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Leselupe.de > Erzählungen
Geister
Eingestellt am 08. 08. 2016 15:58


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Penelopeia
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Der nachfolgende Text ist ein weiteres Kapitel aus einem Roman, in dem es um das Thema Golem geht. Ich habe versucht, die Golem-Sage in die heutige Zeit zu √ľbertragen. Ob das gelungen ist, wei√ü ich nicht. Die Grundhandlung geht so: eine t√ľrkische Sch√ľlerin im Rollstuhl verschwindet, zun√§chst unter einer zunehmenden Stoff- und Kleiderf√ľlle (vom Kopftuch √ľber Tschador bis zur Burka), dann ganz; sie ist einfach weg und keiner wei√ü Genaues. Der Klasse droht die Aufteilung. Da kommen die Sch√ľler auf die Idee, einen Ersatz zu basteln, ein Kunstgesch√∂pf, eine Golemine...

Im folgenden Kapitel versucht Aram, das k√ľnstliche Gesch√∂pf zu beseitigen.

Aram fliegt

Beim Aussteigen aus der Tram musste es passiert sein: der Topf mit roter Farbe, den er auf Grund einer dunklen Eingebung vom Kellerflur vor der Hausmeisterwerkstatt genommen und unter die Stoffh√ľlle der Golemine gestopft hatte, geriet in Schieflage oder kippte um und begann Tropfen abzusondern; wahrscheinlich war der Topf von Angust ge√∂ffnet worden, und er hatte nach dem Ende der Reparaturarbeiten den Deckel nicht richtig draufgedr√ľckt.
Dicke, fette Tropfen roter Farbe plumpsten auf den Asphalt und erzeugten eine Spur. Eine Blutspur, hätte man denken können!
Ein paar Dutzend Meter schob Aram den Wagen, er war schon fast am Ziel.

Eine Stelle war das, ziemlich zentral, nur ein paar hundert Meter Luftlinie vom Theaterplatz entfernt. Eine Spreebr√ľcke gab es dort, und die Gleise liefen dar√ľber hinweg, in perfekter Parallelit√§t und Geradheit. Hinter der Br√ľcke zogen die Fahrer das Tempo hoch, ein Bremsen war zwar m√∂glich, der Bremsweg aber lang. Tauchte nun unvermittelt auf den Gleisen, wenige Meter vor der daher rasenden Stra√üenbahn, ein Hindernis auf, eine Person, ein Gegenstand, ein Rollstuhl mit einer Person ‚Äď oder einem Gegenstand ‚Äď, mochte der Fahrer wohl noch reflexhaft auf die Bremse treten. Eine Wirkung w√ľrde es nicht mehr haben: die tr√§ge Masse sch√∂be sich, nur unmerklich verlangsamend, einfach weiter. √úber das Hindernis. Hinweg.
Aram wusste zwar, dass es f√ľr den Fahrer Stress bedeuten w√ľrde, pl√∂tzlich eine Person auf den Gleisen zu sehen. Ihm war wohl klar, dass die Mitfahrenden, vor allem jene im Gang, an den Halteseilen, an denen sie sich oft nicht einmal festhielten, ein ‚Äěbeschleunigtes Verfahren‚Äú erhielten, also in Fahrtrichtung weiterrutschen und m√∂glicherweise mit anderen Mitreisenden unsanft kollidieren w√ľrden. Aber er hielt diese Effekte f√ľr nebens√§chliche Kollateralsch√§den. Ihn hatte ein unguter Grimm befallen: er wollte nicht nur die Golemine loswerden, diese missgl√ľckte L√ľgenbastelei, dieses unvollkommene Kunstgesch√∂pf, das auf Grund haneb√ľchener Oberfl√§chlichkeiten, Angst, Ignoranz und irgendwelcher angesagter politischer Korrektheiten als vollwertige Sch√ľlerin einer neunten Klasse akzeptiert wurde; er suchte vor allem eine M√∂glichkeit, seinen Frust, seine Aggression, die ganze Verzweiflung seiner vermaledeiten, hoffnungslosen Existenz f√ľr einen Moment abladen zu k√∂nnen: sich weiden an den Schreckgesichtern des Fahrers, der Fahrg√§ste; einmal nicht die eigene, sondern die Ohnmacht der anderen zu kosten, der Etablierten, der Arrivierten, derjenigen, die sicher im Sattel sa√üen, auf die kein Asylverfahren wartete, keine Vorladung vor ein Entscheidungsgremium des Bundesamtes f√ľr Migration und Fl√ľchtlinge, keine peinliche Befragung durch feiste Mitarbeiter eines Verwaltungsgerichtes, keine unvermittelte mittern√§chtliche Abschiebung, kein Neuanfang im alten Land, das einem fremd war und obendrein keine Zukunft bot, keine Chance, keine Hoffnung‚Ķ

