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Geschlechtswechsel
Eingestellt am 16. 08. 2009 18:39


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Ruedipferd
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Geschlechtswechsel

Peter Lassen sieht auf die Uhr. Gleich Sieben, die Flut kommt.
Hier an der K√ľste leben die Menschen wie selbstverst√§ndlich mit den Gezeiten. Er schlie√üt die T√ľr zu und geht nachdenklich zur Garage.
Markus‚Äė Bew√§hrung wurde widerrufen!

Warum, wusste er auch nicht so genau. Anscheinend hat er wieder einmal die Bewährungsauflage nicht durchgehalten.
Peter hat sein Fahrrad aus der Garage geholt.
Sein Sohn macht ihm Kummer. Markus ist bereits 30 Jahre alt und hat eigentlich noch nichts Vern√ľnftiges zu Wege gebracht. Immer wieder Geldstrafen, jetzt sogar Gef√§ngnis.
Er ist unf√§hig, ein sozialvertr√§gliches Leben zu f√ľhren, rastet aus, wenn er getrunken hat. Er kann keine Ausbildung und keinen Arbeitsplatz halten. Aus seinen Wohnungen flog er nach kurzer Zeit wieder hinaus und mit Geld kann er √ľberhaupt nicht umgehen.

Peter hat nach einigen Minuten sein Ziel erreicht.
Sein Weg f√ľhrte ihn wie immer an den saftigen Kuhweiden entlang. Hier im Koog wachsen keine B√§ume mehr. Das Land ist flach und nur wenige an das rauhe Klima angepasste Pflanzen k√∂nnen hier gedeihen. Er stellt sein Rad an den Zaun und √∂ffnet die kleine Eisent√ľr, die sich sofort wieder selbst√§tig schlie√üt, damit die Schafe nicht entweichen k√∂nnen. Er steigt die Treppe zum Deich hinauf.

Die von einem Haleb√ľller Ehepaar gestiftete Bank auf der Deichkrone ist frei und der Blick √ľber die Bucht nach S√ľderhafen entsch√§digt ihn kurzzeitig f√ľr alle Sorgen.
Ein dickes Schaf mit einem gr√ľnen Fleck auf dem Hinterteil weidet gen√ľsslich neben ihm. Das Gr√ľn stammt von einem Farbbeutel, den der Schafsbock unter dem Bauch tr√§gt.
Auf dem Hintern eines Schafes zeigt der Fleck an, das dieses vom Bock bestiegen und besamt worden ist.
Peter schmunzelt √ľber den Trick, mit dem die Schafbauern
ihre Tiere markieren.
M√∂wengeschrei vermischt sich mit dem Bl√∂ken der Schafe und den Ger√§uschen der K√ľhe, die hinter dem Deich auf den Weiden stehen. Vor ihm naht langsam die Flut und verschlingt das offene Vorland mit den Lahnungen.
Links hinter ihm erhellen die Lichter der viel beschriebenen grauen Stadt am Meer den Himmel. Windr√§der wirbeln durch die Luft. Ihre roten Lichter blinken im Gleichtakt. Peter schaut wieder auf das wellenschlagende blaue Meer vor ihm. Die Hafeneinfahrt der kleinen Stadt wird durch ein rotes Leitfeuer angek√ľndigt.
Peters Blick wandert √ľber die kleine Bucht.

In Schob√ľll, ein paar 100 Meter weiter, endet der Deich, auf dem er gerade sitzt. Ein kleines St√ľck der Schleswig-Holsteinischen Nordseek√ľste bleibt ungesch√ľtzt. Hier ragt der Geestr√ľcken bis ans Meer, um dann in die Salzwiesen √ľberzugehen. Peter sieht die Scheinwerfer vieler Autos, die √ľber den Damm nach Nordstrand fahren.
Ich wohne hier, wo andere Leute Urlaub machen!

Er l√§chelt √ľber seinen Einfall, doch dann denkt er wieder an seinen Sohn. Er wollte sich stellen. Die Vier Monate absitzen. Aber das wurde nichts. Markus hat anscheinend Angst. Angst, dass Andrea ihn verl√§sst, wenn er im Gef√§ngnis sitzt. Eine Therapie will er nicht machen. Da ist er genauso stur wie Thorsten, sein Vater.

