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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Gerd
Eingestellt am 30. 04. 2006 15:24


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Marc Hecht
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Gerd

„Wir könnten Andi mitnehmen, oder Gerd", hatte Doro erklĂ€rt. Sie stand vor dem Schrank und packte und war schon voller Vorfreude.
Ich stimmte zu. Eine gute Idee war das.
Von allen meinen Freunden hatte Doro am stÀrksten Gerd in ihr Herz geschlossen. Er hatte sie damals im Sturm erobert. Bis heute sitzt ein kleiner Stoff-Delphin in ihrem Ankleidezimmer, ein Stoff-Delphin, der immer zusehen darf, wie sie sich an- oder umzieht, sie hatte ihm einen Ehrenplatz zugewiesen, auf der Kommode, neben ihrem Schmuck. Gerd hatte ihn ihr geschenkt, den Stoff-Delphin, denn von allen Tieren erinnere ihn ihr freundliches Wesen vor allem an einen Delphin, hatte er dazu erklÀrt, deshalb - statt Blumen... die ja im Angesicht ihrer eigenen Schönheit sowieso viel zu schnell verwelkten...
Sie war entzĂŒckt, die linkische und altmodische Art, in der Gerd dies alles vortrug, hatte sie verzaubert. Sein Stoff-Delphin jedenfalls hatte seitdem einen Ehrenplatz - und auch sonst hatte sie Gerd tief in ihr Herz geschlossen. In Doro hatte Gerds Schicksal von Anbeginn eine unauslöschliche Zuneigung entfacht, sie fand ihn „sĂŒĂŸ" und „brillant" und „tragisch" - seine schĂŒchterne ZurĂŒckhaltung gegenĂŒber Frauen faszinierte sie, fĂŒr sie war Gerd etwas ganz Besonderes.
*
Wir wussten damals noch nicht, wohin es gehen sollte, nur raus wollten wir, ein paar Tage raus aus Berlin. In die Natur. Doro freute sich sehr darauf, seit Tagen schon.
Schließlich fuhren wir nach Rheinsberg; es war das zweite Mal, seit wir uns kannten, frisch verliebt hatten wir dort schon einmal zauberhafte Tage verbracht.
Damals war Rheinsberg jedoch noch kaum wiederentdeckt worden; nur wenige Besucher hatten sich damals in den SchlossgÀrten und im Ort verloren, alles war noch recht schÀbig und heruntergekommen.
Jetzt jedoch mussten wir feststellen, dass der Ort mĂ€chtig herausgeputzt war; am Triangelplatz vor dem Schoss standen Pferdekutschen fĂŒr die GĂ€ste bereit; aus dem „Deutschen Hof" erklang Marschmusik; BĂ€nder mit bunten Flaggen sĂ€umten die Restaurants und Cafes; Dutzende Tische waren auf die BĂŒrgersteige gestellt worden und auf dem See wimmelte es von Tret- und Ruderbooten und Ausflugsdampfern voller Touristen.
„Rimini in Preußisch", hatte ich gesagt, und Doro wollte sich darĂŒber halbtot lachen.
Wir waren weitergefahren, nach Norden, und kamen in einen Ort, der „Flecken Zechlin" hieß. „Flecken" - das hatte mir gefallen, und wir hatten dort ein Haus gefunden, ein HĂ€uschen, dicht am Wasser, ganz fĂŒr uns allein. Alles war klein, das Wohnzimmer, die KĂŒche, das Bett; wir zogen dort ein, wanderten durch die WĂ€lder, an kleinen und großen Seen vorbei, besichtigten alte Feldsteinkirchen in den Dörfern und liebten uns, im HĂ€uschen, im Wald, einmal auch im See, beim Schwimmen, und abends las ich Fontane, las noch einmal den Stechlin, der genau in dieser Gegend spielte. Doro schlief dann schon, ihr Kopf schlief auf meiner Brust und ich streichelte ihr Haar und war glĂŒcklich.
