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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gelegenheit, Schuld, Lohn und Preis
Eingestellt am 15. 04. 2001 19:33


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Rainer Heiß
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Gelegenheit, Schuld, Lohn und Preis

1. Gelegenheit

Die Riemen des Rucksacks schnĂŒrten die Blutzufuhr in die Arme ab, lĂ€ngst waren sie taub geworden. Die Haut war weich, salzig-feucht und aufgescheuert, die Last schwer. Auch seine FĂŒĂŸe waren bereits wundgelaufen, doch sein Tritt war kaum merklich langsamer als beim Aufbruch vor vielen Stunden, am frĂŒhen Morgen. TĂ€ler hatte er durchquert, zwei FlĂŒsse abgeschritten, bis ihm Furten den Übergang ermöglichten, endlose Ebenen durchmessen, einsam stehende BĂ€ume aus unbekannter Vorzeit passiert, kein Mensch war ihm begegnet, fast religiös, diese Erfahrung.
Mattigkeit erst und Erschöpfung bringt den Menschen in jenen meditativen Zustand der Leere, aus dem heraus sich Neues, Kraft und Zuversicht, schöpfen lassen. Der Körper funktioniert mechanisch, der Blick schweift in die blaue Ferne, die Magie beginnt zu wirken, ich bin frei!
Auch heute war er den ganzen Tag gegangen, beinahe ziellos, wir wissen nicht woher, unwichtig warum und wohin. Die DĂ€mmerung kĂŒndigte sich mit rötlichen Streifen ĂŒber dem Horizont an, verwischte die Grenze zwischen Himmel und Erde, zwischen Tag und Nacht.
Durch krĂ€ftige, widerstandsfĂ€hige Vegetation, moosig-federnde Grasmatten, vorbei an knorrigen Latschen, wĂŒrzige Luft, Stille, nein, keine Stille, nur eine uns ungewohnte GerĂ€uschkulisse, die Musik der Natur, ewig. Über den nĂ€chsten Grat, Geschrei? - unten aus dem Tal, richtig!, dort unter dem Dunst war auch flackerndes Licht, lautes Treiben, bis hier herauf greift der störende Mensch mit seinem unnatĂŒrlichen LĂ€rm. Die Lichter ziehen uns an, wenn es Abend wird, hinab stieg er, Stimmen zu hören. Warum? Eigentlich vergeht der Reiz des Sprechens im GesprĂ€ch, nur allein war er der Held seines StĂŒcks. Doch das Licht lockte ihn hinab. Ein wenig beschleunigt und aufgeregt schritt er seitlich zum Hang hin und her abwĂ€rts, immer weiter und tiefer, die Stadt lag offen und ungeschĂŒtzt vor ihm, sich anbietend.
Die StraßenzĂŒge waren gut zu erkennen, die Beleuchtung offenbarte die Lebensadern, die Form und GrĂ¶ĂŸe der Stadt. Sternförmig schmiegte sie sich in die weiche, fruchtbare Senke, ihre Glieder tief in die SeitentĂ€ler hinauf gespreizt, so lag sie ungeniert da, völlig entblĂ¶ĂŸt und offenbarte ihr Innerstes: Ein wilder Tanz ging in ihr vor sich, zu laut, zu ekstatisch das Treiben, zu wild und zu ungezĂŒgelt. Deutlich erkennt er jetzt aufgepeitschte Menschenmassen auf den PlĂ€tzen und durch die Straßen hin und her. Das Geschrei formt sich, als er hinabsteigt, das Stimmengewirr sammelt sich zu einer Stimme, eine riesige Lunge verleiht ihr Luft, ein kehliger, heiserer Laut, immer und immer wieder derselbe kehlige Laut durch die ganze Stadt, weit aufgerissene, funkelnde Augen, wie ein Organismus wabert die Menge ĂŒberbordend durch die HĂ€userschluchten. Ihr wildes Lachen, die glĂ€nzenden MĂŒnder, ihr stechender Blick, als er hineintritt, die Masse gebĂ€rdet sich urzeitlich, wie ein Tier. Ein Hirn lenkt diese Kreaturen, ein Gedanke, der die gefĂ€hrliche Macht der Menge leitet.






