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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geschwisterliebe
Eingestellt am 01. 04. 2002 19:15


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Oderwasser
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2001

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I

Wir wohnten noch nicht lange in dieser Stra├če. Vater mietete das Haus kurzfristig an, weil er in diesem Nest eine Arbeit bekommen hatte, bei einem gro├čen Konzern der schwindenden Stahlindustrie. Selbstverst├Ąndlich hatte mein Vater uns nicht gefragt, ob wir damit einverstanden seien; er entschied einfach ├╝ber unsere K├Âpfe hinweg. Mutter gab ihre Honorarstelle bei der Volkshochschule auf, wo sie Kurse gab in Astrologischer Psychologie, zwei Mal die Woche nur, aber es erf├╝llte sie, warum auch nicht.
V├Âllig gefrustet sahen wir den M├Âbelpackern dabei zu, wie sie den gesamten Hausrat in zwei riesige Lastwagen verstauten, mein Vater stand daneben und gab Obacht, da├č auch ja nichts zu Bruch geht. Er delegierte die vier kr├Ąftigen, ├Ąu├čert geduldigen M├Ąnner herum, und es h├Ątte mich nicht gewundert, wenn mein Vater eins auf die Birne bekommen h├Ątte, denn in einem solchen sklaventreiberischen Ton w├╝rde ich nicht einmal mit einem Hund sprechen.
Unsere neuen Nachbarn, die Sierichs, waren eine absolut pingelige Familie, kinderlos, aber mit drei riesigen, schwarzen Hunden, Doberm├Ąnner, wenn ich mich recht erinnere, vor denen ich, ganz ehrlich gesagt, eine schei├č Angst hatte. Ich habe irgendwann zu z├Ąhlen aufgeh├Ârt, wieviele meiner B├Ąlle von diesen Monstern zerbissen wurden. Und: wenn ich mit meinen neugewonnen Freunden in unserem Garten spielte und es ein bi├čchen lauter wurde, dann beschwerten sich die Sierichs sofort bei meinen Eltern. Mein Vater verbot uns daraufhin das Spielen im Garten, Mutter hob dieses Verbot meist schnell wieder auf. Irgendwann aber hatten meine Freunde keine Lust mehr, mich zu besuchen, was ich durchaus, wenn auch nur im Nach hinein, verstehen kann.
Mutter erz├Ąhlte mir eines Tages, da├č unsere Nachbarn f├╝r drei Wochen in den Urlaub fahren w├╝rden. Wie sehr hatte ich mich gefreut, als Mutter mir dann noch erz├Ąhlte, da├č sie mit meinem Vater ├╝ber das Wochenende zu Gro├čmama fahren wolle, weil sie ins Altenheim sollte und Hilfe beim Einzug ben├Âtigte; sie hatte ja niemanden mehr, jetzt, wo wir hier her gezogen waren. Damit konnte man meinem Vater im ├ťbrigen vorz├╝glich Schuldgef├╝hle injizieren, armes Omchen.
Nun gut, endlich war es mir verg├Ânnt, im Garten so richtig zu toben, krach zu machen und nach Herzenslust jegliche Ballsportarten zu zelebrieren. Meine Schwester war weitaus weniger begeistert. So ganz alleine mit dem gr├Â├čeren Bruder, das Versprach nichts Gutes. Und so flehte sie meine Eltern f├Ârmlich an, da├č sie mitfahren d├╝rfe. Meine Mutter aber war der Meinung, es w├╝rde uns ganz gut tun, f├╝r ein Wochenende mal alleine zu bleiben; wir sollten endlich lernen, ÔÇśmiteinander in Frieden zu lebenÔÇÖ, wie sie es auszudr├╝cken pflegte. Au├čerdem standen die Sterne f├╝r ein solches Unterfangen au├čergew├Âhnlich g├╝nstig.
Vater war in dieser Beziehung weitaus weniger sensibel, sprach stets im Imperativ. Er sagte, ich sei jetzt alt genug, um zwei, drei Tage alleine im Haus zu sein, und da├č ich auf meine Schwester aufpassen m├╝sse, und auch sonst f├╝r alles verantwortlich sei, was so schiefgehen w├╝rde. Nun wahrlich eine gro├če B├╝rde, die er mir da aufgetragen hatte. Ich war in jenes Alter gekommen, wo gr├Â├čere Br├╝der ihre kleine Schwester am liebsten martern w├╝rdern. Und au├čerdem konnte ich mich nicht mit meine Freunden zum kirschenklauen in SollingÔÇÖs Hof treffen, dem alten verworrenen Bauern, der uns einmal mit einer Schrothflinte hintrherlief, weil wir die T├╝r zum H├╝hnerstall ├Âffneten und das Federvieh aus ihrer Gefangenschaft befreiten; wir wollten doch nur Gutes tun, der alte Solling war da wohl anderer Meinung. Auch wenn mein Vater mich immer als altklug bezeichnet hatte: im Grunde war ich eben nur ein Kind mit altersentsprechenden Gef├╝hlsregungen und Gel├╝sten.
Kirschenklauen war also nicht, und das ging mir arg gegen den Strich. Ich h├Ârte schon die Spottges├Ąnge meiner Diebeskumpanen. Aber Mutter sagte ja immer, ich w├╝rde mir die falschen Freunde suchen. Vielleicht h├Ątte ich mehr auf ihre Aszendenten achten sollen.

