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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geistertanz
Eingestellt am 13. 06. 2008 15:48


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Marcus Richter
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Geistertanz




Es war eine beeindruckende Erscheinung, die da im Lehnstuhl sa├č, und Klimbim blieb in der T├╝r stehen, wie angewurzelt, als er von der Schwester hereingef├╝hrt wurde. Schauen Sie sich ruhig erstmal um, sagte sie und zog zack zack die Gardinen beiseite, w├Ąhrend ihr der Schwesternkittel um die breiten H├╝ften schwang. Sie war energisch, kurz angebunden, wischte einmal mit der flachen Hand ├╝ber die Bettdecke und teilte das Kopfkissen mit einem Schlag. Dann stand sie da, ihr Blick wanderte gewissenhaft und schnell ├╝ber K├╝chenzeile, Bett und Anrichte und ├╝ber den mitten im Raum sitzenden Patienten. Sie nickte, dort schien ihr eine Unregelm├Ą├čigkeit aufgefallen zu sein, und sie ging hin, streichelte dem alten Mann den Oberarm und zupfte den knittrigen Kragen glatt.
Und Ihnen geht es auch gut, Herr L├Âbelin, sagte sie scharf und r├╝ttelte an seinem Arm, so als wollte sie ihm neue Lebensenergie zuschustern.
Wir sind heut nicht ganz beieinander, rief sie und kam straffen Schritts auf den Clown zu, der sich in der T├╝r schnell zur Seite drehte. Sie schaute ihm fest in die Augen. Das machen Sie gut, sagte sie, in den T├╝rrahmen getrieben, wie ein Keil. Klimbim nickte, auf Zehenspitzen stehend und zwirbelte den St├Ąngel einer orangefarbenen Germini zwischen den Fingerspitzen. Die Schwester l├Ąchelte und dr├Ąngte davon.

Grienend lugte Klimbim ├╝ber den Horizont der Bl├╝tenbl├Ątter auf den Mann im Lehnstuhl und zwinkerte. Ganz leise wollte er sein und den Lethargischen nur mit Worttupfern wecken. Ein angedeutetes L├Ącheln wollte ihm schon genug sein, angesichts der senkrecht verlaufenen Falten, die dem Mann die Mundwinkel tangierten. Dar├╝ber ein undurchschaubarer Blick, der nichts und alles dahinter vermuten lie├č. Die zitternden Augenbrauen, unschl├╝ssig, ob sie diesem Blick etwas Melancholisches oder Fragendes verleihen sollten, str├Ąubten sich wild.
Klimbim lie├č die Germini langsam sinken. Ihr leuchtendes Orange verstellte ihm den Blick.
Da sa├č ein ganzes Leben vor ihm, dachte er, irgendwo eingeschlossen, in einer langsam dahinsiechenden H├╝lle. Und dieser Blick, mein Gott, dieser Blick, dachte er. Er raubte ihm den Atem.

Er bekam weiche Knie, als er seine Zaubertricks vorf├╝hrte. Nichts Besonderes. Ein hervorgeholter Cent, hinter dem Ohr; ein Gummiball, der in der Luft verschwinden sollte, entglitt ihm und h├╝pfte vom Tisch auf den Boden, wo er unbeachtet liegen blieb. Klimbim klaubte ihn auf und schielte ├╝ber die Schulter. Da regte sich nichts.
Was f├╝r ein Zaubertrick musste das sein, dachte er sich, bei dem jemand das, was einen Menschen erst zum Menschen machte, auf Fingerschnipp verschwinden lie├č. Einfach so, als w├Ąre es ein Traum gewesen.
Das ganze kam ihm mit einem mal unendlich l├Ącherlich vor. Die Clownsnase, die Schminke, was sollte das? Er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich.
Ich bin Harald, sagte er und nahm die Clownsnase ab. Er l├Ąchelte und verwischte die aufgemalten Tr├Ąnen auf den Wangen. Er faltete die H├Ąnde, vor sich auf dem Tisch, und schwieg.

