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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Geschicklichkeit und Schlauheit
Eingestellt am 01. 04. 2010 14:15


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Auf der immer w├Ąhrenden Suche nach unserer neuen Romantheorie k├Ânnen die Romanbeispiele nicht alt genug sein. Wenn Sie sich ein paar kurzweilige Fr├╝hlingsabende machen m├Âchten, dann sollten Sie Arthur Schnitzlers "Therese. Chronik eines Frauenlebens" zur Hand nehmen.
Therese, Tochter eines h├Âheren Offiziers italienischer Abstammung und Tochter einer kroatischen Adligen, will - noch vor dem Ersten Weltkrieg - unbedingt auf eigenen F├╝├čen stehen. Also erzieht sie in Wien die Kinder fremder Leute und mu├č unterdessen das eigene uneheliche Kind vernachl├Ąssigen. Indem die junge Frau von Familie zu Familie geschubst wird, entsteht vor dem Leserauge nach und nach ein Bild des untergehenden habsburgischen ├ľsterreich. Therese trifft in jenen Familien auf wenig Mitgef├╝hl und wird unabl├Ąssig gek├╝ndigt. Aber sie k├╝ndigt auch von sich aus, wenn ihr ein Hausherr zu nahe tritt oder wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Gelegenheiten, trotz Kind im Hafen einer sicheren b├╝rgerlichen Ehe zu landen, hat Therese mehr als eine. Ihr fehlen zum Ankern "Geschicklichkeit und Schlauheit".
Das hochdramatische Romanende und wie es der gestandene B├╝hnenautor Schnitzler Schritt f├╝r Schritt entwickelt, darf hier nicht verraten werden. Lesen Sie bitte diesen Roman!

Wir wollen aber auf die oben erw├Ąhnte Theorie zur├╝ckkommen. Vielleicht finden wir sie, indem wir Schnitzler kritisieren.
1. Manchmal liest sich der Text als Bericht. Was erlebt Therese in diesem oder jenem B├╝rgerhause? Aber der Autor nennt sein Werk ja "Chronik". Einen "Roman" hat es zum Beispiel Ruth Kl├╝ger, die Verfasserin des Nachworts in der Quelle (siehe unten), genannt.
2. Therese greift mitunter zur Notl├╝ge und Schnitzler erz├Ąhlt diese so, da├č sie der fl├╝chtige Leser f├╝r bare M├╝nze nimmt. Doch der Autor gestattet dem aufmerksamen Leser im Verlaufe der Lekt├╝re das Erkennen der Unwahrheit. Gemeint sind zum Beispiel die Geschehnisse um Thereses ungeliebten Sohn Franz. Bei alledem erweist sich dieser Roman als ein Monument der Mutterliebe.

Wir haben an zwei Punkten hervorgehoben, was ein Roman - neben einer handfesten Story - mindestens enthalten mu├č. Erstens Fakten, Fakten, Fakten und zweitens das Geflecht aus Wahrheit und Dichtung, in das sich der Autor, dieser Narr mit Kappe, involvieren sollte. Ein Drittes, das Wesentliche, fehlt aber noch. Therese ist weder geschickt noch schlau. Therese ist nicht berechnend. Zwar "lechzt" sie nach dem Gl├╝ck, l├Ą├čt aber alle Gelegenheiten eine nach der anderen ungenutzt verstreichen - eben weil sie ein Mensch ist. Das ist bereits die ganze Theorie: Der Roman erz├Ąhlt immer die Geschichte vom einf├Ąltigen Menschen. Darum ist er (der Roman) im Gegensatz zur Chronik so sehr vom Geist der Humanitas durchdrungen.

Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 in Wien geboren und starb am 21. Oktober 1931 dort.

Quelle
Arthur Schnitzler: Therese
S. Fischer, Frankfurt am Main 2000 (2. Aufl. 2004)
ISBN 3-10-073556-0
Die Erstausgabe brachte S. Fischer 1928 in Berlin heraus.

Hedwig 4/2010

__________________
Hedwig

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