II

Mein Vater stieg ins Auto und warf mir noch einen dieser subtilen "ÔÇśpa├č auf, FreundchenÔÇÖ" Blicke zu, die zum Ausdruck bringen sollten, da├č man sich blo├č an alle Anordnungen halten solle, weil es sonst gro├čen ├ärger geben w├╝rde. Mein Vater, dieser immernerv├Âse, immercholerische, war da wie ein General. Befehl war Befehl; Diskussionen gab es nicht. Mutter kurbelte das Fenster hinunter und winkte mir in ihrer besorgten und m├╝tterlichen Art liebevoll zu. Ich legte mein Jovial-Gesicht auf, nickte kurz ab und ging zur├╝ck ins Haus.
Meine Schwester schlief noch, es war kurz vor acht Uhr in der Fr├╝h. Ich ging in die K├╝che und bereitete f├╝r sie ein Fr├╝hst├╝ck vor, wie Mutter es gebeten hatte. Ich versalzte die R├╝hreier und gab Pfeffer in die Milch, was aber zu offensichtlich war, denn man sah das schwarze Pfefferpulver schwimmend in der Milch. Also go├č ich konzentriertes Zitronenextrakt in den Orangensaft, den sie am Morgen stets in einem Zug austrank.
Mittlerweile war es halb neun, ich go├č meiner Schwester ein Glas eiskaltes Wasser ins Gesicht, klatschte dann laut in die H├Ąnde und rief immer und immer wieder "aaaauuufsteeeeheeen". Das mochte sie gar nicht und dementsprechend war ihre Reaktion. Sie warf mir das M├Ąrchenbuch an den Kopf, in dem sie sich immer die Bilder anschaute. Ich sprang in ihr Bett und kitzelte sie so lange, bis ihr die Tr├Ąnen aus den Augen schossen - und das dauerte, denn sie war ein z├Ąhes M├Ądchen. Beleidigt ging sie schlie├člich ins Bad und schlo├č sich dort ein und rief durch die T├╝re, da├č sie da erst wieder herausk├Ąme, wenn Mutter und Vater wieder zu Hause seien w├╝rden.
Es bedurfte meiner ganzen ├ťberredungskunst, sie da wieder herauszuholen. Ich versprach ihr einen Becher Eiscreme. Und da├č sie am Vormittag ihre ganzen Kindersendungen sehen d├╝rfe. Als sie dann in die K├╝che ging um zu fr├╝hst├╝cken, lief ich hinaus in den Garten und pinkelte den Sierichs durch den J├Ągerzaun hindurch auf die j├╝ngst gesetzten Stiefm├╝tterchen. Es hatte mich immer gewundert, das die keine Betonwand hochgezogen hatten. Aber dann h├Ątten sie ja ihre Nachbarn nicht mehr beobachten k├Ânnen Ich h├Ârte pl├Âtzlich ein lautes Geschrei und somit brach ich meine Prozession vorzeitig ab und lief zur├╝ck ins Haus. Meine Schwester hatte sich wieder im Bad eingeschlossen. Vorsichtig klopfte ich an und fragte sie, was denn jetzt schon wieder los sei. Sie schrie, da├č ich sie vergiften oder aushungern lassen wolle. Diesmal versagten all meine ├ťberredungsk├╝nste und ich dachte, sie w├╝rde da schon irgendwann wieder herauskommen.
Ich ging ins Wohnzimmer und setzte mich auf die Couch. Auf dem Wohnzimmertisch lag die Lieblings-Barbie meiner Schwester, die sie von Mutter als Trostpfl├Ąsterchen daf├╝r geschenkt bekommen hatte, da├č sie nicht mit zu Gro├čmutter fahren durfte. Ich zog mit der Pinzette jedes einzelne blonde Haar aus dem Kopf der Plastiksch├Ânheit, als meine Schwester klammheimlich von hinten herangeschlichen kam und mir pl├Âtzlich derart laut ins Ohr schrie, da├č ich mich vor Schmerz erst mal auf dem Boden kr├╝mmte. Dann bemerkte sie, da├č der Puppe die Haare fehlten und sie begann zu weinen. 'Du hast meine Puppe puttemacht', schrie sie mich an und ich lachte, was sie dazu bewogen haben mu├č, gegen mein Schienbein zu treten, und das war ein H├Âllenschmerz! Ich versuchte, ihr die Puppe aus den H├Ąnden zu rei├čen, zog zwei, drei Mal, und dann lie├č das Luder pl├Âtzlich los. Ich viel r├╝ckw├Ąrts gegen den Vitrinenschrank und schlie├člich zerbrach eine der beiden Scheiben in lautem Klirren. Es wurde still.
