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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gespräch auf dem Deich
Eingestellt am 05. 08. 2015 14:04


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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
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Gespräch auf dem Deich

Der Mann kam jeden Tag an den Deich. Bei jedem Wetter. Wenn es kalt war und der Nordwestwind übers Watt pfiff, zog er die Kapuze seiner Windjacke tief ins Gesicht. Wenn eine zögerliche Sonne unverhofft wärmende Strahlen durch die Wolken schickte und das sandige, mit schwärzlichen Algen durchsetzte Nordseewasser die Besucher mit einem leuchtenden Blau überraschte, zog er die Jacke aus, faltete sie sorgfältig zusammen und legte sie neben sich auf die Bank.

Stundenlang saß er da, der Mann, und starrte aufs Wasser hinaus. Seine Augen spiegelten die graue Weite der See wider. Spaziergänger, die auf dem Deich an ihm vorbeigingen, schien er gar nicht wahrzunehmen.
Es lag etwas Schwermütiges in der Art, wie er den Kopf hielt und die Schultern nach vorne bog. Als drücke ihn eine Last nach unten.

Nie setzte sich jemand zu ihm. Jeder, der ihm eventuell gern Gesellschaft geleistet hätte, konnte spüren, dass der Mann allein sein wollte.

Das Kind schien diese wortlose Bitte nicht zu verstehen. Ungeniert setzte es sich zu dem Mann. Vier oder fünf Jahre war es wohl alt, das Kind. Lebhafte Augen hatte es, und es sah dem Mann neugierig ins Gesicht.
„Hallo!“ Munter und fröhlich war die Stimme des Kindes. Überhaupt nicht schüchtern oder ängstlich.
„Was machst du hier?“, fragte das Kind.
„Ich sitze hier“, antwortete der Mann abweisend.
„Ja, aber was machst du, wenn du hier sitzt?“
„Ich schaue aufs Meer hinaus“, sagte der Mann.
„Okay“, sagte das Kind, „dann schaue ich jetzt auch aufs Meer hinaus.“
Eine Weile blieb es still. Der Mann und das Kind saßen nebeneinander und blickten aufs Wattenmeer.
„Das Wasser kommt wieder“, sagte das Kind. „Siehst du es? Da hinten!“ Es wies mit seiner auffallend zarten Hand in Richtung Meer.
„Mama sagt, das sind die Gezeiten. Ebbe und Flut. Mal kommt das Wasser, mal geht es. Lustig!“
„Ja, so ist es“, bestätigte der Mann.
Das Kind musste husten. Höflich hielt es sich die Hand vor den Mund.
„Mama sagt, die Luft hier ist gut für mich. Ich bin nämlich krank. Ich muss immer so viel husten.“
„Aha“, sagte der Mann.
„Ja. Der Doktor sagt, meine Lunge muss kräftiger werden. Damit ich richtig atmen kann, weißt du? Deshalb sind wir hier, Mama und ich.“
„Aha“, sagte der Mann.
„Und warum bist du hier? Hast du auch eine kranke Lunge?“ Das Kind war aufgesprungen und hatte sich vor den Mann hingestellt. Der Blick seiner Augen traf sich mit dem des Mannes.
„Nein, ich habe keine kranke Lunge.“
„Was ist es dann?“
Der Mann blickte in das blasse, zarte Gesicht des Kindes.
„Ich bin traurig."
„Warum bist du traurig?“, fragte das Kind.
„Jemand ist gestorben“, sagte der Mann. Er sah wieder aufs Meer hinaus.
„Ach. Ja, das ist traurig“, antwortete das Kind. „Als meine Oma gestorben ist, war ich auch traurig. Ich habe sogar geweint. Hast du auch geweint?“
„Nein, nicht richtig.“
„Meine Mama hat gesagt, man darf ruhig weinen, wenn man traurig ist. Da ist nichts dabei.“
„Ja, da hat deine Mama sicher Recht.“

