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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gerechtigkeit? (überarb. Fassung)
Eingestellt am 31. 12. 2003 14:46


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mye
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Gerechtigkeit?



Von den zur Anzeige gebrachten Fällen führen nur etwa 10 % zu einer gerichtlichen Hauptverhandlung. Davon wiederum enden nur ca 10% mit einem Schuldspruch des Täters, der nur in weiteren 10 % in einer freiheitsentziehenden Maßnahme endet. Die übrigen 90 % werden mit einer Geld- oder Bewährungsstrafe belegt.
(Quelle: Hier klicken “Gemeinsam gegen Kindesmissbrauch”)




Das Urteil lautete “lebenslänglich”. Und mit dem Hammerschlag des Richters war eine von unendlich vielen Taten schlagartig und schon nahezu vollends aus den Köpfen verbannt.



Ich bin Wärter in einem Gefängnis, habe also ständig mit den schlimmsten Schwerverbrechern zu tun. Und sie können mir glauben, wenn ich sage, dass ich einigen von denen liebend gerne täglich mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen würde. Ja, das hört sich hart an, aber ich frage sie ernsthaft, kann man bei diesem Thema ruhig bleiben? Wissen sie, ich nenne das “Böse” in solchen Menschen immer ein Funke, der meiner Meinung nach nicht zu löschen ist. Vielleicht in wenigen Fällen. Hätte ich also die Möglichkeit, ihn mit Schlägen sozusagen auszulöschen, ich würde es tun. Aber natürlich ist das nicht die Lösung. Die eigentliche Lösung sollte das Gebäude sein, dass mich stets während meiner Arbeitszeit umgibt. Aber auch das haut ja bekanntermaßen nicht sonderlich hin... ach was sag ich sonderlich, es funktioniert nicht im Geringsten.

Ich habe doch tatsächlich mal in der Zeitung gelesen, dass Kindesmissbrauch nicht als Straftat, sondern als Vergehen gilt. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Menschen, die solche abstrusen Gesetze aufstellen gehören doch hinter Gittern. Oh, ich merke schon wieder wie das Blut in meinen Adern zu kochen beginnt. Doch entschuldigen möchte ich mich dafür nicht, so in Rage zu geraten. Nein, nicht bei diesem Thema. Die ganze Scheiße ist –wie gesagt- einfach zu ernst, um ruhig zu bleiben. Wissen sie, ich habe jemanden kennen gelernt, einen solchen Straftäter meine ich. Der Typ hat sein verdientes “lebenslänglich” bekommen und nach vierzehn Jahren erhielt das beschissene Wort schon wieder eine neue Bedeutung. Ich erinnere mich noch genau, ist ja noch nicht lange her: Dieser mittelgroße Mann mit den Weisheitsecken -schon während seiner Jugendzeit wurde er wohl diesbezüglich bloßgestellt; es ist ja zumindest möglich, dass eine Preisgabe dieser Erlebnisse etwas gebracht hätte, aber ein jahrelanges Schweigen eingebettet in guter Führung ist anscheinend ausreichend- und den schmalen Schultern schritt durch das bewachte Tor und verließ den Bereich, der ihn Jahre zuvor von der Außenwelt abgehalten hat. Eine Abkapslung, die doch doch eigentlich sein Leben lang andauern sollte, nicht wahr? Mittlerweile kommt mir schon die Wut, wenn ich nur dieses Wort höre: “lebenslänglich”, man sollte es gleich überall in Anführungszeichen setzen, hält sich doch eh kein Schwein an die eigentliche Bedeutung... wie kann man damit nur so leichtfertig umgehen? Ich arbeite jetzt schon so lange in diesem Beruf und habe schon etliche Gesichter zweimal gesehen, die man im Grunde –wenn überhaupt- nur noch hinter dicken Eisenstangen sehen will und vor allem sollte. Tja, und dann vergehen mickrige 14 Jahre, die angeblich besten Psychologen sehen diesen Mann als geheilt und übersehen die potenzielle Gefahr bei solchen Straftätern. Keine ruhige Nacht sollten diese Menschen mehr haben, die ein solches Monster wieder sich selbst überlassen. Man müsste ein Gerät erfinden, dass den Funken sichtbar macht, ja das wäre ein Fortschritt; aber stattdessen wird darüber nachgedacht, ob man Kindesmissbrauch als Straftat oder Vergehen betrachten soll.