Meine Schwester ri├č ihre Augen weit auf und hielt die Hand vor ihrem theatralisch weit ge├Âffneten Mund. Als ich realisiert hatte, was da eigentlich passiert war, h├Ątte ich am liebsten losgeheult, schlug die H├Ąnde ├╝ber meinem Kopf zusammen und entschied mich dazu, mir die Tr├Ąnen zu verkneifen; die wollte ich mir f├╝r sp├Ąter aufbewahren, wenn ein Kleiderb├╝gel meinen Knabenpopo medizinisch unwirksam massieren sollte. Reue veranla├čte Vater n├Ąmlich stets zur Beendigung seiner Sanktionen, und unter Reue verstand er das Sichtbarwerden salzigen Augenwassers, wir hatten damals schon unterschiedliche Ideen bez├╝glich der Thematik 'sinnvolle P├Ądagogik'.
Das anf├Ąnglichen Entsetzten meiner Schwester ├╝ber das Malheur transformierte nun in Schadenfreude und Geh├Ąssigkeit.
"Das hast du jetzt davon", sagte sie h├Ąmisch l├Ąchelnd.
Sie war wirklich ein Biest; ich brauchte all meine Kraft, um meine Tr├Ąnen zu unterdr├╝cken; ich konnte sie also nicht erw├╝rgen.
Um mich herum war alles schwarz geworden, doch dann, blitzartig, wendete sich das Geschehen und alles lief in ungeahnte Bahnen.
"Der Vater von Maren macht Glas von Beruf".
Ich schlug in Gedanken meine Hand gegen die Stirn. Maren war die beste Freundin meiner kleinen Schwester und h├Ąufig, manchmal zu h├Ąufig, bei uns zu Besuch. Sie wohnte nur einen Steinwurf von unserem Haus entfernt. Ausgerechnet Maren, dachte ich, die auch schon s├Ąmtliche meiner Peinigungen ├╝ber sich hatte ergehen lassen m├╝ssen. Ich wu├čte, da├č ich da ohne Bedingungen nicht herauskommen w├╝rde.
Meine Schwester kniete sich zu mir auf den Boden, legte ihre Hand auf meine Schulter und fragte mich, ob ich Angst habe. Ich nickte stillschweigend mit dem Kopf. Dann fragte sie mich, ob sie zu Maren gehen solle und ich kramte aus der aller hintersten Schublade meines Gehirns ein "Ja" hervor, mit freundlicher Unterst├╝tzung jener Subfunktion, die f├╝r die Erh├Âhung der Frustrationsgrenze bei anstehender Erniedrigung verantwortlich ist.
"Soll ich wirklich?" fragte sie, nach Genugtuung lechzend, und ich dachte, wenn sie nicht gleich losgeht, dann erw├╝rge ich sie doch.
Ich setzte ein 'bitte, bitte, bitte' Gesicht auf und nickte affirmierend mit dem Kopf und ich wu├čte, diese Geste w├╝rde mein Unbewu├čtes auf lebenslangen M├Ądchenhass programmieren. Danke Herr Freud. H├Ątten sie uns darauf nicht aufmerksam gemacht, w├Ąre uns das wahrscheinlich ni aufgfallen. Mit einem gequ├Ąlten, mitleidigen Gesicht blickte mich meine Schwester an, streichelte mir ein, zweimal ├╝ber den Kopf, redete sowas wie "armer schwarzer Kater", und es mir lief kalt ├╝ber den R├╝cken. Also sch├╝ttelte ich mich, meine Schwester lief pl├Âtzlich aus dem Zimmer, ich h├Ârte dann die Haust├╝r ins Schlo├č fallen und sa├č allein vor einem sprichw├Ârtlichen Scherbenhaufen, der jedoch alles andere war als sinnbildlich.

