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Leselupe.de > Horror und Psycho
Gelb
Eingestellt am 11. 06. 2002 00:48


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sevenstar
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Gelb

Gelb ist die Farbe des Wahnsinns, sagte die Lehrerin. Ihr Pinsel wippte drohend vor ihrem Gesicht.
Gelb bringt um den Verstand - oder besser: Gelb bringt den Verstand um? Sie lachte.
Wir verstanden nichts, freuten uns nur, da├č endlich Pause war.
Ich fuhr mit der Bahn nach Hause an diesem Tag, so als w├Ąre nichts. Ich wusste aber ganz genau, da├č etwas war.
Etwas war.
Ich ├Âffnete den K├╝hlschrank und wu├čte, da├č etwas war. Ich a├č, ging in mein Zimmer, ├╝berlegte hin und her, wie man das l├Âsen k├Ânnte: Ein Baum ist vierzehn Meter hoch und wiegt circa zehn Tonnen. Wie stark ist sein Saugdruck?
Etwas ist, dachte ich. Ich schlug das Buch zu, spielte mit meinem Klappmesser herum. Ein gutes Messer, Schweizer Qualit├Ąt und scharf wie eine Rasierklinge. Manchmal hatte ich mir vorgestellt, mich damit zu ritzen. Hatte ich mich nur
nie getraut?
Ich sah aus dem Fenster zum blauen Himmel. Etwas ist, dachte ich. Da waren Wolken, tr├╝be, die├čige Wolken, die man kaum sehen konnte. Der Wald in der N├Ąhe lag schwer und fett. Stimmen von Leuten, die den schw├╝len Sommertag mit vielen Flaschen genossen. Ich mochte kein Bier.
Etwas ist, scho├č es mir durch den Sinn. Meine Hand zitterte, als ich das Fenster ├Âffnete. Ich lehnte mich hinaus, um mehr sehen zu k├Ânnen. Warm kroch es durch die viereckige Luke in mein Zimmer. Ich wollte keine K├╝hle, ich wollte diesen Sommer hier in meinem Rattenloch. So nannte ich mein Zimmer, auch, wenn es nicht unbedingt klein war. Aber es sah ungef├Ąhr wie ein Rattenloch aus. ├ťberall Unrat, der mich nicht st├Ârte.
Etwas ist. Ich setzte mich wieder in meinen Sessel und schwieg die Wand an. Ich wu├čte nicht, was ich tun sollte. Der PC summte vor sich hin, schwieg ebenso. Er ma├čte sich an, mein Spiegel zu sein. Ich versp├╝rte Wut.
Etwas ist. Ich stand pl├Âtzlich auf und sah mich um. Dann sah ich es. An der Wand. Es war vorher nicht dort gewesen. Erst dachte ich, es w├Ąre vielleicht ein totes Insekt. Ich kam n├Ąher heran. Ich bemerkte, da├č es kein Insekt war. Es war einfach eine dicke, gelbe Masse, die durch ein kleines Loch aus der Wand drang. Nicht unangenehm gelb, nicht wie Eiter. Sch├Ân gelb, wie eine Zitrone. Es drang und drang, schien aber nicht mehr zu werden. Ich roch daran. Es roch nicht.
Ich sah es mir genau an. Wie ├ľlfarbe, die aus einer Tube quillt, so sah es aus. Automatisch aber nicht schnell ging ich in die K├╝che, ein K├╝chentuch holen.
Wieder da, war es immer noch an der Wand, aber nicht gr├Â├čer. Ich fuhr gr├╝ndlich dar├╝ber mit dem K├╝chentuch. Das Loch blieb, aber die Masse war im Tuch. Ich sah sie mir an. Sie klebte sp├Âttisch am Papier, gelb und klebrig wie das,
was im benutzten Taschentuch klebt. Nur viel gelber.
Dann ber├╝hrte ich es. Es f├Ąrbte meine Fingerkuppe ein klein wenig. Sonst nichts weiter. Ich legte das K├╝chentuch auf den Tisch. Sp├Ąter ging ich schlafen.