F√ľr einen kurzen Moment blieb er stehen. Schnaufte. Ein k√ľhler Wind kam auf, der so gar nicht zu diesem sommerlichen Sp√§tjunitag passen wollte. Doch er k√ľhlte nicht. Im Gegenteil: Aram begann heftig zu schwitzen. Feine Rinnsale Schwei√ü liefen ihm von der Stirn und verklebten seine Augen, so dass er heftig blinzeln musste, um √ľberhaupt noch etwas zu sehen. Herz und Lunge gaben rasselnde Ger√§usche, als habe er jahrzehntelang geraucht.
Seine Knie begannen zu zittern. In seinen Ohren √ľberlagerten sich die Ger√§usche der Stadt, der Autol√§rm, das Quietschen der Stra√üenbahnen, zusammenhanglose Gespr√§chsfetzen, Sirenengeheul‚Ķ
Ersch√∂pft und ungl√§ubig sah er an sich herunter: nein, da waren keine Zappel- oder Schlingerbewegungen seiner Beine. Und trotzdem f√ľhlte er sich schwach, m√ľde. Alt.
Er wunderte sich √ľber diesen seltsamen Zustand, √ľber die ganze Aufregung, die ihn erfasst zu haben schien. Das war ja fast wie im Moment einer kurzfristig anberaumten Abschiebung!
Aram, Tigran, Mane, viele Bekannte, viele Menschen in der Stadt lebten in der st√§ndigen Angst vor dem pl√∂tzlichen n√§chtlichen Surren oder L√§uten, seltener Schrillen einer Wohnungst√ľrklingel ‚Äď die b√∂se schrillenden Klingeln gab es wohl nur noch in Schundromanen oder F√ľnfziger-Jahre-Filmen, in der heutigen Zeit ert√∂nte beim Druck auf den Klingelknopf zumeist ein harmonisches Kling-Klong, oder ein sanftm√ľtiges Bim-bam, selbst an den Wohnungst√ľren von Neuk√∂lln, die in Wohnungen f√ľhrten, die von Menschen mit Asylantrag oder vorl√§ufigem Bleiberecht bewohnt wurden!
Und auf das harmonische Kling-Klong oder das sanftm√ľtige Bim-bam folgte meist eine kleine Ansage, eine an Harmlosigkeit nicht zu √ľberbietende Stimme w√ľnschte einen guten Abend,
verbunden mit der Bitte, mal aufzumachen, die Polizei stehe vor der T√ľr‚Ķ

