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Leselupe.de > Erzählungen
Geister
Eingestellt am 08. 08. 2016 15:58


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Penelopeia
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Der nachfolgende Text ist ein weiteres Kapitel aus einem Roman, in dem es um das Thema Golem geht. Ich habe versucht, die Golem-Sage in die heutige Zeit zu übertragen. Ob das gelungen ist, weiß ich nicht. Die Grundhandlung geht so: eine türkische Schülerin im Rollstuhl verschwindet, zunächst unter einer zunehmenden Stoff- und Kleiderfülle (vom Kopftuch über Tschador bis zur Burka), dann ganz; sie ist einfach weg und keiner weiß Genaues. Der Klasse droht die Aufteilung. Da kommen die Schüler auf die Idee, einen Ersatz zu basteln, ein Kunstgeschöpf, eine Golemine...

Im folgenden Kapitel versucht Aram, das künstliche Geschöpf zu beseitigen.

Aram fliegt

Beim Aussteigen aus der Tram musste es passiert sein: der Topf mit roter Farbe, den er auf Grund einer dunklen Eingebung vom Kellerflur vor der Hausmeisterwerkstatt genommen und unter die Stoffhülle der Golemine gestopft hatte, geriet in Schieflage oder kippte um und begann Tropfen abzusondern; wahrscheinlich war der Topf von Angust geöffnet worden, und er hatte nach dem Ende der Reparaturarbeiten den Deckel nicht richtig draufgedrückt.
Dicke, fette Tropfen roter Farbe plumpsten auf den Asphalt und erzeugten eine Spur. Eine Blutspur, hätte man denken können!
Ein paar Dutzend Meter schob Aram den Wagen, er war schon fast am Ziel.

Eine Stelle war das, ziemlich zentral, nur ein paar hundert Meter Luftlinie vom Theaterplatz entfernt. Eine Spreebrücke gab es dort, und die Gleise liefen darüber hinweg, in perfekter Parallelität und Geradheit. Hinter der Brücke zogen die Fahrer das Tempo hoch, ein Bremsen war zwar möglich, der Bremsweg aber lang. Tauchte nun unvermittelt auf den Gleisen, wenige Meter vor der daher rasenden Straßenbahn, ein Hindernis auf, eine Person, ein Gegenstand, ein Rollstuhl mit einer Person – oder einem Gegenstand –, mochte der Fahrer wohl noch reflexhaft auf die Bremse treten. Eine Wirkung würde es nicht mehr haben: die träge Masse schöbe sich, nur unmerklich verlangsamend, einfach weiter. Über das Hindernis. Hinweg.
Aram wusste zwar, dass es für den Fahrer Stress bedeuten würde, plötzlich eine Person auf den Gleisen zu sehen. Ihm war wohl klar, dass die Mitfahrenden, vor allem jene im Gang, an den Halteseilen, an denen sie sich oft nicht einmal festhielten, ein „beschleunigtes Verfahren“ erhielten, also in Fahrtrichtung weiterrutschen und möglicherweise mit anderen Mitreisenden unsanft kollidieren würden. Aber er hielt diese Effekte für nebensächliche Kollateralschäden. Ihn hatte ein unguter Grimm befallen: er wollte nicht nur die Golemine loswerden, diese missglückte Lügenbastelei, dieses unvollkommene Kunstgeschöpf, das auf Grund hanebüchener Oberflächlichkeiten, Angst, Ignoranz und irgendwelcher angesagter politischer Korrektheiten als vollwertige Schülerin einer neunten Klasse akzeptiert wurde; er suchte vor allem eine Möglichkeit, seinen Frust, seine Aggression, die ganze Verzweiflung seiner vermaledeiten, hoffnungslosen Existenz für einen Moment abladen zu können: sich weiden an den Schreckgesichtern des Fahrers, der Fahrgäste; einmal nicht die eigene, sondern die Ohnmacht der anderen zu kosten, der Etablierten, der Arrivierten, derjenigen, die sicher im Sattel saßen, auf die kein Asylverfahren wartete, keine Vorladung vor ein Entscheidungsgremium des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, keine peinliche Befragung durch feiste Mitarbeiter eines Verwaltungsgerichtes, keine unvermittelte mitternächtliche Abschiebung, kein Neuanfang im alten Land, das einem fremd war und obendrein keine Zukunft bot, keine Chance, keine Hoffnung…

