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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geschichte des Monats (old school): Der Schilderkrug
Eingestellt am 09. 08. 2001 13:21


Autor
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Steltz
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 3
Kommentare: 1
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Der Schilderkrug

f├╝r
MAY AYIM



Das Wetter war dr├╝ckend, eine Belastung f├╝r all die Menschen, die in au├čerordentlichem Ma├če von ihrer Umwelt beeinflu├čt werden. Die ersten sonnendurchfluteten Tage des Monats Mai waren einem Mischwetter gewichen, wie es f├╝r den April typisch ist und die vergangenen Fr├╝hsommertage waren in den Augen vieler nicht mehr gewesen als ein gegebenes Versprechen, das nicht eingehalten worden war.
Die Tische und St├╝hle der Caf├ęs und Gastst├Ątten waren aufgrund des unangenehmen Wetters genauso aus dem fr├╝hsommerlichen Stra├čenbild verschwunden wie die jungen Frauen, die die ersten Sonnenstrahlen als Anla├č genommen hatten, ihre neue Sommermode zu pr├Ąsentieren. Die Stra├čen waren wie leer gefegt.
Auch vor dem Schilderkrug, einer gem├╝tlichen, alteingesessenen Gastst├Ątte, war die Stra├če entlang der alten Linden unbelebt. Die B├Ąume wankten im willk├╝rlichen Takt des unangenehmen Windes. Sie wirkten beinah einsam, gab es doch niemanden mehr, dem sie Schatten h├Ątten spenden d├╝rfen.
Nachdem der erste G├Ąsteansturm (sommerlicher Durst sehnt sich nach k├╝hlem Na├č) nun verebbt war, war die Stimmung unter den Angestellten des Schilderkrugs befreiter. Zu zweit wurde die Mittagsschicht begangen, w├Ąhrend drei Wochen zuvor zur selben Uhrzeit mindestens f├╝nf Kr├Ąfte im Einsatz gewesen waren. Das entspannte Arbeitsklima geno├č ich in tiefsten Z├╝gen, denn ich war damals selbst einer der Kellner. Es war die Zeit, in der ich mein Studium im 4.Semester etwas schleifen lie├č, da mir die vorangegangenen drei Semester gezeigt hatten, da├č ein noch so engagiert gef├╝hrtes Universit├Ątsleben es einem nicht erm├Âglicht, die ├╝blichen Rechnungen zu begleichen. Den Gro├čteil meiner Zeit im Schilderkrug verbringend, konnte ich in dem Jahr auch nur eine einzige Veranstaltung im Germanistikbereich besuchen. Im Nachhinein betrachtet, finde ich es lustig, da├č ich nicht gen├╝gend Zeit investieren konnte, um den Kurs erfolgreich abzuschlie├čen. Das Thema des Seminars war n├Ąmlich ÔÇ×der Aspekt der Zeit in den Werken Thomas MannsÔÇť.
Diese Miesewetterwochen sind mir aus zwei Gr├╝nden in lebhafter Erinnerung geblieben: zum einen da ich in diesem Zeitraum erstmalig w├Ąhrend des laufenden Semesters den Freiraum hatte, mich zumindest ein wenig mit Thomas Mann zu besch├Ąftigen, zum anderen da ich noch ├Âfters an ein spezielles Erlebnis in diesen Tagen gedacht habe.
Unter den wenigen G├Ąsten, die der Regen nicht vom Schilderkrug fernhielt, war ein ├Ąlterer Mann, der seit mehreren Wochen regelm├Ą├čig zur Mittagszeit zugegen gewesen war. Graue Schl├Ąfen k├Ânnen M├Ąnnern eine gewisse Wirkung auf Frauen jedes Alters verleihen, doch erweckte dieser Stammgast mit seiner zur├╝ckhaltenden und ├╝berdurchschnittlich h├Âflichen Art den Eindruck eines Mannes, der den sexuell uninteressanten Status eines Gro├čvaters erlangt hatte. Ungef├Ąhr eineinhalb Stunden sa├č er t├Ąglich alleine in einer stillen Ecke bei einem gew├Ąhlten, nicht zu edlen Wein. W├Ąre dieser Gast nicht in seiner gesamten Erscheinung kultiviert gewesen, h├Ątte er bestimmt ein passendes Ziel f├╝r den Spott der Kellnerschaft abgegeben. Ein Mann der nichts besseres zu tun hatte, als tagt├Ąglich in die Kneipe zu wandern! Dieser Gedanke w├Ąre eigentlich naheliegend gewesen. Doch aufgrund seines sympathischen Auftretens kamen keinem von uns solche Gedanken. Auch kam es nie vor, da├č er l├Ąnger als gew├Âhnlich geblieben w├Ąre oder da├č er zuviel getrunken h├Ątte. Seine Anz├╝ge waren gepflegt, auch wenn sie nicht allzu erw├Ąhlt anmuteten, daf├╝r war das Trinkgeld, das er zu geben pflegte, gro├čz├╝gig bemessen. Auch ohne diese spendablen Trinkgelder w├Ąre er einer der angenehmeren G├Ąste gewesen.