*
Drei Tage spĂ€ter fuhren wir nach Gransee, zum Bahnhof. Gerd kam dort an, ich hatte es so arrangiert, dass ich zuerst ein paar Tage mit Doro allein war - und wir hatten uns dann beide gefreut, als er schließlich aus dem Zug gestiegen war. Gerd war noch dicker geworden - er trug einen leichten Sommermantel, der Mantel spannte sich jedoch wie eine Wurstpelle um seinen Körper. Er hatte auch noch tiefere Geheimratsecken bekommen, war braungebrannt - Gerd sah immer mehr aus wie Willy Brand - Willy Brand in dick. Er sprang aus dem Zug, dick und behende, und lachte und sein braunes Gesicht war voller freundlicher Furchen. Er hatte kaum etwas bei sich, nur einen kleinen Koffer. Doro hatte ihn begrĂŒĂŸt, ihn flĂŒchtig auf die Wangen gekĂŒsst - war dann aber ein paar AbteiltĂŒren weiter gegangen - denn dort war uns doch wahrhaftig Iris entgegengekommen, Iris, eine Freundin von Doro. Auch sie trug einen kleinen Koffer. Doro hatte mir nichts davon erzĂ€hlt, es war ganz offenbar eine ihrer Marotten, ihrer kleinen VerrĂŒcktheiten. Iris war eine groß gewachsene Frau, blond, hĂŒbsch, Mitte dreißig, sie hatte große blaue Augen, arbeitete in einer Bank und hatte frĂŒher mit Doro zusammen Klavierunterricht, ganz frĂŒher, als Kind; bei der selben Lehrerin, seitdem kannten sich die beiden.
Meine Frau hatte Iris und Gerd bekannt gemacht und hatte lapidar erklĂ€rt: „...tja, dann sind wir wohl zu viert, fĂŒr die nĂ€chsten Tage..." Es war recht offensichtlich, was Doro da versucht hatte - und uns allen war es sehr peinlich. Doro konnte so etwas nicht. Gerd hatte mich verlegen angesehen, aber ich zuckte die Schultern, zeigte, dass ich keine Ahnung hĂ€tte; Iris hatte freundlich gelĂ€chelt, mit ihren großen blauen Augen, auch sie wusste offensichtlich nichts, hatte umher gesehen, und wurde dann ebenfalls verlegen.
Schließlich hatte ich alle mitgezogen und wir waren zu viert ins Bahnhofsrestaurant marschiert. Ich hatte eine Flasche Sekt bestellt, zur BegrĂŒĂŸung. Wir plauderten und nach dem ersten Schreck wurde es recht lustig. Gerd war hingerissen von der Situation, sofort begann er zu brillieren mit seinen Anekdötchen. Es war eine Freude, ihm zuzuhören. Er war ein großer ErzĂ€hler. Und ein großer Schauspieler. Schon immer.
Als sie ihn damals zum MilitĂ€r einziehen wollten, gleich nach dem Abitur, hatte er es zum Beispiel in einer wahrhaften Tonio-Kröger-Adaption verhindert. Hatte damals nicht nur auf verrĂŒckt gemacht, sondern gleich auch noch auf schwul, verklemmt schwul - in einer ganz schrĂ€gen Art; als wolle er es sich selbst nicht recht zugeben. Und als der MilitĂ€r-Arzt schließlich gefragt hatte, ob er sich denn auch zu MĂ€nnern hingezogen fĂŒhle, hatte Gerd zu Boden geblickt, in die Enge getrieben, Ă€ngstlich - hatte aufgeregt gehustet und erklĂ€rt: „...weiß nicht...?" Genial war das, schon damals. Er wurde nicht angenommen beim MilitĂ€r, er wurde ausgemustert.