Aram gab sich einen Ruck, setzte sich wieder in Bewegung. Sein Ziel war nicht weit. Er war ja fast am Ziel!
Da drehten sich pl√∂tzlich Leute nach ihm um. Tuschelten. Sahen einander an, fragend, besorgt. Sch√ľttelten die K√∂pfe. Schauten schr√§g zu ihm her√ľber.
Aram beschleunigte, fiel in Laufschritt. Ein Mann mit zusammengekniffenen, misstrauischen Augen zog ein Handy aus der Innentasche seiner Jacke, tippte eine Nummer ein.
Jemand versuchte ihn am √Ąrmel festzuhalten. Aram riss sich los, hastete weiter. Ein zweiter schlug ihm mit der Faust in die Seite, traf die Niere. Ein dritter versuchte ihm ein Bein zu stellen. Aram prallte im schnellen Lauf mit dem rechten Schienbein gegen einen harten Gegenstand, vielleicht war es ein Regenschirm, vielleicht auch ein Kuhfu√ü oder Brecheisen ‚Äď Aram sah nicht mehr viel und nichts genau. Der Schmerz fuhr in ihm hoch, er taumelte; seine Wut verdoppelte, vervielfachte sich.
Schreie drangen wie durch Nebel in seine Ohren, vermischten sich mit den wirren Geräuschen aus Großstadtlärm und Menschengeplärr. Was riefen sie da? Hundesohn? Schweinehund? Mörder? Terrorist? Wen meinten die bloß?
Egal. Er biss die Z√§hne zusammen, fing sich, beschleunigte seinen Lauf weiter. Wechselte abrupt auf die Stra√üe, weil immer mehr Passanten auf dem Gehsteig stehen blieben, sich nach ihm umdrehten, auf ihn starrten, mit den Armen seltsame Ruderbewegungen vollf√ľhrten, die M√§uler aufrissen, unverst√§ndliche Worte heraus schrien und wohl auch eine Art sich verdichtende Barriere bildeten, ohne dass es ihnen einer anbefohlen h√§tte.
Die Stra√üe nun war nicht glatt asphaltiert, sondern mit grobem Kopfstein gepflastert. Der Rollstuhl mit der verdammten Last wurde immer schwerer, und immer wieder verhedderten sich die schmalen R√§der des Gef√§hrts in den Gleisrinnen und bremsten und zerrten an seiner Fuhre. Die Gestalt im Rollstuhl h√ľpfte und flog, fiel hin und her. Eine Hand, eine k√ľnstliche nat√ľrlich, gut nachgebildet, aber tot und leblos, baumelte an der Seite herunter. Eine Frau stie√ü einen spitzen Schrei aus. Mehrere M√§nner br√ľllten wieder irgendetwas. Aram verstand sie nicht, wollte sie gar nicht mehr verstehen.
Er sah sich um. √Ąnderte seinen Plan. Wenn er nicht bis zu der geplanten Stelle auf der langen Gerade k√§me, wo die Bahnen die h√∂chste Geschwindigkeit erreichten, dann musste er seine Fracht eben woanders abladen.
Auf der anderen Stra√üenseite: eine steile B√∂schung zur Spree. Okay, dann w√ľrde er den Rollstuhl eben die B√∂schung runtersto√üen. Sollte das Teil doch im tr√ľben Wasser des Flusses versinken. Eine Entsorgung w√§re es im mehrfachen Sinne: Ein totes Abbild einer Lebenden w√§re aus der Welt. Eine H√ľlle f√ľr wertlosen Elektro- und Elektronikschrott, f√ľr Holz, Schrauben, Scharniere, billige Stoffe. Eine L√ľge, an die viele gern glauben mochten, weil es so sch√∂n bequem war‚Ķ Au√üerdem ersparte er dem Stra√üenbahnfahrer die Schrecksekunde, den Fahrg√§sten den Stress der Notbremsung.
Aram wechselte die Seite, blieb an der Stra√üenkante stehen. Blickte die B√∂schung herunter. Sanft kr√§uselten sich die Wellen des tr√ľben Spreewassers, ein k√ľhler Wind fuhr dahin. Aram schwitzte und fror.
Eine Stra√üenbahn quietschte in der N√§he. Blieb stehen. Keine T√ľr √∂ffnete sich. Niemand stieg aus. Trotzdem schienen Menschen aus dem Boden vor der Stra√üenbahn zu wachsen, eine ganze Reihe von M√§nnern mit ernsten, ausdruckslosen Gesichtern.
Die Geräusche erstarben. Die Welt war still und stumm. Kein Lachen, weit und breit. Kein Wink. Kein Ruf.
Aram f√ľhlte sich allein. Er wischte sich den Schwei√ü von der Stirn und aus den Augen, und doch wackelten und flimmerten die Bilder, und es tanzten, funkelten, knisterten kleine, kalte Blitze, als sei die ganze Welt elektrisch geladen.
Er sah das Wasser des Flusses. Das tr√ľbe, sanfte, weiche Wasser. Im Wasser konnte man schwimmen. Man konnte sich sicher f√ľhlen. Die Muskeln entspannten sich, die R√ľckenschmerzen lie√üen nach. Wasser k√ľhlte, feuchtete, trug. Es beruhigte, erinnerte den Menschen an sein Herkommen aus einem gro√üen, sch√ľtzenden, n√§hrenden Urmeer‚Ķ Aram war immer gerne geschwommen, im Stadtbad, im M√ľggelsee, auch in der Spree‚Ķ
Aber die andere Seite der Medaille existierte auch: Wasser nahm die W√§rme, machte die Glieder steif. Wasser verh√§rtete die Muskeln, machte sie unbeweglicher. Verursachte Kr√§mpfe. Es beschwerte die Sachen eines Menschen, machte ihn schwach; zog aus ihm die Kraft und ihn mit Macht nach unten, in den Tod. Wie viele Menschen hatten in den letzten Monaten die zerst√∂rerische Seite des Mittelmeerwassers zu sp√ľren bekommen und mit dem Leben bezahlt‚Ķ Durch Arams wirre Sinne rasten Bilder ertrinkender Kinder. Ein Junge, drei oder vier Jahre, lag b√§uchlings, das Gesicht mit den erloschen Augen zur Seite gedreht, im sauberen Sand eines Urlauberstrandes‚Ķ
Unter dem Rollstuhl war nun eine gro√üe Pf√ľtze roter Farbe zu sehen. Aber das sah Aram nicht mehr, oder er wollte es nicht mehr sehen. Er sah auch nicht, wie sich einige der M√§nner aus der Gruppe vor der haltenden Stra√üenbahn mit dem rechten Bein hinknieten. Auf den Oberschenkel des anderen, aufgestellten Knies st√ľtzten sie den Ellbogen des linken Armes; in ihrer Hand hielten sie irgendetwas, wobei sie den Arm ausstreckten und den rechten Unterarm auf die ge√∂ffnete linke Hand legten. Waren das Kameraobjektive, waren das Pistolen, die da in Anschlag gebracht wurden? Trotz der geringen Entfernung von einigen zehn Metern lie√ü sich kein Unterschied feststellen. Vielleicht gab es ja auch keinen Unterschied mehr zwischen Kameras und Waffen.
Allerdings erinnerten die knienden M√§nner mit den erloschenen Gesichtern stark an Roboter. Oder auch an eine ganze Kompanie von Golems. Woher kamen die? Wer hatte denen den Odem des Lebens eingeblasen? Wem dienten die, f√ľr wen verrichteten sie welche Hilfsdienste?
Aram sah zum Himmel. Zwischen den dahinfliegenden, h√ľpfenden W√∂lkchen tauchten Worte auf, feurige Worte, die sich zu S√§tzen mit hypnotischer Wirkung verbanden und das Himmelsgew√∂lbe in Form eines gro√üen Bogens st√ľtzten, wobei Anfang und Ende der S√§tze die Horizonte ber√ľhrten:

