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Leselupe.de > Horror und Psycho
Gerechtigkeit
Eingestellt am 23. 02. 2005 16:19


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frasdorf
Festzeitungsschreiber
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Die T├╝r im Flur stand halboffen. Das erste, was Paul Landing auffiel, war der Geruch von totem Fleisch. Er kannte den Geruch aus dem Leichenhaus und von Sezierungen. Kein Problem, aber f├╝r seinen Kollegen, Officer Jack Bender, schon. Sofort stie├č die Wolke aus Verwesung den Frischling zur├╝ck, als der die T├╝r auftrat. Er schickte den Polizisten nach unten und sagte ihm, er w├╝rde hier schon klar kommen. Aber er schickte ihn auch weg, weil er einen Verdacht hatte. Eine Vermutung oder ein Gef├╝hl, das ihm wie schwere Steine im Magen lag.
Als er sich alleine w├Ąhnte, zog er die 38er und n├Ąherte sich, benebelt von s├╝├člichem Todeshauch, der T├╝r. Er kannte die Wohnung hier im 15. Stock. Ein Zimmer, ein Bad, eine Kochnische. Ein Raum, der Endstation f├╝r Gescheiterte war. Nicht gro├č genug f├╝r Einen, aber hier lebten drei. ÔÇ×LebtenÔÇť, dachte sich Landing, ÔÇ×der ist gutÔÇť. Es ist die Bleibe von Susan Moore, ihrem Mann Gary und seinem Bruder Valdo. Es ist die Bleibe von einer Einf├Ąltigem, einem brutalen Schl├Ąger und einem Vergewaltiger. Es ist die Bleibe von Trauer, Gewalt und Dem├╝tigung und jetzt, als Paul die Wohnung betritt, ist es das letzte, traurige Kapitel eines einst so h├╝bschen M├Ądchens, das in Vorstellung eines besseren Lebens nach New York kam und die Wirklichkeit mit Gary und seinem Bruder erfuhr.
Paul erwartete, als er Zimmer 1532 betrat, ein Blutbad. Normalerweise waren es die Nachbarn, die Woche f├╝r Woche Streit und L├Ąrm und verzweifelte Schreie meldeten. Als aber nun seit mehreren Tagen nichts mehr aus der Wohnung zu h├Âren war, ging die Angst vor einem Verbrechen um und war ebenfalls Grund genug, wieder einmal die Polizei zu verst├Ąndigen. Paul kannte Susan gut. Er besuchte sie im Krankenhaus, wenn sie mal wieder ├╝bel zugerichtet wurde. Er traf sie ÔÇ×zuf├ĄlligÔÇť bei ihren wenigen Eink├Ąufen im Store unten an der Stra├če. Er versuchte mit allen Mitteln, sie zum Reden zu bringen. Aber sie wollte oder konnte nicht. Ohne ihre Aussage gab es nie einen triftigen Grund, den Moore-Br├╝dern mal ordentlich in den Arsch zu treten. Es gab viele Momente, in denen sich Paul fragte, was eine Frau dazu veranlassen k├Ânnte, Gewalt und N├Âtigung hinzunehmen, nur um nicht alleine zu sein. Sie war bestimmt keine Ausnahme, aber die Dimension, mit der sie fertig werden musste, schrie geradezu nach einem traurigen H├Âhepunkt. Und dieses Finale lag nun vor Paul, als er den Vorhang direkt hinter der T├╝r zum Wohnraum wegzog. Er steckte paralysiert die 38er wieder in den Brustgurt. Die brauchte er hier nicht mehr.