Und hier, jetzt, in der Bahnhofskneipe von Gransee, in dieser ungewöhnlichen Situation, war Gerd sofort charmant, zuvorkommend, witzig, fand alles entzĂŒckend - und plauderte. Und er hĂ€tte es also langsam angehen lassen, auf der Fahrt hierher. HĂ€tte sich dies und das angesehen, Perleberg zum Beispiel. Dort hĂ€tte er halt gemacht, aus einer Laune heraus, und weil er einmal gelesen hĂ€tte, dass Perleberg die „Perle der Prignitz" wĂ€re. Aber das wĂ€re nun eine traurige, eine blasse Perle gewesen... und er hĂ€tte dort zu Mittag gegessen, in einem hĂŒbschen Gastkrug, gegenĂŒber der Kirche - und wĂ€re also ins GesprĂ€ch gekommen, mit zwei Herren... nette Leute... und hĂ€tte „eine Runde" Bier bestellt. Gerd sah auf, schwieg, dann, die Empörung in Person: „Und was soll ich euch sagen? Die Kellnerin antwortet doch glatt: ‚Nein danke, fĂŒr mich nicht, ich bin im Dienst!’ Ist das die Möglichkeit...?!"
Die Frauen kicherten, ich bestellte eine zweite Flasche Sekt. Gerd erging sich schließlich in der Frage, ob es vielleicht eine Tradition, ein alter Brauch sein könnte, noch vom Sozialismus her. Ein Brauch, der in kleinen Dorfgasthöfen im Osten bis heute gilt: Die Kellnerin wird immer mit eingeladen... im Sinne der Gleichheit ... alle sollten gleich besoffen werden...
Die Damen waren höchst amĂŒsiert, wir tranken die zweite Flasche Sekt und brachen schließlich auf. Es war spĂ€t geworden.
*
Gerd und Iris konnten wir jedoch unmöglich in unserem HĂ€uschen wohnen lassen; also suchten wir ein Quartier fĂŒr die beiden, waren durchs Dorf gelaufen, zu viert, durch den Flecken, alles war schon still, nur ein paar KrĂ€hen hatten gekrĂ€chzt, in den Wipfeln der Kiefern, am Ufer. Wir gingen ĂŒber die Dorfstraße, und bewunderten die Stille, die WĂ€lder rings um den See waren schon schwarz in ihren Konturen; und auch der See war schwarz, schwarz und glatt lag er da, manchmal schrie eine Wildente auf, oder ein Haubentaucher, und seine FlĂŒgel klatschten kurz auf das Wasser; ansonsten war alles still.
Endlich hatten wir eine Pension gefunden. Ja, zwei Zimmer wĂ€ren noch frei, die Wirtsfrau freute sich, war ĂŒberrascht und hatte so spĂ€t am Abend keine GĂ€ste mehr erwartet.
Wir inspizierten die Zimmer; anstĂ€ndige Zimmer, und die Damen wollten plötzlich „allein sein"; es war der Gipfel des schlechten Verkupplungsversuches meiner Frau; nun wollte man sich also offensichtlich besprechen, hinsichtlich dieser Angelegenheit... und mein Freund Gerd kam auf den PrĂŒfstand.
Gerd fand auch dies „entzĂŒckend". Zuerst war er zwar ĂŒberrascht, aber dann fand er es „entzĂŒckend". Doros offensichtlicher Versuch, ihm eine Frau zu verschaffen, rĂŒhrte ihn wohl zutiefst.
Wir wurden also weggeschickt, sollten uns vergnĂŒgen - und ich zog Gerd mit, froh, der peinlichen Situation zu entkommen. Auf dem Weg entschuldigte ich mich bei ihm, fĂŒr diesen „Mummenschanz", aber er winkte ab; und da gĂ€be es ja wohl Schlimmeres.
Wir liefen noch einmal ĂŒber die Dorfstraße. Auch die KrĂ€hen hatten sich jetzt zur Nachtruhe begeben, es war vollkommen still, den See konnten wir nur noch erahnen. Und durch die WĂ€lder ringsumher rauschte manchmal leise der Wind.
Wir blieben stehen. Gerd sah in den Himmel.
„Schön ist es hier", sagte er.
„Ja."
Ich sah ihn an, von der Seite, sein Profil, selbst jetzt in der Nacht wirkte es freundlich und gĂŒtig. Interessiert, offen, neugierig aufs Leben, fĂŒrsorglich beim Schicksal Anderer, nur sein eigenes Leben bedeutete ihm nicht mehr allzu viel, er hatte sich lĂ€ngst arrangiert, hatte resigniert, eingesehen, dass der Alkohol ihn immer wieder einholen wird.