Fr├╝h dachte ich wieder: Etwas ist. Mir gefiel dieser Gedanke nicht, er hatte etwas Bedr├╝ckendes. Mir fiel das Tuch ein. Es lag noch da, wo ich es liegen lassen hatte. Das Gelb war eingetrocknet, als ich das Tuch nahm, stiebten feine gelbe Partikel heraus. Sie gl├Ąnzten fast golden. Irgendwie steckte ich das Ding in meine Hosentasche, um es sp├Ąter wegzuschmei├čen.
In der Schule fiel es mir wieder ein. In der letzten Stunde. Ich griff in die Hosentasche. Ich mu├čte die Hand schnell wieder herausziehen. Ich hatte in etwas sehr weiches gegriffen. Die Hand war leich gelblich gef├Ąrbt, wie meine Fingerkuppe gestern.
Von au├čen f├╝hlte sich die Tasche auch sehr weich an. Ich wu├čte, was das war. Ich mu├čte die Hose loswerden, sie war versaut. Ich zog sie aus, sobald ich zu Hause war. In der Tasche schimmerte es klebrig gelb. Ich wu├čte nicht, was tun. Ich
legte die Hose vorerst in den Kleiderschrank, in der Hoffnung, das Gelb w├╝rde eintrocknen wie das im Tuch.
Das Loch in der Wand war gr├Â├čer. Gelb quoll heraus. Dicker. Ich holte kein Tuch. In meinem Schreibtisch entdeckte ich auch L├Âcher. Winzige, aus denen Gelb quoll. Auch in der Tastatur, sogar in der Bildr├Âhre vom Monitor. Etwas ist, dachte ich.
Ich holte Lappen und Reinigungsmittel aus der K├╝che. Als ich wieder ins Zimmer kam, entdeckte ich neue L├Âcher: Im Bett, am Fenstergriff, an der T├╝rklinke, an meiner Kleidung. Ich stand da. Ich glaubte, da├č etwas nicht ganz richtig war.
Nachdem ich den Bildschirm geputzt hatte, so da├č nur noch die L├Âcher waren, nicht aber das Gelb, das aus ihnen herausquoll, bemerkte ich L├Âcher an der Flasche, in der das Putzmittel war. Seltsam. Es lief kein Putzmittel aus. Gelb quoll aus den L├Âchern.
Ich lie├č mich auf das Bett fallen. Ich schloss die Augen. Meine Mutter war beim Abendbrot etwas m├╝de, redete wenig. Aber sie schien das Gelb nicht bemerkt zu haben, das gleich neben dem Herd aus einem kleinen Loch quoll.
Ich schlief schnell ein und tr├Ąumte nicht. Es war ein b├Âser, schwerer Schlaf, nicht erholsam.
Ich wollte mich anziehen am n├Ąchsten Morgen. Ich ├Âffnete den Kleiderschrank und wankte zur├╝ck. Gelb leuchtete mir entgegen. Aus den F├Ąchern quoll dick das Gelb, flo├č auf den Boden. Ich dr├╝ckte die T├╝r zu und zog an, was noch auf meinem Stuhl lag.
In der K├╝che war das Loch gr├Â├čer geworden. Gelb war in einer gro├čen kreisrunden Beule neben dem Herd. Ich hatte ein bi├čchen Angst um meine Mutter, sie war doch so empfindlich gegen Unordnung und Schmutz.
In der Schule war Gelb auf meiner Bank. Aus kleinen L├Âchern quoll es heraus. Ich versuchte, es vor den anderen zu verbergen. Die lachten ├╝ber mein Verhalten. St├Ârte sie denn das Gelb nicht, das vorn, aus einem kleinen Loch in der Tafel quoll? In der Stra├čenbahn nachmittags war Gelb an den Haltestangen. Kleine L├Âcher, aus denen es unaufh├Ârlich quoll. Ich wollte vermeiden, hineinzufassen, aber ich gab es bald auf. Auch andere fassten hinein. Keiner schien sich daran zu st├Âren. Auch andere fassten hinein. Aber nur an meinen H├Ąnden blieb Gelb kleben, f├Ąrbte ab. Ich hatte ein wenig Angst.
Zu Hause, in der K├╝che, war Gelb auf dem Fu├čboden. Es war aus mehreren L├Âchern, die sich im Tisch befanden, heruntergelaufen. Auch die Teller von heute morgen hatten L├Âcher. Ich r├Ąumte sie in die Sp├╝lmaschine und stellte auf 60 Grad.
