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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Gesellschaftlicher Verkehr (DSK 3)
Eingestellt am 17. 12. 2011 22:08


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Herbert Schmelz
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Es geht um BrunstgeschÀfte des MÀchtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von TĂ€ter und Opfer geschuldet ist, kommt das Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die mĂŒssen den spezifischen VerhĂ€ltnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Dieses Zusammenhangs sich stĂ€ndig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor ĂŒbereilten SchlĂŒssen schĂŒtzen.

GewohnheitsmĂ€ĂŸig wird jedoch vorausgesetzt, dass die CharakterzĂŒge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden mĂŒssten, und schon sei eine brauchbare ErklĂ€rung fĂŒr Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine UnterschĂ€tzung der Ă€ußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Faktoren, ist daher ĂŒblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Worum es hier geht, hatte der Chef des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK),im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgefĂŒhrt. Wie inzwischen klar wurde, kann sich der >einvernehmliche Sex< mit dem im US-Asyl lebenden >ZimmermĂ€dchen< Nafissatou Diallo in eine Kette sexistischer Machenschaften einreihen, die sich meistens nachteilig fĂŒr die >Objekte der Begierde< auswirken. Im vermeintlichen Schutz feudal luxuriösen Lebenswandels hatte DSK eine Lawine mit ungewissen Wirkungen losgetreten. Wer hatte ĂŒberhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Immerhin hĂ€tte DSK aussichtsreicher PrĂ€sidentschaftskandidat der Sozialisten in Frankreich werden können.

Nun tĂŒrmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden. EnthĂŒllungen ĂŒber Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drĂ€ngen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die Signale deuten auf rasanten gesellschaftlichen Abstieg hin. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsĂ€chlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurĂŒckzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse direkt und möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende VerstĂ¶ĂŸe gegen anerkannte MoralgrundsĂ€tze abschirmen, nur scheibchenweise herauskommt, was Sache ist. Der Verstoss gegen die selbst gemachten und propagierten Gesetze motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der RealitĂ€t. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren EnthĂŒllungen nicht >ĂŒberrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig nĂŒchtern und distanziert: >In dieser AffĂ€re frage ich als BĂŒrgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wĂ€re rechtlich relevant<.* Ihre Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezĂ€hmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden BedĂŒrfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schĂ€dlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, vielleicht sogar abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es an dieser Ablenkungsmethode Zweifel gibt, Ă€ndert nichts daran, ihr breitest möglichen Erfolg zu wĂŒnschen.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten PrĂŒfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im BĂŒro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brĂŒnstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rĂŒckte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton ĂŒber seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese wohl aussichtslos gewesen wĂ€re. Sie sagt heute: >Ich hĂ€tte die Attacken< als unbedarfte 24-JĂ€hrige kaum ĂŒberstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar GrĂŒnde haben fĂŒr ihr >enormes Schweigen<.

Im GesprĂ€ch mit Stefan BrĂ€ndle erklĂ€rt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzĂ€hlte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. 
 NatĂŒrlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzĂ€hlte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich mĂŒsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzĂ€hlte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis fĂŒr versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem BĂŒro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu kĂŒssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschĂ€rft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spĂŒrte ich genau diese SĂŒffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dĂŒrftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hĂ€tte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hĂ€tte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war<.

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem KleidungsstĂŒck von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der TĂŒr, wo der SchlĂŒssel steckte. Die HĂ€lfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort<. Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafĂŒr, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknĂŒpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist ĂŒberzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< fĂŒr den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als MĂ€chte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-AffĂ€re, worin die ĂŒblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen<.

Tristane Banon, Patentochter einer frĂŒheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-AffĂ€re< so krĂ€ftig durchgeschĂŒttelt, dass ihre IdentitĂ€t gefĂ€hrdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute ĂŒber mich, die ich nicht kannte. 
 Ich glaubte, die Welt stehe Kopf
. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklĂ€ren wĂŒrde, dass ich gegen DSK Klage einreichen wĂŒrde <

*Stefan BrĂ€ndle fĂŒhrte mit Tristane Banon ein >GesprĂ€ch ĂŒber Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.


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Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 17. 12. 2011 22:08
Version vom 18. 12. 2011 23:42
Version vom 19. 12. 2011 10:36
Version vom 21. 12. 2011 15:25
Version vom 21. 12. 2011 16:54
Version vom 26. 12. 2011 13:16

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