2. Schuld

Da entdeckt er die Richtung des Chaos, das Ziel der Bewegung, ein Einzelner wird gejagt, hetzt verwundet auf und ab, die Beute, chancenlos. Ein zerfetztes Gewand, lĂ€cherliches Zeugnis vergangenen Reichtums, jetzt Griff fĂŒr die Meute, ihn zu fassen, wer ist dieser Mann? - egal!, doch immer wieder windet er sich, die Jagd dauert, was hat er getan?, der Todeskampf soll noch nicht zu Ende, der Höhepunkt des orgiastischen Treibens will zelebriert sein und ausgekostet, bis zur Neige, ja - ja! Und jedes Mal, wenn der Gehetzte scheinbar ein wenig Luft hat, in eine dunkle Seitengasse sich gerettet wĂ€hnt, was soll mit ihm geschehen?, schließt sich von der anderen Seite die Masse mit ihren Fackeln wie Treibsand um ihn, da hilft kein Zappeln mehr, was der Treibsand hat, das gibt er nicht wieder her.
Verwirrt und zögernd doch trotzdem seltsam und unwiderstehlich angezogen von seinesgleichen, jedes klaren Gedankens unfĂ€hig, kommt wĂ€hrenddessen der Einsame tastend in die fiebrige Stadt, tritt in das Licht, ist mitten auf der BĂŒhne, als ihn viele krĂ€ftige HĂ€nde packen, plötzlich ist er die Aufmerksamkeit, die Menge reißt ihn an sich heran und in ihre Mitte und aus sich empor und nach oben, so wird er ĂŒber ihren Köpfen herum gereicht, eben noch will er sich wehren, da ist es geschehen, sie berĂŒhren ihn, fassen ihn an, ĂŒberall, alles ĂŒber ihren Köpfen, feiern ihn, GelĂ€chter, gelöste, extatische Freude, bis er seine Angst ĂŒberwindet und sich dem wirren Götzenspiel hingibt. Immer dichter wird das Menschenmeer unter ihm, immer heißer die Luft, lauter das Geschrei, zum Zentrum, zum pulsierenden Herzen wird er gereicht, unfĂ€hig, die Richtung zu Ă€ndern, aus dem Scheinwerferlicht zu entwischen, in die Menge einzutauchen. Nein, er ist der Grund der Feierlichkeit, dieses Ausbruchs. Sein GepĂ€ck hat er lĂ€ngst verloren, zunĂ€chst noch auf ihren HĂ€nden sehnend danach sich gewendet, nun immer begeisterter in seiner ihm zugedachten Rolle, selbst den Puls der Masse angenommen, vom Funken der Extase heiß entflammt, die flackernden Augen, die heisere Stimme, ergriffen vom Fieber, eins mit ihnen. Berauschende GetrĂ€nke werden ihm gereicht, die Becher wirft er fort, mitten in den unĂŒberschaubaren Mob, mehr, mehr!, dem Zentrum geht es zu, immer wilder, immer ungehemmter, ja!, beschleunigt pumpendes Herz, der Blutdruck steigt. Er spĂŒrt die Kraft all dieser Menschen in sich, ihr Puls treibt glĂŒhendes, rotes Blut durch seine Adern, sein Körper kocht, unbĂ€ndige Natur! Alle Energie des Treibens fließt nun in ihn, gottgleich lĂ€sst er sich herumreichen, ja, getragen, das ist seiner wĂŒrdig. Intensiv sein Atem, geblĂ€ht seine NĂŒstern, geschwellt seine Brust, immer mĂ€chtiger, immer unverwundbarer, seht mich an!, da setzen sie seinen Körper, beinahe gĂ€nzlich entkleidet und ölig glĂ€nzend, vorsichtig ab, seine Macht ist nun vollkommen.
Plötzlich absolute Stille, sie knien nieder, wenden ihre Gesichter zur Erde, da erkennt er den Gejagten, die HĂ€nde auf den RĂŒcken gefesselt, den Kopf zur Seite gedreht und mit weit aufgerissenen Augen liegt er auf einem hölzernen Podest, was soll ich tun?, da reichen sie ihrem Herrn eine gewaltige metallene Axt und mit einem entschlossenen Hieb schlĂ€gt er dem Beutetier das Haupt ab, das Blut bespritzt ihn, und hĂ€lt die TrophĂ€e am Haarschopf seinen bangenden Untertanen hin. Ein unglaublicher Taumel der Befeiung bricht da los, das Treiben, das fĂŒr einen einzigen Moment der totalen Konzentration den Atem angehalten hat, setzt von Neuem ein, das Gelage geht weiter, wie eine Naturgewalt in seine unĂŒberschaubare, extatische Endphase, noch unerreichbarer bin ich jetzt, ich, der Gott meiner neuen, meiner eigenen Welt.


