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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gegen den Wind
Eingestellt am 28. 02. 2002 22:37


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Libell
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Gegen den Wind

Es war Nacht und ein Orkan tobte ├╝ber die Elbmarschen und ├╝ber das Tausend-Seelen-Dorf, dessen B├╝rgermeister ich war. Der Sturm ri├č mich auf dem Deich fast um. Im Licht des Vollmondes sp├Ąhte ich ├╝ber das Vorland Richtung Flu├č. Aber da war kein Elbvorland mehr zu sehen, das Wasser hatte bereits den Deichfu├č ├╝berflutet und stand auf halber Deichh├Âhe. Der Flu├č kam in meterhohen schwarzen Wogen mit hellen Schaumkronen unaufh├Ârlich grollend und tosend herangerollt und warf sich gegen den Deich. Der Boden unter meinen F├╝├čen bebte. Der aus gutem schweren Kleiboden bestehende Deich zitterte wie ein Wackelpudding unter der Gewalt des Wassers. Ausgerechnet bei Vollmond kam dieser Nordwest-Orkan. Das bedeutete eine Springtide, extremes Hochwasser, hervorgerufen durch die Anziehungskr├Ąfte des Mondes. Wasserst├Ąnde mehrere Meter ├╝ber dem mittleren Hochwasser konnten so leicht erreicht werden. Ich mu├čte an die gro├če Sturmflut 1962 in Hamburg denken, damals starben 312 Menschen. 1976 brach ganz in der N├Ąhe der Deich an neun Stellen und ├╝berflutete die gesamte Marsch. Zum Gl├╝ck mu├čten keine Menschenleben beklagt werden. Aber Rinder, Schweine und Schafe sowie viele Wildtiere kamen damals in den Fluten um.

Was hatte das "Bundesamt f├╝r Seeschiffahrt und Hydrographie" gestern angek├╝ndigt? Dreieinhalb Meter ├╝ber dem mittleren Hochwasser? Ich stemmte mich gegen den Wind und f├╝hlte den mit Wasser vollgesogenen Deich unter meinen F├╝├čen vibrieren. Woher kam es, da├č die Hochwasser im vergangenen Jahr jedesmal h├Âher aufgelaufen waren? Ein Zufall? Nein, das war kein Zufall! Das hing damit zusammen, da├č die reiche Gro├čstadt Hamburg den Flu├č Elbe zum Industriekanal umfunktionierte, ihn ausbaggern lie├č, damit Containerschiffe mit sehr gro├čem Tiefgang den Hamburger Hafen anlaufen konnten. Die Folge war eine Erh├Âhung der Flie├čgeschwindigkeit der Elbe. Bei Sturmfluten erh├Âhten gr├Â├čere Wassermassen das Gefahrenpotential. Das Wasser lief viel schneller auf. Die Sturmflutwasserst├Ąnde stiegen. Die Wahrscheinlichkeit von Deichbr├╝chen wurde extrem erh├Âht.

Das einfachste w├Ąre gewesen, die Elbdeiche den gestiegenen Wasserst├Ąnden anzupassen. Aber wer sollte das bezahlen? Schleswig-Holstein und Hamburg waren hoch verschuldet. Eine Erh├Âhung der sogenannten Landesschutzdeiche w├╝rde Milliarden kosten. Also wurde gar nichts gemacht und der Bev├Âlkerung eine falsche Sicherheit vorgegaukelt. Es w├╝rde schon nichts passieren, man habe alles genau berechnet und im Griff. Gar nichts hatte man im Griff. Die Naturgewalten lie├čen sich nicht exakt berechnen. Eine Orkanboe lie├č mich ins Schwanken kommen. Es war zu gef├Ąhrlich, hier nachts im Sturm herumzutaumeln und ├╝ber die Elbvertiefung nachzugr├╝beln. Ich zog die Kapuze meiner Windjacke enger um den Kopf und trat den R├╝ckweg an.

Am n├Ąchsten Morgen sagten sie im Radio, da├č das Wasser in der Nacht vier Meter ├╝ber dem mittleren Hochwasser erreicht hatte. Wenn das Wasser nur wenige Zentimeter h├Âher auflief, konnten die Deiche ├╝bersp├╝lt werden oder brechen. Ich warf meinen Computer an und recherchierte die Hochwasserst├Ąnde der vergangenen zehn Jahre im Internet. Sieben Jahre lang waren die Wasserst├Ąnde in etwa gleich geblieben. Dann wurde die Elbe ausgebaggert und im Bereich der Elbmarschen stark vertieft. Die Sturmflutwasserst├Ąnde erh├Âhten sich dramatisch. Mein Gott. Angst erfa├čte mich. Die Deiche mu├čten sofort gesichert und erh├Âht werden, sonst waren viele Menschenleben in Gefahr. Was sollte ich machen? Ich war ja nur ein kleiner Dorfb├╝rgermeister aus der Provinz. Was konnte der gegen die Metropole Hamburg ausrichten?

