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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Geschichte einer Mutter
Eingestellt am 24. 03. 2016 11:14


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Arno Abendsch├Ân
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Lisbeth war die, die allein ├╝brig geblieben war. Als sie heranwuchs, sp├╝rte sie den unausgesprochenen Vorwurf von Seiten ihrer Mutter: Warum gerade du? Warum nicht der ├Ąltere Bruder? Er war mit zwei Jahren pl├Âtzlich gestorben. Nach ihr kam noch eine Fehlgeburt, an der ihre Mutter ums Haar selbst gestorben w├Ąre. Als Lisbeth viel sp├Ąter von den drei oder vier Abtreibungen ihrer Mutter erfuhr, fragte sie sich: Muss ich auch daf├╝r b├╝├čen? Schafft mir die Kinder vom Hals, schrie die Alte in ihrem Todeskampf, und Lisbeth sah jetzt ihre ungeborenen Geschwister im Sterbezimmer.

Von der Mutter nicht geliebt, vom Vater voller Nachsicht mehr ├╝bersehen als zur Kenntnis genommen, so wuchs Lisbeth in schwieriger Zeit auf. Die Nazis hatten ihren Vater, den roten Setzer, aus der Zeitungsdruckerei hinausgeworfen. F├╝r ihn gab es keine Arbeitslosenunterst├╝tzung. Sie lebten von k├╝mmerlichen Mieteinnahmen und dem, was sie im Garten anbauten, und hielten Kaninchen und eine Ziege. Lisbeths Volksschullehrer, Jahrgang 1900, kannte nur F├╝hrer, Volk und Partei. Und sie war auch in der Klasse die Tochter des Kommunisten. Als sie nach der Schule in eine Lehre gehen wollte, hie├č es zu Hause: Du heiratest ja doch ... Das schaffst du nie ... Wir k├Ânnen dich nicht unterst├╝tzen ... Bald kam der Krieg. Lisbeth wurde ins Stahlwerk dienstverpflichtet, wo sie die Produktion mitaufrechterhielt, w├Ąhrend neben den Hoch├Âfen und Walzwerken die Stadt gro├čenteils zu Asche verbrannte.

Am Anfang des Krieges lernte sie ihren sp├Ąteren Mann kennen, Sohn eines Kleinbauern aus der Umgebung. Lisbeths Eltern waren gegen die Verbindung. Sie verlobten sich trotzdem, trafen sich nur in den seltenen Heimaturlauben des Soldaten. Sie heirateten Ende vierundvierzig, dann sah sie den Mann erst nach vier Jahren wieder, von sibirischer Gefangenschaft f├╝rs restliche Leben gezeichnet. Sie bewirtschafteten das G├╝tchen, schufteten siebzig Stunden in der Woche, fingen immer Neues an und kamen nicht viel weiter. Lisbeth sagte: Such dir eine Stelle bei der Post, da ist was frei. Aber es war nicht nach seinem Geschmack.

Lisbeths erste Schwangerschaft endete mit einer Totgeburt. Dann brachte sie Ben sehr m├╝hsam auf die Welt. Wie fr├╝her f├╝r ihre eigene Mutter kamen weitere Kinder von da an f├╝r sie nicht mehr in Frage. Sie zwang sich dazu, Ben nicht als Ersatzkind zu betrachten. Sie wollte ihrer Mutterrolle vollkommen gerecht werden. Sie wurde ihrer Rolle gerecht, doch Ben f├╝hlte hinter der Rolle nur Leere. Er war der, der den Erstgeborenen nicht ersetzen konnte, ein st├Ârender Fremdling, ein unheimlicher Gast in der Familie. Aus einem nichtigen Anlass bekam er vom Vater zu h├Âren: Du bist hier nur geduldet. Da sie kaum Zeit f├╝r ihn hatten, war er viel bei den Gro├čeltern. Er pendelte zwischen den Generationen, zwischen den H├Ąusern, zwischen Stadt und Land. Es war ihm ├╝berlassen, zu kommen und zu gehen, wie es ihm gefiel. Er wurde bereits Nomade, bevor er die Gegend endg├╝ltig verlie├č.

Lisbeth wollte schon vor ihm gehen und die Familie sich selbst ├╝berlassen. Aber wie sollte sie sich durchbringen? Ohne Beruf, ohne Beziehungen? Und dann geh├Ârte es sich auch nicht! Sie blieb und dieses Festhalten an ihrer Rolle wurde der einzige Halt, an dem sie selbst ihre St├╝tze fand. Wei├č Gott, sie h├Ątte ein eigenst├Ąndiges Leben ganz anders gef├╝hrt, ein sehr normales, kleinb├╝rgerliches Leben mit vielen Gespr├Ąchen und all dem anderen, das es in dieser Familie nicht gab.

