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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Genesareth
Eingestellt am 14. 05. 2013 19:31


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Owly
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2011

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Das ├╝bergelaufene Wachs der roten Grabkerze krallte sich am Rand der ausgegrauten, abgesto├čenen, zerkratzten und verlebten Kommode fest, und formte ein Muster wie auf einem indischen Bidjar-Teppich. Der Alte sa├č, gefesselt an einem Stuhl, davor. Sein K├Ârper war wie die Kommode, seine Haut wie das Wachs, aber der Glanz seiner Augen pulsierte im Feuerschweif der heruntergebrannten Kerze. Der Glanz zeugte von einem immer noch lebendigem Geist.

In dieser Altarszene war der Alte J├╝nger. Eine junge, h├╝bsche Frau predigte ihm Schmerz. Einmal im Monat suchte sie ihn heim und pr├╝gelte den Altersrost aus ihm heraus, wie Staub aus einem Sofa. Die Lust an der Perversion spielte dabei keine Rolle. Stattdessen ging der Alte auf Zeitreise. Jeder Schlag mit der Reitgerte, jede Verbrennung, jeder kleine Kniff und jede Beinahe-Strangulation, riefen eine Erinnerung wach, so intensiv wie der Begleitschmerz. Rente. Hausbau. Heirat. Arbeit. Kindheit. Je n├Ąher er dem Tod kam, desto weiter reiste er zur├╝ck. Und er wollte weiter zur├╝ck. Immer weiter. Bis zum Ursprung. Bis zum Eisprung.

Seine Herrin umkreiste ihn wie ein Lehrer, der ├╝ber eine Strafe f├╝r einen ungezogenen Sch├╝ler nachdachte. Die Pfennigabs├Ątze ihrer Lackstiefel bohrten Stigmata in den morschen Holzboden. Sie befanden sich in einem kleinen, sch├Ąbigen Raum auf dem Dachboden des Alten, der sich beim Betreten auftat wie der Rachen eines Wales. Feuchtigkeit hatte das Holz aufgequollen und eine Empore in der Raummitte herausgearbeitet. Wie gemacht f├╝r einen Propheten.

"Die Kerze ist gleich aus, aber ich bin noch lange nicht fertig mit dir.", verhie├č sie in seinem R├╝cken. "Guck mich nicht an, guck nach vorne!" Sie holte mit der Gerte aus und gei├čelte dreimal dieselbe Stelle. Das Fleisch platzte auf, teilte sich, wie Mose einst das Rote Meer teilte. Zu den F├╝├čen des Alten bildete sich sein eigenes Rotes Meer. Ein Wunder ohne Zeugen, aber ein Wunder bestimmt. Er st├Âhnte in Ekstase; stand vor seinen Arbeitskollegen im Foyer, die Applaus spendeten, w├Ąhrend sein Chef ihm einen Strau├č roter und wei├čer Nelken ├╝berreichte, Anekdoten erz├Ąhlte, die ├╝blichen Floskeln - "sie werden uns fehlen" etc. pp. - loswurde und ihm einen sch├Ânen Ruhestand w├╝nschte. Er steigerte sein Gest├Âhn. Nicht weil der Schmerz zunahm, sondern weil er verblasste wie ein altes Kleidungsst├╝ck. Und mit ihm die Erinnerung. Sie verstand ihr Opferlamm inzwischen. Die Regungen des Alten, impulsiv und unverbraucht, beteten um ihre Gnadenlosigkeit. Wenn sie aufh├Ârten und seine Augen m├╝de wurden, war ihre Mission erf├╝llt.

