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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geier unter uns
Eingestellt am 03. 05. 2014 11:24


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krokotraene
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Der kleine Mario war so aufgeregt, es war seine erste Begegnung mit den riesigen Greifv├Âgeln. Seine Eltern hatten ihn zu der Flugshow auf Schloss Waldreichs im Waldviertel nicht lange ├╝berreden m├╝ssen. Stillschweigend beobachteten seine Augen, wie die sch├Ânen V├Âgel ├╝ber den K├Âpfen der Zuschauer kreisten. Die Erkl├Ąrungen der Falknerin gingen an dem Kind spurlos vorbei, seine ganze Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem Schauen und Staunen.

Seine Augen waren wie festgeklebt an den imposanten Tieren, die sich m├╝helos in den Himmel und gegen die Sonne schraubten. Vor Begeisterung klatschte er in seine kleinen Patschh├Ąnde, als der Adler im Sturzflug hernieder sauste. W├Ąhrend der K├Ânigsadler seine Beute im kleinen Schwimmbecken der Anlage anvisierte und wartete bis der Wind diese an das Ufer trieb, war Mario kaum noch zu halten. Seine Mutter hatte alle H├Ąnde voll zu tun, um den kleinen Lauser auf seinem Platz zu fixieren. Mario w├Ąre am liebsten mitten auf die Arena gerannt und h├Ątte den Adler umarmt. W├Ąhrend einige M├╝tter mit deren Kindern angstgebeutelt die Flugshow schnellen Schrittes verlie├čen, zeigte Mario absolut keine Scheu vor diesen m├Ąchtigen Tieren.

Dann hopste ein M├Ânchsgeier durch das Gras. Marios Mutter erwischte ihren kleinen Liebling gerade noch am letzten Flecken der Jacke und zog ihn zur├╝ck auf seinen Platz. Mario war hin und weg. Der gro├če, dunkle Vogel hatte es ihn angetan.

Mario starrte mit weit aufgerissenen Augen und Mund auf das Federvieh. Er war wie in Trance, h├Ârte weder seine Mutter noch die anderen Menschen rund um ihn. Es hatte den Anschein, als w├╝rde das Kind von diesem Vogel nie wieder los kommen.

Im Kindergarten konnte Mario kein anderes Thema als die riesigen V├Âgel, insbesondere den Geier finden. Kaum krallte er sich Buntstifte und Papier, entstand schon wieder ein patschiges, einem Geier leicht ├Ąhnelndes, Bild. Auch zuhause trieb er seine Eltern zur Wei├čglut mit der Liebe zu den K├Ânigen der L├╝fte. Sein Vater hatte mit seiner Mutter bereits heftige Diskussionen gef├╝hrt und ihr nicht einmal vorgeworfen, weshalb sie ├╝berhaupt diese Schnapsidee hatte auf das Schloss zufahren.

Marios Geburtstag rollte ins Land und Mario w├╝nschte sich nichts sehnlicher als ein Haustier. Bereits seit Monaten qu├Ąlte er seine Eltern um ein kleines Lebewesen f├╝r zuhause. Er versprach hoch und heilig sich auch wirklich um das Tier zu k├╝mmern, es zu hegen und zu pflegen. Seine Eltern w├╝rden nicht einmal die Anwesenheit seines Haustieres bemerken. Heulattacken folgten herzzerrei├čenden Bittgesuchen.

Endlich war der Vater fast weichgeklopft, als die Mutter Mario die Frage nach dem gew├╝nschten Tier stellte. Ein Meerschweinchen, ein Hamster, eine Katze, ein Hund, all das wurde von Mario kategorisch abgelehnt. Seine Mutter bohrte weiter.

Irgendwann stotterte er heraus. "Einen Vogel!" Aber kein Wellensittich, Papagei oder Fink sollte in die Familie einziehen. Nein, etwas gr├Â├čeres war Marios Begier. Der dunkle Vogel von der Flugshow, der sollte schon bald ├╝ber die K├Âpfe im Wohnzimmer seine Runden ziehen. Marios Mutter lachte und sein Vater schimpfte. Mario begann zu heulen. Er schlug aus Wut auf seinen Stoffhund ein. Wieso erlaubten ihn seine Eltern ein Haustier, wenn er sich keines aussuchen durfte? Er konnte nicht verstehen, weshalb die nette Dame auf dem Schloss einen Vogel haben durfte und er nicht. Nur weil er viel kleiner war? Das konnte doch kein Grund sein? Sein Zimmer ist doch gro├č genug und spazieren gehen k├Ânnte er im anschlie├čenden Park auch mit dem Vogel an der Leine. Er gr├╝belte und gr├╝belte.
Mario verga├č nichts. Tagelang war er auf seine Eltern b├Âse und sprach kein Wort. Haustiergegner geh├Ârten ab sofort nicht auf die Liste der Freunde. Er schmollte in seinem Zimmer, w├Ąhrend sein Geburtstag immer n├Ąher kam.

Eine gro├če Party war geplant. Alle seine Freunde sollten kommen. Ein Zauberer war engagiert und Mario l├Âste einen Teil seiner Schmollecke auf. Das Sauer sein war doch nicht so seine St├Ąrke, vor allem nicht, wenn es Geschenke hagelte.

Ein rauschendes Fest hatten seine Eltern f├╝r ihn und seine Freunde organisiert. Der Haustierwunsch war schon l├Ąngst vergessen. Die Geschenke, die sich mittlerweile im ganzen Haus verstreuten, tr├Âsteten ├╝ber die letzten einsamen Tage hinweg. Mario war seiner Mutter nicht mehr b├Âse und hatte auch kein Verlangen mehr nach dem M├Ânchsgeier.

Marios Oma stand in der K├╝che. Am Tisch und auf der Arbeitsplatte stapelten sich die Essensreste des Nachmittags. Wie immer hatte die Gastgeberin viel zu viel eingekauft, gekocht und serviert. Im Haus war es bereits ruhig geworden. Mario war schon im Traumland und vermutlich auch alle seine Freunde. Die Oma stand mitten in dem Chaos und betrachtete wehm├╝tig die Essensreste. Kurzfristig streifte ihr Blick das viele schmutzige Geschirr, welches sich in der Abwasch stapelte. Sollte sie anpacken und helfen? Doch sie verwarf sofort den Gedanken, zu wichtig waren ihr die Speisen. Sie kramte beherzt in den K├╝chenk├Ąsten und zog eine Menge an Tupperware-Dosen hervor. Dann begann sie fein s├Ąuberlich die Reste getrennt voneinander einzupacken. Sie war so sehr besch├Ąftigt, dass sie die Worte ihres Schwiegersohnes gar nicht h├Ârte.

"Mario braucht kein Haustier! Einen Geier haben wir ohnehin schon in der Familie", murmelte er in seinen Bart, w├Ąhrend er ein Glas Milch aus dem K├╝hlschrank holte.

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