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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gegen die Natur
Eingestellt am 16. 03. 2016 18:13


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Paul Quaintrell
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2016

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Gegen die Natur

Eines Tages entdeckte Simön eine neue Farbe. Nun ja, „entdeckte“ ist das falsche Wort. Die Farbe war schon immer da gewesen, in seinem Kopf. Nur in der RealitĂ€t hatte es sie nie gegeben.
Simön war nĂ€mlich SynĂ€sthetiker. Er hatte die seltene Gabe, bei Buchstaben eine dazugehörige Farbe zu sehen. Bei einem „H“ sah er Braun, bei einem „S“ Gelb und bei einem „M“, nun, bei einem „M“ sah er eine Farbe, die es in der Welt nicht gibt. Zumindest nicht in der Welt, die wir uns teilen.
Simön entdeckte die Farbe an dem Tag, an dem er lesen lernte. Die Lehrerin hatte das „H“, das bekanntlich braun ist, mit roter Kreide an die Tafel gemalt.
Simön war verwirrt. Seine Augen sahen ein rotes „H“, aber irgendetwas in seinem Kopf fĂŒgte es in ein braunes „H“ um.
„Das sieht falsch aus,“ hatte Simön sich beschwert, „hast du denn nicht die richtige Farbe?“
Seine Klassenkameraden, fĂŒr die Buchstaben nur die Farben haben, in denen sie geschrieben sind, hatten ihn ausgelacht und so sprach er nie wieder mit jemandem ĂŒber die fĂŒr ihn normale Zuordnung.
Je Ă€lter Simön wurde, desto mehr hielt er sich fĂŒr verrĂŒckt. Zum GlĂŒck gibt es die Kunst, einen Zufluchtsort fĂŒr VerrĂŒckte. Simön wurde Maler.
Die meisten Farben, die er bei Buchstaben sah, konnte er auch malen. Nur das „orangene Blau“, das er mit dem Buchstaben „M“ verband, konnte er nicht malen. Denn in der geteilten Welt gab es diese Farbe nicht. Jahrmillionen hatte es sie vielleicht nicht gegeben. Was sehr schade war. Denn immer wenn Simön traurig war, schrieb er ein M und sah das orangene Blau und die Farbe machte ihn unendlich glĂŒcklich. Sie hatte eine geradezu beruhigende, pazifistische und aufmunternde Wirkung auf ihn.

Eines Tages kam der Traummaler auf den Weltmarkt. Traummaler sind GerÀte, die nachts die TrÀume aufzeichnen.
Als Simön davon hörte, wusste er, dass er einen davon brauchte.
Also ging er in einen Laden. Dort fragte er den VerkĂ€ufer: „Kann dieser Maler auch Visionen aufzeichnen?“
Der VerkÀufer guckte ratlos, also erklÀrte Simön ihm die Situation.
Der VerkĂ€ufer sah ihn an und sagte dann: „Ach so, Sie haben SynĂ€sthesie. Sagen Sie das doch gleich.“
Doch das Letzte hörte Simön nicht mehr.
Er suchte im Internet nach SynĂ€sthesie und lernte vieles darĂŒber. Von Leuten, die Musik sehen konnten. Oder bei denen Zahlen Persönlichkeiten hatten. Oder bei denen ein TĂŒrschlagen nach Kaffee schmeckte.
Aber am besten gefiel ihm eine Tatsache, dass er nicht verrĂŒckt war.
Er holte sich den Traummaler und malte ĂŒberall Ms hin. Er sah zwar das Grau des Bleistifts und das Blau des FĂŒllers, doch in seinem Gehirn sah er nur ein orangenes Blau. Und der Traummaler malte das M in orangenem Blau.
Er postete das Bild im Internet; zuerst sahen es nur ein paar Dutzend Leute und diese paar Dutzend Leute waren anfangs verwirrt. Doch dann ging es ihnen besser und immer besser.
Eines Tages gelang das Bild zu Schalgu. Auch Schalgu sah das Bild und war verwirrt. Dann sah er neben seinem Laptop eine Fliege. Nichts hasste er mehr als Fliegen, kleine, nervige, laut summende Fliegen.
Also holte er sich eine Fliegenklatsche.
Urplötzlich liebte er jedoch das kleine Insekt, das wunderschöne, lieb summende Insekt.
Schalgu war noch verwirrter. Doch nachdem er eine Nacht darĂŒber geschlafen hatte, fiel ihm ein, dass dies vielleicht an der neuen Farbe liegen könnte. Er konnte niemandem mehr etwas zuleide tun.
Normalerweise schlug er seine Tochter, wenn sie erst frĂŒh am Morgen nach Hause kam. Doch an jenem Morgen war er auch nett zu ihr.
Nachdem die „pazifizierende“ Wirkung von orangenem Blau festgestellt war, wurde die Farbe um die Welt getragen. Jeder, der sie sah, wurde Pazifist und fast wĂ€re ein Goldenes Zeitalter angebrochen.
Warum nur fast?
Nun, ich habe dir diese Geschichte erzĂ€hlt, weil du mich fragtest, warum heutzutage so viele Leute blind sind. Jetzt weißt du es: wĂŒrden sie das orangene Blau sehen, wĂŒrden sie sofort friedliebend werden. Und manche Menschen sind lieber blind als friedliebend. Es ist gegen ihre Natur.