Für einen kurzen Moment blieb er stehen. Schnaufte. Ein kühler Wind kam auf, der so gar nicht zu diesem sommerlichen Spätjunitag passen wollte. Doch er kühlte nicht. Im Gegenteil: Aram begann heftig zu schwitzen. Feine Rinnsale Schweiß liefen ihm von der Stirn und verklebten seine Augen, so dass er heftig blinzeln musste, um überhaupt noch etwas zu sehen. Herz und Lunge gaben rasselnde Geräusche, als habe er jahrzehntelang geraucht.
Seine Knie begannen zu zittern. In seinen Ohren überlagerten sich die Geräusche der Stadt, der Autolärm, das Quietschen der Straßenbahnen, zusammenhanglose Gesprächsfetzen, Sirenengeheul…
Erschöpft und ungläubig sah er an sich herunter: nein, da waren keine Zappel- oder Schlingerbewegungen seiner Beine. Und trotzdem fühlte er sich schwach, müde. Alt.
Er wunderte sich ĂĽber diesen seltsamen Zustand, ĂĽber die ganze Aufregung, die ihn erfasst zu haben schien. Das war ja fast wie im Moment einer kurzfristig anberaumten Abschiebung!
Aram, Tigran, Mane, viele Bekannte, viele Menschen in der Stadt lebten in der ständigen Angst vor dem plötzlichen nächtlichen Surren oder Läuten, seltener Schrillen einer Wohnungstürklingel – die böse schrillenden Klingeln gab es wohl nur noch in Schundromanen oder Fünfziger-Jahre-Filmen, in der heutigen Zeit ertönte beim Druck auf den Klingelknopf zumeist ein harmonisches Kling-Klong, oder ein sanftmütiges Bim-bam, selbst an den Wohnungstüren von Neukölln, die in Wohnungen führten, die von Menschen mit Asylantrag oder vorläufigem Bleiberecht bewohnt wurden!
Und auf das harmonische Kling-Klong oder das sanftmĂĽtige Bim-bam folgte meist eine kleine Ansage, eine an Harmlosigkeit nicht zu ĂĽberbietende Stimme wĂĽnschte einen guten Abend,
verbunden mit der Bitte, mal aufzumachen, die Polizei stehe vor der Tür…