III

Ich sa├č auf dem Boden, mir zitterten die Knie und die H├Ąnde, und mir war zum ├╝bergeben ├╝bel.. In meinem Kopf malte ich mir schon einmal die Bestrafungsszenarien meines Vaters aus. Bestrafungsstufe 3? 4? Kleiderb├╝gel oder Hausarrest, Fu├čballverbot oder gar Gartenarbeit bei den Sierichs, vielleicht ihren Zwinger s├Ąubern? Kein Flugzeug w├╝rde mich abholen und nach Afrika bringen, sowas glaubte ich nicht mehr, daf├╝r war ich schon zu alt. In diesem Moment h├Ątte ich ein solches Flugzeug gut gebrauchen k├Ânnen. Ich h├Ątte einfach alles auf meine Schwester schieben k├Ânnen - das war zu einfach; ich h├Ątte dem doofen Lutz von Gegen├╝ber mein Taschengeld anbieten k├Ânnen -vielleicht h├Ątte er's auch f├╝r die H├Ąlfte gemacht.
Dann l├Ąutete es an der Haust├╝r. Ein gro├čer, halbglatziger, dicker Mann mit einem blauwei├č kariertem Flanellemd und einem volumin├Âsem Bart um seine dicken Lippen herum fragte rhetorisch nach meinem Namen und ich nickte. Er reichte mir seine riesige Hand und als er sagte, er sei gekommen, um die Scheibe zu reparieren, dachte ich, so - und genau so - m├╝sse Gott aussehen. Ich f├╝hrte ihn ins Wohnzimmer zum Vitrinenschrank, lie├č meine H├Ąnde in die Hosentaschen sinken und stand mit h├Ąngenden Schultern neben meinem neuen Freund, als er damit begann, den Rahmen f├╝r den Glaseinsatz zu messen. Er schaute mich immer wieder aus den Augenwinkeln an und sagte, ich erinnere ihn an jemanden und dann fragte er mich, ob ich den Tennisball durch das ge├Âffnete Fenster in sein Wohnzimmer geworfen h├Ątte. "ÔÇśN├Ąchste Ausfahrt rechts", dachte ich und rannte in mein Zimmer. Wenig sp├Ąter rief eine Brummb├Ąrstimme aus dem Hausflur, da├č sie wiederkommen w├╝rde um das Glas einzusetzen, und das damals nichts passiert sei. Jemand nahm den Fu├č vom Gaspedal...

Es vergingen Stunden, Tage, nein, es waren Jahre, dann ging die T├╝rglocke. Ich hastete die Stufen zur Diele hinunter und ├Âffnete. Es war Gott. Er hielt eine Glasscheibe in der rechten Hand und in der linken das kleine H├Ąndchen seiner Tochter, die sich hinter dem riesigen Schenkel ihres Vaters versteckte. Ob ich mich nicht bei ihr entschuldigen wolle, fragte die Brummb├Ąrstimme, und ich schluckte einen dicken Klos den Hals hinunter und nickte. Meine Schwester und Maren rannten pl├Âtzlich mit Gejubel und Gebr├╝ll an mir vorbei ins Kinderzimmer und ich blickte ihnen gedem├╝tigt hinterher. Gott gab mir einen leichten, freundlichen Sto├čer mit der flachen Hand auf den R├╝cken und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Wohnzimmert├╝r.

