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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geschichte ohne Ende!?
Eingestellt am 08. 03. 2001 12:22


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ttueck
Hobbydichter
Registriert: Mar 2001

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Geschichte ohne Ende!?

Die DĂ€cher der Vorstadt starren ungerĂŒhrt zur brĂŒllenden Sonne hinauf. Wir zerfließen unter ihrem monotonen Lied, aber das kann den DĂ€chern ja egal sein. Ihre einzige Aufgabe ist es eben Dach zu sein; zu verhĂŒllen, was verhĂŒllt werden will, werden muß.
Unter diesen DÀchern schlÀft das Leben. Noch jedenfalls, denn wir warten nur ungeduldig auf den Abend, der Linderung zu versprechen scheint und doch so lange Zeit schon nicht mehr hat bringen können. Und selbst auf die Zeit können wir uns nicht mehr verlassen. Irgendwie und nur unter schwersten Anstrengungen schleicht auch sie sich lediglich Sekunde um Sekunde voran.
Und die Sonne brĂŒllt ihr monotones Lied dazu.

Ich wache auf. Es ist noch frĂŒh am Morgen. Eigentlich viel zu frĂŒh um aufzustehen. Aber im Bett halte ich es auch nicht mehr aus. Viel zu eng und viel zu warm. Die ganzen letzten Tage schon. Im Fernsehen, gestern, die Meteorologen haben ErklĂ€rungen abgegeben, warum und wieso und wie lange noch. Verstanden habe ich eh nichts. Ist ja auch viel zu warm. Und fast schon viel zu eng im Kopf. Wegen der Hitze, versteht sich, denn die macht die Gedanken schwer wie Blei, daß sie so unfaßbar trĂ€ge werden.
Ich koche Kaffee, gehe ins Bad und genieße den lauwarmen Wasserstrahl auf meiner Haut. Einfach herrlich, unter der Dusche die Seele zum Schwimmen ins Meer zu schicken!
Nach dem FrĂŒhstĂŒck und der Zeitung – wieder so ein unsĂ€glicher Versuch, diese Hitze zu erklĂ€ren – mache ich mich auf in die Stadt. Irgendein CafĂ© wird wohl schon geöffnet haben. Irgendwo muß es doch Leben geben! Aber die Straßen sind wie leer gefegt. Fein sĂ€uberlich bis in den letzten Winkel. Fast wie Weihnachten. Nur ohne Schnee, aber den hatten wir ja auch schon lange nicht mehr. Und ohne Lieder, aber die sind ja auch nicht friedlich genug ohne Schnee und ohne diese klebrige Lebkuchenstimmung.
Den Menschenauflauf am anderen Ende der Straße hĂ€tte ich beinahe verpaßt. Und das wegen Weihnachten! Mitten im Sommer! Dicht gedrĂ€ngt stehen dort ungehörig viele Gestalten an der Hauswand und starren sich die Augen aus dem Kopf. Aber, neugierig genug geworden fassen auch meine weihnachtlichen Gedanken wieder Tritt, und ich beeile mich, nichts zu verpassen.
Die Menge steht erbarmungslos vor einem Plakat, und ich weiß ganz genau, daß das da gestern noch nicht gehangen hat. UnverschĂ€mt, wer erdreistet sich nur, unser wohlbehĂŒtetes Leben derart durcheinander zu bringen? Wer darf sich so etwas anmaßen? UnverschĂ€mtheit!
Langsam kann ich auch die Buchstaben auf diesem Schandfleck der Vorstadt entziffern. „Gebt uns unser Deutschland wieder. Deutschland den Deutschen. AuslĂ€nder raus!“ springt uns da in gelben Lettern von der unschuldigen Hauswand entgegen. Ich schĂŒttele mich. Wie kann man nur Hoffnung so mißbrauchen? Und diese HĂ€userwand? Und ĂŒberhaupt, teilt den niemand diese heilige Weihnachtsstimmung mit mir?
