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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gerechtigkeit?
Eingestellt am 25. 12. 2003 23:39


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mye
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Registriert: May 2003

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Gerechtigkeit?



Das Urteil lautete lebenslÀnglich. Und mit dem Hammerschlag des Richters war eine von unendlich vielen Taten schlagartig und schon nahezu vollends aus den Köpfen verbannt.


Nach vierzehn Jahren erhĂ€lt das Wort "lebenslĂ€nglich" eine neue Bedeutung. Der mittelgroße Mann mit den Weisheitsecken (schon wĂ€hrend seiner Jugendzeit wurde er diesbezĂŒglich bloßgestellt; es ist zumindest möglich, dass eine Preisgabe dieser frĂŒhen Erlebnisse etwas gebracht hĂ€tte, doch ein jahrelanges Schweigen eingebettet in guter FĂŒhrung ist scheinbar ausreichend) und den schmalen Schultern schreitet durch ein bewachtes Tor und verlĂ€sst den Bereich, der ihn etliche Jahre zuvor von der Außenwelt abgehalten hat. Eine Abkappslung, die VerĂ€nderung nach sich ziehen sollte; Besserung (fĂŒr ihn persönlich oder fĂŒr die ganze Welt?).

Freiheit ist ein Geschenk. Geschenke sollte man ehren. Der Mann mittleren Alters entfernt sich zusehends von seinem eigentlichen Heim und mit jedem weiteren Schritt wird er automatisch wieder ein Teil der Gesellschaft. Eine Eingliederung binnen weniger Sekunden... die Ausgliederung des jungen Kindes vor vierzehn Jahren hat nicht lÀnger gedauert. Verdient jeder Mensch auf diesem riesigen Planeten die vollkommene Freiheit?

Das große GebĂ€ude in seinem RĂŒcken wird unabĂ€nderlich kleiner und je mehr er sich von jenem flĂŒchtet (eine innere Flucht!) kommt es ihm bereits fatal abgelegen vor. Ein GefĂŒhl von Verdienst schleicht sich an und erlangt eine gedankliche Entfaltung, als er feststellt, nun in keinem der Blicke seiner Mitmenschen mehr Verachtung oder Angst zu sehen. Das Augenscheinliche ist sein Vorteil. Man sieht ihm seine Krankheit nicht an. Vierzehn Jahre haben nicht ausgereicht, um seine Psyche zu ergrĂŒnden. Wie auch, wenn nicht einmal er selbst, sich immer ĂŒber sie im Klaren ist.

Anteilnahmslos ziehen Menschen an ihm vorbei, niemand sieht den Funken in seinem Kopf. Doch der ist vorhanden, zwar leicht glimmend aber ewig brennend. Und jederzeit an jedem Ort könnte ein Feuer entfachen, dass das Licht eines anderen Menschen fĂŒr alle Ewigkeiten auslöscht. Ist das Gerechtigkeit? Könnte es ein, dass vermeintliche Zweifel bei der großzĂŒgigen Vergabe zweiter Chancen leichtglĂ€ubig verdrĂ€ngt werden? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Denn es ist ja immerhin nicht gesagt, dass ein RĂŒckfall eintritt. Doch was ist mit der Möglichkeit? Schon das eventuelle Eintreten eines psychischen RĂŒckfalls sollte doch ausschlaggebend sein, weitere Kinder von einem solchen Menschen fern zu halten. Oder? Wie ist das mit der zweiten Chance; und wenn man eine Zweite bekommt, warum dann nicht auch noch eine Dritte, Vierte und so weiter... wer stellt die Regeln fĂŒr eine solche Entscheidung auf?

Kein Mensch auf den vollen Straßen beobachtet ihn. Niemand weiß, dass er gerade erst aus dem GefĂ€ngnis entlassen wurde, weil er vor etlichen Jahren ein MĂ€dchen missbraucht und umgebracht hat. Und selbst wenn es ihm auf die Stirn tĂ€towiert wĂ€re, die Menschen wĂŒrden ihn ebenso behandeln wie einen Verkehrsunfall: unbedingt hinsehen, doch nicht daran denken, einzugreifen.

Der Mann setzt sich in ein CafĂ©. Als er einen stinknormalen Kaffee bestellt, fĂ€llt der jungen weiblichen Bedienung sein leicht lĂŒsterner Blick auf. Er selbst bemerkt diesen Zustand gar nicht. Sie verharrt kurz und tut es dann als typisch ab, denn so etwas kommt leider öfters vor. Dann dreht sie sich um und verlĂ€sst den Tisch, ohne zu wissen, dass noch lange ein wiederlicher Blick auf ihrem Hinterteil liegt. Nach einigen Minuten sieht er aus dem Fenster, sieht scheinbar unendlich viele Menschen, Eltern, Paare, Großeltern... und in der riesigen Menge auch ein kleines MĂ€dchen. Wie unsichtbare Geister zieht jene Menschenmenge vor seinen Augen hinweg, doch seine Konzentration ist in allen Maßen vergeben. Und er bermerkt nicht einmal, dass ihm die junge Bedienung, die er gerade erst anstarrte wie ein verdammter Sexualverbrecher, seinen Kaffee bringt und schnell wieder verschwindet. In diesem Augenblick denkt er nicht an vierzehn Jahre GefĂ€ngnis oder den Grund seiner Verhaftung... nein, in diesem Moment ist alles wieder wie vor vierzehn Jahren.

