, auf der auch im fahlen Licht der Halle noch ‚ÄěENDE‚Äú zu lesen war.

Die Art Seine Fragestellung an das Telefon war anfangs r√ľcksichtsvoll, jeder Satz wurde wohl √ľberlegt gew√§hlt. Er liebte den angenehmen Klang dieser Stimme und sah deshalb dar√ľber hinweg, dass nur das Zuh√∂ren gut tat, aber viele seine Fragen unbeantwortet blieben. Die Stimme tat nicht sonderlich weh, sie hatte es nie gelernt, weh zu tun zu m√ľssen. Inzwischen st√∂rte ihn die Leere der Antworten aber mehr und mehr. Die Worte vom anderen Ende der Leitung, denen stets diese seltsamen Gedankenpausen vorher gingen, waren bei jedem Gespr√§ch etwas anders perfekt formuliert, inhaltlich jedoch austauschbar. Er konnte keinen Sinn darin erkennen, auf eine klare Frage keine klare Antwort zu erhalten. Er hatte inzwischen doch in Dutzenden Telefonaten zahlreich und unmissverst√§ndlich nachgefragt. Seine S√§tze wurden im Laufe der Zeit direkter und aggressiver, sie n√§herten sich langsam eher einer zynischen Ermittlung, einer Vernehmung denn der freundlichen Bitte um Information. Er musste nur bald aus eigenen St√ľcken eine Entscheidung treffen. Und doch war es f√ľr ihn wie ein Zwang, wie eine Manie, noch einmal diese Nummer zu w√§hlen und abermals nachzufragen.

In dem kahlen Raum, in dem der andere Apparat stand, hing lediglich eine alte, verstaubte H√§ngelampe von der Decke, deren Licht gerade ausreichte, um das Telefon auf einem kleinen Tisch in ein fahles Licht zu h√ľllen. Lediglich eine Hand tauchte hin und wieder aus dem Schatten heraus in den Lichtkegel, um in eine gro√üe Kiste neben dem Tisch und dem Telefon zu greifen, mit Daumen und Zeigefinger etwas Kosmetikwatte heraus zu zupfen, um w√§hrend des Telefonierens gedankenverloren eine etwa nussgro√üe, harte Wattekugel zu formen. Die Wattekugel schien keinen besonderen Sinn zu haben, eher Langeweile oder Zeitvertreib, um sich vom Telefongespr√§ch abzulenken. Und jedes Mal, wenn der Kopf, der zur Hand geh√∂rte, das Gespr√§ch am Telefon f√ľr eine Gedankenpause unterbrach, warf die Hand die Kugel gekonnt in eine blecherne √Ėffnung. Der feste Watteball verschwand mit einem dumpfen, leiser werdenden Ger√§usch in der Dunkelheit eines Rohres. Da stolpere ich. Ein Watteball macht ein dumpfes, blechernes Ger√§usch‚Ķ? Bei mir nicht‚Ķ

Auch diesmal war er wieder w√ľtend √ľber sein Unverm√∂gen, hatte die Nase wieder gestrichen voll und den H√∂rer bereits zu einem wieder mal allerletzten Gespr√§ch in der Hand, als er spontan innehielt, um erstmals bewusst jenen merkw√ľrdigen Klingelknopf zu betrachten. Er fl√ľsterte beim Lesen der Gravur das Wort ‚ÄěENDE‚Äú vor sich hin und starrte weiterhin gedankenverloren auf den gravierten Schriftzug. Nach einer Weile dr√ľckte er den Knopf. Ein, zwei Sekunden lang schien nichts zu passieren. Jetzt vernahm er ein leises Klicken und sah sich in der halbfinsteren Halle um. Das Ger√§usch ver√§nderte sich in ein undefinierbares Rauschen. So als ob ein Gewittersturm rasch naht, dachte er sich und blickte nach oben. In diesem Moment traf ihn ein in Jute eingewickelter, zentnerschwerer Ballen genau auf die Stirn. In Sekundenbruchteilen presste die immense Wucht des Aufpralls seinen Kopf in den Nacken und zerschmetterte den zweiten und dritten Halswirbel zu einem offenen Bruch. Ein spitzer Knochensplitter durchtrennte einem Skalpell gleich das R√ľckenmark und er ging unter dem riesigen Ballen kerzengerade zu Boden. Er war bereits klinisch tot, noch bevor sein Sch√§del auf dem harten Beton aufschlug und der riesige Packen den schlaffen K√∂rper vollst√§ndig unter sich begrub,. Es herrschte Totenstille. Aus dem √ľbermannshohen, aufgerissenen Ballen kullerte eine Hand voll Wattekugeln herunter und rollte leise √ľber den Betonboden.



Gef√§llt mir! Es h√§tte allerdings auch umgekehrt kommen k√∂nnen. Manchmal m√∂chte ich nach dem zwanzigsten "F√ľr Elise" oder Vivaldi-Thema auch anfangen, mit Watteb√§uschen zu werfen...

Liebe Gr√ľ√üe,
Zefira

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titatom
???
Registriert: Dec 2002

Werke: 10
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Liebe Zefira,

es ist ja immer ein Kompromiss zwischen all der Aussagekraft, den man in eine Geschichte hineinstopfen will und der Verpackung in eine fl√ľssige Schreibe. Hier nochmal die von dir redigierte Version.

Herzlichen Dank
Tom

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
Kommentare: 1979
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Jetzt gefällt es mir auch. Heftig und gut, ich hoffe, wir lesen noch mehr in dieser Art von dir.

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