Obwohl wir gerne mal ein bi├čchen plauderten, wu├čte ich so gut wie nichts ├╝ber den Mann. So sehr ich mich jetzt auch anstrenge, kann ich mich nicht mal mehr an seinen Namen erinnern. Da der Alte es allerdings sehr gut verstand, die Konversation zu lenken, wu├čte er doch einiges ├╝ber mich. Verglichen mit dem, was ich ├╝ber ihn in Erfahrung gebracht hatte, kannte er mein Leben nahezu in- und auswendig. Er kannte meinen Namen, wu├čte, was ich studierte und noch so manches andere.
Der Tag, der mich vornehmlich an den ├Ąlteren Herrn erinnert, war mein letzter Arbeitstag vor einer Woche Urlaub. Spontan hatte ich meinen Arbeitsalltag ├╝ber den Haufen geworfen, weil eine ehemalige Freundin von mir ernsthafter erkrankt war. Arm in Arm mit diesem M├Ądchen erlebte ich den sch├Ânsten Sommer meines Lebens. Den Sommer, in dem ich 18 und sie zu einer Frau wurde. Obwohl wir schon l├Ąnger kein Paar mehr waren und mittlerweile in verschiedenen St├Ądten wohnten, war sie immer noch einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. F├╝r mich war es eine Selbstverst├Ąndlichkeit, ihr beizustehen.
Geplagt von den Sorgen um meine Freundin konnte ich an diesem Tag keinen klaren Gedanken fassen; zu dominant waren die ├ängste, die mich in der Nacht zuvor bereits vom Schlafen abgehalten hatten. Ich erinnere mich daran, da├č mehr als nur ein Glas Opfer meiner Mi├čgeschicke wurde. Was schief gehen konnte, ging schief. So kam es auch, da├č ich dem freundlichem Herrn versehentlich Wein ├╝ber die Hose go├č, als ich zu ihm an den Fenstertisch trat. An jedem anderen Tag h├Ątte es mich aufs H├Âchste ver├Ąrgert, da├č ich ausgerechnet diesem Stammgast (dessen Trinkgelder einen wesentlichen Anteil an meinem Gehalt hatten) dieses ├ťbel zugef├╝gt hatte. Ich hoffte, den freundlichen Alten nicht allzu sehr ver├Ąrgert zu haben. Er war schien auch nicht allzu aufgebracht zu sein, denn er reagierte gelassen:
ÔÇ×Ach, junger Mann, Sie scheinen ja auch nicht ganz auf dieser Welt zu sein.ÔÇť
Verwirrt stotterte ich einige Entschuldigungen hervor, die der Alte mit einer seichten Handbewegung verstummen lie├č. Mit seiner ruhigen, n├╝chternen Stimme f├╝gte er hinzu:
ÔÇ×Ist schon gut, kein Grund zur Beunruhigung. Sehen sie, ich hab ja beinahe schon alles weggewischt, au├čerdem gehe ich anschlie├čend ohnehin nach Hause. Da kommt es auf den einen Flecken auch nicht an. Wissen Sie was, Sie w├╝rden mir einen gro├čen Gefallen tun, wenn Sie sich auf einen kurzen Moment zu mir setzten.ÔÇť
Auf der einen Seite froh dar├╝ber, da├č der Mann den Zwischenfall so gelassen auffa├čte, auf der anderen Seite eingesch├╝chtert und in unsicherer Erwartung dessen, was nun folgen mochte, nahm ich dem Ergrauten gegen├╝ber Platz. Mich mit seinen bla├čgrauen Augen anvisierend begann er die Konversation:
ÔÇ×Nun, ich will die Gunst der Stunde nutzen, um ihnen das Werk einer Dichterin zu er├Âffnen, die nicht viel ├Ąlter ist als ich Sie sch├Ątze. Sie studieren doch Germanistik, oder? Gut, dann kann das Gedicht ihnen nur Freude bereiten.ÔÇť
Obwohl er mich mit einem h├Âflichen L├Ącheln bedachte, f├╝hlte ich mich unwohl. Irgendwie kam ich mir vor wie ein Schuljunge in Erwartung eines Klassenbucheintrages. W├Ąhrend er in der Innentasche seines Jacketts kramte, wandte er seine Augen nicht von mir ab. Wollte er mich belehren? Wollte er ein unschuldiges Gedicht benutzen, um mir ein schlechtes Gewissen zu bereiten?
Verunsichert dachte ich mir, da├č mein Gegen├╝ber vermutlich nicht allzu wohlhabend war und da├č die Reinigungskosten ihn schon treffen w├╝rden. So ging ich zahllosen Gedanken nach in diesem Moment. Dann hatte er das Gesuchte gefunden und reichte mir einen Zettel her├╝ber. Das Papier war von dickerer Beschaffenheit und stammte wahrscheinlich aus einem Buch. Ich begann zu lesen, wobei sich meine unbegr├╝ndeten Zweifel an den guten Absichten des Gastes sofort verfl├╝chtigten. Der Titel war ÔÇ×SehnsuchtÔÇť. ├ťberrascht von der eben erst erschaffenen Intimit├Ąt zwischen dem Alten und mir las ich weiter:

