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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gerstenblatt-Bläser
Eingestellt am 04. 05. 2001 14:16


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Karl Reichert
Blümchendichter
Registriert: Dec 2000

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Der Gerstenblatt-Bläser


Diese Geschichte ist meinem Vater gewidmet, ohne dessen Hilfe es mir nicht möglich gewesen wäre, die Tiefen der Gerstenblatt-Philosophie bis zur Neige auszukosten. Vielen Dank, Alter!

Kein Wölkchen beschmutzt den stahlblauen Himmel und die noch milde Sonne umschmeichelt die rotbackigen Gesichter, der, in bestem Zwirn gekleideten, reinrassigen Männergesellschaft, des sonst so verschlafenen Weilers, ganz im Süden unserer Republik.
Es ist Mai, präziser, der 1. Mai, aber es geht in dieser Gegend nicht um Demos oder gar Randale, wie in den Städten oder bei den „Großkopfe’dn“, - wie man hier die klugen Leute nennt - sondern um den Spaß an der Freude, und um ein Sakrileg der Mannsbilder, sich, beim richten und schmücken des Maibaumes, vor dem Rathaus, ohne allzu schlechtes Gewissen, besaufen können. Schon die Alten bezogen sich mehr auf den Wirtsbaum, benannt nach der Stelle, an der, schon vor Jahrhunderten, der Ausschank im Dorf stand.
Vor dem Mittagessen - das hier um Punkt Zwölf eingenommen wird, auch an so einem Tag – rotten sich die Männer unter dem Maibaum zusammen, - ein wahrhaft revolutionärer Vorgang - und warten sehnsüchtig auf das Eintreffen, des, von buntgeschmückten Pferden gezogenen, Bierwagens, der die langersehnte, brisante Fracht, unter raubauzigem Gegröle und Pfeifen, bis zum Stillstand direkt unter den Baum begleitet, und die Kapelle des Musikvereins spielt eingängige Ländler dazu. Beim Anstich des Fasses steigert sich ein leise beginnender Trommelwirbel bis zum Stakkato im hart geschlagenen Tusch. Die Stimmung steigt proportional zur Anzahl der hinzuströmenden Menge. Darunter sind auch die ersten Jungschen, oft vierschrötige Burschen, aber nur die brav gescheitelten, angepassten, die, die später mal den Hof oder das Geschäft übernehmen. Die ersten Freibierrunden werden spendiert, Jung und Alt ist im Gespräch. Es wird gestichelt, gefeixt, gefrotzelt und natürlich, wie üblich, mächtig auf den Putz gehauen. So wird jedes Jahr ein Klassiker erzählt: Es ist die hanebüchene Geschichte der Jungfer Maria Magdalena, der ansehnlichen, aber streng pietistischen Köchin des evangelischen Pfarrers, die mit einigen Hallodri aus dem Dorf, hinter der Kirche, beim Schäferstündchen gesehen worden sein soll. - Den Fortschrittlicheren ist diese Art der feiertäglichen Freizeitgestaltung mehr als peinlich, sie träumen von geilen Klamotten, dem Großstadtdschungel und, die ganz wagemutigen, von der Loveparade oder surfen zumindest in diesen Regionen. - Frauen sind kaum da, jedenfalls die verheirateten, fast alle sind unter der Haube, und die wenigen „freien“, stehen separat, schlecken Eis, die mutigen unter ihnen, oder die, die es nötig haben, ziehen den Kreis enger, wagen die Annäherung im Rudel und riskieren einen Blick. Frau muss an die Zukunft denken, wo kämen sie sonst hin, gerade in einer Gegend, in der Promiskuität nicht nur ein zweifelhaftes Fremdwort, sondern absolutes Tabu ist. Auf den Kindern lastet aber der unangenehmste Teil der Feierlichkeiten, sie müssen die ganze Chose ausbaden. Je näher der Zeiger auf Mittag vorrückt, versuchen sie sich aus dem Machtbereich ihrer Mütter zu stehlen, da sie wissen, dass sie vorgeschickt werden, um die Väter nach Hause zu holen. Das ist deswegen so unangenehm, weil die angeheiterte Bruderschaft nicht nur entsetzlich nach Schnaps und Bier stinkt, sondern sie sich ein Spiel daraus machen, die Kids mit ausgemacht blöden Sprüchen aufzuziehen und in Verlegenheit zu bringen. Glockenschlag Zwölf aber ist der Spuk vorbei, der Rathausplatz ist wie leergefegt. Alle sitzen vor ihrer Suppe oder schlafen den Rausch aus.