Aram gab sich einen Ruck, setzte sich wieder in Bewegung. Sein Ziel war nicht weit. Er war ja fast am Ziel!
Da drehten sich plötzlich Leute nach ihm um. Tuschelten. Sahen einander an, fragend, besorgt. Schüttelten die Köpfe. Schauten schräg zu ihm herüber.
Aram beschleunigte, fiel in Laufschritt. Ein Mann mit zusammengekniffenen, misstrauischen Augen zog ein Handy aus der Innentasche seiner Jacke, tippte eine Nummer ein.
Jemand versuchte ihn am Ärmel festzuhalten. Aram riss sich los, hastete weiter. Ein zweiter schlug ihm mit der Faust in die Seite, traf die Niere. Ein dritter versuchte ihm ein Bein zu stellen. Aram prallte im schnellen Lauf mit dem rechten Schienbein gegen einen harten Gegenstand, vielleicht war es ein Regenschirm, vielleicht auch ein Kuhfuß oder Brecheisen – Aram sah nicht mehr viel und nichts genau. Der Schmerz fuhr in ihm hoch, er taumelte; seine Wut verdoppelte, vervielfachte sich.
Schreie drangen wie durch Nebel in seine Ohren, vermischten sich mit den wirren Geräuschen aus Großstadtlärm und Menschengeplärr. Was riefen sie da? Hundesohn? Schweinehund? Mörder? Terrorist? Wen meinten die bloß?
Egal. Er biss die Zähne zusammen, fing sich, beschleunigte seinen Lauf weiter. Wechselte abrupt auf die Straße, weil immer mehr Passanten auf dem Gehsteig stehen blieben, sich nach ihm umdrehten, auf ihn starrten, mit den Armen seltsame Ruderbewegungen vollführten, die Mäuler aufrissen, unverständliche Worte heraus schrien und wohl auch eine Art sich verdichtende Barriere bildeten, ohne dass es ihnen einer anbefohlen hätte.
Die Straße nun war nicht glatt asphaltiert, sondern mit grobem Kopfstein gepflastert. Der Rollstuhl mit der verdammten Last wurde immer schwerer, und immer wieder verhedderten sich die schmalen Räder des Gefährts in den Gleisrinnen und bremsten und zerrten an seiner Fuhre. Die Gestalt im Rollstuhl hüpfte und flog, fiel hin und her. Eine Hand, eine künstliche natürlich, gut nachgebildet, aber tot und leblos, baumelte an der Seite herunter. Eine Frau stieß einen spitzen Schrei aus. Mehrere Männer brüllten wieder irgendetwas. Aram verstand sie nicht, wollte sie gar nicht mehr verstehen.
Er sah sich um. Änderte seinen Plan. Wenn er nicht bis zu der geplanten Stelle auf der langen Gerade käme, wo die Bahnen die höchste Geschwindigkeit erreichten, dann musste er seine Fracht eben woanders abladen.
Auf der anderen Straßenseite: eine steile Böschung zur Spree. Okay, dann würde er den Rollstuhl eben die Böschung runterstoßen. Sollte das Teil doch im trüben Wasser des Flusses versinken. Eine Entsorgung wäre es im mehrfachen Sinne: Ein totes Abbild einer Lebenden wäre aus der Welt. Eine Hülle für wertlosen Elektro- und Elektronikschrott, für Holz, Schrauben, Scharniere, billige Stoffe. Eine Lüge, an die viele gern glauben mochten, weil es so schön bequem war… Außerdem ersparte er dem Straßenbahnfahrer die Schrecksekunde, den Fahrgästen den Stress der Notbremsung.
Aram wechselte die Seite, blieb an der Straßenkante stehen. Blickte die Böschung herunter. Sanft kräuselten sich die Wellen des trüben Spreewassers, ein kühler Wind fuhr dahin. Aram schwitzte und fror.
Eine Straßenbahn quietschte in der Nähe. Blieb stehen. Keine Tür öffnete sich. Niemand stieg aus. Trotzdem schienen Menschen aus dem Boden vor der Straßenbahn zu wachsen, eine ganze Reihe von Männern mit ernsten, ausdruckslosen Gesichtern.
Die Geräusche erstarben. Die Welt war still und stumm. Kein Lachen, weit und breit. Kein Wink. Kein Ruf.
Aram fĂĽhlte sich allein. Er wischte sich den SchweiĂź von der Stirn und aus den Augen, und doch wackelten und flimmerten die Bilder, und es tanzten, funkelten, knisterten kleine, kalte Blitze, als sei die ganze Welt elektrisch geladen.
Er sah das Wasser des Flusses. Das trübe, sanfte, weiche Wasser. Im Wasser konnte man schwimmen. Man konnte sich sicher fühlen. Die Muskeln entspannten sich, die Rückenschmerzen ließen nach. Wasser kühlte, feuchtete, trug. Es beruhigte, erinnerte den Menschen an sein Herkommen aus einem großen, schützenden, nährenden Urmeer… Aram war immer gerne geschwommen, im Stadtbad, im Müggelsee, auch in der Spree…
Aber die andere Seite der Medaille existierte auch: Wasser nahm die Wärme, machte die Glieder steif. Wasser verhärtete die Muskeln, machte sie unbeweglicher. Verursachte Krämpfe. Es beschwerte die Sachen eines Menschen, machte ihn schwach; zog aus ihm die Kraft und ihn mit Macht nach unten, in den Tod. Wie viele Menschen hatten in den letzten Monaten die zerstörerische Seite des Mittelmeerwassers zu spüren bekommen und mit dem Leben bezahlt… Durch Arams wirre Sinne rasten Bilder ertrinkender Kinder. Ein Junge, drei oder vier Jahre, lag bäuchlings, das Gesicht mit den erloschen Augen zur Seite gedreht, im sauberen Sand eines Urlauberstrandes…
Unter dem Rollstuhl war nun eine große Pfütze roter Farbe zu sehen. Aber das sah Aram nicht mehr, oder er wollte es nicht mehr sehen. Er sah auch nicht, wie sich einige der Männer aus der Gruppe vor der haltenden Straßenbahn mit dem rechten Bein hinknieten. Auf den Oberschenkel des anderen, aufgestellten Knies stützten sie den Ellbogen des linken Armes; in ihrer Hand hielten sie irgendetwas, wobei sie den Arm ausstreckten und den rechten Unterarm auf die geöffnete linke Hand legten. Waren das Kameraobjektive, waren das Pistolen, die da in Anschlag gebracht wurden? Trotz der geringen Entfernung von einigen zehn Metern ließ sich kein Unterschied feststellen. Vielleicht gab es ja auch keinen Unterschied mehr zwischen Kameras und Waffen.
Allerdings erinnerten die knienden Männer mit den erloschenen Gesichtern stark an Roboter. Oder auch an eine ganze Kompanie von Golems. Woher kamen die? Wer hatte denen den Odem des Lebens eingeblasen? Wem dienten die, für wen verrichteten sie welche Hilfsdienste?
Aram sah zum Himmel. Zwischen den dahinfliegenden, hüpfenden Wölkchen tauchten Worte auf, feurige Worte, die sich zu Sätzen mit hypnotischer Wirkung verbanden und das Himmelsgewölbe in Form eines großen Bogens stützten, wobei Anfang und Ende der Sätze die Horizonte berührten:

