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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geschlossene Augen
Eingestellt am 01. 10. 2000 23:54


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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Die Musik rinnt trĂ€ge aus den Lautsprechern. Es ist spĂ€t geworden, und die Seele ist langsam gezwungen, dem Körper Tribut zu zahlen. Kein Kaffee weckt mehr die Lebensgeister, keine Musik ist mehr fĂ€hig, diese ruhige und erholsame Erschöpfung zu vertreiben. Du schlurfst hinĂŒber zu einem Stuhl, lĂ€ĂŸt dich einfach fallen im Vertrauen auf die Schwerkraft und darauf, daß der Stuhl auch gleich noch an seinem Platz stehen wird und keine Beine bekommt. Der Kopf ist schwer, er droht stĂ€ndig auf die Brust zu sinken, und nur wenn du deine Hand dagegen stemmst, kannst du ihn vielleicht noch ein Weilchen daran hindern, daß er dich in Morpheus‘ Reich schickt
Du hast nichts gegen Morpheus, weshalb solltest du auch? Er war immer gnĂ€dig zu dir, immer freundlich. Wenn deine Seele ausgebrannt war, schickte er dir TrĂ€ume, die deiner Phantasie Nahrung und Ruhekissen zugleich waren. Warst du aufgewĂŒhlt, glĂ€ttete Morpheus die Wogen, erfrischte deine Seele. Wann immer du dich hingelegt hast um zu sterben, er sandte dir seine Liebesbotschaften . Nachrichten, die vor Freude am Leben strotzten. Erinnerungen keimten in dir, die du lĂ€ngst verloren geglaubt hattest, Gesichter und Namen fĂŒgten sich im Tanz der Visionen zu einem Ganzen, zu einer Person zusammen, und wenn du am Morgen erwachtest, hatte der Kummer der Nacht sich im Morgennebel verlaufen, wĂ€hrend Morpheus ĂŒber dich gewacht hat.
Dein Kopf zuckt hoch. Du mußt eingenickt sein. Unwillig knurrend erhebst du dich, obwohl jeder Muskel, jeder Nerv deines Körpers dagegen protestieren will. Doch der Lockruf deines Bettes wird lauter, drĂ€ngender. Selbst zum Abschiednehmen bist du zu mĂŒde, und so winkst du nur ein bißchen in die Runde. Nicht mehr viele Gesichter wenden sich dir zu, es ist spĂ€t, draußen erwacht vermutlich der Morgen. Die meisten sind schon nach Hause gegangen.
Als du aus der TĂŒr trittst und dir warme Sommerluft entgegenschlĂ€gt, schon jetzt von der Sonne so aufgeheizt, daß du den Mittag gar nicht erleben willst, glaubst du immer noch Morpheus‘ Arme auf deinen schultern zu spĂŒren. Als hielte er dich wie ein kleines Kind umschlungen, das es vor der KĂ€lte der Welt zu schĂŒtzen gilt. Doch der Tag ist nicht kalt, nicht hart wie so viele andere. Von MĂŒdigkeit getragen tĂ€nzelst du ĂŒber den Parkplatz. Morpheus hat die FĂŒhrung ĂŒbernommen, wiegt dich im Takt. Kein einziger Stein lĂ€ĂŸt dich stolpern oder taumeln; in Morpheus‘ Armen schwebst du gefahrlos ĂŒber die AbgrĂŒnde des Alltags.
Wie hast du es nur geschafft, die AutotĂŒr zu öffnen? Egal, du lĂ€ĂŸt dich auf die Polster fallen, lehnst den Kopf einen Moment an, wĂ€hrend du mit geschlossenen Augen die AutotĂŒr zuziehst und verriegelst. Wie oft hast du dich selbst schon wegen des Leichtsinns getadelt, allein auf einem Parkplatz zu sitzen, wo jeder dich als hilflos und allein erkennen kann?
Du kneifst die Augen zusammen. Nicht einschlafen, ermahnst du dich. Bis nach Hause ist es nur ein kurzes StĂŒck, und es mĂŒĂŸte schon mit dem Teufel zugehen, wenn du nicht in zwanzig Minuten in deinem Bettchen liegst. Ein letztes Mal ermahnst du dich selbst, dann drehst du den AutoschlĂŒssel und fĂ€hrst langsam vom Parkplatz. Es geht dir besser. Es geht dir immer besser, wenn du nicht mehr laufen mußt, sondern am Steuer deines Autos sitzt. Du biegst auf die Chaussee, gibst vorsichtig Gas. PrĂŒfend blickst du in den RĂŒckspiegel – und erstarrst. Ein Mann sitzt auf der RĂŒckbank. Dunkle Augen blicken die ĂŒber einer vertrĂ€umtes LĂ€cheln hinweg aus einem schönen, ebenmĂ€ĂŸigen Gesicht an. Es sind Augen, in denen man sich verlieren möchte.
Du erwiderst zaghaft das LĂ€cheln. Der Mann ist ja kein Unbekannter fĂŒr dich. Eben noch hast du mit ihm Arm in Arm getanzt. Dein LĂ€cheln wird breiter, und der Mann vom RĂŒcksitz streckt verlangend die Arme nach vorne, verlangt nach dir.
„Gleich“, murmelst du, lehnst dich zurĂŒck, blickst ĂŒber die Schulter – und spĂŒrst, wie sich gleichzeitig eine bleierne Decke sich ĂŒber dich breitet. Morpheus lĂ€chelt unverĂ€ndert, wiegt dich in seinen Armen, als du nach vorne blickst, deine HĂ€nde vom Steuer gleiten und dein Auto von der Straße abhebt. Ihr segelt in Morpheus‘ Reich, und dieses Mal mußt du es nicht wieder verlassen. Nie wieder.
__________________
Andrea Rohmert