Unerträglich, das ewige Warten!
Die milde Fr√ľhlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem Nebenraum hereinstr√∂mt, machte mich krank vor Sehnsucht.
Dies schmelzende Tropfen von den D√§chern! Und wie die feinen Wasserschn√ľre im Sonnenlicht gl√§nzten!
Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
Dieses s√ľchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es wollte nicht weichen‚Ķ


Wo kamen diese Worte her? Hatte er solches tatsächlich irgendwo gelesen?
Ach ja, es fiel ihm wieder ein: in jenem Buch standen die seltsamen, romantischen, zeitfernen und verschwurbelt-kitschig anmutenden S√§tze, aus dem er einmal w√§hrend eines Urlaubs gelesen hatte, in dem heruntergekommenen Flachbau in irgend einem Industriegebiet. Und nun f√ľllten die S√§tze den Himmel! War das nicht verr√ľckt?
Aram riss sich los vom Anblick der leuchtenden Worte, der bogigen S√§tze. Er sah auf den Rollstuhl. Auf die Golemine. Die Schmerzen im Schienbein waren weg, von dem Schlag in die Niere nichts mehr zu sp√ľren. Der Schwei√ü getrocknet. Er f√ľhlte sich jetzt gesund und stark. Kein Zittern in den Knien! Die H√§nde ‚Äď sicher und ruhig!
Er dr√ľckte den R√ľcken durch, machte sich gerade.
Da pfiff etwas durch die Luft. Riss ein Loch in den schwarzen Stoff vor ihm. Ein ausgefranster Teddy kullerte √ľber das Kopfsteinpflaster. Rote Farbspritzer pl√∂tzlich √ľberall, auf der Stra√üe, auf Arams H√§nden, auf seiner Hose, dem Hemd. Und dabei wollte er doch mit der Farbe ein riesiges Herz auf die Stra√üe malen, ein Herz f√ľr die verschwundene Mara, f√ľr die echte Mara!
Er gab dem Rollstuhl einen leichten Schubs in Richtung Spree.
Wieder pfiff etwas durch die Luft, und nun flog Aram!

