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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Geschichte einer Tochter
Eingestellt am 11. 07. 2016 20:57


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Arno Abendschön
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Ihre drei Geschwister - ein Bruder, zwei Schwestern - waren viel hĂŒbscher als sie. Auch leichter erziehbar, geradezu Spalierobst im Vergleich mit diesem Wildschössling. In ihr kam noch einmal jener Furor zum Vorschein, der in der Verwandtschaft hier und da schon aufgefallen war: der leicht unzurechnungsfĂ€hige Onkel, die ĂŒbernervösen Tanten ... Ihre Mutter eine zwar lebhafte, doch im Umgang mit anderen eher sanfte Frau - nur wenn sie Hilde ansah, verspĂŒrte sie diesen Unwillen. Wie klobig ihr das Kind vorkam, dabei oft bockig und immer zu dummen SpĂ€ĂŸen aufgelegt: Etwas zerreißen, eine Zeitung, einen Zettel, etwas zerbrechen, einen Teller, eine Puppe - das musste sie ihr austreiben, um jeden Preis. Und sie, die sonst so sanfte Frau, verspĂŒrte jetzt selbst diesen Ingrimm und griff zum Handfeger, um ihr Kind damit zu zĂŒchtigen.

Hilde fiel immer auf. Sie fiel unangenehm auf, gerade auch in der Öffentlichkeit. Sie zupfte unbekannte Damen am Rock und lachte sich dann scheckig. Fremdes Missgeschick erfĂŒllte sie mit Schadenfreude. Auf der Bahnhofstraße knickte eine Dame mit HĂŒtchen um, Hilde konnte sich nicht mehr beruhigen. Die Dame erklĂ€rte: "Das Kind ist nicht richtig im Kopf. Sie mĂŒssen es besser im Zaum halten. Wenn es noch einmal vorkommt, melde ich es den Behörden. Sie wissen, was dann geschieht ..." Da griff Hildes Mutter daheim wieder zum Handfeger und schlug Hilde mit dem Holzteil auf den Kopf. Hilde lachte und weinte zugleich. Diese Szenen hĂ€uften sich. Eine von Hildes Tanten warnte ihre Schwester: "Du machst es nur noch schlimmer. Willst du, dass das Kind einen Hirnschaden bekommt?"

Ihr Bruder wurde ein ehrbarer Versicherungskaufmann. Die Ă€ltere Schwester zog ins Rheinland. Alle sprachen nur mit Ehrfurcht von ihrer BerufstĂ€tigkeit: Sie war an der Oper in Köln, und zwar als Logenschließerin. Sie durfte sogar Adenauer die Loge öffnen. Hilde nahm Putzstellen an, viele Putzstellen im Lauf der Zeit. Niemand behielt sie lange. Sie zerbrach manches oder sie stahl. Hildes Mutter erzĂ€hlte ihren Schwestern: "Frau Eisenbeis war bei mir ... Zehn Mark diesmal. Ich habe es ihr zurĂŒckgegeben. Die Stelle ist sie auch los."

Eine von Hildes Tanten kam zu Hildes Mutter mit der großen Neuigkeit: "Weißt du, dass sie angeschlagen ist?" Sie hatte nicht einmal etwas geahnt. Hilde war schon in den Dreißigern und heiratete also einen Blinden aus der Hottentottensiedlung. Die Stadt hatte diese sehr schĂ€bigen HĂ€user vor Jahren fĂŒr jene gebaut, die fĂŒr ein auch nur halbwegs bĂŒrgerliches Leben ungeeignet schienen. Es waren beinahe noch Baracken, mit nur einem Obergeschoss und billigster weißer Anstrichfarbe. Die Außenanlagen beschrĂ€nkten sich auf die Toiletten zwischen den HĂ€usern. Es war das Unterste vom Untersten. Dorthin zog Hilde nun und fertigte mit dem Blinden BĂŒrsten und Handfeger an, die im StĂŒcklohn vergĂŒtet wurden. Der Blinde fiel bei seltenen Besuchen in der Verwandtschaft unangenehm auf. Ein heller Kopf, gewiss, doch boshaft schien er auch, machte alles herunter ... Einige zweifelten sogar an seiner Blindheit: "Er guckt sogar Fernsehen."

Hilde kam meistens ohne ihn. Dann regte sich in der Verwandtschaft eher Mitleid mit ihr. Man lud sie zum Kaffeetrinken ein. Manchmal war sie in sehr weicher Stimmung, weinte beinahe. Oder sie berichtete von neuem Streit mit ihrer Mutter. Sie werde in Zukunft nicht mehr zu ihr gehen. Sie war noch keine fĂŒnfzig, als sie plötzlich starb. Das Herz, hieß es. Ihre Mutter wurde doppelt so alt, fast hundert, lange betreut von ihrer jĂŒngsten Tochter. Das war eine patente Frau: hĂŒbsch, gescheit, anstellig. Da gab es nie einen Grund zur Klage.


Version vom 11. 07. 2016 20:57

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aligaga
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@Alis Anteilnahme an der RĂŒhrstĂŒckerl-Skizze hĂ€lt sich in Grenzen, weil der Autor die Gelegenheit verschenkt, die Ambivalenz des Andersseins zu zeigen. Das eigentlich "Interessante" an LebensumstĂ€nden und deren Äußerungen ist ja nicht deren BanalitĂ€t, sondern die Frage nach Ursache und Wirkung.

Statt nur das (vermeintlich?) schattseitige Dasein der "aus der Art Geschlagenen" zu schildern, hÀtte ein Schwenk auf die Ebene des "Opfers" zeigen können, woraus sich dessen Hang zur AuffÀlligkeit denn speiste. Das alles nur die Folge einer Missgeburt sei, ist so billig wie das Milljöh, in dem die Geschwister hier unterwegs sind und zu funktionieren scheinen.