Gerd konnte wochenlang keinen Tropfen anrĂŒhren - und dann war er tagelang verschwunden und wusste spĂ€ter von nichts mehr. Seit fast 20 Jahren ging das jetzt so. Einmal hatte er mir erzĂ€hlt, wie er auf einer Verkehrsinsel aufgewacht war, in einer fremden Stadt, sitzend, an eine Laterne gelehnt, ohne Schuhe. Grausame Sauftouren mussten das sein, die Gerd immer wieder aus der Bahn warfen. Er hatte lĂ€ngst aufgegeben - fĂŒr sich selbst.
„Schön ist es hier", sagte er jetzt noch einmal.
„Was hĂ€ltst du von ihr?"
„Von wem?"
„Von Iris."
„Ach so. Ja, hĂŒbsch..."
Gerd ließ keine Frauen an sich heran. Nicht richtig, jedenfalls, ĂŒber kurz oder lang mĂŒsste er dann ja sein furchtbares Elend preisgeben, seine regelmĂ€ĂŸigen SaufzĂŒge, nein, Gerd lebte seit langem lieber allein.
*
Schließlich marschierten wir wieder ins Wirtshaus, was sollten wir anderes tun? Hier war nicht viel los, um diese Zeit, im „Flecken Zechlin", hier war sonst ĂŒberhaupt nichts los.
Wir bestellten Schnitzel und spÀter Schnaps und Bier.
„Auf jeden Fall hat sie hĂŒbsche Titten", hatte Gerd erklĂ€rt, nach ein paar SchnĂ€psen - und ich stimmte ihm zu: „Du könntest sie heute nacht gleich vögeln..."
„Nein!" Gerd war entsetzt; wenn ĂŒberhaupt, mĂŒsse es langfristig sein, mit VerstĂ€ndnis und so weiter...und ob ich wirklich glaube, dass er Iris gefallen könnte.
„Na klar, hast du das nicht bemerkt?"
„Ich? Nein! Was sollte ich denn bemerkt haben?"
„Du hast Eindruck auf sie gemacht."
„Naja, Eindruck...Eindruck ist das Eine", erklĂ€rte er, zaghaft, Gerd war rĂŒhrend, in diesen Dingen. Offenbar hatte Iris ihm ein wenig den Kopf verdreht, jedenfalls lockerte er seinen Schild. Iris, mit ihren blauen Augen, ihren großen festen BrĂŒsten, die Beine in den kurzen Hosen waren ein bisschen zu dick, die FĂŒĂŸe ein bisschen zu groß, alles an ihr war groß – aber Gerd schien es mĂ€chtig zu beeindrucken. Und ich beschloss, ihn darin zu bestĂ€rken. Auch wenn ich wusste, wie es ausginge – wenn es denn begĂ€nne.
„Wer Frauen zum Lachen bringen kann, hat sie fast schon auf dem RĂŒcken", hatte ich deshalb erklĂ€rt, etwas zu burschikos, angeheitert vom Schnaps, aber es war auch meine feste Überzeugung.
Gerd jedoch hatte zweifelnd geblickt. Wenn das so wĂ€re, dann kĂ€me er ja vor lauter Bumserei zu nichts anderem mehr..., nein, nein: „Sie mögen zwar den, der sie zum Lachen bringt", hatte er erklĂ€rt, „aber dann brauchen sie noch einen Anderen, einen, der sie ganz humorlos durchvögelt."
Ich wischte das weg, als Blödsinn - und er solle die Chance nutzen. Insgeheim jedoch bekam ich ein wenig Angst. Ich wusste, wie es ausginge – im Ernstfall, Gerd war ein denkbar schlechter Kandidat fĂŒr Iris; es begĂ€nne mit unendlicher Nachsicht ihrerseits, seinen Kapriolen und SaufzĂŒgen gegenĂŒber, denn sie wusste ja, was fĂŒr ein schwieriger Fall er nun mal war, Doro hatte es erzĂ€hlt, in ihrer rosaroten Romantik. Und wie sĂŒĂŸ Gerd im Grunde wĂ€re, und wie schĂŒchtern und so weiter.