Das Deckenlicht flackerte, die T├╝r zum kleinen Balkon stand offen. Leise drang der Verkehrsl├Ąrm, vermischt mit Sirenengeheul und dem Rauschen nasser Windb├Âen nach oben. Im Raum inmitten von Unrat, Bierflaschen, Kakerlaken und von einem Kampf gezeichneten M├Âbeln lagen die Br├╝der. Die Leichen zeigten auf den ersten Blick Verwesung im fortgeschrittenem Stadium. Deutlich zu erkennen war bei Valdo, der auf dem R├╝cken in einem Haufen Pornofilme lag (passender Platz zum Sterben f├╝r ihn, dachte sich Paul) die Einstiche in seinen Augen, wobei er das zweite Auge offenbar sch├╝tzen wollte, den auch seine linke Hand war durchbohrt. Sein Bruder lag auf dem Bauch zwischen Valdo und der Balkont├╝r. Auch hier war ein Schnitt zu erkennen, der sich in der Halsgegend befand. Zumindest die Blutlache, die sich wie eine Korona um Gary ausgebreitet hatte, deutete darauf hin. Er hielt ein altes Messer in der rechten Hand.
Paul interessierte sich nicht sonderlich f├╝r die Leichen, abgesehen von seinem geringen Mitgef├╝hl f├╝r deren Ableben. Er ging auf den Balkon hinaus und sah Susan. Der Regen, der seit zwei Tagen auf die Stadt niederging, hatte ihre langen, braunen Haare in eine Art Gestr├╝pp verwandelt. Sie trug ob der niedrigen Temperaturen nur ein Nachthemd, aber deutlich waren restliche Spuren von Blut und Risse im Stoff zu erkennen. Er sah den einfachen Slip und die gelb-braunen Flecken, die sich durch den Stoff abzeichneten.
Paul zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. Kurz zuckte sie und er konnte erkennen, das auch sie mit einem Messer bewaffnet war. Dieses allerdings hatte eine Menge getrocknetes Blut auf der breiten Klinge. Sie sah ihm in die Augen und er erkannte die Trauer und Befreiung darin. Sie musste tagelang hier ausgeharrt und geweint haben. Die Haut unter den Augen war dick und blutunterlaufen.
ÔÇ×Paul, sch├Ân sie hier zu sehen.ÔÇť Sie versuchte, ein L├Ącheln auf ihr Gesicht zu zaubern. ÔÇ×Ich habe sie nicht erwartet, sonst h├Ątte ich mich gerne etwas mehr in Schale geworfen.ÔÇť
Ihm fehlten die passenden Worte. Was sollte er ihr auch sagen. Sie w├╝rde mit absoluter Sicherheit nie wieder den Regen oder die Sonne erleben, wenn ihr der Prozess f├╝r diesen Doppelmord gemacht worden ist.
ÔÇ×Susan,...ÔÇť Sie schaute durch ihn hindurch und ihr Blick war leer. Er hatte das Gef├╝hl, eine lebendige Leiche vor sich zu sehen. Und war sie nicht die Jahre ├╝ber immer ein St├╝ck mehr gestorben.
ÔÇ×Susan, ich muss sie jetzt leider mitnehmen.ÔÇť
ÔÇ×Ich wei├č. Werde ich wieder zur├╝ck kommen?ÔÇť
ÔÇ×Ich glaube nicht.ÔÇť Er seufzte. Sie w├╝rde nirgendwo mehr hinkommen. Sie hatte ihr Leben gelebt. Hier war Endstation und Spiegelbild der Gleichg├╝ltigkeit, in der wir alle heute leben. Er fasste sie am Arm und f├╝hrte sie zur├╝ck in den Raum. Sie standen vor den Br├╝dern und er sah ihr noch mal ins Gesicht.
Was er sah, war der Ausl├Âser f├╝r das, was folgen sollte. In ihrem Blick lag nicht Genugtuung, sondern Gerechtigkeit. Er wusste, was zu tun war. Paul nahm ihr das Messer ab und steckte es in die Innentasche seiner Jacke. Sie beobachtete ihn dabei und ein kurzes L├Ącheln umspielte ihre rissigen Lippen. Es bedarf oft keiner Worte, eine Vereinbarung zu treffen. Sie nickten sich zu und verlie├čen den Raum und Susans bisheriges Leben.
Er w├╝rde das Messer tief vergraben und mit ihm die Wahrheit, denn die Wahrheit war nicht immer richtig. Er w├╝rde ein Geheimnis mit sich herum tragen m├╝ssen, das ihn eines Tages brechen k├Ânnte, aber jetzt in diesem Moment war nur ein Wort in seinem Kopf, das unausl├Âschlich mit diesem Tag verbunden wurde: ÔÇ×GerechtigkeitÔÇť.

