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Leselupe.de > Horror und Psycho
Geisterstadt
Eingestellt am 29. 04. 2012 11:10


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Kryo
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2012

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Er war tot. Von all den Gedanken, die in seinem Kopf herumschwirrten war das der einzige, der f├╝r ihn klar war. Er sah die verschiedensten Menschen, w├Ąhrend er langsam den Bahnsteig hinunter lief, aber sie konnten ihn nicht sehen. Vor ihm stand ein junger Vater, der seinen Sohn an der Hand f├╝hrte, vorsichtig bedacht darauf, ihn nicht zu nah an die Gleise kommen zu lassen. Er ging v├Âllig unbemerkt an ihnen vorbei. Rechts von ihm stand eine junge Frau, die ihre Musik so laut aufgedreht hatte, dass er sie sogar durch die Kopfh├Ârer hindurch h├Âren konnte, die sie trug. Sie pochte mit ihrem Fu├č im Rhythmus des Taktes auf den Boden, als er an ihr vorbei ging.

Er fragte sich, wie und wann er gestorben war. Er konnte sich nicht erinnern. Das einzige, was er wusste, war, dass es vor langer Zeit gewesen sein musste. Und seitdem trieb er ziellos von Tag zu Tag, gefangen in einem Nachhall des Lebens, abgetrennt von der Realit├Ąt. Die meiste Zeit ├╝ber war er sich nicht einmal bewusst, dass er tot war, w├Ąhrend er seinem t├Ąglichen Trott folgte, ohne zu merken, dass sein Dasein l├Ąngst von der Welt um ihn herum abgeschnitten war. Vielleicht lag es daran, dass er es nicht merken wollte.

Der Zug fuhr an ihm vorbei und kam mit einem sanften Summen zum Stehen. Rings um ihn herum dr├Ąngten die Leute zu den T├╝ren, welche sich prompt ├Âffneten und eine gro├če Zahl an Passagieren ausspien. Er lie├č die Massen an sich vorbei str├Âmen und trat dann, nachdem alle anderen bereits eingestiegen waren, schnell und leise wie der Geist, der er war, ein.

Die T├╝ren schlossen sich hinter ihm und der Zug nahm seine Fahrt mit jenem charakteristischen leisen Summen wieder auf. Er blieb wo er war und ging nicht weiter hinein, da er f├╝rchtete, was passieren w├╝rde, wenn er unbeabsichtigt mit einem der Passagiere in Kontakt kam. Ihm gegen├╝ber, an der anderen T├╝r, stand ein Mann, der eine Zeitung las. Er konnte einige der Schlagzeilen von seinem Platz aus erkennen, aber sie ergaben keinen Sinn f├╝r ihn. Auf der anderen Seite der T├╝r stand ein Junge, der ihn mit glasigem Blick anstarrte - nein, durch ihn hindurch starrte.

Die Fahrt schien endlos zu dauern, so wie sie es immer tat, obwohl es tats├Ąchlich nur vier Stationen waren. Was er erlebte war nichts weiter als eine immerw├Ąhrende Abwechslung von Stillstand und Bewegung, genauso wie alles andere in seinem geisterhaften Dasein. Eine elektronische Stimme sagte die Namen der Halte an, aber sie hatten keine Bedeutung f├╝r ihn, au├čer dass sie ihm das diffuse Gef├╝hl von zur├╝ckgelegter Entfernung gaben.

Er konnte nicht sagen warum genau, aber dann, als der Zug erneut anhielt, wusste er pl├Âtzlich, dass er hier aussteigen musste. Die T├╝ren ├Âffneten sich und diesmal war er der erste der an der Spitze einer kleinen Gruppe von Leuten heraustrat. Keiner von ihnen nahm Notiz von ihm. Er lie├č sich in der Masse treiben, eine Treppe hinunter, durch eine kleine Eingangshalle und dann nach drau├čen.