Es war bereits sp├Ąter Nachmittag. Ich sa├č vor dem Fernseher und sah irgendwelches belangloses Zeug, meine Knie zitterten noch immer leicht. Maren und meine Schwester spielten im Kinderzimmer. Sie tobten und kreischten herum, was mich wahnsinnig genervt hatte. Aber ich mu├čte mich beherrschen, denn ich konnte ja nichts sagen. Dann kam Maren ins Wohnzimmer und fragte mich, ob ich nicht Lust h├Ątte auf eine Kissenschlacht. Ich schaute sie entsetzt und von oben herab an, doch schon stand meine Schwester neben ihr und wies mich dezent und so ganz ohne Ironie darauf hin, wie toll Marens Vater doch die Scheibe repariert habe und wie gut es sei, da├č Vater davon nichts mitbekomme. Kommentarlos stand ich auf und zog in die Kissenschlacht.
Wir k├Ąmpften auf fremdem Territorium - es war das Schlafzimmer meiner Eltern. Im ├ťbermut der G├Âren und in meiner latenten Aggressivit├Ąt gegen das junge Weibsvolk dauerte es nicht lange, da rissen die ersten N├Ąhte und das Schlafzimmer sah bald aus wie ein Tochterunternehmen der Holle AG. Pl├Âtzlich vernahm ich diese typischen, rasch aufeinanderfolgenden, dumpfen Ger├Ąusche zweier schlie├čenden Autot├╝ren. Ich horchte auf, ob die Schritte vierer F├╝├če ebenso typisch klingen w├╝rden. Doch dann h├Ârte ich eine dritte Autot├╝r zuschlagen, holte erleichtert Atem, nahm ein Kissen und drosch damit, oder mit dem, was von diesem Kissen ├╝briggeblieben war, auf meine Schwester ein, und es brachte mir gro├čen Spa├č.

IV

Ich war recht froh dar├╝ber, da├č meine Eltern sich kurzfristig dazu entschieden hatten, Gro├čmutter bei uns aufzunehmen. Als die Drei da so in der T├╝r standen und Vater das Ergebnis seiner Erziehung sah, bemerkte ich, wie er seinen ├ärger unterdr├╝ckte. Seine Halsschlagader plusterte sich auf und in sein Gesicht scho├č diese Wutr├Âte, die er immer bekam, wenn er einen seiner cholerischen Anf├Ąlle hatte. Aber wenn Gro├čmutter anwesend war, konnte mein Vater einfach nicht b├Âse sein, denn Gro├čmutter liebte uns ├╝ber alles. Und da Vater immer auf kinderlieb und tolerant machte und bei Gro├čmutter immer den lieben Schwiegersohn mimte, mu├čte er sich beherrschen. Hua, was f├╝r ein Spa├č war das, ihn da so gesehen zu haben.
Gro├čmutter wollte uns erst einmal f├╝r sich haben, hielt uns in ihren Armen und erz├Ąhlte uns von Gro├čvater und wie schwer er in einem Kohlebergwerk f├╝r seine Familie gearbeitet hatte. Mutter bereitete Tee in der K├╝che vor. Vater kam mit seinem subtil-martialischem Gesicht, von dem nur meine Schwester und ich um die Bedeutung wu├čten, ins Wohnzimmer. In seinen zarten Schreibmaschinenh├Ąnden hielt er die aufgesammelten Daunenfedern aus dem Schlafzimmer.
In der sch├╝tzenden Umarmung meiner Gro├čmutter w├Ąhnend fragte ich meinen Vater, ob er bisher nie bgemerkt habe, da├č die Scheibe der rechten Vitrinent├╝r einen klitzekleinen Ton dunkler ist als die der linken. Ich denke heute, meine Schwester ging zu weit, als sie daraufhin Vater von der zerbrochenen Scheibe erz├Ąhlte. Klar, dachte ich, das Taschengeld, das wir jetzt von Oma zus├Ątzlich bekommen, lie├če sich doch prima f├╝r andere Dinge verwenden. Und so rief ich schlie├člich Marens Vater an und sagte ihm, er k├Ânne beruhigt seine Rechnung an meine Eltern schicken, da jetzt alles gekl├Ąrt sei.
Mein Vater sah urkomisch aus. Er guckte zun├Ąchst erbost, pre├čte seinen schmalen Lippen zusammen und man konnte seine Z├Ąhne knirschen h├Âren. Er stand da wie ein Gockel mit den Daunenfedern in seinen H├Ąnden und seinem hochroten Kopf, blickte mir wutschnaubend in meine unschuldigen Kinderaugen, sah dann in Gro├čmutters g├╝tiges Gesicht, hob die Schultern und inszenierte ein liebevolles Grinsen: ja ja, wie Kinder nun mal sind.
Gro├čmutter l├Ąchelte ihm einwilligend zu...

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