Er flog mit gr√∂√üter Leichtigkeit in den Himmel √ľber der Spree, so, als habe er kein Gewicht mehr, und w√§hrend er noch r√§tselte, wie es sein k√∂nne, ganz ohne Kraftanstrengung, ohne Fl√ľgelschlag und Ger√§usch obendrein, so m√ľhelos leicht und schnell aufzusteigen, erblickte er
aus gro√üer H√∂he und im Gef√ľhl v√∂lliger Schwerelosigkeit und unendlicher Freiheit verwundert eine spielzeughafte, unwirkliche Welt unter sich: eine Stra√üenbahn stand da zwischen den Warteh√§uschen zweier Haltestellen, aus irgendeinem Grund musste sie au√üerplanm√§√üig gehalten haben. Vor der Stra√üenbahn standen und hockten M√§nner mit teilnahmslosen Gesichtern. Sie wechselten Worte, die nicht zu verstehen waren auf die Entfernung. Aram wunderte sich, wie es sein k√∂nne, dass er nichts h√∂re, aus dieser H√∂he aber die Teilnahmslosigkeit in den Gesichtern so deutlich sehe. Aber er fand sofort eine Erkl√§rung: Teilnahmslosigkeit sieht man auf gro√üe Entfernungen sicher nicht, aber man sp√ľrt sie tief drinnen, egal wie weit weg man von ihr ist, und sp√ľrt man sie, tief drinnen in sich, ist es nur ein kurzer Weg bis in den eigenen Kopf, wo sie ganz schnell sichtbar wird. Alles wird ja sichtbar im Kopf! Also konnte es doch sein, dass er aus dieser himmlischen, freien, klaren H√∂he, wo vieles da unten nur noch als belangloser, spielzeughaft-ferner Witz erschien, so manches deutlich sah.
Am Rande der Stra√üe, kurz vor dem Beginn der steilen B√∂schung zur Spree hinunter, stand ein Rollstuhl, bedeckt mit unz√§hligen roten Farbspritzern. Zerl√∂chertes Tuch, gleicherma√üen bespritzt, flatterte im Wind. Eine l√§cherliche Hand aus irgendwelchen toten Materialien, aus Holz, Pappmach√©, Dr√§hten, √ľberpinselt mit braunfarbenem Latex, baumelte an der Seite. Ein sch√∂ner M√§dchenkopf mit leuchtenden blauen Augen, langen Wimpern, feinen, langen Brauen, schokoladenhaften Wangen, schwarzem, langem Haar lag wie abgeknickt auf Seite. Auch er mit roten Farbspritzern verunziert.
Und vor dem Rollstuhl lag der verkr√ľmmte, schm√§chtige K√∂rper eines Jugendlichen. Seine Augen waren geschlossen. Wer war das? Was tat er da?
Aram gab sich M√ľhe, in das Gesicht des Liegenden zu sehen. Aber das ging nicht: das Gesicht war dem Boden zugekehrt.
Was war mit dem Jungen? Lebte er? Schlief er wirklich? Tr√§umte er? Und wenn ja: was? Ging es um ein M√§dchen, eine Geliebte, eine Angebetete? Oder ging es im Traum des Jungen um andere Sachen, um ein Fahrrad, einen W-LAN-Vertrag, ein Bezahl-Abo f√ľr Sky, um ein Handy, ein Skateboard? Wie gern h√§tte Aram gewusst, was mit dem Jungen sei und von was er gerade tr√§ume.
Wieder drängten sich leuchtend-feurige Worte zwischen den Wolken, durch die er himmelwärts flog, hervor und verbanden sich zu schwungvollen Sätzen:

Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein heller, flacher Stein… Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen…

