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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Gerresheim blues
Eingestellt am 16. 01. 2007 14:23


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Haarkranz
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Gerresheim blues.

„Jüngken! Jüngken! Schnell, schnell, hilf mir, schnell!“ Ich traute meinen Ohren nicht, war das die Oma die da so jämmerlich schrie? Ich warf die Mistgabel fort, und rannte in den Stall. „Mein Gott, Oma!“ mehr brachte ich nicht raus, als ich sah was los war. Max, der große Braune, war gestürzt, versuchte hochzukommen, fand aber keinen Halt auf den glatten Steinen, und schob sich immer weiter auf die Oma. „Hol Hilfe, Jüngken, schnell! ächzte die alte Frau, beeil dich, lang halt ich das nicht mehr aus.“
Ich fegte aus dem Stall rüber zu Metzger Motzki, schrie noch im Rennen „Hilfe! Hilfe! Herr Motzki, die Oma, die Oma!“
Motzki von dem Geschrei aufgestört, stand in der Tür von seiner Wurstküch und war dabei sich die Schürze abzubinden. „Was ist Heinz, was schreist du so?“ rief er mir entgegen „Die Oma, Herr Motzki, schnell. Die Oma liegt unter dem Max, der erdrückt sie!“
„Der Max?“ „Ja, Herr Motzki, der rutscht mit den Eisen auf den Pflastersteinen aus, der kommt ohne Hilfe nicht hoch, der zerquetscht die Oma!“
„Warte, Heinz, das kann ich nicht allein, da müssen die Gesellen mit ran!“
Herr Motzki und seine Gesellen halfen dem Max mit viel Ho, Hü und Hauruck auf die Beine, wobei der Max mit den Hufen schlug, dass die Funken sprühten. Die Oma hatte Gott sei Dank nix Schlimmes, außer dass sie meinte, sie müsst blond und blau sein.
„Wie kam dat denn, Frau Kunkel?“ Der Motzki stand vor ihr und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ach, Motzki, erst mal vielen Dank für die Rettung.“ Wie sie das sagte, fischte sie unter ihrer Schürze nach der Geldtasch, und fingert en Heiamann raus. „Darf ich den euren Jungs geben?“ „Sicher Frau Kunkel, aber nun wieder an die Arbeit!“ . Zur Oma sagte er, „meine Frage, wie dat kam, ist damit aber nicht beantwortet?“
„Ich weiß et selber nicht, Motzki. Ich bin beim Max im Stall, hab ihn abgerieben. Wir kamen vom Markt, dat arme Tier ist immer nass geschwitzt, wenn et den schweren Wagen den Berg raufgezogen hat. Also ich reib ihm den Rücken trocken, dabei steig ich immer auf dat klein Fußbänkchen da, sonst komm ich nicht hoch genug. Also plötzlich gibt der Boden unter mir nach, ich klammere mich in dem Max seine Mähne, und schon geht et abwärts. Warum das Pferd mit mir gefallen ist? Ich nehm an, et hat sich erschreckt, weil ich so geschrieen hab, als das Fußbänkchen mir unter die Füß wegrutschte. Anders kann ich mir dat nicht erklären. Wie oft hab ich dem Tier schon dat Fell trockengerieben, dat kennt mich doch genau.“
„Ich versteh Frau Kunkel, eben weil der Max sie so genau kennt, haben sie den mit ihrem plötzlichen Schrei erschreckt. Der ist mit ihnen zusammen von de Bein gekommen. Na et hat ja noch mal gutgegangen, da hat der Herrgott den Daumen zwischen gehalten.