Unerträglich, das ewige Warten!
Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem Nebenraum hereinströmt, machte mich krank vor Sehnsucht.
Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es wollte nicht weichen…


Wo kamen diese Worte her? Hatte er solches tatsächlich irgendwo gelesen?
Ach ja, es fiel ihm wieder ein: in jenem Buch standen die seltsamen, romantischen, zeitfernen und verschwurbelt-kitschig anmutenden Sätze, aus dem er einmal während eines Urlaubs gelesen hatte, in dem heruntergekommenen Flachbau in irgend einem Industriegebiet. Und nun füllten die Sätze den Himmel! War das nicht verrückt?
Aram riss sich los vom Anblick der leuchtenden Worte, der bogigen Sätze. Er sah auf den Rollstuhl. Auf die Golemine. Die Schmerzen im Schienbein waren weg, von dem Schlag in die Niere nichts mehr zu spüren. Der Schweiß getrocknet. Er fühlte sich jetzt gesund und stark. Kein Zittern in den Knien! Die Hände – sicher und ruhig!
Er drĂĽckte den RĂĽcken durch, machte sich gerade.
Da pfiff etwas durch die Luft. Riss ein Loch in den schwarzen Stoff vor ihm. Ein ausgefranster Teddy kullerte über das Kopfsteinpflaster. Rote Farbspritzer plötzlich überall, auf der Straße, auf Arams Händen, auf seiner Hose, dem Hemd. Und dabei wollte er doch mit der Farbe ein riesiges Herz auf die Straße malen, ein Herz für die verschwundene Mara, für die echte Mara!
Er gab dem Rollstuhl einen leichten Schubs in Richtung Spree.
Wieder pfiff etwas durch die Luft, und nun flog Aram!