Stammten die S√§tze auch aus dem Buch? Er dachte kurz nach. Richtig: am Ende des ersten Halbjahres musste das gewesen sein, da hatte ihn doch der M√ľller gebeten, aus einem bestimmten Buch vorzulesen, und da standen ja diese seltsamen S√§tze!
Aram schaute wieder zur Erde. Er sah den Theaterplatz. Viele Menschen wuselten dort, dicht an dicht. Sie schauten alle in eine Richtung. Sie schauten auf einen gro√üen Monitor, und sie pressten die H√§nde auf die M√ľnder, als sei etwas Schreckliches passiert.
Aram wunderte sich immer mehr: wie konnte es sein, dass er aus dieser Entfernung Anna, Armin, Hein und Detlef, Algin, Ela und all die anderen aus seiner Klasse sah? Sogar der unsympathische Angust schlich mit irgendeinem Plakat √ľber den Platz! Ging das noch mit rechten Dingen zu, oder tr√§umte er einen seltsamen Traum?
Und wieso sah er deutlich Menschen wie diesen Franke, den Leiter des Hostels, in dem er einmal, freilich zwangsweise, mit seinen Eltern Urlaub machen musste, und den er später, zusammen mit Armin, besucht hatte? Wie kam der denn dazu, sich auf den Theaterplatz zu stellen und auf einen großen Monitor zu starren, als käme von dem die Erlösung?
Ach, f√ľr einen winzigen Moment versp√ľrte Aram Sehnsucht nach all den Bekannten, mochten sie sich noch so gemein benommen haben wie Hein und Detlef, die zwei Schufte, die ihn mit einer puren Behauptung und einem gefakten Video ausgenommen hatten, die Hurens√∂hne; oder Angust, der Hausmeister: der hatte doch eindeutig das Handy mit dem speziell programmierten Sprachtool geklaut ‚Äď und nicht mal das hatte eine Wirkung auf die Wirkung der Golemine‚Ķ

Aram flog weiter, höher. Kam den Sternen näher. Erinnerte sich seines Großvaters, der Erzählungen von der Himmelsleiter. Wie abenteuerlich war doch die Geschichte von Jakobs Traum. Aber das war ja auch nur ein Traum. Er dagegen träumte nicht. Er flog wirklich in den Himmel.
Sch√∂n war es, ein Engel zu sein! Das wurde ihm jetzt erst so richtig klar. Ein Engel ist ein Wesen, das vom Himmel auf die Erde kommt, aber auch wieder zur√ľck darf. Insofern war m√∂glicherweise jeder Mensch ein Engel.
Aber dar√ľber wollte Aram in diesem hohen Moment nicht weiter nachdenken. Daf√ľr war der Augenblick mit der guten Sicht auf all die Dinge da unten viel zu sch√∂n. Dieser Moment, er musste genossen und erlebt werden, wer wusste schon, was anschlie√üend auf einen zukam, mit welchen unangenehmen Fragen man in K√ľrze wieder konfrontiert werden w√ľrde, und wie peinlich w√§re es, w√ľsste man keine Antwort‚Ķ

Sein Blick schweifte auf der Erde herum, fast war ihm, als könne er gar nicht mehr lassen von der Betrachtung der irdischen Dinge.
Hinter dem Fenster einer Stra√üenbahn erblickte Aram M√ľller. Der machte einen j√§mmerlichen Eindruck. Er stand da und trommelte mit beiden F√§usten gegen die Scheibe. Als w√§re er eingesperrt! Dazu rief und schrie er etwas, das aber nicht zu verstehen war.
√úber den Theaterplatz rannten zwei Jugendliche, die er nicht kannte. Allerdings erinnerte ihn der Junge an Franke. Da war eine √Ąhnlichkeit, unbestreitbar! Und ‚Äď Aram staunte in seiner H√∂he ‚Äď: wer rannte hinter den beiden her? Armin! Gar nicht cool, wie sonst immer, sondern mit hochrotem Gesicht und v√∂llig au√üer Puste! Wollte er die zwei irgendwas fragen? Nun, das konnte ihm, Aram, egal sein. Was wusste er schon von Armin, oder von Detlef und Hein.
Interessanter war es doch, mit dem gegenw√§rtigen Scharfblick ‚Äď der ihm von wem auch immer geschenkt worden war ‚Äď einmal nach Mara zu suchen!
Arams blinzelte im immer schnelleren Fluge zu den Sternen angestrengt vor sich hin und richtete seinen Blick zum letzten Mal mit aller Konzentration auf die große Stadt. Mit Lichtgeschwindigkeit, nein: mit der Kraft der Liebe suchte er in null komma nix die ganze Stadt nach Maras liebem Gesicht ab. Man glaube es oder auch nicht: Aram entdeckte tatsächlich Mara!

