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Leselupe.de > Kurzprosa
Gefrorener Schnee
Eingestellt am 28. 02. 2005 13:29


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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Ich mag gefrorenen Schnee nicht.
Er ist nicht mehr so unschuldig wie der gl├Ąnzende, weisse und glitzernde Neuschnee.

Man sieht die h├Ąsslichen gelben Flecken auf dem gefrorenen und harschigen Firn.
Hundepisse ist es meistens.

Ich mag es nicht, wenn die verschneite Landschaft ihre Unschuld verliert. Es ist genau so peinlich wie die Fettflecken auf meinem Anzug, es ist so bohrend wie mein schlechtes Gewissen.

Versteht ihr? Ich mag diese Gedanken in meinem Herzen nicht, die mir den Schlaf rauben.

Darum verabscheue ich die gelben, schmutzigen und gefrorenen Flecken, in die jeder K├Âter seine feuchte Schnauze steckt.

Darum mag ich die Fr├╝hlingssonne nicht, die den Schnee schmilzt.
Alles wird dann im nassen Matsch sichtbar; - alles was unter dem reinen, flaumigen Schnee verborgen war. Aller Unrat dieser Welt:
Hundekot, Plastikt├╝ten, Zigarettenstummel und die verkohlten ├ťberreste von Sylvesterraketen.

Tauwetter mag ich nicht.
Alles Vergessene, alles Verborgene, alles Versteckte taucht wieder auf.
Wunden bluten wieder.
Nichts bleibt vergessen.
Es ist dann, wie wenn man das Totenkleid von einer Leiche zieht.

Seit ich ein Kind bin, mag ich es nicht, wenn der Schnee schmilzt

Mich erinnert dieses Bild immer an den Bibelspruch: ├ťbert├╝nchte Gr├Ąber seid ihr, Weh euch: Ihr Pharis├Ąer und Schriftgelehrten. Au├čen seid ihr rein und wei├č aber inwendig seid ihr wie eine R├Ąuberh├Âhle.

Ich mag es auch nicht, wenn jemand tief in mich eindringt. Wenn er mich n├Âtigt, zu viel von mir preis zu geben; - herauszukippen aus meinem Herz.

Es k├Ânnte Hundepisse sein!


__________________
Was sind das f├╝r Zeiten, wo ein Gespr├Ąch ├╝ber B├Ąume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ├╝ber so viele Untaten einschlie├čt! (Bertold Brecht)

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Florian Anhut
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2005

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Zun├Ąchst erschien es mir so, als w├╝rde im Text zu sehr alle Bilder gleich von alleine erkl├Ąrt werden, so dass er mehr oder weniger vor├╝berhuscht.
Doch dann fing ich an, diese Antwort zu schreiben und die offenen Dinge sprangen mir doch ins Auge.

Was treibt einen Menschen dazu sein eigenes Inneres mit Hundepisse gleichzusetzen?

Der Text gibt einen Hinweis, der einzeln in seiner Mitte steht, ohne dass er in den sonstigen Zusammenhang eingebunden zu sein scheint: "Wunden bluten wieder"

Ganz offensichtlich bluten keine Wunden unter dem Schnee, der Schnee und seine Schmelze ist nur die ├ťbertragung des Seelenlebens.

Aber was sind das f├╝r innere Wunden, die den Ich-Erz├Ąhler an Hundepisse erinnern?

Wunden k├Ânnen geschlagen werden und Wunden kann man sich selbst zuf├╝gen. Durch die eigene Herabw├╝rdigung kann man ersteres wohl ausschlie├čen und man kann von einer Selbstbestrafung ausgehen, die S├╝hne f├╝r eine Schuld (sei sie nun vermeintlich oder real).

Es wird klar, weshalb der Staub nicht aufgewirbelt, warum das Verborgene nicht enth├╝llt werden soll.

Die Geschichte stellt also offensichtlich alles zur Verf├╝gung, um sie interpretieren zu k├Ânnen.

Und gleichzeitig ist es in diesem Seelenzustand nur konsequent, wenn nicht wirklich gesagt wird, was eigentlich verborgen bleiben soll.

Vielleicht wird diese Geschichte ja im Fr├╝hjahr oder im Sommer nachgeholt? Wenn die Winterdepression entfernter, damit der Schnee wieder neu und unschuldig schneien kann?

Auch wenn die Abneigung und damit das Geschehnis bis in die Kindheit zur├╝ckreicht - und der Lauf des Jahres nicht mehr so unschuldig sein kann, wie es vielleicht einmal gewesen sein mag.

Ich bin gespannt, ob dieser Text etwas von seinem Autor verr├Ąt - dann m├╝sste es dich sehr st├Âren, wenn ich so interpretiere und bohre - oder ob du dich ziemlich perfekt in einen Seelenzustand hineinversetzt hast.

Sprachlich habe ich nichts auszusetzen. Ich wundere mich nur ein wenig, dass bislang noch niemand ein Kommentar geschrieben hat...

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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ach ja, die elende Hundepisse...

Danke Florian Anhut,

besonders, dass du dich mit meinem Text auseinandergesetzt hast. Dar├╝ber bin ich mehr als froh.
Mir scheint auch, dass meine Prosa etwas untergegangen ist, was mir eigentlich ganz recht war.

Ist es doch ein sehr pers├Ânlicher Text. Du hast vieles in deiner Interpretation getroffen was mich besch├Ąftigte, diesen Text zu schreiben..

Nun, was treibt mich dazu mein eigenes Inneres mit Hundepisse gleichzusetzen?
Nicht alles in mir setze ich damit gleich; - aber dunkle - doch immer verborgene und versteckte Ecken...

Ganz offensichtlich bluten keine Wunden unter dem Schnee, der Schnee und seine Schmelze ist nur die ├ťbertragung des Seelenlebens.

Nun was sind das f├╝r innere Wunden, die den Ich-Erz├Ąhler an Hundepisse erinnern?

Es sind die Wunden, die er sich selbst und anderen geschlagen hat.

Die Menschen erwarten oft viel, oft viel zu viel von uns. Moralisch gesehen. Man darf in unserer Gesellschaft alles sein: Cool, gebildet, kritisch, skurril... alles was ihr wollt. Aber eines darf man nicht sein. Schwach!!

Und diese hohen Erwartungen ├╝berfordern mich oft. Ich m├Âchte so sein wie ich bin... sagen was ich denke...
doch Vorsicht: Alles was aus mir herauskommt ist nicht sch├Ân... Es k├Ânnte Hundepisse sein..
M├Âgt ihr mich dann auch noch?

L.G. Hans
__________________
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