Aber Iris war auch eine tĂŒchtige Frau, erfolgreich, im Leben stehend, zuverlĂ€ssig in ihrem Beruf, bei einer Bank auch noch, dem Inbegriff eines korrekten Berufes. TĂ€glich ging sie in diese Bank, eingebunden, in kleine AnimositĂ€ten und in Kollegen, die man „auch mal privat" einladen könnte.
FĂŒr Gerd wĂ€re dies alles nichts, zwar hĂ€tte er bei den ersten Einladungen durchaus geglĂ€nzt, und hĂ€tte die gesamte Schar ĂŒberbĂŒgelt mit seiner WeltlĂ€ufigkeit und mit seinem Wissen und mit seinem Humor - und alle hĂ€tten ihn fĂŒr einen tollen Kerl gehalten; doch spĂ€testens beim dritten Abendessen hĂ€tte Gerd sich das erste Mal besoffen - und man wĂ€re höchlichst pikiert - und die gesamte Fassade brĂ€che peau a peau zusammen; und ĂŒbrig bliebe Iris, die fleißige und hĂŒbsche und zielstrebige Frau, die zu ihrem kleinen GlĂŒck nur noch einen Mann brauchte; und dann an einen zauberhaften Alkoholiker geraten war, der ihr Leben und ihr Renommee in der Bank auf lange Zeit ramponierte, bis sie sich endlich von ihm getrennt hĂ€tte.
So wĂ€re es gekommen, wie immer, wenn Gerd etwas mit einer Frau anfing. Er konnte einen Abend glĂ€nzend ĂŒberstehen, eine Woche - aber keine lĂ€ngeren Distanzen.
Trotzdem – ich erklĂ€rte noch mal, vehement, dass er sie bestimmt schon heute nacht haben könnte, ganz bestimmt.
Gerd jedoch wischte das weg, peinlich berĂŒhrt fast, unwillig: „Na, wir werden ja sehen", hatte er schließlich erklĂ€rt, geduldig, wie ein Bauer, der im nĂ€chsten Herbst auf gute Ernte hofft. Er war rĂŒhrend, in Frauendingen. Immer Kavalier, bis zur LĂ€cherlichkeit.
Einmal saßen wir nachts in einer Kneipe auf St. Pauli - und am Nachbartisch hatte ein farbiger ZuhĂ€lter seine Hure beschimpft. Gerd war damals aufgestanden und hatte dem Schwarzen nacheinander auf deutsch, englisch und französisch erklĂ€rt, dass er diese Dame hier in Ruhe zu lassen hĂ€tte und verschwinden sollte... es hatte einen furchtbaren Streit gegeben, Gerangel, die Angestellten der Bar waren dazwischen gegangen - und der ZuhĂ€lter wurde schließlich hinausgeworfen. Die Hure hatte Gerd gedankt, verĂ€ngstigt, keineswegs glĂŒcklich.
So war Gerd.
*
Wir plauderten und tranken, im Wirtshaus vom Flecken Zechlin. Ich erzÀhlte von Fontane; und dass es ganz unmöglich wÀre, ihn nicht zu lesen, hier, in dieser Gegend.
Gerd hatte genickt, weise, bedeutungsschwer, und sein dickes Kinn war ihm dabei auf die Brust gefallen: „Fontane war gut", hatte er gesagt, und Effi Briest zum Beispiel wĂ€re um keinen Deut schlechter als etwa Emma Bovary. Oder Anna Karenina. Und ob ich denn nun vorankĂ€me, mit der Schreiberei?
Ich winkte ab, resigniert.
Er sah mich treuherzig an.
„Du bist nur noch zu hitzig", hatte er erklĂ€rt.
Es war eine Freude, wie ein NobelpreistrĂ€ger hatte Gerd das gesagt, wie einer, der diese Sorgen in seinen frĂŒhen Jahren auch alle durchmachen musste, mutmachend und voller VerstĂ€ndnis. Obwohl er doch keine Ahnung hatte, von den wirklichen Qualen der Schreiberei. Aber es war großartig.
Ich genoss den Abend, drĂ€ngte alle schlechten Gedanken beiseite. Es war eine Freude, mit Gerd hier zu sitzen, zu trinken und zu plaudern. Hier, in der Grafschaft Ruppin, wie es bei Fontane hieß.