Er verlĂ€sst das CafĂ© und wirkt fast hypnotisiert. Auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite lĂ€uft das MĂ€dchen, hĂ€lt sich lĂ€chelnd an der Hand ihres Vaters fest und schlendert oder hĂŒpft mehr, als dass sie geht. Dann erblickt sie den mittelgroßen Mann mit den Weisheitsecken und schenkt ihm ein erheitertes LĂ€cheln, da sein Anblick das MĂ€dchen an eine Comicfigur erinnert, die sie sehr gerne hat. Ohne zu ĂŒberlegen wechselt er auf die andere Seite; ebenso plötzlich wie der Funke in seinem Inneren nun wieder entflammt ist.

Niemandem fÀllt dieser Vorgang auf; wie denn auch? HÀtten ihm die Verantwortlichen die Worte Vorsicht Gefahr! auf die Stirn tÀtowieren sollen? Nein, das wÀre ja menschenverachtend.





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man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

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Betty Blue
Guest
Registriert: Not Yet

Brisant

Hallo mye.

Du greifst da ein sehr brisantes Thema auf, ĂŒber das seit vielen Jahren zu viel diskutiert wird und dadurch bisher viel zu vielen Kindern das Leben gekostet hat.

Du sprichst von Gerechtigkeit - in diesen FĂ€llen gibt es sie nicht - .

Ein Mensch, der sich an einem Kind befriedigt und es tötet, hat meiner Meinung nach all seine Rechte vertan und mĂŒsste wirklich bis ans Ende seines Lebens weggesperrt werden.

Allein die Vermutung, dass es wieder passieren könnte ist doch Grund genug, ihn nicht wieder frei zu lassen.

Hier versagt unser Rechtssystem absolut!

Dieses Thema ist so gewaltig emotional, dass mir allein der Gedanke daran die Luft nimmt...


Ein Gruß von

Betty Blue




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haljam
Wird mal Schriftsteller
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Ein sehr interessanter Einfall

ZurĂŒck

Hallo mye,

ein beeindruckender Text, der die Leserin/den Leser sehr nachdenklich stimmt.

Allerdings ist der Einstieg in die Handlung ein wenig schwerfĂ€llig: ich habe nicht sofort begriffen, dass die ersten beiden SĂ€tze eine RĂŒckblende sein sollen, wĂŒsste allerdings spontan auch nicht, wie du das verbessern könntest.

Auch der dritte Satz bringt noch keine Klarheit. Erst in dem Moment, wo wir lesen

quote:
Der mittelgroße Mann mit den Weisheitsecken (schon wĂ€hrend seiner Jugendzeit wurde er diesbezĂŒglich bloßgestellt; es ist zumindest möglich, dass eine Preisgabe dieser frĂŒhen Erlebnisse etwas gebracht hĂ€tte, doch ein jahrelanges Schweigen eingebettet in guter FĂŒhrung ist scheinbar ausreichend) und den schmalen Schultern schreitet durch ein bewachtes Tor und verlĂ€sst den Bereich, der ihn etliche Jahre zuvor von der Außenwelt abgehalten hat.

die Zeitenfolge und der Zeitpunkt der Handlung klar.
(Übrigens finde ich die EinfĂŒgung in Klammern viel zu lang und gar nicht angenehm, sehr störend fĂŒr den Lesefluss!)

Der Text ist von der Idee her sehr interessant: Erlebte Rede, der Blick in den Kopf eines soeben entlassenen Sexualverbrechers. Da die Gedanken bekanntlich "frei" sind, zeigt sich hier, dass das Wegsperren offensichtlich nicht erfolgreich war, der Mann zu neuen verbrecherischen Taten bereit ist.

Alles in allem sind da zu viele ErklÀrungen und zusÀtzliche Reflexionen in deinen Text, die ich eher als störend denn als hilfreich empfinde, ein Beispiel:

quote:
Eine Abkapselung, die VerĂ€nderung nach sich ziehen sollte; Besserung (fĂŒr ihn persönlich oder fĂŒr die ganze Welt?).

Was eine andere Textstelle anbetrifft, kann ich dir nur raten: zeigen, nicht beschreiben! ("Show, don't tell!"):

quote:
Das große GebĂ€ude in seinem RĂŒcken wird unabĂ€nderlich kleiner; und je mehr er sich von jenem flĂŒchtet (eine innere Flucht!) kommt es ihm bereits fatal abgelegen vor.

Der Witz dieser Geschichte sollte schließlich darin bestehen, diesen Vorgang der inneren Flucht des Protagonisten durch die Handlung (sei es innere, sei es Ă€ußere Handlung) zu verdeutlichen.