Obwohl: ganz so einfach war es dann doch nicht. Aram sah ein M√§dchen, ein wirklich h√ľbsches t√ľrkisches M√§dchen mit schulterlangen, schwarzen, glatten Haaren und selbstbewusstem Blick. Das M√§dchen stand vor einer Litfa√üs√§ule und schien zu lesen. War das Mara? Er war sich nicht sicher. Die Mara, die er kannte, in die er sich verliebt hatte, die trug ja einen Hidschab, sp√§ter einen Tschador, zum Schluss eine Niqab, wo nur noch ein schmaler Sehschlitz vom ganzen M√§dchen blieb. Dann verschwand sie komplett. Wie konnte Aram nun sicher sein, dass er seine Mara da unten sah?

Doch Aram entschied sich: ja, das musste sie sein. So wollte er sie sehen, so sah sie wirklich und lebendig aus: jung, √ľber die Ma√üen h√ľbsch, strahlend, von der Natur oder Gott oder wem auch immer mit glatter, brauner Haut, vollem Haar, einer grazilen Figur, wippenden und doch festen Br√ľsten und einem schelmischem L√§cheln ausgestattet. Vor allem: gesund. Ohne Rollstuhl, ohne Kr√ľcken. Ohne Bedenken. Ohne √Ąngste.

Und doch, die Zweifel blieben: wenn er sich auch einredete, diese sei es, diese sei die Mara, die er liebe, so wusste er in diesem Moment tats√§chlich nicht recht, ob er diese eine da liebe, die Strahlende, die Gesunde, die ohne Versehrung, ohne Verh√ľllung‚Ķ So kannte er Mara ja gar nicht! Er hatte sein Bild von Mara in seinem Herzen, das wurde ihm jetzt erst so recht bewusst, und das war ein anderes als jenes, das er nun erblickte und √ľber dem er sich seine Liebe einzureden versuchte.

Ja, er zweifelte pl√∂tzlich. Sicher war wohl nur eines: die Welt war schwierig und widerspr√ľchlich. Liebe auch. Die Bilder, die wechselnden‚Ķ

Dann war er am Ziel.




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aligaga
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Das ist in der Tat ein St√ľck, in dem furchtbar viele Worte gemacht werden und mit allerlei medizinischem Halbwissen herumhantiert wird. Auf recht umst√§ndliche Weise wird uns erkl√§rt, dass der Junge in seiner Schulklasse nicht ankommt, von seinen Eltern unter Druck gesetzt wird und kein Vertrauen zu ihnen hat - sonst w√ľrde er sich ihnen ja √∂ffnen und sie um Hilfe bitten k√∂nnen.

Knaben leiden zwar weniger h√§ufig unter Anorexia nervosa als M√§dchen (die oft einem "Sch√∂nheitsideal" nachlaufen), sind daf√ľr aber heftiger betroffen und nur sehr schwer endg√ľltig heilbar. Magersucht ist l√§ngst kein Tabuthema mehr; wer nicht am Rand unserer heutigen Gesellschaft lebt, hat von dieser Krankheit, ihren m√∂glichen Ursachen und ihrem Verlauf schon √∂fter geh√∂rt.

Es macht daher wenig Sinn, Erwachsene in einem Roman von "Geistern" fabulieren zu lassen und sich irgendetwas Obskures auszudenken, was Kinder dazu br√§chte, die Nahrung zu verweigern oder sich zu "ritzen", wenn, so wie hier, die Ursachen ziemlich offenkundig sind. Sorry, aber das, was "M√ľller" da an seinem Sohn alles vorbeidenkt, ist gequirlter Quark - die Zeichen, die ihm sein Sohn mit seinem ausgezehrten K√∂rperchen geben wollte, hatte er jedenfalls √ľbersehen und auch seiner Frau fallen diese Anomalien erst an den "anderen" Patienten der Klinik auf.

Sorry - aber die 08/15-Genese einer g√§ngigen Zivilisationskrankheit wie die hier vorliegende bietet keine Grundlage f√ľr ein dr√∂ges Ghostbuster-Epos. Interessant w√§re allenfalls, ob die Kinder mit oder ohne ihre Eltern aus ihrem Teufelskreis herauskommen oder nicht. Und wenn ja, was dabei den Ausschlag gab. Alles andere w√§re, mit Verlaub gesagt, pillepalle.