Peter und Thorsten haben 1980 geheiratet. Ganz normal und legal. Peter im weißen Kleid und Thorsten im schwarzen Anzug. 60 Personen waren sie zur Hochzeit. In der Kapelle am Ort wurden sie getraut.
Sie lebten 13 Jahre als Mann und Frau in dem kleinen Dorf. Thorsten war hier als Bauernsohn geboren und auch Peter war auf Sylt aufgewachsen.
Nordfriesland war beider Heimat, die sie √ľber alles liebten. Als sie keine Kinder bekamen, meldeten sie sich als Adoptiveltern beim Kreis. Im Juli 1983 rief eine Dame vom Jugendamt bei Peter im B√ľro an.
Ein kleiner vierj√§hriger Junge lebte zurzeit in einem Kinderkurheim und es wurden Eltern f√ľr ihn gesucht.
Peter war √ľbergl√ľcklich. Nun durfte er doch noch Mutter werden.

Anfang August holten sie Markus zu sich. Am Strand legte die Erzieherin Markus‚Äė kleine Hand in Peters und der kleine blonde Junge wurde sein Sohn. Viele Jahre waren seitdem vergangen. Peters transsexuelle Pr√§gung brach im Herbst 1992 aus. Er kam in Psychotherapeutische Behandlung.
Dort erfuhr er, dass er psychisch gar keine Frau, sondern ein Mann war.

Thorsten war außer sich.
Ein solcher Skandal! Und das in seiner Familie und in seinem Dorf! Er hatte niemals das Bed√ľrfnis gehabt, mit einem Mann zusammen zu sein und nun sollte er bereits seit 12 Jahren mit einem gelebt haben!
Das Spießruten laufen begann. Auch Peters Eltern blieben nicht verschont, wohnten sie doch schon einige Jahre bei ihnen im Haus.

Peter wurde sehr krank. Er wollte sich das Leben nehmen, doch seine Therapeutin rettete ihn auf unkonventionelle Weise. Thorstens Haltung aber blieb steif und starr. Er wollte weder √ľber das Problem reden, noch gemeinsam mit Peter und Markus √ľberlegen, wie sie in Zukunft ihr Leben gestalten k√∂nnten. Er blieb unnachgiebig. Und Markus sollte auch von all dem ‚ÄěBl√∂dsinn‚Äú nichts mitbekommen.

F√ľr Peter wurde der seelische Druck so gro√ü, das die Hormonbehandlung beginnen musste.
Zwischen ihm und Thorsten baute sich eine Mauer auf.
F√ľr Thorsten blieb er bis heute seine Geschiedene oder wie er oft ver√§chtlich bemerkte: seine Ex. Als Markus 18 Jahre alt geworden war, wurde die Ehe geschieden. Sie fuhren vom Scheidungsrichter direkt mit frischen Br√∂tchen in Peters neue kleine Wohnung am Deich, um dort gemeinsam zu fr√ľhst√ľcken. Es war wie in alten Zeiten. Peter konnte sich nicht von Thorsten l√∂sen und dieser nicht von Peter.

Das Jugendamt bem√ľhte sich um Markus.
Peter wusste, wie schwer sich der Junge tat und er liebte ihn so sehr. Wäre der schwelende Konflikt mit Thorsten nicht gewesen, hätten sie ihre offenen Fragen längst mit ärztlicher und therapeutischer Hilfe klären können. Aber Thorsten weigerte sich vehement an der Therapie teilzunehmen.
Markus war nun ein Regenbogenkind.
So nennt man Kinder aus Homosexuellen- und Transsexuellen Beziehungen.
Und Thorsten hatte sich ver√§ndert. Aus dem einst so liebevollen Ehemann und Vater war ein starrk√∂pfiger verbitterter Mann geworden. Nichts konnte Markus ihm Recht machen. Es war aber nicht Markus, dem die ungez√§hmte Wut galt. Thorsten hatte auf eine ungew√∂hnliche und f√ľr ihn sogar mysteri√∂se Weise seine hei√ü geliebte Frau verloren. Damit wurde er nicht fertig. Er sah sich au√üerstande in Peter den Menschen zu sehen, der ihm 12 Jahre Gef√§hrte gewesen war.
Und Markus sa√ü zwischen den St√ľhlen. Das hatte Konsequenzen. Er schmiss seine Lehre hin, lief von zuhause weg und kam mit der Polizei in Konflikt.