Ich sag immer für mein Frau, Frau sag ich, wenn man sich vorstellt wat uns dauernd passiert, und trotzdem is et nie wat richtig Schlimmes, kann man sich drauf verlassen, dass wir bei dem da Oben,“ er sticht den Zeigefinger hoch, und pumpt mit dem Arm zum Himmel, „en Stein im Brett haben.“
„Motzki sie sprechen mir aus der Seele,“ die Oma. „Ich hab immer zu Alfred Kunkel selig gesagt. Kunkel dass du rot bist, da kannze ja nix für, haben sie dir mit der Muttermilch eingetrichtert. Dass du aber glaubst, Handel und Wandel gingen ohne Gottes Segen, und unser Auskommen hätten wir uns zu verdanken, ist kurzsichtig und dumm. Ich hoff für dich und für mich, dat meine Gebete für dein Seelenheil erhört werden. Jetzt ist et all fünf Jahr her, dass wir ihn beerdigt haben, Motzki, und ich hoff er hat einen gnädigen Richter gefunden.“
„Da drücken wir beide mal der Daumen, Frau Kunkel. In diesen Sinne, ich muss in mein Wurstküch.“
Motzki trabte davon, die Oma ging ins Haus, wo sie sich sofort auf et Sofa legte. „Oma,“fragte ich sie, „an sich muss ich nach Haus, die Mama wartet bestimmt schon, oder soll ich heut bei dir bleiben?“ „Nä Jüngken,“ die Oma, „dat ist nicht nötig. Bevor du gehst, sieh noch mal nach, ob der Max genug frisches Wasser hat. Von der Aufregung hab ich en ganz trockenen Hals, und dem Tier wird et genau so gehen. Stell mir bitte en großes Glas, hier neben mich auf der Tisch.“
Auf dem Hof, pumpte ich erst en große Kann frisches Wasser für den Max hoch, und schüttete die dem in die Saufschale neben der Raufe. Die Oma hat recht gehabt, in nullkommanix war dat Wasser weg. Also noch eine, der Max blähte schon die Nüstern als ich mit der zweiten Kann kam, und dat Wasser war sofort wieder zur Hälfte weggesoffen. Der war satt, ich klopfte ihn noch mal der Hals, und verabschiedete mich bis morgen.
Der Oma trug ich eine ganze Kanne frisches, kühles Wasser in die Küch, und stellte ein Glas, voll bis zum Rand neben dat Sofa. Dann schlich ich mich auf Zehenspitzen raus, den die schnarchte schon laut.
Als ich der Mama erzählte, was alles los gewesen war heut Nachmittag, schlug die die Händ über dem Kopf zusammen. „Et darf nicht wahr sein! Dein Oma, die kann nicht hören! Was das nur soll, die Marktfahrerei dreimal die Woch! Einmal muss doch Schluss sein! Was wär geworden, du wärst nicht dagewesen und die alt Frau wär unter dem grässlichen Biest erstickt?“
Grässliches Biest, damit meinte die den Max. Da konnt man sehen, null Ahnung, aber schenge! Hät ich besser nix erzählen sollen? Wär nicht gegangen, die Oma hätte das ja beim nächstenmal, wo die sich sehen würden, erzählt, und dann wär ich gefragt worden: Junge! Warum erfahre ich das erst jetzt?! Also hatte es keinen Zweck, die Mull zu halten. Die Oma war ja auch dagegen. Als ich sie mal fragte, ob ich das was so auf dem Markt gesprochen wurde, und wie et Geschäft gewesen war, erzählen müsst zu Haus, hat sie mich ermahnt:
„Den Eltern muss ein Kind alles erzählen. Kinder und Eltern sind ein Gewissen!“ Ich weiß zwar nicht genau was die damit meint, fragte aber nicht weiter. Gewissen hört sich nach Herrgott an, und mit dem hat et die Oma. Wo die sonst so ein liebe, verständige Frau ist, wenn die mit ihrem Herrgott anfängt, hörte die nicht mehr auf mit ermahnen.
Natürlich stimmt et, die Oma, ich und der Max, dreimal die Woch auf der Markt, war ne Menge Arbeit und Gedöns. Aber davon hab ich das schön Sparkassenbuch, wo ich jetzt mit elf Jahr, schon dreihundert Mark drauf sind.
So viel Geld haben die meisten Großen nicht auf der hohen Kante, das glaub mal, meint die Oma. Hier war auch der Punkt wo es mit dem Gewissen, das ich mit den Eltern in eins haben soll, eine Ausnahme gibt. Zuerst hab ich immer ein paar Groschen gekriegt, wenn ich der Oma half. Als ich ihr aber immer öfter half, sagte sie eines Tages zu mir, komm mal mit in die Stub Heinz.