In meinem Zimmer war auch Gelb auf dem Boden. Es quoll aus dem Kleiderschrank und vom Schreibtisch. Der Bildschirm war ├╝bers├Ąht mit kleinen L├Âchern. Im Bett war ein sehr gro├čes. Ich h├Ątte meine Hand hineinstecken k├Ânnen. Als ich meine Tasche ├Âffnete, um das Schulzeug herauszuholen, quoll mir Gelb entgegen. Ich mu├čte die Hefter aus der z├Ąhen Masse herausziehen. Es gelang mir kaum. Ich konnte nicht schreiben, aus dem F├╝llhalter quoll das Gelb.
Ich legte mich hin, ich hatte Kopfweh. Ich schlo├č die Augen und bekam pl├Âtzlich Angst. Furchtbare Angst. Ich sprang auf, ich rannte in die K├╝che, ins Wohnzimmer. ├ťberall waren kleine gelbe L├Âcher. An manchen Stellen sogar gr├Â├čere.
Ich rief meine Mutter. Sie kam, fragte mich, was los sei.
Ich sah sie an. Sie sah mich an. Ich fragte, ob sie denn nichts bemerkte. Sie fragte, was sie denn bemerken solle, es sei doch alles normal.
Ich wu├čte nicht, ob ich das mit dem Gelb sagen sollte. Als ich wieder in mein Zimmer kam, hatte das Gelb meinen Kleiderschrank aufgedr├╝ckt und quoll in riesigen Mengen heraus. Ein richtiger Berg war schon da. Ich mu├čte aufpassen, da├č ich nicht hineintrat. Ich legte mich wieder auf das Bett, ├╝berall quoll das Gelb. Sogar aus der Fensterscheibe quoll es. Ich schlief ein, ich war ersch├Âpft. Vielleicht ein Alptraum, dachte ich. Als ich aufstand, war es Abendbrotzeit, ich ging in die K├╝che. Nachdem ich mich durch Berge von Gelb gek├Ąmpft hatte, die ├╝berall im Flur und im Wohnzimmer krochen,
erstarrte ich fast, als ich in die K├╝che kam. Das Essen war ├╝ber und ├╝ber mit Gelb bedeckt, man konnte kaum noch etwas erkennen. Meine Mutter watete im gelben Brei ohne auch nur das geringste Anzeichen von Ekel.
Ich fiel auf einen Stuhl und sah sie an. Sie bewegte sich ganz normal. Sie setzte sich auch und griff sich eine Brotscheibe. Alle Brotscheiben klebten im Gelb. Ich sah meine Mutter an. Sie sah mich an. Dann sagte sie: Guten Appetit. War da Gelb in ihrem Mund?
Ich sah weg, wollte nicht hinsehen. Meine Brotscheibe. Ich schmierte meine Brotscheibe, mit Gelb oder mit Butter. Ich wei├č nicht mehr.
Als ich wieder zu meiner Mutter sah, sah ich sie essen. Sie a├č nich wie sonst. Dick quoll gelb aus ihrem Mund auf den Teller. Mutter, sagte ich.
Da dr├╝ckte Gelb von au├čen das Fenster ein.

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fonofil
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Registriert: Mar 2002

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Morgen!

...das ist wirklich gruselig! Kein Blut, kein Teufel, kein Gemetzel.

Super!

f.
__________________
Where is my mind?
-Pixies-

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black sparrow
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Jun 2002

Werke: 93
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Dein Text hat mir sehr gefallen, denn Gelb ist meine Lieblingsfarbe.Die Mystiker behaupten Gelb sei die Farbe von Wahnsinn und...Weisheit! Und das ist kein Widerspruch!

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
Kommentare: 1405
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Ich schlie├če mich an: so[/] ist Horror ein Genre, mit dem ich mich anfreunden kann. Unheimlich und verst├Ârend, r├Ątselhaft, ohne Erkl├Ąrungsversuch.
Ganz stark der Schlu├č.
Kompliment!

Gabi

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