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Leselupe.de > Kurzprosa
Gedankensplitter
Eingestellt am 22. 09. 2004 18:06


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Alina
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Registriert: May 2004

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Unter dieser Überschrift werden in unregelmĂ€ĂŸigen ZeitabstĂ€nden sehr kurze Geschichten veröffentlicht, die keinen Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit und allseitige Abarbeitung eines Themas erheben.
Sie sind vielmehr dazu gedacht, den Leser zu eigenen Gedanken anzuregen, seine Phantasie zu beflĂŒgeln oder Erinnerungen wach zu rufen.



Sonntagmorgen im September


Wieder einmal ist die Woche vorbei- Sonntag.
Ich decke den FrĂŒhstĂŒckstisch mit butterblumenfarbenen Geschirr .
Der Wasserkocher summt leise vor sich hin.
Durch das geöffnete Fenster dringt Lerchengesang - Es riecht nach frischem Heu.
FrĂŒhsommeratmosphĂ€re breitet sich in meiner KĂŒche aus.
Doch der Blick auf den Kalender belehrt mich eines Besseren.
Es ist bereits Mitte September.
Das Heu ist nicht die FrĂŒhjahrsmahd- es ist Grummet.
KĂŒrzer werden die Tage.
Wenig spĂ€ter löffle ich den Dotter aus meinem geköpften Ei und denke darĂŒber nach, wie leicht sich doch unsere Sinne von sonnigen Farben, ungewohnten GerĂŒchen und dem Gesang eines Vogels tĂ€uschen lassen.



Nachtgedanken


Ich erwache fast ĂŒbergangslos. Über meinem Kopf hebt sich das Viereck des Dachfensters vom schwarzen Rest der Zimmerdecke ab.
UnzĂ€hlige Sterne ziehen auf der Milchstraße ihre Bahn.
Kater Paul hockt auf dem Kopfkissen neben mir und starrt mich mit seinen bernsteinfarbenen rÀtselhaften Augen an.
Als mein kleiner „Haustyrann“ bemerkt, dass ich endgĂŒltig der Traumwelt entflohen bin, streckt er sich und springt vom Bett herunter.
Er will nach Katzenart ins Freie.
WĂ€hrend ich mir einen Bademantel ĂŒberziehe und noch etwas benommen nach den Schuhen suche, muss ich plötzlich an Dich denken.
Ich frage mich, ob Du jetzt ebenfalls aufgewacht bist, auf den Hof gehst und zu den Sternen empor schaust.
Und indem ich mir diese Fragen stelle, spĂŒre ich , wie sehr Du mir fehlst.



Rapunzel


An einem langen schwarzen Zopf hast Du Dich emporgehangelt, Dein Licht verschĂŒttet und Rosen vor fremden TĂŒren abgelegt.
Alle Anstrengungen nur fĂŒr einen schrĂ€gen Blick aus grĂŒngesprenkelten Katzenaugen!
Wer denkt dabei schon an Gotelinde, die unbeachtet im Schatten steht,
und Dich liebt, seit dem sie Dich das erste Mal sah?
Auch MÀrchen können auf ihre Art grausam sein.



Straftatbestand


Unverhofft standst Du heute vor meiner TĂŒr.
Dein blond-braunes Haar war mit Pulvergeruch gesÀttigt.
Ich hasse diese SchieĂŸĂŒbungen, obwohl sie zu unserem beruflichen Alltag gehören.
Als Du mich spÀter in die Arme nahmst, war das alles nicht mehr wichtig.
Es zÀhlte nur der Moment.
Wieder einmal haben wir der Zeit ein Schnippchen geschlagen- uns kostbare Stunden fĂŒreinander gestohlen.
FĂŒr diesen Straftatbestand wĂŒrde ich gern mit Dir auf Jahre in eine Zelle gehen.



Sonntagsruhe


Du liegst ausgestreckt auf dem Sofa- schlÀfst entspannt.
Kater Paul hat sich an Deine FĂŒĂŸe gekuschelt und schnurrt leise vor sich hin.
Es ist Sonntag- der siebte Tag, an dem alle Arbeit ruhen sollte.
Ich komme gerade von der FrĂŒhschicht nach Hause.
Leise, um dich nicht zu wecken, setze ich mich auf den Sessel neben Dir und betrachte Dich. Ich sehe Deine ersten grauen HÀrchen an der SchlÀfe, die senkrechten Falten hinter dem Ohr.
Was wĂŒrdest Du sagen, wenn ich mich jetzt einfach zu Dir lege?
HĂ€ttest Du dann noch Appetit auf Kaffee und mitgebrachte Sahnetorte?



Kirmes


Herbstzeit- Erntezeit.
In der Lausitz feiert man allerorten Kirmes.
Ich schlendere ziellos zwischen den StÀnden umher, beobachte das Treiben auf dem Karussell und höre eine Kapelle die in dieser Gegend beliebte Annemarie-Polka anstimmen.
Von irgendwo her steigt mir der Geruch von frisch gebackenem Apfelkuchen in die Nase.
Plötzlich sehe ich die nimmermĂŒden HĂ€nde meiner Großmutter vor mir. Sie beherrschte die Kunst, Äpfel in einem Zug so zu schĂ€len, dass am Ende von den Schalen nur noch Spiralen ĂŒbrig blieben .
Die fertigen Apfelspalten ordnete Großmutter dachziegelartig auf dem Teig an. Zum Schluss streute sie noch Rosinen darĂŒber.
Großvater schob dann das Blech in die dafĂŒr extra beheizte alte Kochmaschine in der SommerkĂŒche.
Um mich herum den LĂ€rm vergessend, stehe ich wieder im Hof meiner Kindheit, tolle mit meinen Freunden unter der alten Linde und schmecke das einzigartige Aroma unbeschwerter Ferientage.