Er flog mit größter Leichtigkeit in den Himmel über der Spree, so, als habe er kein Gewicht mehr, und während er noch rätselte, wie es sein könne, ganz ohne Kraftanstrengung, ohne Flügelschlag und Geräusch obendrein, so mühelos leicht und schnell aufzusteigen, erblickte er
aus großer Höhe und im Gefühl völliger Schwerelosigkeit und unendlicher Freiheit verwundert eine spielzeughafte, unwirkliche Welt unter sich: eine Straßenbahn stand da zwischen den Wartehäuschen zweier Haltestellen, aus irgendeinem Grund musste sie außerplanmäßig gehalten haben. Vor der Straßenbahn standen und hockten Männer mit teilnahmslosen Gesichtern. Sie wechselten Worte, die nicht zu verstehen waren auf die Entfernung. Aram wunderte sich, wie es sein könne, dass er nichts höre, aus dieser Höhe aber die Teilnahmslosigkeit in den Gesichtern so deutlich sehe. Aber er fand sofort eine Erklärung: Teilnahmslosigkeit sieht man auf große Entfernungen sicher nicht, aber man spürt sie tief drinnen, egal wie weit weg man von ihr ist, und spürt man sie, tief drinnen in sich, ist es nur ein kurzer Weg bis in den eigenen Kopf, wo sie ganz schnell sichtbar wird. Alles wird ja sichtbar im Kopf! Also konnte es doch sein, dass er aus dieser himmlischen, freien, klaren Höhe, wo vieles da unten nur noch als belangloser, spielzeughaft-ferner Witz erschien, so manches deutlich sah.
Am Rande der Straße, kurz vor dem Beginn der steilen Böschung zur Spree hinunter, stand ein Rollstuhl, bedeckt mit unzähligen roten Farbspritzern. Zerlöchertes Tuch, gleichermaßen bespritzt, flatterte im Wind. Eine lächerliche Hand aus irgendwelchen toten Materialien, aus Holz, Pappmaché, Drähten, überpinselt mit braunfarbenem Latex, baumelte an der Seite. Ein schöner Mädchenkopf mit leuchtenden blauen Augen, langen Wimpern, feinen, langen Brauen, schokoladenhaften Wangen, schwarzem, langem Haar lag wie abgeknickt auf Seite. Auch er mit roten Farbspritzern verunziert.
Und vor dem Rollstuhl lag der verkrümmte, schmächtige Körper eines Jugendlichen. Seine Augen waren geschlossen. Wer war das? Was tat er da?
Aram gab sich MĂĽhe, in das Gesicht des Liegenden zu sehen. Aber das ging nicht: das Gesicht war dem Boden zugekehrt.
Was war mit dem Jungen? Lebte er? Schlief er wirklich? Träumte er? Und wenn ja: was? Ging es um ein Mädchen, eine Geliebte, eine Angebetete? Oder ging es im Traum des Jungen um andere Sachen, um ein Fahrrad, einen W-LAN-Vertrag, ein Bezahl-Abo für Sky, um ein Handy, ein Skateboard? Wie gern hätte Aram gewusst, was mit dem Jungen sei und von was er gerade träume.
Wieder drängten sich leuchtend-feurige Worte zwischen den Wolken, durch die er himmelwärts flog, hervor und verbanden sich zu schwungvollen Sätzen:

Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein heller, flacher Stein… Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen…

