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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gedankenspinnereien von Mira
Eingestellt am 01. 07. 2011 12:41


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Lio
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Ich setze mich auf die zweitunterste Stufe und zĂĽnde mir eine Zigarette an. Nehme einen tiefen Zug.
„Warum kommst du nicht mit?“ Alle stehen um mich herum. „Mira, sei kein Frosch!“. Ein paar von Ihnen gehen schon vor zum Strand, die anderen bleiben bei mir und versuchen mich weiter zu überreden. „Hast du die Wellen nicht gesehen? Komm doch mit?“
„Aber nur bis zum Strand“, sage ich schließlich, „weiter nicht“.
Die Wellen sind mindestens vier Meter hoch. Riesige, keuchende Ungeheuer, die uns entgegen rollen. Im Wasser ist niemand und es dämmert schon. Die anderen reißen sich die Klamotten von den Leibern. Bald wimmelt es um mich herum von nackten Pos, Brüsten, herunterbaumelnden Penisen. Ich will mich nicht ausziehen.
Ich rauche. Irgendwer kommt von hinten die Treppe hinunter.
„Mira, kommst du noch mal herein!“. Ich drehe den Kopf ein Stück und kann aus den Augenwinkeln sehen, dass es einer der Beamten ist; werfe die Kippe auf den Boden, trete sie aus und stehe auf.
Die meisten sind schon im Wasser, nur ein schlankes Mädchen mit sehr braungebrannter Haut steht noch neben mir. Ganz klein sehen die anderen zwischen den Wellen aus.
„Irgendwie ist mir das zu krass“, sagt sie. Ich nicke langsam und folge meinem Kopf in Gedanken nach oben und wieder hinab.
„Woher kommst du?“
„Aus Hamburg“, antworte ich.
„Genaue Adresse?“ Der Beamte schaut mich stirnrunzelnd über seine Brille hinweg an. Das war jener Beamte, der vorhin noch „jedes Jahr so ein Mist“ geschimpft hatte.
„Ruderstraße 64, 20952 Hamburg“, sage ich.
Einer kommt aus dem Wasser. Er rennt auf uns zu, dabei klatscht sein Penis gegen die Oberschenkel. Er lacht. „Was ist mit euch beiden?“, ruft er uns entgegen, „die Wellen sind sowas von geil“.
Er streckt uns seine Hände hin, das Mädchen neben mir ergreift zögerlich die linke, ich sage: „nee, ich will noch ein bisschen leben“. Er lacht wieder und zieht das Mädchen mit sich. Zu zweit rennen sie zurück zum Meer.
„Und was ist dann passiert? Mensch, jetzt lass´ dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“. Der bebrillte Beamte klingt nicht wirklich ärgerlich, eher bekümmert.
„Dann sind sie alle dort zwischen den Wellen gewesen, vielleicht zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde. Als sie ´raus kamen, haben zwei gefehlt. Das war alles.“
Der Beamte schüttelt wieder mit dem Kopf. Er hat das schon oft gemacht. „Wie kann man nur so blöd sein“, hat er vorhin gesagt.
Die anderen haben sich ihre Sachen wieder angezogen. Sie sind trotzdem noch vollkommen durchnässt. Niemand sagt etwas. Es ist Nacht geworden, kalt, und der Wind hat zugenommen.
„Vielleicht sind sie ja an einer anderen Stelle ´rausgegangen“, sagt einer der Jungs. „Die kommen bestimmt noch“. Jeder in der Gruppe will das glauben, deshalb beschließen sie zurückzugehen.
„Kommst du mit?“, fragt mich das Mädchen mit der braungebrannten Haut.
„Ich bin doch nicht bescheuert“, antworte ich.
Wir entfernen uns voneinander. Sie gehen in Richtung des Camping-Platzes, ich in Richtung der brandenden Wellen, suche den Strand ab, rufe: „Könnt ihr mich hören“.
Als ich ganz nah beim Wasser stehe, ist auf einmal ein Ehepaar neben mir.
„Que pasó?“, fragt der Mann. Er klingt aufgeregt. „No me lo digas que se bañen?“ Sofort zieht er sein Handy aus der Tasche und redet schnell und hektisch. Ich verstehe nur „Playa Piña“ und „emergencia“.
Der Mann bleibt bei mir, seine Frau rennt in die Richtung zurĂĽck aus der sie gekommen sind.
„Desde cuando están dentro?“, fragt der Mann, aber ich verstehe ihn nicht. „Tiempo?“, ruft er lauter, so als läge es an meinen Ohren, „Cuanto tiempo?“.
Wenig später ist der Rettungsdienst da. Dann kommt auch die spanische Polizei. Sie suchen mit Halogenstrahlern das Meer ab und die Polizisten reden die ganze Zeit auf mich ein.

Wir sitzen im Bus und warten auf unseren Team-Leiter. Er muss noch die Campingplatz-Gebühr zahlen. „Das wird arge Konsequenzen für ihn haben“, hatte der Polizist beim Abschied gesagt. „Ihr seid noch nicht volljährig“.
Keiner im Bus sagt etwas. Schon seit heute Morgen wird nur das nötigste gesprochen. Weil unser Teamleiter noch immer nicht in Sicht ist, gehe ich nach draußen. Die Campingplatz-Rezeption ist in einem kleinen Häuschen untergebracht, eine schmale Treppe führt nach oben. Ich setze mich auf die zweitunterste Stufe und zünde mir eine Zigarette an.

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