In der guten Stub setzt sie sich, zieht mich ran zu sich, bis ich ganz nah bei ihr steh. Wenn sie so war, wusste ich, jetzt kommt was besonderes. Genau so fing das an, als ich bei Herrn Motzki das Stück Blutwosch mitgenommen hatte, genauso. Erst ganz nah ran zu ihr, und dann hat sie mich vorgeknöpft. Dat hat sie gesagt: Ich muss dich, mir mal vorknöpfen! Also das End vom Lied war, sie gab mir zwei Groschen die musste ich zu Herrn Motzki bringen, die Blutwosch bezahlen, die ich genommen hatte. Nein, die ich geklaut hatte, darauf bestand die Oma. Herrn Motzki musste ich nur sagen: Ich möchte ein Stück Blutwurst bezahlen. Als ich anfing zu weinen, hat sie mich fest gedrückt, getröstet und ermahnt: „Nie wieder Heinz, hörst du, nie wieder, tust du sowas!“
Also jetzt stand ich wieder so, wie damals vor ihr. „Pass jetzt mal auf mein Jung“ fing sie an. „Geld, Heinz, sagte sie, ist was ganz besonderes, und verdirbt fast allen Menschen der Charakter. Mir und dir auch, und auch dein Papa und Mama. Et ist nur so, du hilfst mir sehr, mit dem Markt und dem Pferd. Ich hab mir deshalb gedacht, et is nicht mit die paar Groschen getan, die du jede Woche von mir kriegst.“
Ich muss erschreckt geguckt haben, denn sie strich mir übers Haar und beruhigte mich: „Dumme Jung, du kriegst dein Groschen weiter. Ich mein die paar Groschen sind zu wenig, für die Hilfe die du mir bist. Wat machst du eigentlich damit? Bonbons kaufen?“
„Oma, wie kannst du sowas denken? Ich geb das Geld der Mama, die kann es gut brauchen.“ „Und für dich hälst du nix über?“ „Nä Oma, manchmal gibt die Mama mir und dem Katrinchen zwei Pfennig, da kaufen wir uns Salmiakpastillen von, für en Stern.“
„Aha, hab ich mir fast gedacht, nur so stell ich mir dat nicht vor. Jetzt hör mal gut zu, Heinz. Dass du die Groschen der Mama ablieferst, ist lieb von dir, und das mit dem Stern Salmiakpastillen, für dich und das Katrinchen, ist noch lieber.
Aber Jüngken, das Leben hat auch ernste Seiten. Eine von den ernsten Seiten, muss ich jetzt für dich aufgeklappen. Was du tun musst, ist der Mund halten! Ich hab mir überlegt, ich leg ein Sparkassenbuch für dich an. Das könnt ich auch tun, ohne dass ich dir was davon verrat. Will ich aber nicht. Ich will, dass du lernst: Arbeit ist ihres Lohnes wert, und dass du bei Zeiten übst, die Pfennige zusammenzuhalten. Spare in der Zeit, so hast du in der Not, ist ein Sprichwort so wichtig, wie du dir das garnicht vorstellen kannst!
Also ich zahl jetzt jede Woch, zwanzig Mark für dich auf das Sparbuch ein, es ist auf deinen Namen ausgestellt. Was auf dem Sparbuch steht, ist dein Geld, und die Zinsen die dazukommen, auch.
Bis du einundzwanzig bist, kannst du nie mehr als fünf Prozent jedes Jahr, von dem was drauf ist, abheben. Aber mit den fünf Prozent, kannst du machen was du willst. Wenn du volljährig bist, gehört alles dir, brauchst niemanden zu fragen, was du damit tust. Versprechen musst du mir, keiner Menschenseele was davon zu sagen, auch nicht Papa und der Mama!“
„Auch nicht Mama und Papa, Oma? Du hast doch gesagt, Mama, Papa und ich, sind ein Gewissen, was ich weiß, müssen die Eltern auch wissen?“
„Ja, ja Jüngken hab ich gesagt, Omas können sich manchnal irren. Es stimmt für alles im Leben, nur eben nicht für das Sparkassenbuch. Wenn du das mit dem Buch, nicht für dich behalten kannst, brauchen wir erst garnicht damit anzufangen!“
„Aber Oma, du hast doch.....“
„Heinz, Schluss! Ich kann dir jetzt nicht erklären, warum ich Unrecht habe und trotzdem im Recht bin. Später wirst du das einsehen, verlass dich da mal ganz auf mich. Du glaubst doch wohl nicht, das dein Oma, was von dir verlangt, was sie vor ihrem Herrgott nicht vertreten könnte?“
„Nä Oma, das glaub ich nicht, nur komisch is et schon, dass ich was verheimlichen soll. Was muss ich den beim Beichten sagen, wenn das fünfte Gebot drankommt?