Ben verschwand mit achtzehn und kam noch jahrzehntelang Jahr f├╝r Jahr f├╝r einige wenige Tage. Dann spielten sie Familie mit immer denselben Worten, immer denselben Gesichtern. Ben trieb durch die Welt, w├Ąhrend Lisbeth erst ihre verwirrte Mutter pflegte, dann ihren depressiven Mann versorgte. Das wirkliche Leben ihres Sohnes vollzog sich f├╝r sie wie hinter einem dichten Vorhang. Erst sp├Ąt wurde er etwas durchscheinend, und sie begann jetzt zu begreifen, dass Ben homosexuell war. Sie zeigte ihre Ablehnung nicht und f├╝llte die Rollen der aus der Ferne teilnehmenden Mutter und der perfekten Gastgeberin f├╝r drei Tage im Jahr weiter aus.

Sie wurde Witwe und sa├č allein auf dem G├╝tchen. Das Land war schon verpachtet. Als Ben nach dem Tod seines Vaters bald zu ihr kam, f├╝hlte sie sich zum ersten Mal frei in ihren Entscheidungen, nur sich selbst verantwortlich. Sie war Alleinerbin und erkl├Ąrte ihm, sie wolle alles verkaufen und sich in der N├Ąhe neu ansiedeln. Er billigte es erleichtert und gab ihr Ratschl├Ąge, wie sie es anstellen solle. Kaum war er abgereist, sah sie es so: Da war also wieder einer, der ihr Vorschriften machen wollte. Erst der Mann, nun der Sohn. Sie verwarf nach und nach ihre eigenen Pl├Ąne, schon um nicht mit ihm ├╝bereinstimmen zu m├╝ssen. Gleichzeitig sah sie sich als m├╝de, alte Frau, ├╝berfordert mit der Aufgabe, die eigene Zukunft noch zu gestalten. Das war die Stunde des P├Ąchters, der das Land nicht verlieren wollte. Er unterst├╝tzte und umsorgte sie in einer Weise und mit einer Intensit├Ąt, wie sie es nie erlebt hatte. Sie konnte bleiben. Sie war ihre eigene Herrin und fand im P├Ąchter jede Hilfe. Es entging ihr, dass er sie gleichzeitig ├╝berwachte. Sie konnte endlich das einfache Leben f├╝hren, das sie immer vermisst hatte. Sie war jetzt ganz frei und ganz abh├Ąngig.

__________________
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Lupine
Guest
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Lieber @Arno Abendsch├Ân, deine Geschichte einer Mutter hat mich anger├╝hrt, weil auch eine Geschichte einer Frauengeneration ist, die stets angepasst lebte, um zu ├╝berleben und erst durch Witwenschaft Freiheiten genie├čen konnten, die ihnen in ihren Versorgungsehen versagt waren.
Verst├Ąndlich die Weigerung, sich von niemandem mehr "reinreden" zu lassen - auch wenn`s das eigene Kind ist.
Tragisch am Ende, der Abh├Ąngigkeit nicht entronnen zu sein.
Du hast es so ausgedr├╝ckt:

quote:
Sie war jetzt ganz frei und ganz abh├Ąngig.

Mein Vorschlag:
Sie war nun frei und abh├Ąngig zugleich.

Ich glaube, dass es in der Liebe nur dies gibt: Freiheit UND Abh├Ąngigkeit zugleich.

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Arno Abendsch├Ân
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Danke, Lupine, f├╝r deine freundlich-kritische Reaktion. Ja, das ist nat├╝rlich ein historischer Stoff. Fremdbestimmung gibt es f├╝r Frauen vielleicht immer noch, aber sie hat jetzt zumeist andere Formen.

Dass du ├╝ber den Schlusssatz gestolpert bist, verstehe ich gut. Deine Version ist sicher begrifflich (sprachlogisch) korrekter. Allerdings ist sie mir f├╝r einen Schluss im Ausdruck etwas zu prosaisch, im Sinne von zu matt. Ich wollte ausdr├╝cken: "ganz frei" ist die Witwe nach dem Gesetz und vielleicht auch in ihrer Selbsteinsch├Ątzung, f├╝r "ganz abh├Ąngig" kann sie ein anderer aufgrund ihrer tats├Ąchlichen Situation halten. Das ist eine Frage der Perspektive.

Freundlichen Gru├č
Arno Abendsch├Ân
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