Plötzlich ergriff ein heftiger Hustenanfall den schmalen Körper des Kindes. In schrecklichen Stößen versuchte es, seine Lunge und Bronchien von dem zähen Schleim zu befreien. Die bleichen Wangen röteten sich von der Anstrengung, während das Kind beide Hände vor den Mund presste. Hilflos musste der Mann das Leid des Kindes mit ansehen. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Eine junge Frau, wohl die Mutter des Kindes, die bisher auf der Nachbarbank in einem Buch gelesen hatte, kam herbeigelaufen.
„Lisa, schnell! Hier ist dein Spray.“ Sie schob dem Kind den gebogenen Hals einer Spraydose in den Mund und drückte zweimal kräftig auf den Auslöser. Sofort legte sich der Hustenreiz und das Kind atmete wieder ruhig ein und aus.
„Es geht schon wieder, Mama“, beruhigte das Kind seine Mutter.
„Ich hoffe, meine Tochter hat Sie nicht belästigt?“
„Nein, gar nicht. Im Gegenteil. Ich habe mich gern mit ihr unterhalten.“
„Verabschiede dich jetzt, Lisa, wir müssen zurück ins Sanatorium.“
Das Kind streckte dem Mann seine Hand hin. „Bis morgen, trauriger Mann.“ Der Mann nahm die winzige Hand und drückte sie.
„Bis morgen“, sagte er.
Das Kind lächelte ihn an. Dann nahm es die Hand seiner Mutter und ging davon.

Einen Moment lang blickte der Mann ihnen nach. Dann sah er wieder hinaus aufs Meer. Die Flut kam. Das graue Wasser bedeckte schon fast das gesamte Watt. Die Wolken lichteten sich. Durch eine Lücke stahl sich ein Sonnenstrahl und brachte den Mann zum Blinzeln.



__________________
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Version vom 05. 08. 2015 14:04
Version vom 06. 08. 2015 17:41

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steky
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo, Hyazinthe,

ich habe deinen Text schon gestern gelesen und habe an diesem nichts zu meckern.

Die Geschichte an sich könnte man allerdings verbessern:

Das Geschehen: Ein Mann steht an einem Deich und starrt auf das Meer; er hat einen Todesfall zu verkraften. Dann kommt ein Mädchen und unterhält sich mit ihm; sie hat Probleme mit der Lunge. Die Mutter kommt und zerrt das Mädchen weg. Der Mann schaut in den Himmel; die Sonne bricht durch die Wolken.

Nun frage ich mich als Leser, was der Autor mitteilen möchte. Auf mich erweckt es den Anschein, als würde hier Leid über Leid gestellt: Das kranke Kind macht dem Mann bewusst, dass es immer jemanden gibt, der schlimmer dran ist. Das ist aus meiner Sicht zu wenig, um das Kopfkino des Lesers in Gang zu setzen. Was fehlt, ist ein Konflikt.

Mein Tipp an dich: Mache dir Gedanken über das Verhalten des Mannes. Was geschieht mit ihm, als das Kind auftaucht? Was geht in ihm vor?

Ich hoffe, ich konnte dir helfen.


LG
Steky

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aligaga
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Was die AutorIn uns mit diesem Werk sagen möchte (das am Anfang ein bisschen arg pathetisch daherkommt), ist so klar wie Schlozenbrühe, wie die Bayern sagen (und das trübe Wasser meinen, das beim Kochen von Knödeln zurückbleibt), @steky: Dass man auf dieser Welt nicht immer ganz allen ist, mit seinem Leiden, und dass es die Kinder sind, die die richtigen Fragen stellen.

Wenn du mit dem nichts anfangen kannst: Guhgel mal unter "Parzival" oder, besser noch, unter "Die Mitleidsfrage". Sie lautet: "Oheim, was wirret dir?"

Hoffentlich hört Hyazinthe nicht auf dich und lässt dieses wirklich hübsch geratene Stückerl (bis auf den etwas schwülstigen Introitus und den gräßlichen Namen "Toni") so, wie es ist, und plättet es nicht mit dem Dampfbügeleisen.