Stammten die Sätze auch aus dem Buch? Er dachte kurz nach. Richtig: am Ende des ersten Halbjahres musste das gewesen sein, da hatte ihn doch der Müller gebeten, aus einem bestimmten Buch vorzulesen, und da standen ja diese seltsamen Sätze!
Aram schaute wieder zur Erde. Er sah den Theaterplatz. Viele Menschen wuselten dort, dicht an dicht. Sie schauten alle in eine Richtung. Sie schauten auf einen großen Monitor, und sie pressten die Hände auf die Münder, als sei etwas Schreckliches passiert.
Aram wunderte sich immer mehr: wie konnte es sein, dass er aus dieser Entfernung Anna, Armin, Hein und Detlef, Algin, Ela und all die anderen aus seiner Klasse sah? Sogar der unsympathische Angust schlich mit irgendeinem Plakat über den Platz! Ging das noch mit rechten Dingen zu, oder träumte er einen seltsamen Traum?
Und wieso sah er deutlich Menschen wie diesen Franke, den Leiter des Hostels, in dem er einmal, freilich zwangsweise, mit seinen Eltern Urlaub machen musste, und den er später, zusammen mit Armin, besucht hatte? Wie kam der denn dazu, sich auf den Theaterplatz zu stellen und auf einen großen Monitor zu starren, als käme von dem die Erlösung?
Ach, für einen winzigen Moment verspürte Aram Sehnsucht nach all den Bekannten, mochten sie sich noch so gemein benommen haben wie Hein und Detlef, die zwei Schufte, die ihn mit einer puren Behauptung und einem gefakten Video ausgenommen hatten, die Hurensöhne; oder Angust, der Hausmeister: der hatte doch eindeutig das Handy mit dem speziell programmierten Sprachtool geklaut – und nicht mal das hatte eine Wirkung auf die Wirkung der Golemine…

Aram flog weiter, höher. Kam den Sternen näher. Erinnerte sich seines Großvaters, der Erzählungen von der Himmelsleiter. Wie abenteuerlich war doch die Geschichte von Jakobs Traum. Aber das war ja auch nur ein Traum. Er dagegen träumte nicht. Er flog wirklich in den Himmel.
Schön war es, ein Engel zu sein! Das wurde ihm jetzt erst so richtig klar. Ein Engel ist ein Wesen, das vom Himmel auf die Erde kommt, aber auch wieder zurück darf. Insofern war möglicherweise jeder Mensch ein Engel.
Aber darüber wollte Aram in diesem hohen Moment nicht weiter nachdenken. Dafür war der Augenblick mit der guten Sicht auf all die Dinge da unten viel zu schön. Dieser Moment, er musste genossen und erlebt werden, wer wusste schon, was anschließend auf einen zukam, mit welchen unangenehmen Fragen man in Kürze wieder konfrontiert werden würde, und wie peinlich wäre es, wüsste man keine Antwort…

Sein Blick schweifte auf der Erde herum, fast war ihm, als könne er gar nicht mehr lassen von der Betrachtung der irdischen Dinge.
Hinter dem Fenster einer Straßenbahn erblickte Aram Müller. Der machte einen jämmerlichen Eindruck. Er stand da und trommelte mit beiden Fäusten gegen die Scheibe. Als wäre er eingesperrt! Dazu rief und schrie er etwas, das aber nicht zu verstehen war.
Über den Theaterplatz rannten zwei Jugendliche, die er nicht kannte. Allerdings erinnerte ihn der Junge an Franke. Da war eine Ähnlichkeit, unbestreitbar! Und – Aram staunte in seiner Höhe –: wer rannte hinter den beiden her? Armin! Gar nicht cool, wie sonst immer, sondern mit hochrotem Gesicht und völlig außer Puste! Wollte er die zwei irgendwas fragen? Nun, das konnte ihm, Aram, egal sein. Was wusste er schon von Armin, oder von Detlef und Hein.
Interessanter war es doch, mit dem gegenwärtigen Scharfblick – der ihm von wem auch immer geschenkt worden war – einmal nach Mara zu suchen!
Arams blinzelte im immer schnelleren Fluge zu den Sternen angestrengt vor sich hin und richtete seinen Blick zum letzten Mal mit aller Konzentration auf die große Stadt. Mit Lichtgeschwindigkeit, nein: mit der Kraft der Liebe suchte er in null komma nix die ganze Stadt nach Maras liebem Gesicht ab. Man glaube es oder auch nicht: Aram entdeckte tatsächlich Mara!