3. Der Lohn

Er erwachte auf einem großen runden, mit Seidenstoffen bezogenen Bett, wo bin ich?, nur schleichend kam die Erinnerung zurĂŒck. War er das Tatwerkzeug ihrer mörderischen Orgie geworden, hatte er einen Unbekannten enthauptet? Wo war er ĂŒberhaupt? Alles nur ein böser Traum? An seinen HĂ€nden klebte Blut. Zum Nachsinnen jedoch war keine Gelegenheit, dienstfertig und mit gesenkten Gesichtern traten fĂŒnf junge MĂ€dchen, eine schöner und unschuldiger als die andere, an sein Nachtlager heran und begannen, ihren Herrn aus den verbliebenen Resten seiner Kleidung zu enthĂŒllen, ihn in ein marmorgefließtes Bad zu drĂ€ngen, sanft aber bestimmt, ohne ein Wort, seinem hilflosen Fragen antwortete lediglich ein beschwichtigender Blick, der ihm bedeutete, dass alles seine Richtigkeit habe. Im dampfenden Badehaus wuschen sie ihn mit angenehm temperiertem, parfĂŒmiertem Wasser, seiften ihn ein, pflegten seinen ganzen herrschaftlichen Leib, balsamierten auch seine FĂŒĂŸe, wund noch vom Marsch aus seinem frĂŒheren Leben, spĂŒlten schließlich den gestrigen Tag und die Spuren der Nacht von ihm ab, ölten ihn ein, fremde, betörende DĂŒfte umhĂŒllten ihn nun, weite, luftige GewĂ€nder legten sie ihm an, bequem und seiner neuen Position entsprechend nur aus den edelsten Stoffen, mmm, herrlich!
Anschließend empfing er auf seinen Seidenkissen thronend ein ausgiebiges und vorzĂŒgliches FrĂŒhstĂŒck, das auch seinem Inneren den gestrigen Tag vergessen machte, der Wandel war restlos vollzogen, der Zauber wirkte. Umschmeichelnde Musik erfĂŒllte schwerelos seine GemĂ€cher, durchsichtige TĂŒcher wehten sanft im Lufthauch der vollkommenen Wunschlosigkeit, die sie um ihn gebreitet hatten. Tot war der Wanderer, der gestern die Stadt betreten hatte, verbrannt seine verschwitzte Kleidung, Schweigen sein frĂŒheres Leben vor dieser tabulosen Nacht, von heute an bin ich Herr!
Luxus war sein neuer GefĂ€hrte und vertrieb ihm die Zeit, die Tage und Wochen verstrichen ohne Anstrengung, alle Last war von seinen Schultern abgefallen, war ihm genommen worden, damit sie ein anderer trage, gleichgĂŒltig wer, nur sein Dasein hatte leicht zu sein, unendlich erhöht hatten sie ihn ĂŒberdies, wie auf pastellenen Wolken schwebend.
Eine Begleiterin war auch bald gefunden, sie war bereits da, als er in den Palast eingezogen war, gelegentlicher, schĂŒchterner Zweisamkeit folgten hĂ€ufigere Treffen, und schließlich gab sie sich ihm wie selbstverstĂ€ndlich hin, mit ihrer ganzen Schönheit, berauschte so sein Leben zusĂ€tzlich, sinnlich, und, fĂŒr MĂ€nner seit jeher verwirrend, rein und sĂŒndig in einem, zerbrechlich und verlockend zugleich. Fasziniert von ihr fiel alles FrĂŒhere schnell in das Dunkel des endgĂŒltigen Vergessens, gemeinsam verbrachten sie nun ihre Tage, taub fĂŒr das LĂ€rmen außerhalb ihrer gedĂ€mpften Welt, Vergangenheit waren alle MĂŒhen, bis sie unwirklich wurden und tatsĂ€chlich zur GĂ€nze verschwunden waren. ZĂ€rtliche AnnĂ€herungen trafen auf Erwiderung, schĂŒchtern oder berechnend? - einerlei, seine Sinne waren von ihr betĂ€ubt, ein einziger Taumel ihre BerĂŒhrung, gefangen und ausgeliefert war er ihr und sie schenkte sich ihm und die Welt rauschte und verschwamm um ihn herum, er stĂŒrzte hinab in eine Tiefe aus Licht und Schall, alles Traum, ich bin schwerelos!





