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Leselupe.de > Kurzprosa
Gefühle
Eingestellt am 14. 09. 2001 14:37


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2shy
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 17
Kommentare: 26
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Ich würde gerne über meine Probleme reden, über die vielen großen und kleinen Dinge, die mich bedrücken, ich möchte sie mit jemandem teilen, der mich versteht. Doch ich kann nicht. Viel zu groß ist meine Angst. Denn wenn ich jemandem erzähle, was ich fühle, dann zeige ich ihm meine verwundbarste Stelle und ich muß darauf vertrauen können, daß er mir nicht weh tun wird, niemals.

Ich wünschte, ich könnte Klavier spielen. Dann würde ich den ganzen Tag nur vor mich hinklimmpern, nur für mich, meine ganzen verwirrten und seltsamen Gefühle auf dem Klavier herausklimmpern.
Ich liebe es, wenn jemand Klavier spielt. Es ist einmal so traurig und dann plötzlich wieder fröhlich und beschwingt und dann einfach nur romantisch. Es hat etwas einsames und gleichzeitig warmes und geselliges. Es ist gleichzeitig weit entfernt und direkt in deinem Herzen, es ist das Rauschen der Wellen, das Wispern in den Bäumen, der Sonnenstrahl an einem dunklem Tag, der einsame Mond, die vielen Sterne, der Abgrund in seinen Augen, deine versteckte Sehnsucht.
Ich könnte stundenlang zuhören, wenn jemand Klavier spielt, denn es sagt so viel über den Spieler. Es ist ein Strom, ein Fluß, der direkt aus seinem Herzen, in seine Finger und auf die Tasten fließt, voller Harmonie, im stillen Einklang mit sich selber.
Ich wünschte ich könnte Klavier spielen.

Ich wünschte ich könnte zeichnen. Ich meine wirklich gut, vollendet zeichnen. Dann könnte ich auf ein Blatt Papier bringen, was ich sehe. Ich beobachte die Leute und manchmal denke ich, sie könnten ewig so bleiben, eingerahmt, konserviert für alle, die noch nie etwas so Schönes gesehen, gefühlt haben. Es ist einmalig. Es kribbelt in meinen Fingern, weil ich den Einklang sehe, die Zufriedenheit, so viele Dinge ohne Namen, die keinen Namen brauchen, weil sie einmalig sind, unverwechselbar. Es ist ein Ausdruck auf einem Gesicht, ein kurzes Funkeln in den Augen. Ich habe das Gefühl, daß ich diese Augenblicke festhalten muß, für die Unglücklichen, für die Verzweifelten, für die Hoffnungslosen, für eine Zeit, die vielleicht nicht so gut sein wird.
Ich sehe gerne Menschen zu, die zeichnen. Ich verfolge ihre Bewegungen, jede einzelne. Ich spüre die Zärtlichkeit mit der sie etwas andeuten auf einem weißen Blatt Papier. Es ist nur ein Hauch, doch er lebt, weil er so sanft hingelegt wurde, so liebevoll. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich aus diesem Hauch etwas formt, ein Gesicht, ein Auge, ein unsichtbares Funkeln. Dem Papier wird Leben gegeben, ein stilles, geheimnisvolles Leben, konserviert für die Ewigkeit.
Das Zeichnen sagt so viel über den Zeichner aus. Du mußt nur hinschauen, wie er die Linien liebkost, das Papier streichelt. Das Bild kommt direkt aus seinem Herzen in die Finger und auf das weiße Blatt, damit alle die Leidenschaft sehen, die Liebe fühlen.
Ich wünschte ich könnte zeichnen.

Ich wünschte ich könnte schreiben. Schreiben wie all die großen Meister. Dann würde ich vielleicht endlich die richtigen Worte finden, um zu schreiben, was ich fühle. Ich könnte die Menschen mitnehmen auf eine Reise, deren Route ich bestimme, deren Ziel niemand kennt. Ich könnte sie entführen in eine Welt, in der sie nie gewesen sind, die sie erschüttern würde, die sie lieben würden – wie es mir beliebt. Sie würden durch meine Augen sehen, sie würden verstehen, wie ich die Welt sehe, was ich fühle. Ich würde sie zu den dreckigsten Orten dieser Welt bringen, würde sie in die Tiefe von zwei Augen entführen, eine Tiefe ohne Boden, ohne Ende, ohne Wiederkehr. Es wären nicht nur Worte, sie würden leben, atmen und erzählen, jedem, der zuhören will, jedem, der es wagt. Ich würde diese Dinge für die Menschen aufschreiben, damit sie in den guten Zeiten zurücksehen können und nicht vergessen, woher sie kommen, wer sie sind, was ihr Ziel ist, was sie zurückgelassen haben, aus wessen Asche ihr Phönix aufgestiegen ist.
Ich lese gerne. Ich stelle mir vor, wie der Schreiber vor dem Papier gesessen hat, auf der Suche nach den richtigen Wörtern für ein Gefühl von Tausenden, ein Gefühl, daß man nicht beschreiben kann, das aber unbedingt gebannt werden muß auf das Papier. Es wird eingefangen auf dem Blatt, wo es eigentlich nicht hingehört, für Augen, die es vielleicht nicht verstehen werden.
Das Geschriebene sagt so viel über den Schreiber aus. Welche Worte er gewählt hat, um seine Geschichte zu erzählen, um sicherzugehen, daß sie jeder verstanden hat, um sicherzugehen, daß jeder darüber nachdenken wird. Ich suche in den Geschichten nach einer Moral, nach einer Erkenntnis, damit ich sie verstehen kann, damit ich es den Blinden erklären kann, damit diese Welt ein wenig besser wird und damit die Menschen verstehen, daß die Worte direkt aus dem tiefsten Inneren des Schreibers kommen, von dort in seine Finger auf das Papier. Er hat ihnen seine verwundbarste Stelle gezeigt und er vertraut darauf, daß niemand ihn jemals verletzten wird, niemals.
Ich wünschte ich könnte schreiben.


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Als Einstein in den Himmel kommt, hat er einen Wunsch frei. Er will die Weltformel erfahren. Der liebe Gott schreibt Zahlen auf die Himmelstafel, und Einstein wird immer nervöser. "Aber das ist ja voller Fehler!" - "Ich weiß", sagt der liebe Gott läc

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

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Kein Grund, um schüchtern zu sein

Hallo 2shy,

Du bist ja ein ganz grosses Talent der sanften Töne. Willkommen in unserer Mitte.

Kreativität ist eine sehr grosse Kraft, die in jedem von uns steckt. Wir müssen nur erkennen, wo unsere Talente und Stärken liegen. Alles muss man nicht beherrschen, aber da wo es einen drängt sich zu entfalten, da sollte man alles tun, um diese Kräfte zu nutzen und etwas Wertvolles zu schaffen.

Schreiben kannst Du - und das ist ein Segen für Dich und Deine Leser. Eines Tages kannst Du ein Meister (oder eine Meisterin?) sein. Weiter so.

Liebe Grüsse
Intonia
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"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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