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Leselupe.de > Kurzprosa
Geschenk, in memoriam
Eingestellt am 20. 06. 2006 12:22


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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Ich hörte damals nicht rechtzeitig von Jonnys Erdfahrt, einerseits. Andererseits: Es hĂ€tte mir auch nicht viel genutzt. Ich war in der großartigen und fĂŒr mich recht seltenen Freiheit, meinen Körper beliebigen OrtsverĂ€nderungen unterwerfen zu können, gerade mal wieder fĂŒr ein paar JĂ€hrchen eingeschrĂ€nkt worden; insofern waren meine Möglichkeiten, ihm einen letzten verstĂ€ndnislosen Gruß zu winken, stark begrenzt. Als mir ein paar Wochen spĂ€ter ein Neuzugang von Jonnys Ende erzĂ€hlte, wurden mir die Knie weich. Ich verbat meinen GefĂŒhlen energisch solcherart Angriff auf meine lĂ€ssige Haltung, spuckte aus, setzte mich auf meine Pritsche und fluchte auf die ganze Welt jenseits und diesseits aller Mauern und Gitter. Und ich nahm mir vor, Jonny fĂŒr all seine vermaledeiten Aktionen zu vergeben. An seinem Grabe wollte ich eine kleine Rede halten und ein bescheidenes Opfer bringen.

Kurz vor dem fĂŒnften Jahrestag seiner Abfahrt in die untere Hölle wurde ich entlassen. FĂŒr mich waren es diesmal acht gewesen. Ich meine: acht Jahre. Die Welt empfing mich sehr unwirtlich. Es war November, es war windig, es nieselte in einem fort. HĂ€tte man mir nicht achteinhalb geben können?

Sofort machte ich mich daran, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ich rief Mick an, sagte, ich wolle ein Versprechen, das ich einst gab, einlösen. „Was fĂŒr’n Versprechen?“
Ich erklÀrte mein Vorhaben.
Er stöhnte auf, als habe er Schmerzen. Ich hatte in eine alte Wunde gestochen.

Ich kaufte eine edle Schachtel Havanna-Zigarren und einen guten Whisky. Davon hatte Jonny immer fantasiert. Wenn er es einst geschafft habe, ihm einmal ein richtiger Knack gelungen und er mit der Beute entkommen sei, wĂŒrde er sich in den Ledersessel seiner karibischen Strandvilla flĂ€zen, eine Havanna in den Mundwinkel hĂ€ngen, die Luft aus einem Glas mit dem besten Whisky in GĂ€nze austreiben, und ĂŒber die glĂŒckliche Wendung seines Lebens großkotzen.
Ach Jonny, die arme Sau! Es gab fĂŒr ihn keinen Ledersessel auf dieser Welt. Schon gar nicht stand fĂŒr ihn ne weiße Villa an einem gottverfluchten karibischen Strand. Ich hab ihn auch nie mit einer richtigen Havanna oder einem halbwegs akezptablen Gesöff angetroffen. Immer nur Selbstgedrehte und billiger Fusel. Immer nur BewĂ€hrung oder Bewehrung.

Dabei war er wirklich ein Lieber, der alte Schusselkopf. Einer, der immer alles verwechselte: Die Bank mit der Polizeistation. Den Geldtransporter mit dem Essenfahrzeug vom Arbeitersamariterbund. Den Staatsanwalt mit dem Beichtvater...

Vor dem Friedhof wartete ich fast eine halbe Stunde. Mick ließ sich nicht blicken. Verdammt, dachte ich, vielleicht ist er gleich nach unserem Telefonat schon wieder zu handfesten GrĂŒnden gekommen, trĂ€gt Handeisen. Ich schlug den Mantelkragen hoch, schritt durch das Tor.