Erinnerungen


Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich regelmĂ€ĂŸig an einem der neu entstandenen Seen in meiner Umgebung vorbei. FĂŒr mich sind sie jedoch nicht nur mit Wasser, sondern mit vielen Erinnerungen gefĂŒllt.
Noch immer sind an den Ufern die Spuren jener Eimerkettenbagger zu erkennen, die sich vor nicht all zu langer Zeit durch Erdschichten fraßen. Meter fĂŒr Meter wurde der Boden umgewĂ€lzt.
Einziges Ziel war die Braunkohle - begehrter Rohstoff und Futter fĂŒr die Kessel der Kraftwerke in der Umgebung.
Jetzt werden diese Narbe im Gesicht der Erde getilgt, die Restlöcher geflutet.
Überall hat sich Buschwerk angesiedelt, Schilf an flachen StrĂ€nden Fuß gefasst. Inseln heben sich dort aus dem Wasser, wo frĂŒher steile Abraumkippen die Mondlandschaft ĂŒberragten.
Besonders abends, wenn das Licht der Sonne schrÀg auf die WasseroberflÀche fÀllt, erscheint das Bild geradezu unwirklich.
Eine Idylle breitet sich aus, wo noch vor wenigen Jahren Hunderte von Menschen Tag und Nacht arbeiteten.
UnzĂ€hlige Male erklomm auch ich die steilen HĂ€nge des Tagebaus, um WasserstĂ€nde fĂŒr den weiteren Fortgang der Braunkohleförderung zu messen. Am Feierabend stand ich dann mit schmerzenden Waden und zitternden Knien auf den HĂŒgeln, unter mir in 50 oder 60 m Tiefe die Kohlebagger.
Nur ein aufmerksamer Besucher sieht heute die kĂŒnstlich geschaffenen Konturen dieser Landschaft.
WÀlder entstanden auf einst kahlen FlÀchen, Wege wurden angelegt.
Ich trauere der Vergangenheit nicht nach.
Manchmal jedoch frage ich mich, ob in ein paar Jahren noch jemand an uns denken wird- an unsere MĂŒhen, die Freude und den Stolz am Schichtende, wenn das Tagessoll wieder einmal erfĂŒllt war.

Wird das Wasser auch diese Erinnerungen mit sich nehmen ?


Meinungsverschiedenheit


Heute haben wir uns am Telefon gestritten.
Es ging um eine Kleinigkeit- Ein Wort ergab das andere.
Unsere SĂ€tze flogen aufeinander zu, kreuzten sich und trugen ihren Kampf miteinander aus.
Deine Stimme wurde hart.
Es tat mir weh, Dich so zu hören.
Gern hÀtte ich Dir, trotz des Streites, ins Gesicht gesehen.
Ich wĂ€re auf Dich zugegangen, hĂ€tte Deine HĂ€nde genommen und um meine HĂŒften gelegt.
Doch die Entfernung zwischen uns ließ dies alles nicht zu.
So blieb mir am Ende nur zu schweigen.
Es dauerte lange, ehe Du bemerktest, dass ich Dir nicht mehr antwortete.
Plötzlich trat eine Stille ein, die schwerer wog, als alles vorher Gesagte.
Ich hörte weder Deinen Atem, noch irgendein anderes GerÀusch.
Nur mein eigener Herzschlag rauschte in den Ohren.
In dieser kurzen Zeitspanne sah ich Dich vor mir.
Wo waren das Licht und die WĂ€rme, die ich sonst bei Deinem Anblick verspĂŒrte?
Wir verabschiedeten wir uns kurz, ohne weitere GefĂŒhle zu Ă€ußern.
Kann es sein, dass wir heute nicht nur rÀumlich voneinander entfernt waren- die Distanz zwischen uns zunimmt?











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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo Alina,


rein formal ist es prima, dass nun deine Gedankensplitter hier zusammengefasst sind. Ich finde den „Strafbestand“ sehr schön, schon wegen dieser Mischung aus Symbolik und RealitĂ€t. Es ist eine kleine Form des Symbolismus, die immer wieder geerdet wird.

Bei der „Meinungsverschiedenheit“ muss es wohl heißen: ein Wort gab das andere statt ergab das andere.

An der „Erinnerung“ gefĂ€llt mir das Thema, das ich sehr gut als nun in Leipzig Wohnender kenne. Jedenfalls gibt es hier Unmengen von gefluteten und zu flutenden Tagebaulöchern. In zehn Jahren haben wir in dieser Gegend mehr Seen als in Finnland.

Beste GrĂŒĂŸe

Monfou

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Alina
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Registriert: May 2004

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RE: Gedankensplitter

Vielen Dank fĂŒr Deine Kommentare zu meinen "Gedankensplittern" Monfou.
Jetzt, wo ich noch einmal alle Kurzgeschichten ganz in Ruhe durchgelesen habe, fallen mir die von Dir angesprochenen Passagen auch auf.
Ich sollte vor dem Veröffentlichen noch genauer hinsehen.

Liebe GrĂŒĂŸe

Ilona
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