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Leselupe.de > Gereimtes
Geschichte eines Spätwendeopfers
Eingestellt am 08. 02. 2003 22:06


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Penelopeia
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Registriert: Nov 2002

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Sie fand ihr Ende
fünf Jahre nach der Wende
auf der Straße zum Fähranleger.
Die Sonne schien hell und klar,
eine Erinnerung von Frühling lag in der Luft,
es war ein schöner Sonntag
im Monat Februar.
Sie hatte über die Welt, die Menschen
und Autos nur wenig gelernt
Sie war noch zu jung und unerfahren,
und endete paar Meter vom Elbufer entfernt.

Es war einer der Sonntagnachmittage,
an denen die Rudel gehetzter, erholungswütiger
Großstädter mit ihren gutgewaschenen Autos
und chromblitzenden Motorrädern
einfallen in die Elbtalauen,
die verschlafenen Dörfchen vollstellen
mit ihren Exihibitions- und Identifikationsobjekten,
um sich anschließend zu erbauen
wohl auch an der Landschaft,
mehr noch am glotzenden Staunen
der anderen.

Es passierte in unserem der Welt
fast völlig unbekannten Restdorf,
das kaum je noch ein Ex-Grenzer oder ABV
bei seinem umständlichen Namen nennt,
das sich, fünf Jahre nach der Wende,
durch Wegfall von allerhand Zäunen und
Zuzug von allerhand Wochenendwohnern aus großen Städten,
kaum selbst noch erkennt.

Und es passierte an der Stelle, wo die mit
Fördermitteln-Ost asphaltierte Straße
den Deich quert:
zwischen Bunker und Turm hat sich der Kelch
ihres kurzen Lebens unter einem Autorad
geleert,

als der Mann, der möglicherweise wenig sah
und bemerkte, seinen Benz
mit achtzig, dynamisch natürlich und voll von
Vehemenz

über die Deichkrone fuhr.
Das ist der höchste Punkt der Straße hier,
er hatte einen schönen Blick auf die Elbe,
zu Schwänen und Schleppern, die dahinglitten.
Sie hatte wohl keine Zeit mehr für Kommentare
über die Rücksichtslosigkeiten der neuen Welt
und hat hoffentlich wenig gelitten.

Ja, es war ein Sonntag im Februar,
die Sonne schien und es gab Ausflugsverkehr,
die Luft hauchte einen Atemzug lang Frühling
und Menschen kamen von weither.

Am Montag begrub ich die Katze.
Neben dem Bunker, im ehemaligen
Todesstreifen, setzte ich den Spaten an.
Es war schon dämmerig,
als ich begann.

Es war dunkle Nacht,
windstill und doch schon sehr kalt,
als das Loch fertig war.
Behutsam hob ich die steifgefrorene Katze
auf meinem Schaufelblatt hoch.
Der Frost kroch über den Nacken in mein Haar.

Arme Katze, Spätwendeopfer,
wie unerfahren war sie,
so dachte ich,
bevor ich schrie:

Lauf!, lauf, Katze lauf,
nun lauf schon, hau’ ab,
du entkommst ihnen
mach’ jetzt, es wird knapp!...

Und der Mond leuchtete
über die Elbwiesen
und ich sah sie laufen in großen Sätzen,
hin zum Ufer des Stromes, als würden
all die gewendeten Menschen und die
schon immer bessere waren,
sie hetzen.

Schon hatte sie das Ufer,
weiter gings ohne Pause
über die Wasser bis hin zur Strommitte.
Ich hoffte, sie werde es schaffen,
es würde ihr glücken.
Da hört’ ich ein Glöckchen,
sie zog Richtung Himmel
und entschwand meinen Blicken.

Ich atmete tief: vielleicht hatte sie nun
den Katzenhimmel erreicht,
vielleicht hatte sie das Herz des Vaters
aller Katzen erweicht.
Vielleicht konnt’ sie nun leben
in einer Welt voller Mäuse,
abgas-, auto-, wendefrei
und ohne Katzenläuse.

Ich seufzte und warf dann doch,
was auf meiner Schaufel,
ins Loch.

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Kadra
Guest
Registriert: Not Yet

Du spielst hier mit einem Effekt. Und opferst dafür einen guten Gedanken. Ach es ist nur eine Katze!! Abgesehen davon finde ich den Tod eines Tieres auch sehr erschreckend und trauig. Zu meinem Kater habe ich eine enge Beziehung.
Das ist vom Grundsatz her ein lesenwerter Text. In Prosa wäre er mir lieber, weil dann mehr gesagt werden könnte, was hier notwendig.

Lieben Gruß von
Kadra

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mellie
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2001

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Mir gefällt Dein Text sehr gut.. und gerade den Vergleich.. Menschen mit Tieren.. finde ich toll.

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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

Werke: 149
Kommentare: 1962
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Es ist nur eine Katze...

Liebe Kadra,

danke für die Zeilen. Leider meinte ich eben dieses nicht!!!
Im Gegenteil - die Katze ist mir so nah wie mein Ich, wie jeder Mensch, für den es lohnt, auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Ich hatte bei der Beerdigung der Katze die vielen Mennschen vor Augen, die ebenfalls durch die Veränderungen der Wende "unter die Räder" kamen bzw. aus ihren bisherigen Lebensbahnen geworfen wurden... Ganz besonders dachte ich an diejenigen, die vor der Wende nicht so angepaßt waren und danach von z.T. nicht sonderlich hochstehenden Charakteren - sowohl aus West, aber auch aus Ost - erneut zu Außenseitern gestempelt wurden.

Was die Form betrifft: da habe ich ein bißchen experimentiert mit Prosa, von Reimen aufgelockert. Ob es gelungen ist, weiß ich bis heut nicht ganz genau, Zweifel sind da...

Trotzdem danke für den Hinweis, ich überlege nochmal, ob man was ändern sollte.
Liebe Grüße

Penelopeia

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