Zu einem Paria wird man nicht geboren, sondern gemacht. Und: Kinder, die mit einem Klumpfuß oder Holzkopf geboren sind, werden von ihren MĂŒttern in aller Regel nicht weniger geliebt als die "gesunden" Geschwister.

TTip: ErzÀhlen, nicht schildern.

Heiter

aligaga

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Languedoc
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Ist denn nun Arnos Geschichte eine ErzÀhlung oder eine Schilderung? Und wie sÀhe der Unterschied aus?

T'schuldigung, aber die Anweisung: "Mache sichtbar (schildere), erzÀhle nicht" hilft mir in der Schreibpraxis auch nicht sonderlich weiter.

Hat jemand von euch ein griffiges Beispiel zur Hand, das einem Dilettanten wie mir eindeutig klar machen kann, was dieses Show, don't tell konkret bedeutet?

Fragt höflichst

eine ratlose Languedoc,

die gerne gut schreiben lernen möchte

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aligaga
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Das telling in "Show, don't tell" meint "erklĂ€ren" oder "sagen", jedenfalls das (minutiöse) Schildern innerer und Ă€ußerer Sachverhalte. In dieser "Geschichte" hier wird uns nicht nur ein "gestörtes" MĂ€dchen vorgefĂŒhrt, sondern die Wirkung, die es auf sein Umfeld hat, gleich miterklĂ€rt und die sich daraus ergebenden Folgen aufgelistet.

Dem Leser bleibt kein Spielraum, das Kind anders zuzuordnen als es dem Autor beliebt; den Raum fĂŒr eigene Fantasie und das Hinterfragen der Bewertungen muss man sich mit Gewalt selbst nehmen und kollidiert dabei natĂŒrlich mit der Absicht des Autors, RĂŒhrung zu erzeugen.

WĂŒrde uns nur gezeigt, dass ein Kind ungeschickter und unansehnlicher ist ist als andere und es deswegen unter Vorbehalten zu leiden hat, könnten seine Zerstörungswut und sein als Provokation verkleidetes Betteln um Aufmerksamkeit in einem anderen, plausibleren Licht gesehen werden. Die VerstĂ€ndnislosigkeit, mit der man es prĂŒgelte, wĂŒrde zum eigentlichen Thema und die spĂ€tere Hinwendung des MĂ€dchens zu einem Seelenverwandten nachvollziehbar.

Die Beschreibung einer Dysfunktion ist so banal und langweilig wie ein Krankenbericht: Nichts als Schilderung. Interessant sind dagegen die Wege, die zur Störung fĂŒhren. Die mĂŒssen gezeigt werden - erst dann kann der Leser sich selbst auf den Weg machen und an ein Ziel kommen.

Gute Geschichten verfĂŒgen ein ganzes Wegenetz, auf dem sich die Leser lustvoll verirren können. Schlechte Geschichten bestehen aus einer einzigen Hauptstraße, in der Halten verboten ist.

Heiter, sehr heiter

aligaga







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Languedoc
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Danke, aligaga, fĂŒr die AusfĂŒhrungen.

Habe die „Geschichte einer Tochter“ nochmal gelesen und ich finde sie, showing hin, telling her, unvermindert ansprechend. Ich mag diesen Stil, von einem Sachverhalt zu berichten (ist vermutlich meinem nĂŒchternen Brotberuf geschuldet und dessen Anforderung, Sachverhalte auf den Punkt zu bringen).

Der Autor sagt, es handle sich um die Geschichte einer Großkusine von ihm, "ohne jede Zutat, nur sprachlich gestaltet". Ich wĂŒrde sagen, es ist ein Geschichtenaufriss, die Skizze fĂŒr eine ErzĂ€hlung oder potentiell einen Roman, und als solche mit gut gewĂ€hlten Worten aufs Papier gebracht, wenngleich gegen Ende hin etwas zu dĂŒnn nach meinem Geschmack. Der plötzliche Herztod kommt mir dann doch zu plötzlich.

Dennoch, fĂŒr mich ist der Text fantasieanregend. Gerade weil der Autor sich nicht auslĂ€sst ĂŒber die Ursache von Hildes Verhalten und die Auswirkungen nur andeutet, kann ich mir als Leserin alles Mögliche dazu ausmalen.

Ob der Autor die Absicht hatte, RĂŒhrung auszulösen, bezweifle ich. Ich zumindest bin weniger gerĂŒhrt als vielmehr interessiert an einem Lebenslauf, der jenseits davon, ob er mir persönlich sympathisch ist oder nicht, seinen Respekt verdient.

Ich weiß noch nicht, ob ich mich dazu aufraffe, ĂŒber showing und telling systematisch nachzuforschen, oder ob ich unbeleckt davon beim Schreiben weiterhin einfach meinem Instinkt folgen sollte. Amateur bleibt meine femme de lettres-Wenigkeit so oder so

Euch allen viel GlĂŒck beim Schildern wie ErzĂ€hlen, und jeder in seiner Art!

Freundlichst

Languedoc

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aligaga
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@Ali wiederholt sich - hier wird, "Biografie" hin oder her, keine "Geschichte" erzÀhlt, sondern munter an einer Figur vorbeigeschrieben.

Sie wird nicht ins Licht gestellt, sondern lediglich "erwĂ€hnt". Das ist wohl die treffendste Bezeichnung fĂŒr diese Art des unliterarischen Umganges mit einem (Frauen)schicksal.

Gleichwohl heiter

aligaga

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