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Petra Koch
Guest
Registriert: Not Yet

8 von 10

Hallo Andrea,
Deine Geschichte gefĂ€llt mir. Sie ist schön erzĂ€hlt, sehr flĂŒssig. Ich wollte nur noch weiterlesen. Das Ende hat mich ĂŒberrascht, war aber wohl unvermeidlich, man hats beim Lesen fast geahnt. Gruß P.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Hallo Petra,

vielen Dank fĂŒr deine Kritik. Nur eine kleine Zwischenfrage: hat dich das Ende nun ĂŒberrascht, oder konnte man es vorher ahnen?
__________________
Andrea Rohmert

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thomastrauf
Guest
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flĂŒssig

Sicher, eine FlĂŒssigkeit ist nicht zu verleugnen. Aber scheint sie sich mir in einen ermĂŒdenden Trank zu essenzieren, welcher nicht eben zum Weiterlesen anspornt.
Trotzdem empfinde ich ein Band voll instinktiver Wehr.
Die Pointe ist fĂŒr mich nur ein weiters Beispiel fĂŒr das partielle Versagen der ach so mobilen Generation.
Gut, wenn man sich nicht anders zu helfen weis....
TT

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LE
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo andrea,

ich mag, wie du schreibst, aber irgend etwas stört mich immer.
Achtmal morpheus in einem text von dieser lĂ€nge; das war mir zu viel. Das wirkt zu konstruiert. Aber eine geschichte, die -etwas moralisierend?- dem leser erzĂ€hlt, daß man gegen den baum fahren kann, wenn man zu mĂŒde ins auto steigt, ist konstruiert.

Ja, ich denke das ist mein problem mit deinen texten (denen, die ich bis jetzt gelesen habe). Aber ich bleibe bei Geschlossenen Augen:
Du schreibst sehr schöne Situationen, leuchtest momente sehr anschaulich aus; und dann nimmst du diese ganzen perlen und fĂ€delst sie auf eine handlungskette, die ich dir nicht abnehmen will. Gerade, wenn die heldin genug vertraut menschliche dinge durchlebt hat, um mir symphatisch zu werden, muß sie mit einer allzu sorgfĂ€ltig angekĂŒndigten traumfigur diese welt verlassen. Ich denke, hier willst du zu viel und verschenkst dadurch. Deine Art menschen zu beschreiben trĂ€gt. Du brauchst keine superideen a la morpheus.

freundlichst LE

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Danke fĂŒr die Kritiken. deine, Thomas, verstehe ich zwar nicht wirklich, aber ich nehme sie mir zu Herzen.

Konstuiert ist die Geschichte nicht, dazu blieb ĂŒberhaupt keine Zeit. Geschlossene Augen heißt in meinem Ordner Morpheus 20, weil es so viele Minuten gedauert hat, ihn zu schreiben, in der Hoffnung, unter Druck was VernĂŒnftiges zustande zu bringen. Na, und da ist es einfach passiert, daß diese dumme Kuh vor den nĂ€chsten Baum fĂ€hrt. Vielleicht ist da mein soziales Gewissen, der Zeigefinger, mit mir durchgegangen, vielleicht auch meine Fantasy-Ader. Im Nachhinein.. nun, ich habe ĂŒberlegt, die Geschichte damit enden zu lassen, wenn sie vom Parkplatz fĂ€hrt, aber dann fehlt mir etwas. Ich suche eigentlich immer nach einer Handlung; schlichte Beschreibungen liegen mir nicht. Naja, und wenn sie nicht krepiert, ist die Handlung im A..
Aber ich werde mir noch mal 20 Minuten gönnen. Vielleicht fÀllt mir was besseres ein.
__________________
Andrea Rohmert

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