Nachmittags, nach der Ruhe, ein ganz anderes Bild, die beschaulichere Seite, der janusköpfigen Dorfmedaille. Alles läuft in geordneten Bahnen, die Mütter haben das schwere Zepter übernommen. Die gesamte Familie putzt sich heraus, selbst die Väter unterwerfen sich und binden ihre bunten Schlipse um. Adrett und aufgeräumt verlässt die Kleinfamilie die bürgerliche Residenz und begibt sich, wie alle anderen auch, auf den Rundweg, die Flanierpiste der Möchtegerne, den einzigen Boulevard außerhalb befestigter Mauern auf dieser Welt.
Auch die Meyers sind rechtzeitig aufgebrochen, noch hält sich der Verkehr in Grenzen, noch hat die Rushhour nicht eingesetzt. Helga, die Mutter, mit Tochter Iris, die den Sportwagen schiebt, in dem die Kleine sitzt und schnullert, bilden die Nachhut, der Vater und der Große geben die Richtung vor. Man kennt sich und man grüßt sich, achtet aber darauf, das sich, vor allem, die tiefergelegten Kinderwagen nicht berühren, denn Lackschäden, wären Makel, die man auch nicht durch ein gezwungenes Lächeln wieder aus der Welt schaffen kann.
Addi ist schon die ganze Strecke über dabei, den Vater mit Fragen zu löchern: Warum die Tiere nicht denken können, und warum Blätter grün sind? Um dem, auf elegante Art und Weise, aus dem Weg zu gehen, werden die Antworten des alten Taktikers zusehends nebulöser und kürzer, doch das spornt den Kleinen nur an. Eine Frage jagt die nächste - es gibt kein Entkommen. Bis es dem Vater zu bunt wird, und er die Trumpfkarte der direkten Ablenkung spielt. - Aus dem Laufen heraus springt er über zwei parallel zum Weg verlaufende Entwässerungsgräben, bückt sich und rupft aus einem Gerstenfeld ein paar junge, hellgrüne Blätter ab, setzt wieder zum Doppelsprung an und steht wieder vor seinem Sohnemann. Der klatscht frenetisch Beifall und juchzt: „Super, super Papa, das will ich auch!“ Trippelt los. Der Vater schnappt sich die Type am Handgelenk und zieht ihn zurück zur Straße. „Pass mal auf, ich will dir was zeigen!“ Versucht er es ganz einschmeichelt, und es klappt, der Protest von Addi bleibt im Ansatz stecken, er hebt nur die Augenbrauen und schaut zu seinem Vater hoch. Das ist die letzte Möglichkeit, der Moment, den er unbedingt nutzen muss. Er nimmt das Gerstenblatt zwischen beide Daumen, presst den Mund auf das untere Drittel, bläst einen hohen, schrillen und dann einen langen, quäckend-trötenden Ton.
Doch so einfach, wie es aussieht, ist es nicht. Man braucht nicht nur Erfahrung, sondern ein wenig Geschick und vor allem landwirtschaftliches Grundwissen: Es klappt mit allen Getreidearten, aber am besten mit Gerste, weil sie die breitesten Blätter hat. Die Gerste darf nicht reif sein, es dürfen noch keine Ähren rausgekommen, und die Blätter müssen genügend Saft haben, um geschmeidig zu sein, um schwingen zu können. Das macht die Musik, respektive, den Ton.
Addi hibbelt schon vor ihm rum, zieht an der Hose des Vaters und quengelt: „Ich will auch, auch...!“
Inzwischen hat die Nachhut aufgeschlossen. Der Vater gibt Addi die restlichen Blätter, hakt sich bei seiner Frau unter, streichelt Iris zärtlich über den Kopf, und gemeinsam gehen sie schweigend, wie in einer Prozession, die letzten Schritte bis zum Ortseingangsschild. Dort platzt dann die illuminierende Kraft der Seifenblase vom kleinkarierten Leben im gellen Freudengeschrei, einem nach Anerkennung suchenden Blicks, des unermüdlichen Filius, und der lapidaren Frage: „Hast Du gehört, Paps?“




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