Sie schwieg, sah mich nachdenklich an, und saugte ihre Unterlippe ein. „Wieso dat Jüngken? Herr Pastor weiß doch nix von dem Sparbuch, also kann er dich auch nicht danach fragen, da mach dir man kein Sorg.“
Womit sie recht behielt. Ich musste nur die Schnüss halten, was ich auch tat. Während mein Reichtum wuchs, lieferte ich der Mama schön brav die Groschen ab, die ich weiter von der Oma bekam. Zuerst hatte ich noch son flaues Gefühl im Bauch, als ich Mama das Geld gab. Ich meinte ein zeitlang, auch die tät mich komisch angucke, aber das war wohl Einbildung, und das flaue Gefühl legte sich rasch.
Anders war das, wenn ich mir für die Pfennige die Mama mir und Katrinchen gab, ein Stern kleben ging. Da war auf einmal ein neues Gefühl da. Das Katrinchen war man erst sechs Jahr, ging mir so eben unter der Arm das kleine Ding, doch jetzt kam sie mir auf einmal noch kleiner vor. Die wusst natürlich nix von mein heimlichem Reichtum, ich sagte ihr auch nix, und leckte mit ihr zusammen an dem Lakritzstern, geduldig und langsam, bis die einzelnen Pastillen vom Rand her immer kleiner und ganz dünn wurden. Wir leckten, bis die sich zusammenrollten, und als klein Knübbelchen auf der Zung zu fühlen waren, aber nicht mehr richtig nach Salmiak schmeckten. Dat war et dann.

Ich aber hatte das Geld für hundert Sterne, wenn ich gewollt hät. Ich hatte auch mehr Geld, als wir alle zusammen. Wenn Mama mich mit en Zettelchen zu Pooten zum Einkaufen schickte, dann wusste ich et Geld war alle, und wir mussten auf Pump zu essen kaufen. Weil ich ja dat Buch hatte, und an sich von dem Geld da drauf, der Mama wat hätte leihen können, ging ich mit dem schlechten Gewissen, das ich davon hatte, zur Oma und wollt wissen was die darüber dachte.
„Heinz, jetzt hör gut zu!“ Diesmal setzte setzte sich nicht, sondern sprach von oben zu mir runter. „Heinz, dein Mama ist mein Tochter, und ich hab die sehr lieb. Du musst nicht meinen, ich wüsst nicht, ihr lasst End der Woch bei Pooten anschreiben. Ich muss das wissen, weil ich die Latte wer weiß wie oft schon, für dein Mama bezahlt hab, wenn Pooten nicht mehr anschreiben wollten, und ihr kurz vorm Hunger wart.
Dein liebe Mama hat leider einen Fehler, den wird die, ich versprech et dir, ihr Lebtag nicht mehr los! Die kann nicht mit Geld umgehen, die ist ein Fass ohne Boden. Wenn die von dem Sparbuch, und dem Extrageld was du dir bei mir verdienst, wüsst, wär dat all lang fott! Futschikato, so schnell kannst du garnicht gucken, wie das Geld meinem lieben Finchen, durch die Finger ränn. Dafür musst ich dein Schweigegelübde haben, denn ohne das. Adieu gespartes Geld!“
So war das also. Jetzt wo die Oma mich drauf aufmerksam machte, erkannt ich warum Freitag, immer Freudentag war. Der Papa brachte sein Lohntüt, mit dem Geld von der Woche nach Haus. Die Mama nahm sie ihm sofort ab, und ging als erstes zu Pooten. Nur bezahlte die nicht ihre ganze Schuld, soviel war in der Lohntüt nicht drin. Die bezahlte nur ein Teil, und kaufte sofort wieder ein. Das was sie einkaufte bezahlte sie sofort, aber damit war die Lohntüt auch schon leer.
Die Mama konnt gar nicht tragen, was sie gekauft hatte. Der Bert, Ladenschwengel bei Pooten, musst tragen helfen. Dann wurde ausgepackt. Für Papa ein Pull Doppelkorn, Kautabak und drei Hefte Forsetzungsromane: Die Kontinentalüberquerung durch die Nordamerikanische Union-Pacifik. Cowboy Joe, und Saru die Rothaut. Für sich ein Heft in Fortsetzungen, die sie mit anderen Frauen tauschte. Bei ihrem Heft war ein Mädchen auf dem Titel mit nem Schleier, und drunter stand: Wovon Miss Mabel träumt. Und Kuchen gab es: Rodon mit Schokolade marmoriert, und ein halbes Brett Streußelkuchen. Dazu für uns Kinder en Flasch Himbeersirup, davon machte sie mir und dem Katrinchen Himbeerwasser, solang bis wir et nicht mehr sehen konnten.