Sehnsucht

gefrorene kristalle
geliebter erinnerungen
nisten in meinen augenh├Âhlen
spiegeln mir dein entferntes gesicht
als einen schatten auf mein herz


Ach, das Gedicht lie├č mich pl├Âtzlich in einer anderen Welt verharren. Ich verga├č, wo ich war, warum und, ach, alles Gewohnte verschwand aus meinem Bewu├čtsein. Bilder des Sommers, in dem ich vollj├Ąhrig wurde, standen pl├Âtzlich vor meinem inneren Auge. Willk├╝rlich, herkunftslos und wundervoll, gefror die Welt um mich herum, w├Ąhrend ich durch die Zeit reiste. Ich sp├╝rte das sanfte Streicheln der Sonne auf meinem Gesicht und mir war beinah, als k├Ânnte ich das trockene Salz auf ihrer Stirn schmecken.
ÔÇ×Sehen Sie, junger Mann, das mit der Hose ist nicht der Rede wertÔÇť erklang die Stimme des Alten.
Genauso willk├╝rlich wie sie gekommen waren verschwanden die Erinnerungen in mir wieder.
ÔÇ×Ernsthaften Schaden bringt uns nur eins bei: die Zeit. Verstehen Sie mich, ach, was k├Ânnen Sie in ihrem Alter schon ├╝ber die Zeit wissen. Wahrlich, der Volksmund irrt nicht, wenn er sagt, da├č sie alle Wunden heile, doch vergi├čt er dabei, da├č die Zeit uns auch unsere Visionen raubt und unsere Erlebnisse verf├Ąrbt, von Jahr zu Jahr verblassen die Farben. Auf leisen Sohlen pirscht sie sich an, kein noch so wachsames Auge wird sie auf frischer Tat erfassen k├Ânnen. Behalten Sie das Gedicht, ich kann es ohne Vorlage aufsagen, es ist Zeit, da├č ich mich auf den Weg mache. Mir ist pl├Âtzlich nicht mehr nach Wein, entschuldigen Sie.ÔÇť
Er legte einen Schein auf den Tisch, gro├čz├╝gig wie gewohnt, und lie├č mich alleine zur├╝ck. Erf├╝llt von dem Gedicht fragte ich mich zun├Ąchst gar nicht, was es dem Alten bedeuten konnte. Ich fragte mich nicht einmal, wie er dazu gekommen war, es mir zu geben. Erst nach meinem einw├Âchigen Krankenbesuch und nachdem der Alte mehr als eineinhalb Wochen dem Schilderkrug ferngeblieben war, fa├čte ich mehr und mehr solche Gedanken. Es mag Trauer gewesen sein, vielleicht war der Grund daf├╝r, da├č er t├Ąglich allein bei einem Glas Wein ausgeharrt hatte, da├č er Zuhause niemanden mehr hatte, der ihn h├Ątte erwarten k├Ânnen. Vielleicht, vielleicht. Ich vermag es nicht zu sagen, denn leider habe ich diesen Mann nie mehr wiedergesehen, nicht im Schilderkrug, noch sonstwo. Vielleicht wirkte das Gedicht auf den Mann aber auch so wie es heute auf mich wirkt, da ich nun selbst das Alter eines Gro├čvaters erreicht habe.
Letzte Woche ist mir das Papier mit dem Gedicht wieder in die H├Ąnde gefallen, als ich einen Schuhkarton durchst├Âberte, in dem ich jede Menge Briefe und andere Erinnerungsst├╝cke aufbewahre. Ich war auf der Suche nach alten Photographien oder ├ähnlichem, das es mir erleichtern w├╝rde, Abschied zu nehmen. Letzten Freitag war Annas 60. Geburtstag, eine Feierlichkeit, die mir Anla├č genug war, mich nach einigen Jahren der Kontaktlosigkeit wieder einmal bei ihr zu melden. Ungl├╝cklicherweise sprach ich nur mit Annas Ehemann, einem gutherzigen Menschen, der Anna stets auf H├Ąnden getragen hat. Nach langem Leiden, so sagte er mir, sei Anna am vorigen Dienstag vom Krebs besiegt worden. Anna, das M├Ądchen, das unter meinen Augen zur Frau geworden war, das dann lange Zeit einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben gewesen war, alles was sie mir am Ende unserer Wege hinterlassen hat, sind Erinnerungen. Das ist alles, was ich jetzt habe: Erinnerungen und einen Fetzen Papier. Die Farbe der Worte hat sich in der langj├Ąhrigen Dunkelheit der Andenkenkiste verloren. Zu oft zusammengefaltet, verbla├čt, kaum mehr lesbar liegt das St├╝ck Papier nun vor mir. Wissen Sie was, junger Mann, behalten Sie das Gedicht, ich kann es ohne Vorlage aufsagen. Es ist Zeit, da├č ich mich auf den Weg mache.

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