Das Gesicht des alten Mannes verdrehte sich auf dem Hals so langsam, dass es Harald zuerst gar nicht auffiel, als er ihm, wie ein verrosteter Schraubenkopf, der sich ├Ąchzend aus einer alten Holzbohle erhebt, den Blick zuwandte.
J├╝rgen, sagte er einfach, mit einer tiefen Stimme, die aus einem Abgrund zu kommen schien, und die Pupillen zitterten wie d├╝rres, trockenes Astwerk von einem Stamm, an dem die Kettens├Ąge nagt.
Harald sah ihn entsetzt an. Gegen das Entsetzen war gar nichts zu machen. Wie eine Leiche, die auf dem Obduktionstisch die Augen aufschl├Ągt und die bleichen Lippen bewegt, hatte der alte Mann die Stimme erhoben. Seine gichtkranke Hand kroch ├╝ber den Tisch auf ihn zu, wie ein Getier, das sich verletzt ├╝ber den Erdboden zerrt, Zentimeter um Zentimeter auf seine gefalteten H├Ąnde zu.
Wohnen Sie auch hier, fragte der alte Mann und klammerte ihn mit kaltfeuchtem Griff, gleich einer Spinne, die einem, kaum sp├╝rbar, ├╝ber die Haut schleicht. Harald glaubte schreien zu m├╝ssen, denn welch ungl├╝ckliches Wesen auch immer die Stimme gegen ihn erhoben hatte, dahinter stach eine Eisesk├Ąlte aus den stahlblauen Augen, die ihm, trotz der Fl├╝chtigkeit ihrer Gegenwart, wie ein Sauhaken in die Eingeweide ging.
Nein, ich wohne nicht hier, gab Harald schreiend von sich und sprang auf. Er rieb sich die Kn├Âchel. Was, wenn die Gicht des Mannes ihn wie einen Virus befallen hatte?
Aber nein! Rasch versuchte er sich zu beruhigen. Der Blick des Alten kroch ihm wie ein Ungeziefer nach und blieb wie eine Klette an ihm h├Ąngen.
Sind Sie schon lange hier, fragte Harald sehr vorsichtig und setzte sich wieder, allerdings den Stuhl ein wenig fortgezogen und au├čerhalb der Reichweite des Alten.
Nicht lange, sagte der leise, als w├Ąre es eine Gegenfrage und Harald seufzte und knickte ein, als er die Orientierungslosigkeit versp├╝rte, die in diesen Worten lag.
Die Angst, die ihn befallen hatte, war nichts weiter, als die Angst vor dem Vergessen, das sich so klar in den Worten des Alten abzeichnete. Seine Hilflosigkeit schien eine Drohung, die er wie einen Fluch aussprach.
Sein Blick verfluchte ihn, dereinst das gleiche Schicksal teilen zu m├╝ssen, seine H├Ąnde, die gichtigen, wollten es ihm aufschmieren, wie etwas, das leicht in die Haut eindrang, wie eine Creme. Und seine Lungen bliesen es faulig in die Luft.

Harald sa├č stocksteif gegen die Lehne seines Stuhls gepresst und atmete flach. In seinem Kopf dr├Ąngelten sich Musterbeispiele aus den Weiterbildungskursen clownskost├╝miert in den Vordergrund und sangen ihm Rad schlagend vor. Luftr├╝ssel blasend und tr├Âtend, rieten sie ihm, mit dem alten Mann Verstecken zu spielen und ihm einen lustigen Hut aufzusetzen. Wenn nichts half, half immer noch singen! Er schluckte den Klos herunter, der sich an seinen Kehlkopf geschmiegt hatte und griff nach der Ukulele, die ihm zu diesem Zweck um die Schulter hing. Nachdenklich summte er diesen und jenen Schlager und suchte ein Wiedererkennen im Blick des alten Mannes zu erhaschen. Fragend sah der ihn an, wankelm├╝tig bis ins Mark. Und bald fehlten Harald die Worte, und er klopfte nur noch die Rhythmen auf den Korpus der Ukulele, die Rhythmen, die ihm vertraut schienen. Ihr marschartiger Charakter fiel ihm zuerst gar nicht auf, denn er klebte mit dem Blick an den Lippen des alten Mannes, die zitterten und bebten, als w├╝rden sie von den M├Ąrschen getrieben.
Der alte Mann summte, bald klopfte er mit der Faust auf den Tisch, und Leben befiel ihn, wie ein aus der Dunkelheit hervorspringendes Monstrum. Er erhob sich, wie an F├Ąden gezogen und begann zu singen, w├Ąhrend Harald spielte, so als w├Ąre der Fluch wahr geworden, und er, umnachtet, k├Ânne nicht aufh├Âren zu spielen, nicht einmal denken. Es trieb ihn tiefer und tiefer in die Vergangenheit, bis sich pl├Âtzlich eine glockenhelle, jugendliche Stimme aus der Kehle des Alten erhob, so als h├Ątte sich in ihm ein vierzehnj├Ąhriger Junge verborgen gehalten, in einer Kinderuniform, aufrecht stehend. Und er sang die Worte so klar und f├╝r den Augenblick so fest daran glaubend, dass sich die Clownsschminke in Haralds Gesicht grotesk verformte, als er einen lautlosen, unheimlichen Schrei von sich gab.