Aber nicht einer schließt sich meiner Empörung an. Keiner hat Mitleid mit einer HĂ€userwand oder gar mit Hoffnung, zumal wenn sie nur gelb ist! Und an Weihnachten denkt ja jetzt, mitten im Sommer, schon mal gar keiner mehr. Es ist eben viel zu warm. Und viel zu eng, ach ja, im Kopf!
Vorne, in der ersten Reihe, ganz nah am Plakat, so als wollte er den Inhalt dieser GefĂŒhlskonserve in sich aufsaugen, steht ein Ă€lterer Mann. Klein ist er und etwas zu dicklich. Wie der Vater der Gartenzwerge. Nur ohne Bart und ohne Schubkarre, aber die hat er bestimmt im Schuppen seines Gartens in irgendeinem Kleingartenverein stehen. Gleich neben den Ersatzgartenzwergen, falls mal irgendein ZwergenfreischĂ€rler dieselben hinterm Gartenzaun befreit, und man eben Ersatz braucht. Deckt so etwas eigentlich irgendeine Versicherung ab? Aber der ganze Papierkram; nein, das wĂ€re ja dann auch wieder zuviel Arbeit. Nur wegen der Gartenzwerge, das lohnt nicht wirklich.
Den ZwergenfreischĂ€rler aber, ja, den mĂŒĂŸte die ganze HĂ€rte des Gesetzes treffen! FĂŒr Jahre ins Zuchthaus gehört der, aber das gibt’s ja nicht mehr. Nur noch GefĂ€ngnisse mit RĂŒckfĂŒhrungsgarantie in die Gesellschaft, sozial gelĂ€utert versteht sich. Irgendwie endetÂŽs aber dann doch immer wieder im Milieu.
Die laute, zackige, mich an meine schon Jahre zurĂŒckliegende Wehrdienstzeit erinnernde Stimme des Alten reißt mich Ă€ußerst unsanft aus meinen Überlegungen ĂŒber ihn und seine Zwergenmotivation; doch ich gönne ihm diesen Triumph, ihm, dem Vater der Gartenzwerge, und höre unwillkĂŒrlich zu. Genauso wie damals, bei der Bundeswehr. Man hat auch unwillkĂŒrlich zuhören mĂŒssen, egal wie groß der Blödsinn war, der einem da gerade verzapft wurde.
Und Mr Gartenzwerg hier verzapft wirklich ein Menge davon. Man mĂŒsse sich endlich mobilisieren, diesem Wahnsinn ein Ende bereiten, Deutschland endlich wieder zurĂŒckfĂŒhren zu altem Glanz und alter Glorie. Er redet ununterbrochen, so unheimlich viel und dabei so heimlich dumm, daß wohl nur ich ihn auf seinem Beutezug ertappe, denn alle anderen um mich herum sind geradezu magisch fasziniert; so sehr, daß sie nicht einmal diese widerliche Knoblauchfahne des Alten bemerken.
Gestern beim Griechen muß es ihm wohl wieder so richtig deutsch geschmeckt haben. Daß sie dort jetzt aber schon Sauerkraut und Schweinshaxe in Knoblauchrahm anbieten, will mir nicht in den Kopf. Vielleicht ist es dafĂŒr einfach viel zu warm und viel zu eng im selben.
Die AnhÀngerschaft des Gartenzwergvaters jedenfalls ist begeistert, und ihr Murmeln steigert sich zu jubelnder Zustimmung, Ja, endlich mal einer, der die Wahrheit spricht, der ihre Unmöglichkeit in schöne Worte zu kleiden versteht, an denen sie sich nicht genug satt hören können.
Mir wird schlecht. Aber das liegt wohl an der Knoblauchfahne, die gestochen scharf die Luft durchschneidet.
Ich suche das Weite, flĂŒchte mich tiefer in die Vorstadt hinein. Aber irgendwer hat wirklich ganze Arbeit geleistet. Viele HĂ€userwĂ€nde haben heute Nacht ihre Unschuld verloren. Und noch viel mehr Menschen starren jetzt dieselben an. Und irgendwie scheinen heute die Gartenzwerge viel zu viele VĂ€ter zu haben.