Freiheit ist ein Geschenk. Geschenke sollte man ehren. Der Mann mittleren Alters entfernt sich zusehends von seinem eigentlichen Heim und mit jedem weiteren Schritt wird er automatisch wieder ein Teil der Gesellschaft. Eine Eingliederung binnen weniger Sekunden... die Ausgliederung des jungen Kindes vor vierzehn Jahren hat nicht länger gedauert. Verdient jeder Mensch auf diesem riesigen Planeten die vollkommene Freiheit?
Das große Gebäude in seinem Rücken wird unabänderlich kleiner und je mehr er sich von jenem flüchtet (eine innere Flucht!) kommt es ihm bereits fatal abgelegen vor. Ein Gefühl von Verdienst schleicht sich an und erlangt eine gedankliche Entfaltung, als er feststellt, nun in keinem der Blicke seiner Mitmenschen mehr Verachtung oder Angst zu sehen. Das Augenscheinliche ist sein Vorteil. Man sieht ihm seine Krankheit nicht an. Vierzehn Jahre haben nicht ausgereicht, um seine Psyche zu ergründen. Wie auch, wenn nicht einmal er selbst, sich immer über sie im klaren ist; wenn sie die Oberhand übernommen hat.



Ich kann nicht sagen wieso, aber die Entlassung dieses Mannes bescherte mir wüste Nächte, endlose Grübeleien und sogar einige Tränen, ohne zu wissen, was nach seinem Weggang eigentlich geschah. Bis er dann wiederkehrte... und erneut ein mir bekanntes Gesicht zum zweiten Mal durch unsere Gänge wandelte. Völlig mitleidslos muss ich sagen, dass ich diesen Mann hasse wie nichts anderes in unserem Gefängnis. Wissen sie, ich habe schon so viele Verbrecher kennen gelernt, doch bei diesem Kerl hatte ich einfach kein gutes Gefühl. Ich konnte mir nie vorstellen, dass er jemals geheilt wird. Ich kann mir ja nicht einmal vorstellen, dass man bei solchen Tätern überhaupt von Heilung sprechen kann, ich meine, besteht nicht immer die Gefahr, dass eine Wiederholung eintritt? Oder spricht hier nur meine eigene Angst, weil meine Tochter selbst mal ein kleines Mädchen war? Ich weiß, dass ich kein Psychologe bin, der davon Ahnung haben sollte, doch irgendwie komme ich mir mit meiner Auffassung klüger vor, als diejenigen, die krampfhaft versuchen, eine Heilung zu sehen. Und wenn dann tatsächlich aus “ich sehe definitiv eine Heilung” nur ein schwammiges “ich möchte gerne eine Heilung sehen” wird, also dieser bekannte Aspekt von Selbstbetrug... dann sind diese Menschen –ja ich wiederhole mich, doch doppelt hält nun mal besser- in meinen Augen Schwerverbrecher und könnten für “fahrlässige Tötung” verhaftet werden. Man muss sich das vorstellen, da wird guten Gewissens, frei nach dem Motto “wer nicht wagt, der nicht gewinnt” ein Kinderschänder wieder in die freie Welt voll Kinder geworfen... hier bitteschön, das ist der von uns geebnete Weg in dein persönliches krankes Schlaraffenland... aber denke daran, nichts böses anzustellen, du weißt ja, ab sofort beobachten wir dich... entschuldigen sie bitte meine Ironie, aber das ganze Thema macht mich einfach krank und ich weiß nicht, wann die Verantwortlichen ENDLICH EINSEHEN, WAS IN UNSEREM RECHTSYSTEM ALLES SCHIEF LÄUFT VERDAMMT NOCHMAL.


Teilnahmslos ziehen Menschen an ihm vorbei, niemand sieht den Funken in seinem Kopf. Doch der ist vorhanden, zwar leicht glimmend aber ewig brennend. Und jederzeit an jedem Ort könnte ein Feuer entfachen, dass das Licht eines anderen Menschen für alle Ewigkeiten auslöscht. Ist das Gerechtigkeit? Könnte es ein, dass vermeintliche Zweifel bei der großzügigen Vergabe zweiter Chancen leichtgläubig verdrängt werden? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Denn es ist ja immerhin nicht gesagt, dass ein Rückfall eintritt. Doch was ist mit der Möglichkeit? Schon das eventuelle Eintreten eines psychischen Rückfalls sollte doch ausschlaggebend sein, weitere Kinder von einem solchen Menschen fern zu halten. Oder? Wie ist das mit der zweiten Chance; und wenn man eine Zweite bekommt, warum dann nicht auch noch eine Dritte, Vierte und so weiter... wer stellt die Regeln für eine solche Entscheidung auf?