Nun ist er 30 Jahre alt und lebt von dem, was der Staat
an Hilfe zahlt. Aber er hat eine sehr liebe Freundin und drei Stiefkinder, somit also eine eigene kleine Familie.
Er könnte eigentlich mit dem Wenigen zufrieden leben, denn auch die Beziehung zu Peter ist liebevoll und gut. Peter hat seine Stiefenkel ins Herz geschlossen und besucht die Familie regelmäßig.
Doch Markus und Andrea streiten sich ständig. Der junge Mann wird dann aggressiv und wenn er getrunken hat, auch gefährlich. Ihm scheint alles egal zu sein.

Peter hatte oft wegen seiner eigenen schweren Schuldgef√ľhle den Arzt aufgesucht.
Aber w√§re es anders gewesen, wenn er als Frau mit Thorsten weitergelebt h√§tte? Markus h√§tte sicher dieselbe Lehre begonnen und ob er sie erfolgreich h√§tte beenden k√∂nnen, soll dahin gestellt bleiben. Sicherlich w√§re sein Leben weniger chaotisch verlaufen. Aber h√§tten sich Peter und Thorsten weniger wegen Markus gestritten? Peter hatte seinen Sohn immer in Schutz genommen, weil er wusste, welches Leid der Junge als kleines Kind hat durchmachen m√ľssen. Und nun war Thorstens Blick und Urteilsverm√∂gen durch sein eigenes unverarbeitetes Leid getr√ľbt.

Es hat keinen Sinn, sich Spekulationen hinzugeben.
Das weiß Peter Lassen nur zu gut. Nur das Jetzt, Hier und Heute zählt im Leben.
Er sieht auf die glatte friedliche See hinaus.
Vor ein paar Tagen hat er noch in S√ľderhafen gebadet. Aber sein R√ľcken schmerzte und die 19 Grad Wassertemperatur taten ihm nicht mehr gut. Er hat sich hier nach der vorzeitigen Pensionierung ein eigenes kleines Leben aufgebaut. Hat Freundschaften geschlossen und in einem nahe gelegenen Reitstall Pflegepferde gefunden.
Peter will Markus ja helfen. Aber er weiß nicht mehr, was er noch tun kann. Markus hört weder auf ihn noch auf Andrea. Der Kontakt zu Thorsten ist nun völlig abgebrochen.
Markus und Thorsten, das ist wie Hund und Katze. Sie sind beide gleich stur. Keiner will den Anfang machen und auf den anderen zugehen.

Thorsten ist sehr krank. Hat Diabetes und mehrere Bypässe bekommen und eine schwere Krebsoperationen hinter sich.
Er ist mit 64 Jahren nicht mehr jung und auch Peter f√ľhlt sein Alter mit 53 Lenzen. Es ist so schade, das sie sich nicht mehr als eine Familie f√ľr Markus f√ľhlen k√∂nnen. Sie h√§tten Freunde werden sollen. Aber das wollte Thorsten nicht. Peter f√ľhlt sich unsicher, wenn er Thorsten in ihrem ehemals gemeinsamen Haus besucht. Thorsten spricht ihn nicht als Mann an, weder mit Vornamen noch das er sonst von seinem Geschlecht Notiz nimmt. So gesehen gestaltet sich die Beziehung als untragbar und das wirkt sich auch auf Markus aus. Er hat vollst√§ndig mit seinem Vater gebrochen. Es gab auch triftige verst√§ndliche Gr√ľnde.

Und jetzt wurde die Bewährung widerrufen!

Thorsten soll nichts von dem Gefängnisaufenthalt seines Sohnes erfahren. Aber Peter wird Markus besuchen, wenn es soweit ist.
Er schaut mit einem letzten Blick auf die friedliche Nordsee hinaus und steigt langsam wieder den Deich hinunter.
Fröstelnd fährt er in der Abenddämmerung die Wiesen entlang.
Ein leichter Nebel legt sich √ľber das flache ruche Land.
Bald ist der Sommer vorbei und die Einheimischen werden wieder unter sich sein. Bei Pharis√§er und Tote Tante mit Rum wird man den Herbstst√ľrmen trotzen und manch einer wird pr√ľfend hier auf dem Deich stehen und dem Blanken Hans entgegen sehen.


Die Geschichte ist wahr und als Roman in "Untersuchungshaft/Jugendgefängnis" s. Lange Texte
verarbeitet.




Version vom 16. 08. 2009 18:39
Version vom 16. 08. 2009 18:57
Version vom 16. 08. 2009 19:13
Version vom 16. 08. 2009 21:18
Version vom 16. 08. 2009 23:44
Version vom 17. 08. 2009 00:09

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