Manche Wendung klingen ein wenig gequĂ€lt, sind allerdings in der Tat sehr schwer ĂŒberzeugend darzustellen:

quote:
Man sieht ihm seine Krankheit nicht an. Vierzehn Jahre haben nicht ausgereicht, um seine Psyche zu ergrĂŒnden. Wie auch, wenn nicht einmal er selbst, sich immer ĂŒber sie im Klaren ist.

Viele Stellen sind dann wieder sehr gut, zumindest schon im Ansatz:

quote:
Anteilnahmslos ziehen Menschen an ihm vorbei, niemand sieht den Funken in seinem Kopf. Doch der ist vorhanden, zwar leicht glimmend aber ewig brennend. Und jederzeit an jedem Ort könnte ein Feuer entfachen, dass das Licht eines anderen Menschen fĂŒr alle Ewigkeiten auslöscht. Ist das Gerechtigkeit? Könnte es ein, dass vermeintliche Zweifel bei der großzĂŒgigen Vergabe zweiter Chancen leichtglĂ€ubig verdrĂ€ngt werden? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Denn es ist ja immerhin nicht gesagt, dass ein RĂŒckfall eintritt. Doch was ist mit der Möglichkeit? Schon das eventuelle Eintreten eines psychischen RĂŒckfalls sollte doch ausschlaggebend sein, weitere Kinder von einem solchen Menschen fern zu halten. Oder? Wie ist das mit der zweiten Chance; und wenn man eine Zweite bekommt, warum dann nicht auch noch eine Dritte, Vierte und so weiter... wer stellt die Regeln fĂŒr eine solche Entscheidung auf?

Obwohl da manchmal, wie ich finde, die ErzĂ€hlperspektiven gehörig durcheinandergewĂŒrfelt werden: Wer denkt jetzt? Der Protagonist? Der Allwissende ErzĂ€hler? Gott?

Sehr gut dann diese Szene, auf die der Text sich von Anfang an hinbewegt, diese Szene im CafĂ©, die die Szene auf der Straße sehr gut vorbereitet.

Der Schluss ist leider etwas schwach. Da hat wohl deine Spannkraft nachgelassen, und du wolltest den Text jetzt irgendwie "einfach zu Ende bringen" - das kenne ich, dieses GefĂŒhl, diese Versuchung; aber die im Kern gute Geschichte leidet erheblich unter diesem ein wenig lieblosen und unĂŒberlegt dahingeschriebenen Schluss.

Ich fiebere den nĂ€chsten Überarbeitungen entgegen!

Fröhliche Weihnachten!

Murmeltier

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Enza ost
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo mye!!!

Die Geschichte ist von der Thematik her natĂŒrlich der Hammer! Es ist erst einmal sehr mutig von Dir, Dich daran zu versuchen! Und der Versuch ist halb geglĂŒckt...
Was möchtest Du zuerst hören? Die negative Kritik?
Okay, here we go: Die Story ist zu kurz, um ein echtes Psychogramm des TĂ€ters darzustellen.
Und eigentlich will ich von diesen "Scheißtypen" auch nichts mehr hören. Man schenkt ihnen sowieso zu viel Beachtung! Aber das ist meine persönliche Meinung und hat mit Deinem Werk nichts zu tun, sorry!!!
Also weiter: Die vielen Fragen sind zwar wichtig, zerschneiden aber den Fluß. Und es wird nicht deutlich,wer da fragt: Der ErzĂ€hler, ein Beobachter...Wer? Vielleicht könntest Du eine Figur konstruieren z.B ein WĂ€rter, der den Gefangenen entlĂ€sst und in dem die Fragen aufsteigen, wĂ€hrend er den Mörder gehen sieht...???

Ansonsten ist das Ganze sehr gut erzÀhlt, man hat alles plastisch vor Augen, ganz sich hineindenken...
Vorallem der Schluß ist wunderbar gelungen.
Ich wĂŒnsche mir, Du wĂŒrdest noch ein wenig an der Geschichte arbeiten, erweitern und verĂ€ndern. Sie ist es wert und Du kannst es besser machen, da bin ich mir sicher!!!

Ich hoffe, Du nimmst mir meine Kritik nicht ĂŒbel und sie ist konstruktiv ausgefallen, dass Du schreiben kannst, weißt Du hoffentlich selbst, keine Frage!!!

Liebe GrĂŒĂŸe von Enza ost

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mye
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2003

Werke: 37
Kommentare: 128
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hallo

ich bedanke mich bei allen fĂŒr die antworten, natĂŒrlich bin ich ĂŒber kritik nicht verĂ€rgert... im gegenteil; der text wird noch einmal ĂŒberarbeitet... habe ja jetzt einige sehr gute vorschlĂ€ge bekommen die idee mit dem wĂ€rter, der ihn beobachtet gefĂ€llt mir ĂŒbrigens sehr gut. also, einen schönen jahresausklang und bis bald.

liebe grĂŒĂŸe

mye
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