Kein Mensch auf den vollen Straßen beobachtet ihn. Niemand weiß, dass er gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde, weil er vor etlichen Jahren ein Mädchen missbraucht und umgebracht hat. Und selbst wenn es ihm auf die Stirn tätowiert wäre, die Menschen würden ihn ebenso behandeln wie einen Verkehrsunfall: unbedingt hinsehen, doch nicht daran denken, einzugreifen.



Einmal habe ich ihn gesehen nachdem er mit einem Psychologen gesprochen hat. Als er sich im nachhinein unbeobachtet fühlte trat ein Lächeln in sein Gesicht, das ich nie vergessen werde. Ich hatte sogar einmal einen Alptraum davon, denn meiner Meinung nach –und ich glaube nicht, dass ich damit so falsch liege- symbolisierte dieses Lächeln Zuversicht... und ich weiß, dass damit nicht die Zuversicht auf bloße Freiheit gemeint war; nein, das war mehr, für ihn mehr. Als er dann entlassen wurde plagte mich ein Gefühl, das irgendwo zwischen vorhersehbarer Angst und Pessimismus lag. Jetzt weiß ich jedoch, dass diese Gedanken ein Fehler waren... ich meine damit den Pessimismus. Denn genau das ist der Knackpunkt, man stempelt potenzielle Gefahr als Pessimismus ab.


Der Mann setzt sich in ein Café. Als er einen stinknormalen Kaffee bestellt, fällt der jungen weiblichen Bedienung sein leicht lüsterner Blick auf. Er selbst bemerkt diesen Zustand gar nicht. Sie verharrt kurz und tut es dann als typisch ab, denn so etwas kommt leider öfters vor. Dann dreht sie sich um und verlässt den Tisch, ohne zu wissen, dass noch lange ein widerlicher Blick auf ihrem Hinterteil liegt. Nach einigen Minuten sieht er aus dem Fenster, sieht scheinbar unendlich viele Menschen, Eltern, Paare, Großeltern... und in der riesigen Menge auch ein kleines Mädchen. Wie unsichtbare Geister zieht jene Menschenmenge vor seinen Augen hinweg, doch seine Konzentration ist in allen Maßen vergeben. Und er bemerkt nicht einmal, dass ihm die junge Bedienung, die er gerade erst anstarrte wie ein verdammter Sexualverbrecher, seinen Kaffee bringt und schnell wieder verschwindet. In diesem Augenblick denkt er nicht an vierzehn Jahre Gefängnis oder den Grund seiner Verhaftung... nein, in diesem Moment ist alles wieder wie vor vierzehn Jahren.


Wissen sie, mir hat mal jemand –ich möchte seinen Namen nicht nennen, also nenne ich ihn mye- erzählt, dass er während seiner Zivildienstzeit einen Bewohner bei sich im Heim kennen gelernt hat, der aufgrund von Vergewaltigung verhaftet wurde. Irgendwann ist er jedoch in das erwähnte Heim gekommen... es ist ein öffentliches Heim. Mit anderen Worten, dieser Typ kann jederzeit außer Haus. So kommt es also des öfteren vor, dass er einen gesamten Nachmittag allein irgendwo in “Freiheit” verbringt und im Grunde machen kann, was er will. Ich erinnere nochmal: dieser Mann wurde wegen mehrfacher sexueller Nötigung einst verhaftet. Es geschehen unglaubliche Dinge auf dieser Welt.

Dann hat er mir noch von einem weiteren Fall erzählt. Und zwar ging es da um einen Mann, der seine Frau ermordet hat; er war psychisch krank und ist auf die forensische Abteilung einer Nervenklinik gekommen. Tja, eigentlich sollte man meinen, dass Mörder zumindest auf einer solchen geschlossenen Station bleiben würden... falsch. Auch er wurde ein Bewohner des offenen Heimes.

