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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gekichert und gejammert
Eingestellt am 19. 01. 2011 14:11


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Da saß ich. Mitten zwischen den Generationen. Ein – wie ich hoffe – noch rĂŒstiger Rentner, der gern U-Bahn fĂ€hrt, weil dort gelegentlich das wahre Leben tobt.
Vor mir drei Damen meiner Generation. Eine, die Haare schwarzglanzgefĂ€rbt, die andere versteckte ihre blaugespĂŒlte Hochfrisur unter einem ausladenden schwarz-grĂŒnen Trachtenhut. Nur die dritte trug das Haar hellgrau, wie Gott es ihr im Laufe der Jahre schuf.
In der Bankreihe hinter mir wurde hemmungslos gekichert. Über Lehrer, Jungs, absolut uncoole Altersgenossinnen, ĂŒber krasses Elternverhalten, das ja nun gar nicht gehe.
Aus Furcht, Opfer des Gekichers zu werden, drehte ich mich nicht um und konnte daher nur vermuten, dass hinter mir mindestens vier temperamentvolle Vertreterinnen der ĂŒbernĂ€chsten Generation ihren unbĂ€ndigen Spaß hatten
Die drei Damen vor mir hielten weniger lautstark mit Gejammer dagegen.
„
und, weißt du“, empörte sich die unter dem Trachtenhut, „was die Enkelin meiner besten Freundin, die immerhin zweiundsiebzig ist, gesagt hat? Sie habe einfach keinen Bock auf kranke Omas. Dabei hat die Ärmste seit Jahren schwerste Arthritis.“
Die Schwarzhaarfrisur geriet ins Wanken. „Neh, sowas wĂŒrde mein Enkel sich nicht trauen. Der weiß, bei mir gibt’s was zu erben. Aber auch sonst kann der sich benehmen.“
Triumphierden nickte die Grauhaarige. „Wenn die erst unser Alter haben, kommt der Schmerz freiwillig zu ihnen. Ich krieg‘ ĂŒbrigens `ne neue HĂŒfte. Ist total verschlissen.“
Gelassen winkte die TrachtenbehĂŒtete ab. „Hab‘ ich schon. Titan mit Kunststoff. Vom Chefarzt eingesetzt. War nicht billig. Da lebte mein Mann noch. Hatte ne gute Rente.“
Hinter mir steigerte sich das Gekicher.
Die drei Damen drehten sich ruckartig um. Gerade behauptete eine besonders piepsige Stimme, ihr gutaussehender Lehrer, Sven hieß er, wĂŒrde ihr immer auf den Busen schielen.
„Macht der bei mir auch.“ Ließ eine Heisere wissen. Und eine dritte nicht weniger Piepsige behauptete kĂŒhn, sie trage zwar nicht deswegen T-Shirts mit tieferem Ausschnitt, aber Sven werde immer so schön rot, wenn er sie ansehe.
„Bei denen möchte ich nicht Lehrer sein
“ zischte die Schwarzhaarige und sah mich moralisch entrĂŒstet an.
„Lieber Lehrkörper bei den Teenagern als Altenpfleger bei denen
“ dachte ich, grinste und nickte den drei Damen aufmunternd zu. Wie auf Kommando drehten sie sich wieder um.
Hinter mir wurde inzwischen geprustet. Ich rĂŒckte auf meinem Sitz nach vorn und wandte mich lachend um. Es waren nur drei.
Eine blonde Lolita klimperte mit lang geschminkten Wimpern. „Na, findste doch auch lustig, Opa. Oder?“
Alles was ich darauf hÀtte sagen können, wÀre in einem Schwall von Gekicher untergegangen. So schwieg ich lÀchelnd.
Die mit dem natĂŒrlichen Grauhaar legte ihre Stirn in Sorgenfalten.. „Machen Sie sich nichts draus, junger Mann. Die haben heute einfach keinen Respekt mehr vorm Alter.“
Wieder nickte ich lÀchelnd, wÀhrend hinter mir noch lauter gekichert wurde.
Zu meinem GlĂŒck setzte sich in dem Moment ein jĂŒngerer Mann neben mich.
„Sieht von hinten aus wie Sven. Ist der nicht sĂŒĂŸ.“ Piepste es nach kurzer Pause.
Mein Sitznachbar sah mich kurz von der Seite an, blickte sich dann in aller Ruhe um und lachte. „Na, ihr Drei. Sagen wir, in zehn Jahren, da könnte ich schon was mit euch SĂŒĂŸen anfangen.“
Bis auf die dröhnenden FahrgerÀusche herrschte plötzlich Stille in der Bahn. Meine drei Generationsgenossinnen drehten sich erneut ruckartig um. Die Schwarzhaarige sah meinen jungen Sitznachbarn an und ordnete instinktiv ihre Frisur, neben ihr wurde der Trachtenhut schiefer ins Gesicht gezogen und die Grauhaarige schlug gar die Augen nieder.
Just in diesem Augenblick verließ die Bahn ihren Tunnel und FrĂŒhjahrssonne, ein wenig blaß noch, schien allen ins Gesicht.
Die Grauhaarige vor mir blickte unverhohlen meinem Nachbarn ins Gesicht. „Wird jetzt wohl doch bald FrĂŒhling.“
Grinsend wollte ich LĂ€sterliches ĂŒber den sogenannten dritten FrĂŒhling anmerken. Verkniff mir das aber.
Als mein Banknachbar aussteigen wollte, sah er sich die drei Teenager noch einmal in aller Ruhe an. Schweigend und leicht verlegen genossen sie es. Dann flĂŒsterte er mir zu: „Sven heiße ich zwar nicht. Aber Lehrer bin ich schon.“
Ich kann es nicht verhehlen: Ob seiner SouverĂ€nitĂ€t ließ er mich mit heftigsten NeidgefĂŒhlen zurĂŒck. Die plagten mich auch noch, als die Teenager drei Stationen spĂ€ter sich winkend und nur mit „TschĂŒss“ anstatt mit „TschĂŒss Opa“ von mir verabschiedeten.
Zwei meiner Altersgenossinnen fuhren, wie ich in der Zwischenzeit mithörte, zum OrthopĂ€den, die TrachtenbehĂŒtete zu ihrem Mann auf dem Friedhof, wĂ€hrend ich vor ihnen ausstieg,um mir erst einmal einen Cappuccino italiano zu bestellen.
Um in die Sonne blinzeln zu können, setzte ich mich, auch wenn es draußen noch reichlich frisch war, an einen Tisch auf dem Platz vor einem CafĂš. Kurz darauf öffnete sich die TĂŒr des CafĂ©s. Eine junge schwarzhaarige Schönheit im Minirock, mit MiniservierschĂŒrze und einer Wolldecke kam auf mich zu. „Ich habe hier eine Wolldecke fĂŒr Sie, Signor. Mein Opa kann KĂ€lte auch nicht gut ab.“
„Nein, danke!“ Meine Stimme muss sehr barsch geklungen haben, denn sie sah mich verzweifelt und erschrocken an.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 19. 01. 2011 14:11
Version vom 20. 01. 2011 10:03

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