Da war jeden Freitag ein Schmausen bei uns, wie bei Gott in Frankreich. Das war Mamas Spruch: Heut leben wir wie Gott in Frankreich. Wir saßen um unseren Küchentisch, wir Kinder mit Limonade und Kuchen, der Papa mit eingelegte saure Heringe und sein Doppelkorn, die Mama naschte von allem. Abwechselnd fiel sie dem Papa um den Hals, knuddelte das Katrinchen und mich, und dauernd wollte sie von uns wissen, ob das Leben schön wär. Wir sagten ihr dann, wir fänden et schön, weil sie sonst nicht aufhörte mit fragen.
Der nächsten Tage war schon weniger üppig. Sonntag ging noch, aber Montag bis Freitag, wechselten sich Kartoffelsupp mit Graupensupp ab. Freitagabend aber, wenn Papa mit der Lohntüt kam, saß der liebe Gott aus Frankreich wieder bei uns am Tisch.
Ich durchschaute jetzt langsam, was die Oma meinte, als sie die Mama ein Fass ohne Boden nannte. Mit meinem Sparbuch wär zwei, drei Wochen an einem Stück, Gott aus Frankreich bei uns am Küchentisch, danach wär et wieder Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag geworden.
Ich ging weiter dreimal die Woch mit der Oma zum Markt. Ganz einfach war das nicht. Vormittags musst ich in die Schul, die dauerte bis zwölf, danach sofort zur Oma. Angekommen, bückte die sich zu mir runter und hielt mir eine Backe hin, ich weiß et heißt Wange, hat aber noch nie jemand gesagt. Backe, alle sagen Backe. Ich gab ihr einen Kuss drauf. „Ich hab schon alles fertiggestellt, spann schnell der Max an,“ die Oma.
Das Pferd hat ich fix angeschirrt, dann was wir zu verkaufen hatten auf den Wagen. Meist waren dat Kappesköpp und Blumenkohl, die die Nachbarn über hatten. Spinat, Möhren, Äpfel. Überhaupt Obst wie et reif wurde, oder jemand Geld brauchte, uns seine Vorräte verkaufte. Wurst von Metzger Motzki war das Hauptgeschäft. Wurst die er nicht in seinem Laden verkaufen durfte, weil die von gestorbenen Tieren gemacht war.
Ich verstand das nicht, geschlachtete Tiere waren doch auch tot. Aber et war mir eigentlich egal. Jedenfalls war unser Wurst viel billiger als beim Metzger, wir waren wenn Schluß war, immer razekahl ausverkauft.
Im Herbst ging et los mit Sauerkraut. Die Nachbarn machten aus dem Kappes, der über war Sauerkraut, und verkauften davon an die Oma. Dat Sauerkraut war in Steingut Pött gepresst, obendrauf ein rundes Holzbrett, darauf als Beschwerer ein Pflasterstein. Das Ganze wog schwer, ich musste mich ordentlich anstrengen, die Pött auf den Karren rauf, und auf dem Markt wieder runter zuladen. Aber bald hatte ich den Bogen raus. Ich hatte zugeguckt wie andere das machten. Die zogen schwere Körbe oder Kisten nicht hoch, die machten das mit Schwung. Nicht gleichmäßig heben oder ziehen, sondern am Anfang alle Kraft einsetzen, richtig steuern, da flog der Pott fast von allein. Wo die landeten, lag ein mit Rosshaar ausgestopftes Lederpolster, da mussten die Pött aufkommen, sonst platzte dat Steingut
Wenn einer unser Kraut haben wollte, kriegte er abgewogen was er brauchte, oder er wollt ein ganzen Pott, da musste er einen leeren, mit Brett und Stein eintauschen. Ich untersuchte die Pött auf Risse, oder ob die Glasur abgesprungen war. Beschädigte Pött nahm die Oma nicht.