Obwohl: ganz so einfach war es dann doch nicht. Aram sah ein Mädchen, ein wirklich hübsches türkisches Mädchen mit schulterlangen, schwarzen, glatten Haaren und selbstbewusstem Blick. Das Mädchen stand vor einer Litfaßsäule und schien zu lesen. War das Mara? Er war sich nicht sicher. Die Mara, die er kannte, in die er sich verliebt hatte, die trug ja einen Hidschab, später einen Tschador, zum Schluss eine Niqab, wo nur noch ein schmaler Sehschlitz vom ganzen Mädchen blieb. Dann verschwand sie komplett. Wie konnte Aram nun sicher sein, dass er seine Mara da unten sah?

Doch Aram entschied sich: ja, das musste sie sein. So wollte er sie sehen, so sah sie wirklich und lebendig aus: jung, über die Maßen hübsch, strahlend, von der Natur oder Gott oder wem auch immer mit glatter, brauner Haut, vollem Haar, einer grazilen Figur, wippenden und doch festen Brüsten und einem schelmischem Lächeln ausgestattet. Vor allem: gesund. Ohne Rollstuhl, ohne Krücken. Ohne Bedenken. Ohne Ängste.

Und doch, die Zweifel blieben: wenn er sich auch einredete, diese sei es, diese sei die Mara, die er liebe, so wusste er in diesem Moment tatsächlich nicht recht, ob er diese eine da liebe, die Strahlende, die Gesunde, die ohne Versehrung, ohne Verhüllung… So kannte er Mara ja gar nicht! Er hatte sein Bild von Mara in seinem Herzen, das wurde ihm jetzt erst so recht bewusst, und das war ein anderes als jenes, das er nun erblickte und über dem er sich seine Liebe einzureden versuchte.

Ja, er zweifelte plötzlich. Sicher war wohl nur eines: die Welt war schwierig und widersprüchlich. Liebe auch. Die Bilder, die wechselnden…

Dann war er am Ziel.




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aligaga
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Das ist in der Tat ein Stück, in dem furchtbar viele Worte gemacht werden und mit allerlei medizinischem Halbwissen herumhantiert wird. Auf recht umständliche Weise wird uns erklärt, dass der Junge in seiner Schulklasse nicht ankommt, von seinen Eltern unter Druck gesetzt wird und kein Vertrauen zu ihnen hat - sonst würde er sich ihnen ja öffnen und sie um Hilfe bitten können.

Knaben leiden zwar weniger häufig unter Anorexia nervosa als Mädchen (die oft einem "Schönheitsideal" nachlaufen), sind dafür aber heftiger betroffen und nur sehr schwer endgültig heilbar. Magersucht ist längst kein Tabuthema mehr; wer nicht am Rand unserer heutigen Gesellschaft lebt, hat von dieser Krankheit, ihren möglichen Ursachen und ihrem Verlauf schon öfter gehört.

Es macht daher wenig Sinn, Erwachsene in einem Roman von "Geistern" fabulieren zu lassen und sich irgendetwas Obskures auszudenken, was Kinder dazu brächte, die Nahrung zu verweigern oder sich zu "ritzen", wenn, so wie hier, die Ursachen ziemlich offenkundig sind. Sorry, aber das, was "Müller" da an seinem Sohn alles vorbeidenkt, ist gequirlter Quark - die Zeichen, die ihm sein Sohn mit seinem ausgezehrten Körperchen geben wollte, hatte er jedenfalls übersehen und auch seiner Frau fallen diese Anomalien erst an den "anderen" Patienten der Klinik auf.

Sorry - aber die 08/15-Genese einer gängigen Zivilisationskrankheit wie die hier vorliegende bietet keine Grundlage für ein dröges Ghostbuster-Epos. Interessant wäre allenfalls, ob die Kinder mit oder ohne ihre Eltern aus ihrem Teufelskreis herauskommen oder nicht. Und wenn ja, was dabei den Ausschlag gab. Alles andere wäre, mit Verlaub gesagt, pillepalle.