*
Schöne und unbeschwerte Tage waren es, in diesem SpĂ€tsommer; wir machten AusflĂŒge in die Umgebung, zu viert, wanderten zwischen Wasser und WĂ€ldern umher, die Frauen sammelten Beeren, und wir badeten nackt in den Seen. Gerd traute sich zuerst nicht, hielt sich fĂŒr zu dick und dies wĂ€re fĂŒr uns andere doch eine Zumutung, aber wir hĂ€nselten ihn, bis auch er schließlich seine Kleidung ablegte und dann wie ein Walross ins Wasser plumpste und prustete.
Ich hatte vom Kloster Chorin gelesen, bei Fontane, eine ellenlange Abhandlung, und ich wollte dort unbedingt hin, es war nur eine kurze Autofahrt; ich erzĂ€hlte von den Zisterzienser-Mönchen; von den Sagen um das Kloster; von der weißen Jungfrau, die dort nachts ĂŒber dem See erschiene, weil ihr Liebster nicht zurĂŒckgekehrt wĂ€re...
Die beiden Frauen hörten fasziniert zu. Gerd jedoch lehnte sich zurĂŒck, auf seinem Sitz, ganz gespielte Empörung: Dies seien ja alles olle Kamellen und ich solle lieber andere Geschichten lesen, als junger und moderner Schriftsteller. Und das mit der weißen Jungfrau wĂ€re ja schlichtweg ThĂŒnkram, wie man in Hamburg so schön sage; er jedenfalls wĂ€re lieber nach Schloss Rheinsberg gefahren, wo schließlich der Geist vom alten Fritz schwebe - und von den Hohenzollern - das wĂ€re was Handfestes... aber gut, er lasse sich gern ĂŒberraschen, von meinem Kloster.
Allerdings war dann wirklich nicht viel ĂŒbrig geblieben, vom Kloster Chorin - nur ein paar alte, nichtssagende Ruinen.
„Sehr bedeutend", Gerd hatte ĂŒbertrieben aufmerksam umhergesehen und eine verrottete SĂ€ule inspiziert,... „sehr bedeutend..."
SpĂ€ter jedoch ließ er sich versöhnen; wir aßen zu Mittag, in einem alten Gasthof; das Kesselgoulasch dampfte - und es gab berĂŒhmtes Bier dazu, im eigenen Keller gebraut. Gerd trank ein paar GlĂ€ser vom Choriner MönchsbrĂ€u - und verteilte Komplimente: „Von Bier versteht ihr was", hatte er dem Kellner erklĂ€rt. Der Kellner dankte recht freundlich. Alle Menschen dankten recht freundlich, wenn Gerd sie mit seinen Komplimenten ĂŒberschĂŒttete. „Sie machen Ihre Sache ausgezeichnet", konnte er zum Kellner sagen, nur weil der das bestellte Bier an den Tisch brachte. Und es war eine Freude ihm zuzuhören.
*
Am nĂ€chsten Morgen klopfte es. Doro und ich saßen noch am FrĂŒhstĂŒckstisch. Es war die Vermieterin, schĂŒchtern stand sie in der TĂŒr, und sie wolle so frĂŒh nicht stören - aber es wĂ€re wohl dringend, „von Ihrem Freund." Sie ĂŒbergab mir ein Papier und verschwand schnell.
Ich faltete es auf: Bin abgereist. Zauberhafte Tage. Wollte kein großes Aufsehen machen. Gruß an alle, melde mich. Gerd.

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 2
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Hallo Marc

Eine schöne lange Kurzgeschichte. Bliebe nur die Frage, ob fĂŒr Gerd die Zeit zu lang geworden war (und er seinen Suff nicht mehr verbergen konnte), wenn er mit Iris was angefangen hat, oder ob da nichts gelaufen ist.
Es kann natĂŒrlich sein, daß es sich jeder Leser selbst ausmalen muß.

MfG; Rocco
__________________
dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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flammarion
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bravo!

da kann man nur auf eine fortsetzung hoffen.
lg
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