Er kam auf einer ├╝berf├╝llten Stra├če mitten im Herzen der Stadt heraus. Der Verkehr war dicht und die breiten Fu├čwege waren voller Menschen. Er bewegte sich zielgerichtet im Strom der Masse, in dem Bewusstsein, dass sein Ziel nun nicht mehr fern war. Obwohl er bereits lange tot war, versp├╝rte er eine starke Bindung zu jenem Ort, die ihn zwang, sich in einer niemals endenden Routine Tag f├╝r Tag immer wieder dort hin zu begeben.

Auf der anderen Seite der Stra├če sah er einen kr├Ąftig gebauten Mann, der sich durch die Menge schob. Die Aktentasche, die er trug, war der seinen sehr ├Ąhnlich. Der Mann schaute auf seine Uhr und beschleunigte seinen Schritt, wie er es immer an dieser Stelle tat.

Von rechts blies ihm jemand eine Wolke Zigarettenrauch ins Gesicht, aber er schenkte dem keine Beachtung. Er lief einfach weiter und dann, pl├Âtzlich, wusste er, wann er gestorben war, so als ob das Wissen schon immer da gewesen w├Ąre. Er konnte sich noch immer nicht erinnern, wie es passiert war, aber er war nun sicher, dass sich sein Tod nur kurz nachdem er in diese Stadt gezogen war ereignet hatte. In seinem gegenw├Ąrtigen Zustand war es schwer, die Zeit zu sch├Ątzen, aber es musste vor vielen Jahren gewesen sein. Jahre des ziellosen Treibens in einem geisterhaften Halb-Dasein.

Er wandte sich nach rechts und sah sich dem Eingang eines gewaltigen B├╝rogeb├Ąudes gegen├╝ber. Ohne auch nur einen Augenblick zu z├Âgern, ging er hinein. Er durchquerte den Empfangsbereich gemeinsam mit einer Gruppe von Leuten, die mit ihm zusammen eingetreten waren und bewegte sich geradewegs auf die Anordnung von Fahrst├╝hlen auf der anderen Seite zu. Einer von ihnen stand mit offenen T├╝ren bereit. Er stieg schnell ein und zog sich in die hinterste Ecke zur├╝ck. Bereits ein paar Sekunden sp├Ąter quoll der kleine Raum f├Ârmlich mit Menschen ├╝ber. Die T├╝ren schlossen sich und der Aufzug begann, sich aufw├Ąrts zu bewegen.

Er konnte nur mit M├╝he den Kontakt mit einer Frau zu seiner Linken vermeiden. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie in den Spiegel an der R├╝ckwand schaute und ihre Haare zurecht machte, ohne auch nur im Geringsten auf die anderen Passagiere zu achten, die sie dabei anstie├č. Er hatte Angst sich umzudrehen und selbst in den Spiegel zu blicken.

Die T├╝ren ├Âffneten sich und erm├Âglichten so einigen der Insassen den Ausstieg. Er stieg nicht aus. Der gro├če Mann vor ihm tappte ungeduldig mit dem Fu├č, w├Ąhrend sich die T├╝ren wieder schlossen, wodurch er ein trommelndes Ger├Ąusch verursachte, das keiner zu h├Âren schien. Der Fahrstuhl bewegte sich abermals nach oben und hielt schlie├člich an. Als sich die T├╝ren erneut ├Âffneten, stiegen noch mehr Menschen aus. Er folgte ihnen.

Nachdem er den Aufzugsbereich verlassen hatte, trat er in einen schmalen, schwach beleuchteten Gang. Die Frau vor ihm schaute auf ihre Uhr und begann leise zu fluchen, sich seiner Pr├Ąsenz offenbar nicht gewahr. Er ging an ein paar T├╝ren auf beiden Seiten des Gangs vorbei, bis er schlie├člich eine zu seiner Rechten ├Âffnete und den kleinen Raum auf der anderen Seite betrat.

Eine Frau sa├č hinter einem Schreibtisch in dem sp├Ąrlich dekorierten Zimmer. Als er eintrat blickte sie von ihrer Schreibarbeit auf und l├Ąchelte ihm zu. "Guten Morgen, Herr Berger."

Er seufzte tief und ging, ohne sie auch nur eines Blickes zu w├╝rdigen, durch die T├╝r am anderen Ende des Raumes in sein B├╝ro. Es gab keinen Zweifel - er war wirklich tot.

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