4. Der Preis

Außerhalb der Mauern setzte emsiges Treiben ein, kein Wort war drinnen gefallen, alles geschah in stillem Erkennen und Handeln, die Hochzeit sollte in den nĂ€chsten Tagen stattfinden. Lieder erklangen bereits am frĂŒhen Morgen durch die Gassen, die Luft war frisch und klar, eifrig wurde die Stadt geschmĂŒckt, Girlanden und bunte Stoffe flatterten von den Turmspitzen, aus den Fenstern, ĂŒberall Blumen, knospende Farben- und BlĂŒtenpracht, das Volk liebte sein Brautpaar. Lustig sprangen die Kinder ĂŒber die PlĂ€tze, auch die Vögel pfiffen hellere Melodien, alles war so goldglĂ€nzend und unwirklich sonnendurchflutet, und wieder wurde ein Organismus aus den fleißigen BĂŒrgern, in der singenden Vorfreude des VermĂ€hlungsfestes, wie sie alles gemeinsam anpackten, ein RĂ€dchen griff mĂŒhelos in das andere, jede Hand wusste, was zu tun war.
Ihm wurde angemessen, noch edler und reicher sollte sein Gewand sein, auch seine Braut war ihm jetzt oft entrissen, da die vielhĂ€ndigen Zofen auch sie zur Vorbereitung verschiedenster Dinge hĂ€ufig benötigten. An den lauschigen Abenden erzĂ€hlten sie dann einander von den geheimnisvollen Planungen, die um sie herum getroffen wurden. Der Tag rĂŒckte nĂ€her, das Treiben wurde immer bunter und emsiger, ein schwerer Geruch von wĂŒrzig Gegrilltem mischte sich zu dem blumigen Duft der BlĂŒtendekorationen, Spielleute aus Nah und Fern besuchten die Stadt, HĂ€ndler bevölkerten die PlĂ€tze und boten ihre Waren an, Tische und BĂ€nke wurden ĂŒberall aufgestellt, verschiedenste GetrĂ€nke ausgeschenkt, Areale fĂŒr Festspiele mit kleinen ZĂ€unen abgesteckt, kurz, die strahlende Stadt lebte in betriebsamer Zuversicht.
Als endlich der Tag gekommen war, wurden die beiden ihrer WĂŒrde entsprechend vom geistlichen Oberhaupt getraut, Ja!, sprachen sie nacheinander laut und deutlich, tauschten die Ringe, kĂŒssten sich innig und traten dann verliebt aus der Kirche, sie bei ihm untergehakt, ins Sonnenlicht, da brach aus der feierlichen Spannung ein ungeheures Freudenfest an, Reis flog schillernd durch die Luft, ein unĂŒbersehbares Menschenspalier bildete sich, RosenblĂ€tter ĂŒberall!, und ließ nur einen kleinen Weg frei, auf dem das Paar seinen erhöhten Ehrenplatz erreichte, Champagnerkorken knallten, glitzernd sprudelte das perlende Nass, nur schwer war fĂŒr einen Moment Ruhe zu schaffen, einige Dankesworte der RĂŒhrung rief der BrĂ€utigam mit TrĂ€nen in den Augen in die begeisterte Menge, die Braut warf ihren Brautstrauß in die jubelnden Arme, die begierig danach sprangen, ehe fĂŒr alle das Festessen begann. Viele GĂ€nge feinster Speisen wurden rasch nacheinander aufgetragen, kĂŒhles Bier gezapft, vollmundige Weine ausgeschenkt, immer wieder tauschte das Brautpaar, das in diesem allgemeinen Trubel aus dem Blickpunkt geraten war, verstohlene Blicke unendlichen, ungetrĂŒbten GlĂŒcks aus, ihr Volk gab sich den Gaumenfreuden hin, wie es ihnen schmeckt!, immer mehr GĂ€nge wurden auf- geleerte Tabletts, Teller und Schalen wieder abgetragen, die GlĂ€ser und KrĂŒge nachgefĂŒllt, die Vorbereitungen waren perfekt gewesen, das Fest steigerte sich in seiner eigenen UnĂŒbertrefflichkeit. Nach einer geschĂ€ftigen Weile sausten die Kinder von den Tischen weg, die MĂŒtter ließen sie lĂ€chelnd gewĂ€hren, wĂ€hrend die VĂ€ter noch tatkrĂ€ftig mit dem Nachfassen der Speisen zu tun hatten. Auch einzelne Gaukler begannen, nachdem sie ihr opulentes Mahl beendet hatten, die Festgesellschaft mit ihren KunststĂŒcken zu unterhalten, wĂ€hrend immer neue Gerichte aufgetischt wurden, niemand bemerkte im Eifer, wieviel da eigentlich verspeist wurde, doch nach und nach legte sich eine behĂ€bige Zufriedenheit ĂŒber die Tafeln, die Griffe zu den SchĂŒsseln und Töpfen wurden seltener und langsamer, das Schmatzen leiser und von den wieder einsetzenden GesprĂ€chen ringsum ĂŒbertönt. Doch wo sonst VöllegefĂŒhl in Bequemlichkeit mĂŒndet, sollte sie hier Ausgelassenheit gebĂ€ren, Kaffee und alkoholische GetrĂ€nke halfen zunĂ€chst der Verdauung, um dann die Stimmung, die