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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gefangen
Eingestellt am 03. 02. 2014 17:17


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DocSchneider
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Das gro├če Tor schlie├čt sich hinter uns. Wir - eine Gruppe Firmlinge und ich - wissen, dass wir in ein paar Stunden wieder raus d├╝rfen. Im Gegensatz zu den m├Ąnnlichen jugendlichen Gefangenen, denen wir gleich begegnen werden.

Ich war schon einmal hier und kenne das Procedere: Alles abgeben, Taschen, Schl├╝ssel, Handys und vor allem die Papiere. Sofort f├╝hlt man sich rechtlos. Vogelfrei. Nur das nach Absprache mitgebrachte Geb├Ąck darf passieren.

Die Jugendlichen sind nerv├Âs. Wie wird das sein, im Gef├Ąngnis? Was werden die Gefangenen sagen? Wie sollen sie sich unterhalten?

Der Gef├Ąngnispfarrer kommt, gebeugt gehend von der Last seiner Aufgabe. Ein moderner Heiliger. Er wird den Jugendlichen zeigen, wie Kirche ihre Aufgaben wahrnimmt.

T├╝ren aufschlie├čen, zuschlie├čen, einen Gang entlanggehen, wieder T├╝ren aufschlie├čen, zuschlie├čen. Schl├╝sselklappern. St├Ąndig. Das ist der erste Eindruck.

Der Eintritt in das Hauptgeb├Ąude ist ein Schock: G├Ąnge und Treppen aus Gitterrosten, einsehbar, ├╝berall Wachpersonal, Zellent├╝ren. Grelles Neonlicht. Hier gibt es keinen Weichzeichner mehr.

Einige Zellent├╝ren stehen offen. Gejohle der Gefangenen angesichts der M├Ądchen, die sich in unserer Gruppe befinden. "Nicht hinsehen, weitergehen", sagt der Pfarrer. "Ich f├╝hre euch schon mal in die Kapelle und bringe dann die Gefangenen hinein. Sie erfahren erst jetzt, wer an diesem Event teilnehmen darf. Das ist etwas Besonderes. Sie werden sich von ihrer besten Seite zeigen."

In der Kapelle nehmen wir auf w├╝rfelf├Ârmigen Sitzkissen in der ersten Reihe Platz. Wir werden uns nicht umdrehen. Gefangene sind keine Zootiere.

Jesus h├Ąngt in Ketten am Kreuz. Gefangen auch er.

Nachdem der Pfarrer einige Gefangene hineingebracht hat, h├Ąlt er einen kurzen Wortgottesdienst. Spricht von Jesus, der auch ganz unten war. Vom Vater verlassen - von Gott. Der seinen Weg trotzdem gegangen ist.

Man sp├╝rt die Ohnmacht des Pfarrers. Ich wei├č, dass er versucht, den Gefangenen eine klitzekleine Heimstatt zu geben. Bei ihm d├╝rfen sie offen sein, er bietet ihnen einen gesch├╝tzten Raum. Er erz├Ąhlt nichts weiter. Wenn er nur einem helfen kann, hat sich seine Arbeit schon gelohnt, wird er sp├Ąter sagen.

Er spricht ├╝ber die Teufelskreise aus Armut, Arbeitslosigkeit, schlechtem sozialen Umfeld, Abrutschen in die Kriminalit├Ąt, Drogenmissbrauch und dadurch verursachte Beschaffungskriminalit├Ąt, ├╝ber Perspektivlosigkeit.

"Werft euer Leben nicht weg" - dieser Satz bleibt h├Ąngen. Zum Abschluss beten wir das Vaterunser.

Anschlie├čend gehen alle in einen Aufenthaltsraum. Fleckige Tische, abgenutzte St├╝hle und B├Ąnke. Es gibt Kaffee und die stark rauchenden Gefangenen machen sich ├╝ber die Pl├Ątzchen her. Ein ungewohnter Luxus f├╝r sie.

Wir mustern uns gegenseitig. Schlie├člich beginnt einer der Insassen ein Gespr├Ąch. Was Firmung sei, will er wissen. Er habe es schon mal geh├Ârt. In einem fr├╝heren Leben.

Im Gegenzug wollen wir erfahren, wie der Alltag im Gef├Ąngnis aussieht. Und nun gibt es kein Halten mehr. Es entspinnen sich lebhafte Dialoge. "Ihr k├Ânnt alles machen", sagt ein Gefangener sehns├╝chtig, "einfach so Pizza essen.....Das w├╝rde ich als erstes machen, wenn ich drau├čen w├Ąre!"

Einer br├╝stet sich mit seinen begangenen Taten und erz├Ąhlt stolz von seiner Knastkarriere. Vor allem, da er eine Familientradition fortf├╝hrt: Auch Opa und Vater waren schon da. Nun er. Und sein Sohn ist vier Monate alt - sein Vater ist siebzehn.

Die Firmlinge machen gro├če Augen. Das alles passt nicht in ihr beh├╝tetes Weltbild. Drogen? Noch nie genommen. Kriminell geworden? Wir doch nicht!

Ich wende mich dem neben mir Sitzenden zu. Ein junger Mann, sehr gepflegt, unentwegt an einer Zigarette ziehend. Er erz├Ąhlt mir, dass er kurz vor dem Fachabitur stand, als er straff├Ąllig wurde. "Jetzt habe ich mir alles verbaut", sagt er leise.

Mir rutscht heraus: "Was hast du gemacht?"

Er schaut auf seine H├Ąnde. "Fragen Sie ruhig", antwortet er. "Ich habe jemanden umgebracht."

Ich muss schlucken. Er sieht so ..... normal aus. Aber das ist hier kein Kriterium. Ein Bekannter, der im Strafvollzug arbeitet, hat mir erkl├Ąrt, dass die M├Ârder immer wie die Normalsten aussehen.

Der junge Mann berichtet mir stockend seine ganze Geschichte. "Ich habe einen Polizisten im Affekt erschlagen und nun habe ich ganz schlechte Karten." Ich kann nichts sagen, h├Âre nur zu.

Nach ├╝ber zwei Stunden kommt der Pfarrer zur├╝ck und beendet unsere Zusammenkunft. Es werden keine Namen oder Adressen getauscht. Alles bleibt anonym. Aus gutem Grund, denn schon manches M├Ądchen war von einem m├Ąnnlichen Gefangenen sehr beeindruckt. Anschlie├čend sprechen wir noch eine halbe Stunde mit dem Pfarrer ├╝ber seine Arbeit.

Alle sind in sich gekehrt und bedr├╝ckt. Wie gut geht es den Firmlingen - und mir auch. Ich habe kein Kind im Gef├Ąngnis.

Wir bekommen unsere pers├Ânlichen Dinge zur├╝ck und fahren nach Hause. Niemand spricht. Alle h├Ąngen ihren eigenen Gedanken nach.

Abends im Bett verfolgen mich die Augen des jungen Mannes, der ein M├Ârder ist. "Vergessen Sie mich nicht", hat er beim Abschied gesagt und meine Hand einen Moment gedr├╝ckt.



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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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