__________________
Ch. Ertl

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Arezoo
???
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Hallo frasdorf,

gleich im zweiten Satz bin ich etwas gestolpert.
'Sezierungen' - etwas ungeschickt gew├Ąhlt. Ich glaube noch nicht einmal richtig falsch, klingt aber komisch.
Du meinst sicher 'Sektionen' (syn. Obduktion, Autopsie).
Alles in allem erinnert mich die Geschichte ein wenig an Jerry Cotton.
Nicht ganz mein Fall.
Zu gewollt amerikanisch.

Aber trotzdem liest es sich recht fl├╝ssig runter.

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo


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Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

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frasdorf
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Mmmmh

Hallo, Arezoo..

..erst mal vielen, vielen Dank f├╝r deinen Kommentar.

Nun zur Sache: Ich hab nachgeguckt, also:
Sektion = Leichen├Âffnung
Sezierung = Leiche ├Âffnen und anatomisch zerlegen

Nun meine ich, das du dich einfach an dem Wort selber st├Ârst, weil dadurch eine gewisser Lesefluss unterbrochen wird. Das ist ok! Ich finde auch, das Sektion sich durchaus besser anh├Ârt, nur in meinem Wortschatz war das bis dato noch nicht drin :-)

Ach ja: Es gab schon andere, die sich bei dem Text an "Sieben" oder "Mord im Orient-Express" erinnert f├╝hlten. Ist wohl Ansichtssache. Ich f├╝hle zum Beispiel gar keinen Bezug zu Cotton oder co. Aber na ja: Is doch sch├Ân, mit so ber├╝hmten Personen oder Filmen verglichen zu werden. :-)

MfG
Christian Ertl
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Ch. Ertl

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MDSpinoza
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Ich hab noch nie versucht, eine Waffe in einem Brustgurt zu f├╝hren, ich verwende daf├╝r ein Schulterholster. Ist ├╝brigens nicht immer sehr bequem.
Nach mehreren Tagen auf einem windigen Balkon ist man meist so unterk├╝hlt, da├č das Transportmittel der Wahl der Notarztwagen ist. Auch ist es recht unwahrscheinlich, da├č, wenn man selbst klatschna├č oder zumindest gut durchfeuchtet ist, das Blut auf dem Messer in der Hand antrocknet...
Was den Vergleich mit der Prominenz angeht, das mu├č nicht um jeden Preis ein Kompliment sein ;-))
__________________
Lieber ein verf├╝hrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf├╝hrer...

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Arezoo
???
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@MDSpinoza:

Lieber Frasdorf,

eine Sektion: innere Leichenschau, ├ľffnung aller drei K├Ârperh├Âhlen und das Pr├Ąparieren der inneren Organe, meist zur Feststellung der Todesursache.
(auch ganz einfach nachzulesen bei 'Wikipedia')

Anatomisch Zerlegen - lass das keinen Pathologen h├Âren...
Recherche ist eine der wichtigsten Grundlagen f├╝r Autoren.

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo
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Schim'on Peres

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frasdorf
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An MDSpinoza: Mich w├╝rde mal interessieren, welche Geschichten du liest und ob da welche darunter sind, die dich auch unterhalten, oder besteht dein Lebensmittelpunkt darin, akribisch nach Fehlern zu suchen. Nicht falsch verstehen, ist durchaus ok, Leute auf Fehler aufmerksam zu machen, aber deswegen kann es doch gute Unterhaltung sein (ich vergleiche das jetzt mit Filme: Die Beliebtesten (nach Besucherzahlen, wohlgemerkt) sind auch die mit den meisten Filmfehleren. Und trotzdem gute Unterhaltung. Ich schreibe das deshalb, weil du nur auf Fehler aufmerksam machst. Kein Wort, ob es dir gefallen hat oder nicht. Ob Potential darin steckt oder nicht. Ob sich eine ├ťberarbeitung lohnt oder nicht.

An Arezoo: Erstens kenne ich Wiki, zweitens: "Anatomisch zerlegen" aus Area-Fremdw├Ârterlexikon (ISBN: 3-89996-101-3)

Liebe Gr├╝├če,
Christian Ertl
__________________
Ch. Ertl

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