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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Genau genommen
Eingestellt am 05. 05. 2005 13:05


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jon
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Genau genommen

Man lächelt über mich, wenn ich Sprache ganz genau nehme. Oder man bedauert mich dafür, dass ich Fehler höre, und behauptet, dass mir so der Genuss an jedwedem Text – geschrieben oder gesprochen – entgehen würde. „Man weiß doch, wie es gemeint ist!“ ist das beliebteste Argument.

WeiĂź man das?

Ich wurde neulich per eMail gebeten, an einer Befragung zur Zukunft des Journalismus teilzunehmen. Ich stahl mit die Zeit und klickte zur Umfrage. Dort tauchten eine Reihe von Fragen auf, die so formuliert waren: "Wie wichtig wird für Sie persönlich … in Zukunft sein". Man konnte dann auf der Skala von "viel wichtiger " bis "viel unwichtiger" oder die Antwort "weiß nicht" wählen.

Ich beantwortete die Fragen. Ich klickte zum Beispiel an, dass für mich persönlich in 5, 10 Jahren – um diese Spanne geht es etwa – die Beherrschung der Technik wohl noch genauso wichtig sein wird wie heute. Allerdings wurde ich nicht gefragt, wie wichtig das heute für mich persönlich ist. Oder was ich bezüglich der Wichtigkeit der Technikbeherrschung für meinen Job annehme.

Natürlich kann ich mich irren und ich werde in drei Jahren ganz plötzlich zum Technik-Freak mutieren. Aber aus meiner Sicht ist das so unwahrscheinlich wie, dass für mich persönlich Unterhaltung die wichtigste Aufgabe des Journalismus wird. Was anderes als "bleibt so" sollte ich also anklicken? Was anderes – außer vielleicht noch "weiß nicht" – kann man anklicken? Natürlich ändern sich Wichtungen im Leben. Aber erstens: Wer ahnt denn schon, wie? Und zweitens: Wenn ich heute sage, in Zukunft wird mir Sprachgenauigkeit nicht mehr so wichtig sein wie heute, ist das nicht eigentlich ein Zeichen dafür, dass ich heute schon weiß, dass es nur ein Spleen ist? Dass es mir also heute schon nicht ganz so wichtig ist, wie ich immer tue? Dass sich also doch nichts ändern wird? Wohlgemerkt: Ich halte für möglich, dass ich nicht mehr so oft darüber spreche – aber das war nicht die Frage.

Wenn also diese Fragen nur "bleibt so" und "weiß nicht" als halbwegs vernünftige Antworten zulassen – wozu sie dann stellen?

Darauf weiß ich nur eine Antwort: Die Umfragenden wollten nicht wissen, wie wichtig für mich persönlich dies und jenes sein wird. Sie wollten vielleicht wissen, ob ich glaube, dass ich in 5 Jahren noch genauso Rücksicht darauf nehmen kann. Ob ich es mir zum Beispiel werde leisten können, für jeden kurzen Artikel ausführlich zu recherchieren. Vielleicht wollten sie auch wissen, ob ich bereit wäre, für das, was mir wichtig ist, einzutreten oder ob ich den voraussehbaren Strömungen wahrscheinlich nachgeben werde. Aber vielleicht interessierte die Umfragenden ja tatsächlich, für wie gefestigt ich – und analog alle anderen Befragten – meine "beruflichen Wertevorstellungen" halte, denn genau genommen haben sie eben das erfragt.

Man lächelt über mich, wenn ich wiedermal Sprache ganz genau nehme, denn meist "weiß man ja" tatsächlich, "wie es gemeint ist", weil es so, wie es gesagt oder geschrieben wurde, gar keinen oder einen offensichtlich falschen Sinn ergibt. Aber was, wenn das falsch Gesagte einen durchaus glaubhaften Sinn ergibt? Woher soll der Leser oder Zuhörer dann wissen, dass es falsch gesagt und also anders gemeint ist?

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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MDSpinoza
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Mein Deutschlehrer in der 10. hatte dazu einen guten Spruch vom Stapel gelassen: "Umfragen sind wie Bikinis - sie enthĂĽllen Interessantes und verdecken Wesentliches".
__________________
Lieber ein verfĂĽhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂĽhrer...

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sohalt
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Ach, das kenn ich, diese unpräzisen Fragenbogen-Antwortenoptionen treiben mich auch immer an den Rand des Wahnsinnes. Da ist man ja durchaus guten Willens (weil man aus eigener Erfahrung weiß, wie frustrierend das ist, mit Fragebögen rumzurennen und keiner hat Zeit für dich), aber die sinnvolle Beantwortung wird einem einfach unmöglich gemacht.

Wortklauben ist super.

lg
sohalt

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jon
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„Wortklauben ist super.“
… und macht manchmal sogar Spaß. Nur die Konsequenz aus "Man weiß doch, wie es gemeint ist" macht keinen Spaß. Leider hatte ich nie ein nicht gleich nach Konstruktion riechendes Beispiel dafür parat, dass es erhebliche Konsequenzen haben kann, wenn man bei "man weiß doch" irrt. Insofern hat diese Umfrage etwas gebracht – mir zumindest.

Trotzdem: Klingt der Text nicht doch zu paranoisch?
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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GabiSils
???
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Ich hatte das Problem bei einem Test in der Klinik. Die Fragen waren alle nach dem Schema "Wie stark litten Sie in den letzten Tagen unter ..."

Nun war es oft so, daĂź ich besagte Symptome zwar hatte, aber nicht darunter litt. ("Gesteigerter Appetit" z.B.)
Was soll man dann ankreuzen??

GruĂź,
Gabi

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