Fast alle Kunden kannte sie beim Vornamen. Als ich wissen wollt, woher sie die alle kannte, erfuhr ich, mit denen war sie schon in die Schul, und mit der Kommunion gegangen. Gefirmt worden, sind wir auch zusammen, erklärte sie. Es gab viel zu erzählen und zu schwätzen. Überall standen Frauen in kleinen Grüppchen, schnatternd und lachend. Wenn manchmal ein Mann dazu kam, dauerte es nicht lange und es gab Gekreisch, und der freche Kerl wurde vertrieben. Zwischen all dem Hin und Her stand mein Oma, schnitt Wurst, packte Äpfel in ein Tüt, die sie flink aus Zeitungspapier drehte, wog, nahm Geld an, gab Wechselgeld raus, ohne die Unterhaltung, in der sie war zu unterbrechen. Manchmal sprach sie mit fünf Leut gleichzeitig.
Auf dem Markt war die Oma lustig. Zu Haus war sie sowat, ernst und fromm. Hab ich schon gesagt, immer ihren Herrgott im Kopp. Aber hier, hier flog sie hinter ihrem Verkaufstisch hin und her, lachend, erzählend, neckend und wusste auf jede Frotzelei die passende Antwort.
Wenn wir im Herbst, mit die schweren Sauerkrauttöpf beladen unterwegs waren, ging es auf dem Weg nach Düsseldorf zum Karlsplatz, den Gerresheimerberg runter. Der Max musste dann bremsen nicht ziehen. Der legte sich in sein Geschirr und machte ganz steife Beine, um gegen das Gewicht von dem Wagen anzukommen. Die Oma, die auf dem Wagen saß, drehte mit der Bremskurbel die Bremsklötz so fest wie möglich, gegen die Eisenreifen von den Rädern, sonst konnte der Max den schweren Wagen nicht halten. Zusätzlich lief ich neben her mit der Bremskufe, die ich unter ein Hinterrad legen musste, sollte der Wagen ans rutschen kommen. Der Max hielt stramm dagegen, die Oma drehte die Bremklötz fest, und ich neben dem Wagen war auf dem Sprung, dass der nicht zu schnell wurde. Wir konnten uns aufeinander verlassen, das wusste auch der Max, wenn der merkte wir sind an der Grenze, schnaubte der, und schon war ich mit der Bremskufe da.
Ich brauchte das alles nicht zu erzählen, wenn, ja wenn wir nicht eines Tages das Malheur gehabt hätten. In dem Moment wo der Max schnaubt, ruf ich rauf zur Oma auf dem Bock: „Oma jetzt!“
Ich will die Kufe unters Rad schieben, da springt ein Stein hoch, mir gegen die Stirn. Die Oma sieht wie ich taumele, der Wagen wird immer schneller, der Max wiehert vor Angst. Die Oma sagt später: „Ich hab ein Stoßgebet zum Himmel geschickt, bei sowas hilft nur ein Stoßgebet! Der Herrgott hat es gehört! Ich spür wie der Wagen plötzlich ein Ruck tut, langsamer wird, seh den Max wieder Mut fassen. Mit funkensprühenden Hufen, stemmt sich das gute Tier gegen den Wagen, wir kommen sicher zum stehen.“
„Ich,“ erzählt sie weiter, „bin runter von dem Wagen, guck mich um nach dem Jüngken. Dat steht da und grinst verlegen, dat Blut läuft ihm von der Stirn, hat et aber geschafft, im letzten Augenblick die Kufe anzulegen. Ich geh zum Max und klopf ihm der Hals, dann auf die Knie und dem Herrgott für die Rettung gedankt.“

Als sie fertig war mit Beten, ist sie zu mir gekommen und hat mich bevor sie meine Stirn untersucht hatte, ganz fest gedrückt und gesagt: „Jüngken! Was heute passiert ist, bleibt unter uns. Was mit dein Stirn ist, da fällt uns en fromme Lüge ein. Nur um Gotte Willen zu niemanden ein Wort, wenn das der Behörde zu Ohren kommt, legt die der Wagen still, dann ist et vorbei mit dem Markt.“
Dat mit meiner Stirn war nur ein Kratzer, auch sonst war nix. Der Stein hat mich einen Moment von die Füß gehauen, aber dat war et schon. Ich braucht noch nicht einmal ein Verband. Als die Mama fragte wie das gekommen wär, log ich: „Ausgerutscht, mit dem Kopf gegen et Wagenrad.“ Die guckte sich das genau an, gab mir einen Kuss auf die Stirn, und sagte: Haste nochmal Gück gehabt.
Hatte ich, stimmte, und sie angelogen hatte ich auch, aber et war ne fromme Lüge, die zählt nicht als Sünde.

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