Aber, ich will auch das Gute sehen! Endlich Leben, das sich mir hier bietet. Endlich Menschen, die zusammen kommen, trotz der Hitze und Enge im Kopf. Menschen so, wie ich selbst einer bin. Mit all ihren TrĂ€umen, Hoffnungen und Ängsten, die ich nur allzu gut verstehe.
Aber, mir kann man es ja auch nicht recht machen, denn so gefĂ€llt mir Leben auch nicht. Ich befĂŒrchte, die treffen sich alle nur, gerade weil es in ihrem Kopf so eng ist. Und bei allen TrĂ€umen und Hoffnungen, werden sie letztlich wohl nur von ihrer Angst getrieben, von ihrer Angst, die sie wahrscheinlich noch nicht einmal konkret benennen könnten. Einfach ihre Angst vor allem, was anders ist.
Also, auf Leben in dieser Form kann ich getrost verzichten! Es kann ja so grausam sein. Und ich sehne mich nach noch mehr WĂ€rme und endlos Enge in meinem Kopf! Enge, die auch ohne Hitze existieren kann.
In meinem LieblingscafĂ© sind die Plakate das Thema schlechthin. Selbst die FriedensbemĂŒhungen um das Kosovo können da heute Morgen nicht mithalten. Doch auch hier empört sich niemand so richtig wirklich. Mir schlĂ€gt förmlich allerorts jubelnde Zustimmung aus euren Augen entgegen.
Und erst euer Gerede. Mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen erklĂ€rt, unterstĂŒtzt und verklĂ€rt ihr geradezu das, was noch nicht einmal im Ansatz Hand und Fuß haben kann.
Sogar Jenny, die Bedienung, sonst immer ein unglaublicher Ausbund an zurĂŒckhaltender Höflichkeit und unterkĂŒhlter Distanz, serviert heute so ungemein aufgetaut, irgendwie berauscht. So als wollte sie uns allen ihre Leidenschaft fĂŒr derartige Plakataktionen ungeschminkt zum Ausdruck bringen.
Und dabei sieht sie wirklich so verdammt gut aus. So verdammt gut, daß ich ihr beinahe ihre Enge nachsehen möchte. Aber, so gut sieht sie ja dann doch wieder nicht aus!
Und mein Kaffee ist abgestanden, total verbittert. Mindestens ebenso sehr wie ich es mittlerweile bin. Aber wohin soll ich jetzt noch gehen? Außer nach Hause, in meine Welt, in die heilende Weite meiner vier WĂ€nde, die noch nicht und niemals plakatiert sein werden.
Hier bei mir zu Hause kann ich endlich Ruhe finden vor euch und eurer Enge im Kopf. Hierher könnt ihr mir nicht folgen, hier kann mir kein Gartenzwergvater sein dummes GeschwĂ€tz aufzwingen. Hier in meiner selbstgewĂ€hlten Einsamkeit genieße ich endlich Freiheit vor eurer blinden Ignoranz.
Ich schalte den Fernseher ein. Der Nachrichtensprecher verkĂŒndet, daß in vielen deutschen StĂ€dten in der ganzen Bundesrepublik eine solche Plakataktion stattgefunden haben soll. Und ich sehe ganz genau das Lachen in seinen Augen. Ich schließe die meinen und kann gar nicht schnell genug einschlafen. Richtig, dafĂŒr ist es eigentlich viel zu warm und viel zu eng im Kopf. Aber mit euch kann ich wirklich noch lange nicht mithalten!

SpÀter senkt sich der Abend widerwillig auf die DÀcher der Vorstadt. Es beginnt zu regnen, und der Regen bringt endlich die lang ersehnte Linderung. Das Leben wacht auf, um dann doch ganz schnell wieder einzuschlafen. Es ist eben immer noch viel zu warm und viel zu eng in so manchem Kopf!
Und morgen? Morgen brĂŒllt bestimmt wieder die Sonne ihr monotones Lied dazu ...

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