sowieso schon so jovial und gönnerhaft auf dem Freudenpaar lag, zur Ausgelassenheit zu steigern, in der das Brautpaar auf den ersten Blick kaum mehr eine Rolle spielte. Um sie herum entwickelte sich im Lauf des Nachmittags ein freies Spiel, Kuchen und SĂŒĂŸspeisen wurden zum Kaffee gereicht, dazu allerlei bezaubernde Liköre, das Leben wurde lauter, auch der BrĂ€utigam genoss diese Stunden zĂŒgellos, und ZĂŒgellosigkeit war es, worin die Gesellschaft gemeinsam mĂŒndete, schallendes GelĂ€chter, vom Essen fettige HĂ€nde packten erst unter dem Tisch, dann völlig ungeniert die strammen Oberschenkel der Nachbarin, gleich welchen Bekanntschafts- oder Verwandtschaftsgrad die Besitzerin hatte, unbeherrscht schallendes Lachen fĂŒllte die Luft, das Stimmengewirr wurde lauter und immer ausgelassener, man hatte nur Üppigkeit demonstrieren zu mĂŒssen, fĂŒr stĂ€ndig gefĂŒllte Becher zu sorgen, und das Volk ergab sich selbst in ĂŒppigem Gebaren. Gegen Abend hatte der BrĂ€utigam bereits zum wiederholten Male eine spontane Ansprache gehalten, und jedes Mal war sein eigenes Lachen ob seiner geistreichen Eloquenz lauter geworden und heiser, das der Menge schamloser, an den Ecken des Platzes wurde bereits mit Fackeln jongliert, es begann, dunkel zu werden und das Feuer warf wilde Schatten in die fettverschmierten Gesichter. Es bildeten sich GrĂŒppchen in aufgelockerter Ordnungslosigkeit, dröhnendes GelĂ€chter wo man nur hinsieht, immer lauter die losgelassene Festgesellschaft, geile Blicke ersetzten Worte, TĂ€nzerinnen springen mit Tambourinen schlangengleich um die schwarzorange funkelnden Leiber, PĂ€rchen in dunklen Winkeln, immer uneingeschrĂ€nkter das Treiben in der Stadt, das sich mittlerweile von dem Platz aus in andere Straßen und Gassen ausgedehnt hat, immer weitere Teile der Stadt ergreift und immer mehr ausartet. Feurige Schatten, plötzlicher Trommelwirbel, mit einem Male kommt das Leben zum Stillstand, durch die Menschenmenge hindurch enkennt der BrĂ€utigam, wilden Blick aus glasigen Augen und eine schwere Zunge hat er mittlerweile und auch das Gewand sitzt nicht mehr richtig, wie in einer Ecke des Platzes hinter einem prĂ€chtigen Brunnen geschĂ€ftige Rufe die Menschen auseinanderweichen macht, er hat keine Ahnung, was da vor sich geht, das Aufstehen fĂ€llt ihm schwer, lauter unbekannte Gesichter tauchen vor ihm auf und verschwinden wieder aus seinem Blickkreis, wo ist meine Braut?, lenken seine getrĂŒbten Augen immer wieder ab, das muntere Geplauder setzt wieder ein, er versteht nichts von allem, was da zu einem GerĂ€usch verschwimmt und dröhnend an sein Ohr dringt, doch weder das Stimmengewirr, noch die schwitzende Menschenmenge, noch die vielen Gesichter sind Ablenkung genug, er muss dorthin, wissen, was dort geschieht und was die ganze Gesellschaft kurz zum Schweigen bringen, dann, scheinbar als hĂ€tten die Menschen erkannt, was da vor sich ginge, wieder Nebensache sein kann, auf ihn richten sich jetzt die Blicke, gespannt, wartend, lauernd. Als seien alle eingeweiht, nur er nicht, welche Überraschung ist das, die dort wartet?, was wird dort hergerichtet? Was macht ihr da?, und als er nĂ€her ist, zu erkunden, was da ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, beginnt die babylonische Hektik noch lauter zu werden, sich zu formen, eine einzige Stimme zu werden, was ist denn los?, immer durchdringender, eine riesenhafte Lunge gibt dieser ĂŒbernatĂŒrlichen Stimme Kraft, sie strömen zurĂŒck aus den Gassen, ein Gedanke lenkt die Menschen, immer dichter das GedrĂ€nge, hier ist wieder das Herz, der Puls des Festes, die Feuer ringsum flackern alles bizarr aus, der Gemahl bahnt sich seinen Weg, gleich hat er es geschafft, der irrsinnige Chor ist bei einer betĂ€ubenden LautstĂ€rke angelangt, die Leiberflut wird immer drĂŒckender, da lichtet sie sich vor dem Fremden und gibt den Blick frei auf ein hölzernes Podest, auf dem eine große, metallene Axt liegt. Da beginnt die Jagd! Ich - Spielball der tosenden Brandung, gehetzt mit Mark erschĂŒtterndem Schrei!