Ich fand Jonnys Grab ziemlich schnell. Es lag abseits, zwischen vergessenen, ungepflegten, teilweise namenlosen Grabstellen. Jonny war immer ein Außenseiter. Auch hier.
Ich stand eine Weile und versuchte, Vor- und Nachteile von Jonnys derzeitiger Lage gegeneinander abzuschÀtzen. Einige unserer verkorksten gemeinsamen Aktionen zogen an meinem inneren Auge vorbei. Ich seufzte. Farewell, Jonny...
Aus meiner Manteltasche zog ich das Zigarrenkistchen und den Whisky. Edle Sachen. Selbst im trĂŒben Novemberlicht schienen meine Geschenke einen warmen, tröstlichen Glanz in das vermaledeite Endlager zu bringen. Boten aus einer besseren Welt. Einer Welt, die uns verschlossen war, verschlossen bleiben wĂŒrde...
Ich dachte noch einen Moment nach. Es war ja gar kein Endlager. In ein paar JĂ€hrchen wĂŒrde man Jonnys Grab entwidmen und einen Nachfolger da betten... Ich bekam Lust, den Whisky zu probieren. Vielleicht wĂ€re das sogar der bessere Dienst an Jonny gewesen, erinnerungsmĂ€ĂŸig und so. Wer, verdammt, wusste hier ĂŒberhaupt was genau, wer hatte prĂ€zise Lösungen fĂŒr solche edlen Lösungen?
Ich ĂŒberwand all die bedrĂŒckenden Gedanken und den aus Verzweiflung ins Unermessliche wachsenden Appetit, bĂŒckte mich ĂŒber die Grabstelle. In diesem Moment tippte mir jemand auf die Schulter.

Es war Mick. Er schob seine HĂ€nde schnell in die Manteltaschen, als fĂŒrchte er, mir die Hand geben zu mĂŒssen. Oder sich an mir zu verbrennen.
Ich feixte ihm ins Gesicht. Feiger Hund, dachte ich. Will nichts mehr zu tun haben mit unsereinem. Mit seinen ehemaligen Freunden.
Mick zeigte fragend auf meine Mitbringsel.
„Jonnys TrĂ€ume.“ Ich schob die Schultern fröstelnd hoch, ließ sie schlaff fallen. Nickte meinen Worten hinterher. Dachte: auch meine. Und deine, Mick.
„Jonnys Lieblinge?“ Mick schĂŒttelte den Kopf. „ Er hat doch Monate vorher aufgehört, mit dem Rauchen, meine ich. Monate vor seinem Tod!“ Er schwieg einen Moment, irritiert wahrscheinlich von der Doppelbedeutung des Wortes „aufgehört“. „Und den Schnaps hat er auch gemieden. Nach der letzten Verwechslung.“

Ich muss ganz schön blöd geguckt haben. Mir fiel nichts weiter ein. So ließ ich den verdatterten Mick stehen und marschierte mit eckigen Bewegungen vom Hof. Vom Friedhof, meine ich. Ich drehte eine Runde um das Areal. Versteckte den Whisky und die Havannas schließlich hinter einem dicht an der Friedhofsmauer stehenden Busch. Farewell, dachte ich. Bleib gesund, Jonny.


Version vom 20. 06. 2006 12:22

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pablo
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Hi Anonymous,


ganz sicher sitzt Jonny jetzt auf Wolke 7 und genießt deinen leckeren Whiskey und die dicken Havannas.
Jedenfalls hinterm Busch, an der alten Friedhofsmauer, liegt nichts mehr. Ich habÂŽs ĂŒberprĂŒft.
Kombiniere: Jonny war da.

Prost, alter Kumpel!

Gruß
Pablo
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Penelopeia
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Die Frage beschÀftigt mich heute noch: Was passierte mit den Havannas und der edlen "Lösung". Verdammt, wie konnte ich die Geschenke einfach so hinter einen Busch an der Friedhofsmauer werfen... Andererseits: der Gedanke, Jonnys Trösterlis selbst genossen zu haben, hÀtte mich auch belastet. Es stand ihm doch zu, auch wenn er sich's abgewöhnt hatte, der alte Schusselkopp!
Ich hoffe, Pablo, du liegst richtig mit deiner Vermutung.

Whisky kann man natĂŒrlich auch Whiskey schreiben. Vor allem aber - man kann ihn trinken. Prost Jonny und Pablo!

LG

A.

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Prosaiker
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quote:
Whisky kann man natĂŒrlich auch Whiskey schreiben

kommt drauf an, wo der whisk(e)y herkommt

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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Whisky kann man natĂŒrlich auch Whiskey schreiben

Du kennst dich aber aus mit "die edlen Lösungen"! Oder haste einfach inn Duden gelinst?

Prost

A.

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Prosaiker
Guest
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nee, ich kenn mich schon halbwegs aus damit.
vg,
Prosa.

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