Sie schritt zur Kommode und ├Âffnete die oberste Schublade. Die Kerze flackerte heftig. In der Schublade lagen pers├Ânliche Arbeitsutensilien des Alten, Fragmente seiner Vergangenheit und Gegenwart, Ritualwerkzeuge. Sie holte eine Zigarrenkiste hervor, entnahm die letzte Zigarre und schnitt den Gro├čteil ab. Er rauchte l├Ąngst nicht mehr, sch├Ątzte aber das Aroma. Den Stumpen entz├╝ndete sie an der Kerze und paffte zweimal kurz daran. Mit dem Qualm weihte sie den Raum. Dann nahm sie einen tieferen Zug, beugte sich runter zu dem Alten und blies ihm den blauen Dunst ins Gesicht. Er schloss die Augen. Sie wippte den Zigarrenstummel zwischen Zeige- und Mittelfinger wie ein Trommler seinen Schl├Ągel. Ihr Blick fixierte einen Punkt am K├Ârper des Alten. Sie dr├╝ckte das brennende Ende mit leichten Drehbewegungen in seine Oberschenkelinnenseite, knapp neben dem Penis. Es zischte. Sie ├Âffnete ihm die Augen. Vor dem Rohbau seines Hauses kauerte er unter einem St├╝ck Bauplane. Er gedachte dem pl├Âtzlichen Tod seiner Frau letztes Jahr und dem gemeinsamen Traum vom Haus, indem er davor wachte. Trauer, Wut und Hoffnung. Die Dreifaltigkeit des Verlustes. Zehn Ave Marias lang hielt das Feuermartyrium an, dann waren die Nervenenden zerst├Ârt. Der Alte kam zur├╝ck in die Gegenwart. Wieder stie├č er Gest├Âhn aus. Seine Herrin war dar├╝ber erfreut. Sie genoss seine Hingabe und Opferbereitschaft.

Um sie zus├Ątzlich herauszufordern, stampfte der Alte auf dem Boden wie ein Kleinkind, das nicht im Hochstuhl sitzen wollte. Der unstete Rhythmus missfiel ihr. Sie lehrte ihn Taktgef├╝hl, indem sie mit einem Pr├Ąludium aus Ohrfeigen fast seinen Unterkiefer brach. Sie klatschte sich in Trance und verlor die Kontrolle. Faustschl├Ąge gingen auf ihn nieder. H├Ąmatome ├╝bers├Ąten seinen K├Ârper wie Druckstellen eine ├╝berreife Frucht. Der Alte lie├č alles ├╝ber sich ergehen. In dem Moment gab es schlie├člich keine Wahl. Die Folterkammer verwandelte sich in einen richtigen Altarraum und er hielt die Hand seiner frischgebackenen Ehefrau. Er drehte sich zur Hochzeitsgesellschaft, fand jedoch seine Arbeitskollegen vor sich, das Gro├čraumb├╝ro seiner ersten Versicherung, den wutschnaubenden Vorgesetzten, dessen zerknautschtes Gesicht aussah wie das eines leprakranken Mops, und sah an den schier endlosen Beinen seiner Mutter hoch, die ihn zu Disziplin, Gehorsam und Gottesf├╝rchtigkeit ermahnte. Dem Alten standen Tr├Ąnen in den Augen. Sie mischten sich mit Blut. Das gerade lief zu schnell ab. Er erkannte die verschwommene Figur seiner Peinigerin und Wohlt├Ąterin. Sie hockte vor der Kommode, hatte eine Hand unsicher auf die Brust gelegt und den Kerzenschein hinter ihrem Kopf. Was eine Frau war, die glaubte, zu weit gegangen zu sein, war f├╝r ihn ein Marienbildnis.

Der Alte sch├╝ttelte sich wie ein nasser Hund. Er br├╝llte in den Knebel, st├╝rzte mit dem Stuhl vor, dass er umkippte. Sie kroch auf allen Vieren zu ihm und hatte ihre Souver├Ąnit├Ąt wiedergewonnen. "Hast du etwa immer noch nicht genug?", fragte sie, die karmesinroten Lippen zu einem s├╝ffisanten L├Ącheln hochgezogen. Zur Antwort trat er nach ihr. Als er sie am Schienbein traf, wandelte sich ihr L├Ącheln zu einer ver├Ąchtlichen Schnute. Sie umklammerte seinen Hals, dr├╝ckte zu und lie├č locker im Intervall der Atmung. Er zappelte weiter wie bei einer Massenevangelisation. Sie ├Ąnderte das Intervall, w├╝rgte ihn l├Ąnger und h├Ąrter, und verk├╝rzte die Ruhephase. Auf dem langsamen Weg zur Bewusstlosigkeit, w├Ąhrend sein Kehlkopf brach, erlangte der Alte Transzendenz. Er hatte seine Knie angezogen, den Kopf darauf gelegt. Er schwamm im Fruchtwasser der Jungfrau.

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