Geistergeschichten sind immer Kinder- oder Fantasygeschichten. Wer versucht, sie mit Gewalt Erwachsenen zu erzählen, erleidet Schiffbruch - es sei denn, der "Geist" wäre nur eine Metapher für etwas, das mit Worten allein nicht auszudrücken wäre: das Unglück, die Depression, die Sinnlosigkeit, die Dummheit.

Der Golem, Mr. Hyde, Moby Dick: Platzhalter für Umstände, die nicht bildlich darstellbar sind und doch existieren. Das Schlimme an den Krankheiten ist, dass ihre Genese, ihr Fortschritt, die Heilung oder das Ende des Patienten so minutiös abzubilden und in aller Regel auch vorhersehbar sind.

Das hört der Mensch nicht gern, spricht verächtlich von "Schulmedizin" und weicht zu den Geistheilern aus. Aber die helfen ihm in der Regel am allerwenigsten und haben im Ernstfall keine Ahnung von Palliation.

TTip, o @Penelopeiea: Schreib keine Gespenstergeschichte, sondern einen Roman über eine gelungene oder missglückte Familientherapie. Kein langatmiges Fachbuch über Essstörungen oder über Amelotatismus, sondern über das Schicksal der Betroffenen, über ihren Untergang oder ihre Erlösung. Das kann sehr spannend sein!

Heiter

aligaga

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Penelopeia
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@Aligaga:

Danke für die Beschäftigung mit dem Text und die umfangreiche Kritik. Ich bin an sich ganz zufrieden mit dem, was Dir auf den Text hin einfällt. Vieles, was Du schreibst, stimmt: Es gibt eine ganze Menge Worte, es gibt medizinisches Halbwissen, und die "Geist-These" ist aus der Sicht eines Atheisten wenig rational.

Aber: Kann es sein, dass hier nicht ein Autor zuvörderst seine Meinung, sondern die möglichen Vorstellungswelten eines hilflosen, verzweifelten Ex-Elternpaares versucht zu beschreiben?
Natürlich kann ein "Müller" nicht mit Dir, Aligaga, mithalten, wenn es um die Erkenntnis der Welt und dessen, was sie steuert und zusammenhält, geht. Da hat er klare Nachteile, offenkundig. Zugute halten möchte ich ihm, dass er nicht ganz aufgibt, auch wenn er sich in nicht recht zeitgemäße Thesen flüchtet, übrigens nach Überwindung schwerer innerer Widerstände!

Wenn ich könnte, würde ich solche Sach- und Fachkundigen wie Dich, Aligaga, gern an betroffene Eltern weitervermitteln. Von den Fachärzten hören diese leider auch nur vage Hypothesen zu den Krankheitsursachen, im Prinzip also medizinisches Halb- oder Unwissen. Leider.

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aligaga
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Natürlich kann ein "Müller" nicht mit Dir, Aligaga, mithalten, wenn es um die Erkenntnis der Welt und dessen, was sie steuert und zusammenhält, geht. Da hat er klare Nachteile, offenkundig. Zugute halten möchte ich ihm, dass er nicht ganz aufgibt, auch wenn er sich in nicht recht zeitgemäße Thesen flüchtet, übrigens nach Überwindung schwerer innerer Widerstände!

Das verlangt ja auch niemand, o @Penelopeia. Du bekamst doch nur den Vorschlag, dich dem Thema sinnvoller zu nähern als einen Golem zu bemühen. Mach's - was für ein "Zufall"! - wie Franziska Schutzbach gerade eben in der Freitags-Beilage zur SZ vom 12. August ("Am eigenen Leib", S. 16)! Die bemüht keinen Geist über einen ganzen Roman hinweg, sondern belässt es bei einem Essay, der wirklich interessante Gesichtspunkte zur Noxe enthält.

TTip: lesen!

Heiter

aligaga

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