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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
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Eingestellt am 13. 02. 2011 11:10


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visco
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Registriert: Jul 2001

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[..]

      Das Weinen hatte ich verlernt. Da war nur Sand. Es brannte, wenn ich es versuchte.
      Ansonsten spĂŒrte ich nichts. Keine Scham, keinen Schmerz, kein Mitleid mit den anderen, nicht einmal Hass. Ich spĂŒrte nichts. Gar nichts.
      Auch nicht, als der Laden hochging, MĂ€nner und Frauen in Uniform reinstĂŒrmten und alle verhafteten. Keine Freude oder Erleichterung, kein befreiendes GefĂŒhl der Erlösung. Ich fĂŒhlte nichts.
      Ich war schon wieder gestorben.

      Danach verbrachte ich ĂŒber neun Monate in einer Klinik. Mir war, als musste ich noch einmal ganz von vorne anfangen. Ich hatte alles verlernt. Wie ging lĂ€cheln? Was war Lachen nochmal? Wann sage ich Ja oder Nein? Was ist ĂŒberhaupt der Unterschied?
      Ich lernte, mit anderen am Tisch zu sitzen. Oder auf dem Sofa. Und mit MĂ€nnern in einem Raum zu sein, ohne alles wieder zu vergessen.
      Es dauerte lange, bis ich einem gegenĂŒber sitzen konnte, ohne Beklemmungen zu kriegen. Und noch lĂ€nger, ihn dabei auch noch anzusehen.

      Ein großes Problem war das Essen. Ich mochte mir nichts in den Mund stecken. Ich ekelte mich davor. Bei vielem musste ich brechen. WĂŒrstchen zum Beispiel. Oder Spargel. Oder Wackelpudding mit Vanillesoße.
      Die Folge war, dass mir eigentlich stĂ€ndig schlecht war. Ich sah ĂŒberall SchwĂ€nze. Ich konnte nichts dagegen tun. Alles, was auch nur entfernt daran erinnerte, sah fĂŒr mich aus wie ein geiler, begieriger Schwanz. Deshalb schaute ich nirgendwo mehr hin. Nur noch zu Boden. Ich sah nur noch auf, wenn es gar nicht mehr anders ging.
      Als ich keine fĂŒnfzig Kilo mehr wog, musste ich unter Aufsicht essen. Frau Dr. Berres verstand in diesen Dingen keinen Spaß. Wenn das nicht klappte, wĂŒrde ich zwangsernĂ€hrt, sagte sie.

      Dazu kam es nicht. Ich gab mir die grĂ¶ĂŸte MĂŒhe. Und es klappte.
      Jeden Morgen mussten wir zum Wiegen antanzen. Ich war nicht der Einzige. Doch, ich war der Einzige. Die anderen waren alles MĂ€dels. DĂŒrre Gestalten mit fahlen Lippen und tiefen Augenringen. Das Gewicht wurde auf einem Blatt an der Wand eingetragen. Verband man die letzten beiden Punkte, konnte man sehen, ob man zu- oder abgenommen hatte und wieviel.
      Erst nach einem halben Jahr oder so konnte ich wieder in einen Spiegel sehen. Zwischendurch hatte ich es ein paar Mal versucht, aber das war keine gute Idee gewesen. Nach ungefĂ€hr sechs Monaten hielt ich nun endlich dem Blick stand. Wenn auch nur fĂŒr zwei oder drei Sekunden. Es war ein Anfang. Darauf konnte man aufbauen.
      Das Problem war, ich hatte keine Ahnung, wer das war. Wir kannten uns nicht. Also die Person im Spiegel und ich. Ich war ihr nie zuvor begegnet.
      Und doch folgte sie mir ĂŒberall hin.
      Eine Zeit lang trug ich deswegen immer einen Handspiegel bei mir. Wohin ich auch ging. Ich traute mich nicht, hineinzusehen, aber das brauchte ich auch nicht. Wenn diese andere Person irgendwo auftauchte, konnte ich ihn hochhalten und mich dahinter verstecken. Mit Spiegel fĂŒhlte ich mich einfach sicherer. Ohne ging ich nirgendwo mehr hin.