Geistergeschichten sind immer Kinder- oder Fantasygeschichten. Wer versucht, sie mit Gewalt Erwachsenen zu erz√§hlen, erleidet Schiffbruch - es sei denn, der "Geist" w√§re nur eine Metapher f√ľr etwas, das mit Worten allein nicht auszudr√ľcken w√§re: das Ungl√ľck, die Depression, die Sinnlosigkeit, die Dummheit.

Der Golem, Mr. Hyde, Moby Dick: Platzhalter f√ľr Umst√§nde, die nicht bildlich darstellbar sind und doch existieren. Das Schlimme an den Krankheiten ist, dass ihre Genese, ihr Fortschritt, die Heilung oder das Ende des Patienten so minuti√∂s abzubilden und in aller Regel auch vorhersehbar sind.

Das hört der Mensch nicht gern, spricht verächtlich von "Schulmedizin" und weicht zu den Geistheilern aus. Aber die helfen ihm in der Regel am allerwenigsten und haben im Ernstfall keine Ahnung von Palliation.

TTip, o @Penelopeiea: Schreib keine Gespenstergeschichte, sondern einen Roman √ľber eine gelungene oder missgl√ľckte Familientherapie. Kein langatmiges Fachbuch √ľber Essst√∂rungen oder √ľber Amelotatismus, sondern √ľber das Schicksal der Betroffenen, √ľber ihren Untergang oder ihre Erl√∂sung. Das kann sehr spannend sein!

Heiter

aligaga

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Penelopeia
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@Aligaga:

Danke f√ľr die Besch√§ftigung mit dem Text und die umfangreiche Kritik. Ich bin an sich ganz zufrieden mit dem, was Dir auf den Text hin einf√§llt. Vieles, was Du schreibst, stimmt: Es gibt eine ganze Menge Worte, es gibt medizinisches Halbwissen, und die "Geist-These" ist aus der Sicht eines Atheisten wenig rational.

Aber: Kann es sein, dass hier nicht ein Autor zuvörderst seine Meinung, sondern die möglichen Vorstellungswelten eines hilflosen, verzweifelten Ex-Elternpaares versucht zu beschreiben?
Nat√ľrlich kann ein "M√ľller" nicht mit Dir, Aligaga, mithalten, wenn es um die Erkenntnis der Welt und dessen, was sie steuert und zusammenh√§lt, geht. Da hat er klare Nachteile, offenkundig. Zugute halten m√∂chte ich ihm, dass er nicht ganz aufgibt, auch wenn er sich in nicht recht zeitgem√§√üe Thesen fl√ľchtet, √ľbrigens nach √úberwindung schwerer innerer Widerst√§nde!

Wenn ich k√∂nnte, w√ľrde ich solche Sach- und Fachkundigen wie Dich, Aligaga, gern an betroffene Eltern weitervermitteln. Von den Fach√§rzten h√∂ren diese leider auch nur vage Hypothesen zu den Krankheitsursachen, im Prinzip also medizinisches Halb- oder Unwissen. Leider.

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aligaga
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Nat√ľrlich kann ein "M√ľller" nicht mit Dir, Aligaga, mithalten, wenn es um die Erkenntnis der Welt und dessen, was sie steuert und zusammenh√§lt, geht. Da hat er klare Nachteile, offenkundig. Zugute halten m√∂chte ich ihm, dass er nicht ganz aufgibt, auch wenn er sich in nicht recht zeitgem√§√üe Thesen fl√ľchtet, √ľbrigens nach √úberwindung schwerer innerer Widerst√§nde!

Das verlangt ja auch niemand, o @Penelopeia. Du bekamst doch nur den Vorschlag, dich dem Thema sinnvoller zu n√§hern als einen Golem zu bem√ľhen. Mach's - was f√ľr ein "Zufall"! - wie Franziska Schutzbach gerade eben in der Freitags-Beilage zur SZ vom 12. August ("Am eigenen Leib", S. 16)! Die bem√ľht keinen Geist √ľber einen ganzen Roman hinweg, sondern bel√§sst es bei einem Essay, der wirklich interessante Gesichtspunkte zur Noxe enth√§lt.

TTip: lesen!

Heiter

aligaga

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