Und noch etwas hat er mir erzählt... und diese schreckliche Begebenheit raubte mir den letzten Nerv. Es ist wirklich unvorstellbar, wieviele grausame Dinge geschehen, von denen man im Grunde genommen gar nicht weiß; geheime Dinge, hinter verschlossenen Türen. Er hat mir erzählt, dass er einmal eine Familie gesehen hat, die mit dem Fahrrad unterwegs war. Dann überquerten sie eine Straße, die Frau mit einem der zwei Mädchen im Vordergrund und ein weiteres Mädchen und ein Mann im Hintergrund. Als sich das Mädchen aus ihrem Sattel hochstemmte griff die Hand des Mannes –und sehr wahrscheinlich war es ihr Vater- an ihr Hinterteil, glitt weiter nach unten... ich muss den Rest nicht erwähnen. Er erzählte mir (mye), dass er wie erstarrt stehen blieb und überlegte, ob er in irgendeiner Form eingreifen sollte. Was hätte er tun sollen? Seinem Bedürfnis nachgehen und dem Penner seine kranken Gedanken aus dem Kopf prügeln? Verbal dazwischengehen? Vielleicht hat er sich auch einfach getäuscht, mehr gesehen, als eigentlich geschehen ist? Oder war genau das nur wieder die bekannte Angst der Menschen einzugreifen? Ja, selbst in Familien; man mag es kaum glauben, erkennt es im Normalfall ja auch nicht. Es geschehen einfach unglaubliche Dinge auf dieser Welt.


Er verlässt das Café und wirkt fast hypnotisiert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite läuft das Mädchen, hält sich lächelnd an der Hand ihres Vaters fest und schlendert oder hüpft mehr, als dass sie geht. Dann erblickt sie den mittelgroßen Mann mit den Weisheitsecken und schenkt ihm ein erheitertes Lächeln, da sein Anblick das Mädchen an eine Comicfigur erinnert, die sie sehr gerne hat. Ohne zu überlegen wechselt er auf die andere Seite; ebenso plötzlich wie der Funke in seinem Inneren nun wieder entflammt ist.

Niemandem fällt dieser Vorgang auf; wie denn auch? Hätten ihm die Verantwortlichen die Worte Vorsicht Gefahr! auf die Stirn tätowieren sollen? Nein, das wäre ja MENSCHENVERACHTEND.




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Enza ost
Guest
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Lieber mye!

Toll, das hast Du sehr elegant gelöst: Der Wärter spricht mit Volkesstimme, hart und bringt auf den Punkt, was viele denken! Super! Dazwischen die Kursivschrift mit dem Text aus der Sicht des Täters, klasse und sehr gelungen!

Der Schlußsatz wieder der alte, gut, dass Du daran nichts geändert hast, gefiel mir von Anfang an!!!
Also, mir gefällt es...
Vielleicht solltest Du aber überlegen, nur die eigenen Beobachtungen des Wärters zu schildern. Das Einführen einer dritten Person, des sehr sympathischen mye, ist zwar witzig, aber nicht unbedingt notwendig, finde ich! Das, was er von mye erfährt, hätte er selbst beobachten können, da er ja für das Thema sensibilisiert ist, er hat jeden Tag mit sowas zu tun und das schult den Blick, verstehst Du?

Ich freue mich, diese überarbeitete Fassung noch im alten Jahr gelesen zu haben, schön, dass Du Dir so viel Mühe gemacht hast, dass hat sich gelohnt!!!

Außerdem bin ich stolz, dass Du meine Idee mit dem Wärter aufgegriffen hast!
Gruß von Enza, die übers ganze Gesicht strahlt, trotz des ernsten Themas...

Komm gut rüber, in 2004

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mye
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Werke: 37
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vielen dank

freut mich zu hören, dass es jetzt besser ist... vor allem, da ich nicht wusste, ob die "volkesstimme" (wie du sie treffend nanntest) gut rüberkommt. ja, die idee mit dem wärter hat mir ja von anfang an gefallen. tja, die sache mit meinen eigenen erfahrungen, hmm ich wollte es einfach meine eigenen erfahru´ngen lassen und habe einfach mal diesen weg gewählt, um sie darzustellen. hoffe eigentlich nicht, dass man das bei diesem text so witzig findet und dabei das überliest, was drinsteht... nämlich auch einfrage: habe ich mich falsch verhalten (der letzte punkt)? auf jeden fall bin ich sehr glücklich, dass dir diese version jetzt besser gefällt und bedanke mich für die schnelle antwort !

lieben gruß

andré
__________________
man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

www.moviereporter.net

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