Wir werden weiter marschieren/ Wenn alles in Scherben f├Ąllt/ Denn heute da h├Ârt uns Deutschland/ Und morgen die ganze Welt

Es war, als spr├╝hten G├Âtterfunken durch die Flure des Pflegeheims, und die Pflegerinnen und Schwestern hoben die K├Âpfe, als sich die T├╝ren der Patientenzimmer ├Âffneten und die wilden, grauen Kraushaark├Âpfe unter den T├╝rbalken ins Freie lugten. Gehhilfen und Kr├╝cken schlugen zum Takt, und ein Summen erhob sich, in das sich erinnerte Worte mischten. L├Ąngst umnachtete Blicke strahlten pl├Âtzlich wie Sterne aus den dunklen Augenh├Âhlen. Baritone gr├╝├čten, Soprane, B├Ąsse und Ten├Âre schwollen an und sangen von niemals untergehenden Welten und herbeigesehnten Wundern. Eine graumelierte Flut schwappte, entgegen aller Physik, die Treppen empor und brandete, singend und stampfend, gegen die T├╝r, hinter der Harald, inmitten des Wahnsinns kauerte.

Der alte Mann, den Geisterchor weithin mit seiner Stimme ├╝berstrahlend, w├Ąhrend auf dem Flur die gichtkranken Hundertj├Ąhrigen tanzten und sich z├Ąrtlich im Arm hielten, schaute auf ihn herab, mit seinen lebendigen, strahlenden Augen. Vom Leben gepackt, sang er lauter und griff sich eine Frau, die kaum stehen konnte und tanzte mit ihr fort.

Auf dem Flur br├╝llten die Pfleger Befehle und trieben mit beruhigenden Worten eine Bresche in die wilde Gruppe. Doch solange die Musik spielte, wurde getanzt. Das Vergessen kam schleichend und mit ihm das Schweigen.
Einige schauten sich ungl├Ąubig an, noch die H├Ąnde ineinander verschlungen, noch tanzend.
Dann aber gingen sie auseinander.

Und niemand
wusste wohinÔÇŽ




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"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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Marcus Richter
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Danke, Markus; nachts,

dass sich ein Blick einem Menschen wie ein verrosteter Schraubenkopf zuwendet, ist nat├╝rlich harter Tobak, und ich habe zu diesem Bild schon andere Meinungen geh├Ârt, die doch zweifelnd waren, ob die Bilder zueinander passen. Aber ich sah das genauso- einfach ein Wahnsinnsbild - und ich hab eben eine bl├╝hende Fantasie.
Dass in einem Altersheim nun fast alle Heimbewohner Altnazis sein sollen, ist ebenfalls grenzwertig. Aber der Text sollte auch keinen Zweifel daran lassen, dass er mit Wahrheiten nur spielt und wesentlich ├╝berspitzt.

Dabei m├Âchte ich es gerne belassen. Der Text ist kein Spiegel der Realit├Ąt. Der Spiegel ist eben gew├Âlbt, nicht wahr?

Gr├╝sse an Euch,
Marcus
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