Ich rief alle Zeitungen meines Landkreises an, Lokaljournalisten machten sich auf und fotografierten mich, wie ich mit Gummistiefeln und Windjacke auf dem Landesschutzdeich stand und anklagend mit dem Arm auf den Industriekanal Elbe wies. Aufgrund der Zeitungsartikel erhielt ich viel Zuspruch in der Bev├Âlkerung ÔÇô allein es ├Ąnderte sich nichts.

Der Kreistag fiel mit ein. Vor jeder Kreistagssitzung gab es eine Fragestunde. Ich erschien zur Sitzung, stellte mich als B├╝rgermeister meiner Gemeinde vor und erkl├Ąrte den Abgeordneten, worum es ging. Die Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU, FDP und Gr├╝nen bem├╝hten sich zur Antwort an das Rednerpult und zeigten sich je nach Gewissen- und Interessenlage unterschiedlich betroffen. Es ├Ąnderte sich nichts.

Ich wandte mich an die zust├Ąndigen Landtagsabgeordneten. Man versprach, sich in der Landeshauptstadt Kiel f├╝r mein Anliegen stark zu machen. Aber ÔÇô es geschah nichts.

Eine Eingabe bei den vier Bundestagsabgeordneten meines Landkreises wurde nur vom Abgeordneten der Gr├╝nen beantwortet, er sei der absolut gleichen Meinung wie ich, leider habe man jedoch nicht die finanziellen Mittel zur Verf├╝gung, um Abhilfe zu schaffen..

Ich bat den B├╝rgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg um ein Gespr├Ąch. Sein B├╝ro bedeutete mir, mein Hamburger Kollege sei ├Ąu├čerst besch├Ąftigt, einen Termin k├Ânne man mir fr├╝hestens in einem dreiviertel Jahr in Aussicht stellen. In einem dreiviertel Jahr konnte die Elbmarsch nach einem verheerenden Deichbruch l├Ąngst unter Wasser stehen!

So kam ich nicht weiter. Ich mu├čte mir etwas wirkungsvolleres ausdenken. Ich malte ein Plakat: "Deicherh├Âhung! Nichtstun ist Mord!" Damit erschien ich auf einer ├ľffentlichkeitsveranstaltung des Hamburger B├╝rgermeisters. Ich bezog Posten in N├Ąhe der Journalisten. Als der B├╝rgermeister ans Rednerpult trat, schwenkte ich mein Plakat und br├╝llte: "Deicherh├Âhung, nieder mit der Containerlobby!" Die Bodyguards sahen das jedoch nicht gern und dr├Ąngten mich ziemlich ruppig aus dem Saal.

Schlie├člich schleppte ich das Plakat und eine Campingliege in die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis. Ich legte mich im Trainingsanzug auf die Liege. Dem anr├╝ckenden Hauptpastor und erkl├Ąrte ich, dies sei der Hungerstreik eines verzweifelten Provinzb├╝rgermeisters und erz├Ąhlte ihm von meinen vergeblichen Bem├╝hungen. Der Pastor sch├╝ttelte bek├╝mmert den Kopf und rief ├╝ber mein Handy im Rathaus an.

Zwei Stunden sp├Ąter erschien Hamburgs B├╝rgermeister mit 20 Journalisten im Schlepptau vor meiner Campingliege und hielt eine markige Rede. Die Metropolregion Hamburg werde sich nicht ihrer Verantwortung gegen├╝ber den kleinen Elbgemeinden entziehen. Man werde unverz├╝glich die notwendigen Schritte einleiten.

Ich hatte gesiegt.

Nun sitze ich hier am Fenster und schaue hinaus. Drau├čen tobt ein b├Âiger Nordwest. Heute Nacht ist Vollmond, Springtide. Im Radio haben sie vor einer sehr schweren Sturmflut gewarnt. Aber hinter diesen sch├Ânen vergitterten Fenstern bin ich sicher. Sie hatten wirklich unverz├╝glich die notwendigen Schritte eingeleitet.. Nat├╝rlich wurden die Deiche nicht erh├Âht. Aber mich brachte ein Krankenwagen in die Psychiatrie, wo ich seither gut umsorgt, angstfrei und gl├╝cklich lebe.

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bassimax
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hallo libell!

zum ersten, ich finde die geschichte ist stilistisch gut geschrieben. Zum anderen gefiel mir die Schilderung, wie
der b├╝rgermeister besorgt in der nacht auf dem damm stand.
es kam atmosph├Ąre r├╝ber.
was dann folgte habe ich als infotainment empfunden.
man hat dinge ├╝ber deiche, wasserst├Ąnde, zust├Ąndigkeiten,
und die instanzen an welche sich ein b├╝rgermeister wenden
kann erfahren. und man merkt das du in dieser hinsicht
recht gebildet sein musst. aber ich fand das nicht besonders
aufregend.
das ende im irrenhaus fand ich deshalb gut, weil es
die arg sachliche ebene verlassen hat. dennoch ist es
nicht logisch das der b├╝rgermeister eingeliefert wurde.
denn schliesslich hat man ihm recht gegeben, und mass-
nahmen ergriffen. oder wurde er gar nicht wegen seiner
resistenz eingeliefert?
insgesamt ein interessanter ansatz, aber ├╝berwiegend
zu sachlich.
gr├╝sse
sebastian

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