      In den Sitzungen haben wir gemalt oder gebastelt. Mal haben wir uns Fotos angesehen, was andere gemalt oder gebastelt haben. Oder wir haben Theater gespielt. Mit Puppen oder mit Verkleiden. Das habe ich nicht so gerne gemacht.
      Am liebsten war ich draußen an der frischen Luft. Egal bei welchem Wetter. Ich hab‘ mich ins Gras gesetzt, auch wenn es nass war, oder bin auf der Bank liegend eingeschlafen. Ich mochte das Rauschen der BĂ€ume. Das Rascheln der BlĂ€tter. Wenn der Wind mir ins Gesicht blies und ĂŒber die Haare fegte.
      Als ich eingeliefert wurde, hatte ich sie abschneiden lassen. Radikal kurz. Das war mir voll wichtig gewesen.
      Manchmal sollte ich RĂ€tsel lösen. Mit Buchstaben und Zahlen. Oder Symbolen. Ich glaube, darin war ich ganz gut. Und ich sollte lesen. Laut. Aus BĂŒchern fĂŒr Kinder. Das war leicht. Auch wenn ich nicht alles verstand.
      Da war noch anderes. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern. Das Problem hatte ich schon in der Klinik. Ich hatte ein GedĂ€chtnis wie ein Sieb. Immer musste ich an alles erinnert werden. Auch bei Dingen, die immer gleich waren. Keine Ahnung. War eben so.
      So ging es mir auch mit Menschen. Ich konnte mir keine Gesichter merken. Tag fĂŒr Tag zĂ€hlte ich also alle Leute, mit denen ich zu tun hatte oder die mir begegneten. DarĂŒber hielt ich nach, ob die da waren, die da sein sollten. Manchmal kam ich allerdings durcheinander. Dann musste ich wieder von vorne anfangen.

      Einmal ist eine in TrĂ€nen ausgebrochen. Einfach so. Eine Ärztin, glaube ich, oder eine Pflegerin. Ich konnte sie ja nicht sehen. Nur ihr FĂŒĂŸe. Aber es war keine von uns. Vielleicht Besuch. Obwohl Mittwoch war. Sie haben sie rausgebracht. Ich glaube nicht, dass sie nochmal da war.
      Wenn ich von frĂŒher erzĂ€hlen sollte, wusste ich nicht, was sagen. Meine Gedanken knallten vor die Wand. Da ging nichts durch.
      Oder ich sollte mir fĂŒnf Namen ausdenken, so viele wie Finger an einer Hand, und zu jedem sagen, wie alt er war. Nur so zum Spaß. Das spielte Dr. Berres gerne. Dann sollte ich mir zu jedem eine Geschichte ausdenken.
      Oder sie nannte einen Namen, und ich sollte etwas dazu sagen. Manchmal nahmen wir auch fremde Namen an und unterhielten uns dann so. Dabei musste ich immer lachen. Das war lustig.

      Bis mir eines schönen Tages der Atem stockte. Bei dem Namen bekam ich eine GĂ€nsehaut. Das ging durch und durch irgendwie. Auf jeden Fall brachte es irgendetwas zum Klingeln. Tief in mir drin.

      Die Wucht, mit der die Erinnerung wieder einsetzt, ist mit nichts zu vergleichen. Ein Schlag in die Fresse ist nichts dagegen, das Aufwachen aus einem Albtraum bloß Pippifax. Es ist mehr, als du auf einmal verkraften kannst. UnzĂ€hlige Informationen, Bilder, EindrĂŒcke, selbst GerĂŒche und Erfahrungen, ganze Situationen, positive wie negative, schöne und erschreckende, alle Ängste und Hoffnungen, die man mal hatte, GesprĂ€che, TrĂ€ume, Erfolge, Niederlagen, Beziehungen, Krisen, GefĂŒhle, alles ist schlagartig mit einen Mal wieder da.

      Mich hat es glatt aus den Socken gehauen. Da gab’s kein Halten mehr. Ich hab‘ nur noch das Gesicht in den HĂ€nden vergraben und den TrĂ€nen freien Lauf gelassen. Keine Ahnung, wie lange. Das war alles, was ich tun konnte.

      Nichts ist schmerzhafter als die Erkenntnis, wer du bist. Denn die ist noch ungeschminkt oder schöngeredet. Sie ist brutal ehrlich. Bist du ein Arschloch, weißt du es jetzt. Was immer du bis dahin ĂŒber dich gedacht hast, war bloß, wie du sein wolltest. Das ist nichts wert.

      Nach einer Weile wurde mir klar, was das fĂŒr mich bedeutete. Ich war niemand. Mich gab es gar nicht. Der ZĂ€hler stand wieder auf Null. Die Karten wurden neu gemischt. Mein Leben begann genau JETZT, in diesem Moment.

__________________
Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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