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flammarion
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echt

mĂ€rchenhaft. der 3. und 4. teil etwas langatmig, aber sonst sehr gut erzĂ€hlt. mittendrin dachte ich: was soll das alles? aber der schluß ist dann umwerfend. lg
__________________
Old Icke

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Rainer Heiß
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Danke fĂŒr die Resonanz; das ist ja wohl einer der HauptgrĂŒnde, auf einer Literaturseite zu veröffentlichen.
Freut mich, dass du die vermeintlich abschweifende Passage ĂŒberstanden hast. Vielen vergeht da ja schnell mal die Lust...
GrĂŒĂŸe, Rainer

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flammarion
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ja,

ich meine auch, daß resonanz einer der hauptgrĂŒnde ist. und so schön anonym hier! ich war mal in einem schreibzirkel, da hat man sich alle 14 tage getroffen, seine neuen werke vorgestellt und dann wurde diskutiert. da hat doch der zirkelleiter zu mir gesagt, ich soll erstmal strittmatters "laden" lesen, bevor ich anfange, meine memoiren zu schreiben! na, die haben mich nicht wiedergesehen. lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Rainer Heiß
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Mir ging`s Ă€hnlich; zunĂ€chst waren wir hier zu dritt und haben uns regelmĂ€ĂŸig ausgetauscht. Als einer nun weggezogen ist, war so ein bisschen die Luft raus.
Die AnonymitĂ€t ist ein großer Vorteil, denn schließlich offenbart man sich ja in seinen Geschichten teilweise bis auf`s Hemd. Und so geht`s besser als - man stelle sich das vor! - man mĂŒsst`s Fremden vorlesen! Nichts fĂŒr mich...

GrĂŒĂŸe, Rainer
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kira
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Hallo Rainer

Die hÀufigen Zwischenfragen stören ein klein wenig den Fluss, das Ende ist recht schnell absehbar, trotzdem: deine Geschichte ist mitreissend, farbig und atmosphÀrisch -

werde gleich mal deine anderen Werke einsehen.

Kira

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Rainer Heiß
Hobbydichter
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Hi Kira,

danke fĂŒr die Resonanz! Die Zwischenfragen stören? Die waren eigentlich als Perspektivenwechsel gedacht; gibt ja auch genĂŒgend Filme, die zwischen objektiver und subjektiver Kamera wechseln, fĂŒhrt natĂŒrlich auch zur Verwirrung der Leser, aber damit sollte man zurecht kommen.
Da ich neu in der Lupe bin, habe ich noch etwas Orientierungsprobleme; aber mit deiner Antwort erleichterst du mir die Wahl der Werke, die ich als nÀchstes lesen werde...
GrĂŒĂŸe, Rainer
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