Amüsierte Grüße

aligaga

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Hyazinthe
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Danke, Ji rina, steky und aligaga!

Habe eure Anregungen (teilweise) schon umgesetzt.

Gruß, Hyazinthe

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aligaga
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quote:
Nur: Wirkliches Leid kennt keine Aufmunterung - selbst nicht durch ein süßes kleines Kind -, da es in der Regel Hand in Hand mit der Wut geht.

O je, @steky. Falls das wirklich deine Meinung sein sollte, kann @ali nur bekümmert den Kopf schütteln.

Was ist denn in dem G'schichterl hier das so genannte "wirkliche" Leid? Das des Mannes, der seine Frau verloren hat? Oder das des Kindes, das unheilbar von Asthma gequält wird? Hier treffen zwei aufeinander, die's beide nicht leicht haben, und erkennen dabei "etwas". Dieses "Etwas" hast du noch nicht herausgefunden. Vielleicht guhgelst du noch nach dem Begriff "Empathie"?

Wer keine empfinden kann, wird nie des hei'lgen Grals teilhaftig werden und muss am Ende zu Hölle fahren. Das wussten sie schon im Hochmittelalter und sangen davon. Höchste Zeit also, dass du dich auch mal damit beschäftigst, Junge: Heile heile Segen!

Das heilt die Wunde zwar nicht wirklich, aber der Schmerz lässt sich leichter ertragen. Wer weiß - vielleich ist ja das die Quintessenz in dem Stückerl?

Amüsiert

aligaga

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aligaga
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quote:
Nicht alle Menschen sind gleich, aligaga. Das ist auch der Grund, warum es zu jeder Geschichte mehrere Interpretationen geben kann. Du willst mich von deiner Ansicht überzeugen, weil diese Geschichte bei dir wohl was ausgelöst hat. Schön; bei mir nicht. So ist das Leben: wir sind verschieden.
Wenn du Texte nicht begreifst, weil du sie nicht sorgfältig genug liest, oder ihre (einfachen!) Inhalte weder interpretieren noch reflektieren kannst, solltest du sie nicht kritisieren und "verbessern" wollen, sondern das Defizit bei dir selbst suchen, @steky: Die "Mitleidsfrage" gehört zum Kanon jeder sozial geprägten Gesellschaft und ist religionsunabhängig.

Daher nochmal der TTip, den ich dir schon öfters geben musste: Viel lesen - das erweitert den Horizont und hilft dir beim Verstehen von Zusammenhängen wie jenen, die wir in diesem G'schichterl gezeigt bekommen.

Mit der Literatur ist es oft wie mit dem Mopedfahren - Verkehrszeichen, Regeln und die Beherrschung des Kraftfahrzeuges sind keine Ansichtssachen, sondern verbindlich. Wenn du aktiv am Verkehr teilnehmen möchtest, solltest du sie draufhaben. Sonst gibt's immer wieder Bruch!

Und nun noch zu @Ji! Sie schreibt uns:
quote:
Würde ein fremder Erwachsener dies sagen? Eher nicht. Erwachsenen ist ein Todesfall fast immer peinlich; sie schauen einem nicht in in die Augen und suchen irgendeinen oberflächlichen Satz, um sich dann schnellstens aus dem Staub zu machen.
Mag sein, @Ji, dass dein Umfeld so gestrickt ist - da möchte @ali dann aber nicht mal tot über dem Zaun hängen. Selbstverständlich gibt es in jeder Gesellschaft auch erwachsene Menschen, die empathiefähig sind und das auch zeigen können. Es könnte in dieser Geschichte jederzeit auch die Mutter Anteil am Schicksal des Typen nehmen und sich zu ihm setzen, derweil sich ihr Kind im nahe gelegenen Sanatorium die Seele aus dem Leib hustet. Was wäre daran so Besonderes??

Wohlmeinender Gruß

aligaga

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