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DocSchneider
Foren-Redakteur
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Hallo Paul Quaintrell, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Ungewöhnliche Geschichte mit klarer Botschaft. Habe ich gerne gelesen!


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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steyrer
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Ein paar Anmerkungen

Die Frage, warum viele Leute blind sind, gehört meiner Meinung nach an den Anfang der Geschichte, damit am Schluss daran angeknĂŒpft werden kann. Auch der Wechsel der ErzĂ€hlperspektive wĂŒrde so verstĂ€ndlicher. Kurz: Es sollte immer klar sein, dass hier jemand seinem GegenĂŒber eine Geschichte erzĂ€hlt.

Ein Traummaler auf dem Weltmarkt? Das Ganze sollte besser in einer Zukunft spielen, in der das eben der Fall ist.

Kleinigkeiten:

Simön? Ist das ein Nachname oder ist damit eher der Vorname Simon gemeint?

Orangenes Blau? Nun, wenn schon, dann eher orangefarbiges Blau oder Blau mit einem Spiel ins Orange.

Schöne GrĂŒĂŸe
steyrer

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schwarze sonne
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Hallo Paul,

ansich mag ich deine Geschichte. Allerdings stören mich zwei Dinge gewaltig. Allen voran das Ende. Ich finde es schon fast moralisierend, das gefĂ€llt mir nicht. Am Anfang wĂ€re es sicherlich besser, aber ĂŒberleg dir doch, ob du es ganz streichen willst?
Ein Ende welches mit Simon zusammenhĂ€ngt empfĂ€nde ich als abschließender und runder. Auch fĂ€nde ich eine genauere Beschreibung des Farbtones sehr hilfreich.

Ich kannte diese Besonderheit Simons nicht. Ich finde es interessant darĂŒber etwas zu erfahren, aber etwas mehr Geschichte und Handlung hĂ€tte es schon sein dĂŒrfen. Das ganze liest sich fĂŒr mich wie ein Bericht. Versuch doch eine Geschichte darum zu basteln, was macht der Simon so? Gibt es Schwierigkeiten? Findet er andere SynĂ€sthetiker? etc ... ich glaube da ist viel herauszuholen, weil es ein besonderes, einzigartiges Thema ist. Die Idee hat mir also sehr gut gefallen, die Umsetzung mit Abstrichen nur. Ich hoffe, du kannst meinen Standpunkt nachvollziehen!

GrĂŒĂŸe von einem Anti-SynĂ€sthetiker(gibt es das? Ich sehe nĂ€mlich NICHTS in meinem Gehirn, weder Farben, Formen oder Ă€hnliches.)

Sonne

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petrasmiles
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

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Lieber Paul Quaintrell,

das ist eine wirklich zauberhafte Geschichte und sie entwickelt sich so schön gemÀchlich, um dann mit Macht herauszukommen.
Ich finde es gut, dass man quasi wie durch ein fein verĂ€steltes Flußdelta schwimmt und auf einmal das Meer sieht.
Da am Anfang dieser weite Blick noch nicht abzusehen ist, scheint mir hier das "pazifistische" wie ein Fremdkörper

quote:
Sie hatte eine geradezu beruhigende, pazifistische und aufmunternde Wirkung auf ihn.

ja, das Wort erscheint hier wie eine Doppelung des "beruhigende".

Mann könnte das "pazifistische" weglassen, oder nur 'befriedendes und aufmunterndes' benennen. Drei Adjektiva erscheinen mir sowieso zu viel.
Das gilt natĂŒrlich fĂŒr den Zusammenhang, dass man erst ausgehend von einer persönlichen Geschichte ĂŒberraschend in eine andere Dimension 'gebeamt' wird.
Am Ende der Geschichte meinte ich, eine Idee von "orangenem Blau" bekommen zu haben.
TatsĂ€chlich gibt es in SĂŒdfrankreich so ein sonnendurchglĂŒhtes Gelb und so ein eigentĂŒmlich intensives Blau in traditionellen Stoffen und bei Steingutlasuren, die so unglaublich gut zusammen harmonieren, dass sie eine neue Farbe zu bilden scheinen - nicht GrĂŒn wie beim Mischen, sondern eine gegenseitige Intensivierung. Vielleicht ist das ja ein Anfang.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra



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